Kapitel 115: Die neue Frage
Im Januar fuhr Fabian wieder häufiger nach Hamburg.
Er hatte ein Projekt dort — eine Erweiterung eines Verlagsgebäudes in der Hafencity, die Möller & Partner seit einem Jahr planten und die im Februar in den Bauphasenwechsel ging. Er war jede Woche zwei oder drei Tage in Hamburg, dann wieder in München. Es waren gleichmäßige Wochen. Sie hatten ihren eigenen Rhythmus.
Wir hatten einen unausgesprochenen Plan.
An den Tagen, an denen er in München war, gingen wir abends miteinander spazieren. An manchen Wochenenden — nicht an allen, weil ich gelernt hatte, dass das auch eine Form von Erwachsenheit war — fuhr ich nach Hamburg.
Ich hatte die Stadt vorher nur als Reisende gekannt.
Jetzt kannte ich sie ein wenig anders.
—
Am dritten Wochenende im Januar fuhr ich wieder hinauf.
Ich nahm den Frühzug am Samstag.
Ich kam um halb zwölf am Hauptbahnhof an. Es war kalt in Hamburg, anders als in München kalt — feuchter, mit einem Wind, der direkt von der Elbe heraufkam und sich in die Mäntel hineinarbeitete. Ich hatte mir einen wärmeren Schal mitgenommen.
Fabian holte mich am Bahnsteig ab.
Er trug einen schwarzen Wintermantel, den ich noch nicht gesehen hatte.
Er sagte: „Du bist da.“
Ich sagte: „Natürlich.“
Er nahm meinen Koffer.
Wir gingen durch den Bahnhof.
—
Seine Wohnung lag in einer kleinen Straße in der Nähe des Schulterblatts.
Es war ein Altbau im Stil der Hamburger Gründerzeit, mit hohen Fenstern, einer dunklen Holztür im Eingang, einem schmalen Treppenhaus, das nach vier Stockwerken zu einer Wohnung im obersten Geschoss führte.
Die Wohnung war hell.
Sie hatte zwei Räume. Ein Wohnzimmer, das gleichzeitig sein Arbeitszimmer war, mit einem großen Tisch, an dem er zeichnete. Ein Schlafzimmer, das ich vor zwei Wochen zum ersten Mal gesehen hatte und das eine ungewohnte Form von Schlichtheit hatte — ein Bett, ein Stuhl, ein Schrank, ein Bild an der Wand. Mehr nicht.
Die Wohnung war nicht groß.
Sie war groß genug für ihn.
—
Wir aßen zu Mittag in einem kleinen Restaurant zwei Straßen weiter.
Er hatte einen Tisch bestellt.
Wir aßen Fischsuppe.
Er erzählte vom Projekt — von einem Streit mit dem Bauherrn über die Materialwahl der Fassade, von einer Kollegin, die im März in Mutterschutz ging, von einem Mitarbeiter, den er einstellen wollte und von dem er noch nicht wusste, ob es die richtige Person war.
Ich hörte zu.
Ich antwortete kurz.
Ich erzählte ein wenig von München. Vom letzten Treffen mit Heinrich Altmann. Von einem Brief, den Anne mir gestern gezeigt hatte — eine Anfrage aus Wien, die ich nicht wahrnehmen würde, aus Gründen, die ich Anne erklärt hatte und die sie verstanden hatte.
Wir aßen langsam.
Wir gingen danach langsam zurück.
Nichts an diesem Tag hatte Eile.
—
Am Nachmittag arbeitete er.
Ich hatte ein Buch dabei.
Ich saß auf der Couch in seinem Wohnzimmer und las, während er an seinem Tisch zeichnete. Er zeichnete leise. Er sprach beim Zeichnen nicht. Er sah auf die Linien, dann auf die Skala, dann wieder auf die Linien. Manchmal seufzte er kurz, ohne dass er es selbst bemerkte. Manchmal lehnte er sich zurück und sah mich für einen Moment an, ohne zu sprechen, dann wieder auf das Blatt.
Es war nicht störend, mit ihm in einem Raum zu sein, ohne ihn anzusprechen.
Es war angenehm.
Es war eines der angenehmsten Gefühle, die ich in den letzten zwei Jahren gehabt hatte — die Erkenntnis, dass es einen Menschen gab, mit dem man stundenlang in einem Raum sitzen konnte, ohne dass einer von beiden etwas sagen musste, ohne dass die Stille verlegen wurde.
Mark hatte das nie gekonnt.
Mark hatte Stille als Vorwurf empfunden.
—
Gegen sechs legte Fabian den Stift weg.
Er sagte: „Lass uns rausgehen.“
Ich sagte: „Wohin?“
Er sagte: „An die Alster.“
Wir zogen die Mäntel an.
Wir gingen durch die kalte Hamburger Abendluft, durch das Schanzenviertel, dann über den Alsterring, dann um die Außenalster, dort, wo der Weg am Ufer entlangführt und wo um diese Tageszeit Jogger und Spaziergänger waren — keine vielen, aber stetig.
Es war ein wenig diesig.
Die Lichter der gegenüberliegenden Hotels schimmerten in der Wasserfläche.
Wir gingen langsam.
—
Etwa auf der halben Strecke des Weges blieb Fabian stehen.
Er sagte: „Emilia.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte nicht sofort weiter.
Ich blieb auch stehen.
Wir sahen das Wasser an.
Er sagte schließlich: „Würdest du mit mir nach Hamburg ziehen?“
Ich sah ihn an.
Er sah mich nicht an. Er sah die Alster an. Er sagte das mit der Ruhe, die er beim Zeichnen gehabt hatte — als sei es eine Linie, die er auf einem Blatt zog, eine Linie, die er hingesetzt hatte, weil sie hingehörte, ohne dass er von ihr eine bestimmte Antwort erwartete.
Ich antwortete nicht sofort.
Ich sah die Alster auch an.
—
Vor zwei Jahren hätte ich diese Frage nicht hören können.
Vor einem Jahr hätte ich sie gehört, aber nicht beantworten können.
Heute hörte ich sie, und ich hatte die Antwort, bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte.
Es war keine kalte Antwort.
Es war eine Antwort, die in der Geographie meines Lebens lag, die ich in den letzten Monaten neu vermessen hatte. Es gab in diesem Leben einen festen Punkt, der die Villa in Bogenhausen war. Es gab einen festen Punkt, der die Hartmann Gruppe — jetzt die Richter-Hartmann Gruppe — war. Es gab einen festen Punkt, der das Grab meiner Eltern auf dem Bogenhausener Friedhof war. Es gab Margot, in ihrer Wohnung an der Prinzregentenstraße. Es gab Frau Brandl. Es gab Clara.
Es waren feste Punkte, und sie hatten Koordinaten in München.
Wenn ich nach Hamburg zog, dann zog ich aus dieser Geographie heraus.
Ich konnte das nicht.
Nicht, weil ich es nicht wollte.
Sondern, weil meine Mutter mir vor anderthalb Jahren in einem Brief geschrieben hatte: *Du beginnst nichts. Du kommst nur an.*
Ich war angekommen.
Ich konnte nicht weggehen.
—
Ich sagte: „Nein.“
Er nickte langsam, ohne Überraschung, in der Art eines Mannes, der die Antwort gewusst hatte, bevor er die Frage gestellt hatte.
Ich sagte: „Aber wir können oft kommen.“
Er drehte den Kopf.
Er sah mich an.
Er sagte: „Das ist eine gute Antwort.“
Ich sagte: „Es ist die einzige, die ich habe.“
Er sagte: „Das ist gut.“
—
Wir lachten beide kurz.
Es war ein leises Lachen.
Es war die Art von Lachen, die zwei Erwachsene haben, wenn sie etwas Wichtiges ausgehandelt haben, ohne dass sie sich gegenseitig dabei bedrängt hätten — ein Lachen, das nicht aus Witz kam, sondern aus der Erleichterung, die folgt, wenn man einander verstanden hat.
Er nahm meine Hand in seine.
Sein Handschuh war warm.
Mein Handschuh war kalt.
Wir gingen weiter.
—
Ich sagte nach einer Weile: „Du wirst dann manchmal in München sein müssen.“
Er sagte: „Ich bin oft in München.“
Ich sagte: „Du wirst öfter in München sein müssen.“
Er sagte: „Das geht.“
Ich sagte: „Du kannst auch von dort arbeiten.“
Er sagte: „Ein paar Tage in der Woche, ja.“
Ich sagte: „Dann bauen wir das so.“
Er sagte: „Gut.“
Es war keine lange Aushandlung.
Es war eine Aushandlung, die zwei Menschen führten, die schon wussten, dass die Lösung praktisch war und dass die einzigen Hindernisse die Hindernisse der Logistik waren — und Logistik ist in Deutschland eine lösbare Sache.
—
Wir gingen weiter um die Alster.
Wir kamen an einem Steg vorbei, an dem ein paar Boote festgemacht waren — kleine Segelboote, die im Winter abgedeckt am Wasser lagen. Wir kamen an dem Café vorbei, in dem wir einmal vor sechs Wochen einen Kaffee getrunken hatten. Wir kamen an einer Bank vorbei, die ein Mann und seine Frau gerade verließen.
An dieser Bank blieb Fabian stehen.
Er sagte: „Wollen wir uns kurz hinsetzen?“
Ich sagte: „Ja.“
Wir setzten uns.
Es war kalt.
Aber wir saßen einen Moment nebeneinander, und er sprach nicht weiter, und ich sprach nicht.
Die Alster lag still.
Eine einzelne Möwe flog tief über das Wasser, machte einen Bogen, kehrte zurück.
Ich war froh, dass er die Frage gestellt hatte.
Ich war froher, dass ich Nein hatte sagen können, ohne dass es wehtat.
Es gab ein Leben, in dem ein Mann eine Frau fragte, ob sie mit ihm umzog, und sie es ablehnte, und beide trotzdem weitergingen, weil keiner von beiden gedacht hatte, dass die Frage eine Bedingung sei. Mark hätte mich nie so gefragt. Mark hätte gesagt: *Du kommst mit*, und es wäre eine Tatsache gewesen, keine Frage.
Fabian hatte gefragt.
Das war der Unterschied.
Das war ein großer Unterschied.
—
Wir standen auf.
Wir gingen weiter.
Wir kamen am Ende der Strecke wieder in das Schanzenviertel zurück.
Ich war müde.
Wir aßen Pasta in einem kleinen Italiener.
Wir tranken einen leichten Wein.
Wir sprachen wieder über die Pläne — sehr praktisch, sehr ruhig. Welche Tage in München, welche Tage in Hamburg. Welche Termine wir gemeinsam halten konnten und welche wir trennen mussten. Wann er zu mir kam, wann ich zu ihm kam. Es war ein Gespräch, das sich anhörte wie ein Gespräch von Erwachsenen, die ihre Kalender abgleichen, und es war genau das.
Ich war dafür dankbar.
Ich war müde von Geschichten, die anders abliefen.
—
Am Sonntagvormittag fuhr ich zurück.
Er brachte mich zum Bahnhof.
Auf dem Bahnsteig sagte er: „Bis Donnerstag.“
Ich sagte: „Bis Donnerstag.“
Er nahm meine Hand für einen kurzen Moment.
Er ließ sie wieder los.
Ich stieg ein.
—
Ich fand meinen Platz in einem leeren Abteil.
Ich legte den Mantel auf den Sitz neben mir.
Ich sah aus dem Fenster.
Der Zug fuhr an.
Hamburg lief am Fenster vorbei — die Hochhäuser an der Hafencity, dann die Backsteinviertel, dann das offene Land Schleswig-Holsteins, dann später Niedersachsen, dann später Hessen, dann später Bayern. Sechs Stunden Bahnfahrt. Eine ganze Karte Deutschlands an einem Vormittag.
Ich las nicht.
Ich saß einfach.
Ich dachte daran, dass ich heute Morgen in Hamburg in einer Wohnung aufgewacht war, die nicht meine war, und dass ich heute Abend in einer Villa in München zu Bett gehen würde, die meine war.
Ich dachte daran, dass das nicht selbstverständlich war.
Ich dachte daran, dass es Frauen gab, die ein ganzes Leben lang in Wohnungen wohnten, die ihren Männern gehörten, ohne je in eine eigene Wohnung zurückzukehren.
Ich dachte daran, dass meine Mutter mir, ohne es zu wissen, ein anderes Leben hinterlassen hatte.
Ich dachte an meinen Vater.
Ich dachte daran, wie er einmal, an einem Morgen in der Diele, gesagt hatte: *Niemand ist so teuer wie der Mann, der dich nicht schätzt.*
Heute hatte ich einen Mann, der mich schätzte.
Er hatte mich gefragt.
Er war nicht teuer.
Es war eine sehr gute Information.
—
Der Zug erreichte am Nachmittag München.
Frau Brandl holte mich nicht ab, weil ich es ihr nicht gesagt hatte. Ich nahm ein Taxi vom Hauptbahnhof, gab dem Fahrer die Adresse, lehnte mich zurück und sah aus dem Fenster. Es regnete leicht in München. Die Stadt lag in einem nassen Sonntagsnachmittagslicht, das ich kannte und liebte — kein einladendes Licht, aber ein vertrautes.
In der Villa angekommen, ging ich nicht sofort in mein Arbeitszimmer.
Ich ging in die Küche.
Frau Brandl hatte mir eine kleine Schüssel mit Suppe stehen gelassen — sie wusste, dass ich am Sonntag, wenn ich aus Hamburg kam, gewöhnlich Hunger hatte, ohne dass ich es selbst merkte. Ich wärmte die Suppe. Ich aß sie am Küchentisch, allein. Ich hörte nur das leise Tropfen aus dem Garten, wo der Regen von den Linden fiel.
Ich dachte, beim Essen, daran, dass ich heute Mittag in Hamburg eine Frage gehört und beantwortet hatte. Ich dachte daran, dass diese Frage und diese Antwort nun, an einem Sonntagnachmittag, in einer Münchner Küche, in einer Suppenschüssel ankamen.
Es war eine sehr unspektakuläre Form, an einem solchen Tag anzukommen.
Sie war richtig.