Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 108: Der Brief des Vaters

Am nächsten Morgen las ich den Brief.

Ich tat es nicht in der Frühe, sondern erst gegen elf, nachdem ich zwei Telefonate aus dem Büro hinter mich gebracht hatte und Frau Reisinger ihr Vormittagswerk im Erdgeschoss beendet hatte. Ich hatte mir gewünscht, dass das Haus still war, wenn ich die Mappe wieder öffnete. Es war still. Frau Reisinger war zum Einkaufen gegangen. Im Garten draußen war ein leichter Regen, der die Forsythie schon eine Weile traf.

Ich setzte mich an den Schreibtisch meines Vaters.

Ich öffnete die Mappe.

Ich nahm den Umschlag.

Ich nahm den Brief heraus.

Ich legte ihn vor mich.

*Emilia.*

*Wenn Du das hier liest, weißt Du, dass ich Recht hatte über Mark.*

*Du wirst nicht überrascht sein, dass ich es gewusst habe. Ich habe es vor der Hochzeit gewusst. Ich habe es Dir nicht gesagt. Ich werde Dir auch heute nicht sagen, woran ich es gewusst habe. Es waren keine großen Dinge. Es waren kleine Beobachtungen, die jeder gemacht hätte, der aus einer Generation kam, in der man Männer nach ihrer Art zu schweigen einschätzte und nicht nach ihrer Art zu reden.*

*Ich habe Dir nichts gesagt, weil Du verliebt warst. Eine Tochter, die verliebt ist, lässt sich von ihrem Vater nicht überzeugen, und mein Vater hat mich vor Deiner Mutter auch nicht warnen können. Es liegt nicht in der Verfassung dieses Verhältnisses.*

*Ich habe gehofft, mich zu irren.*

*Ich habe einen Mann immer mit der Möglichkeit eines Irrtums gemessen, und manchmal hatte ich Glück. Mein Geschäftspartner Eberle, von dem ich glaubte, dass er mich übers Ohr hauen würde, hat es nicht getan. Mein Schwager, von dem ich glaubte, dass er Schulden machen würde, hat sie nicht gemacht. Ich war oft falsch, und das hat mich beschämt, und es hat mich freuen lassen. Ich hätte mich auch über Mark gerne freuen lassen.*

*Das ist nicht eingetreten.*

Ich machte eine Pause.

Ich legte den Brief auf den Tisch.

Ich sah aus dem Fenster.

Im Garten regnete es jetzt stärker. Die Forsythie, deren Blüten bald verblühen würden, sammelte das Wasser in ihren Astgabeln. Auf dem Rasen war eine kleine Pfütze, die eine Form hatte, die ich nicht gut beschreiben konnte — wie ein Komma, dem man den Schwanz abgeschnitten hatte.

Ich nahm den Brief wieder.

*Ich will Dir hier nichts vorwerfen, Emilia.*

*Du hast einen Mann gewählt, der Dich auf eine Weise entgegenkam, die Du als Liebe verstanden hast. Mark war charmant. Er war geschickt. Er hatte ein Auge für das, was eine Frau aus einem alten Münchner Haus in einem Mann sehen wollte, der nicht aus einem alten Münchner Haus kam. Er hat das Spiel gut gespielt.*

*Er hat es nicht aus Bosheit gespielt. Er hat es gespielt, weil ihm anderes nicht zur Verfügung stand. Männer wie Mark sind nicht böse. Sie sind nicht ausreichend.*

*Das ist eine Unterscheidung, die mir lange entgangen ist.*

Ich hielt die Hand kurz an die Stirn.

Ich wusste sofort, was er meinte.

Ich wusste, in welchen Augenblicken ich es selbst hätte wissen können — auf der Hochzeit, im Frühjahr darauf, im Sommer drei Jahre später, an dem Donnerstagabend mit dem Beleg in der Manteltasche. Mein Vater war damals schon ein Jahr tot gewesen, und ich war ohne Hinweis durch jeden dieser Augenblicke gegangen, ohne ihn auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Ich hatte verliebt sein wollen.

Ich hatte verliebt bleiben wollen.

*Ich schreibe Dir diesen Brief, weil ich nicht ohne ihn sterben möchte.*

*Es ist nicht aus Stolz. Ich möchte nicht, dass Du irgendwann sagst: Mein Vater hat es gewusst und mich allein gelassen. Ich möchte, dass Du sagst: Mein Vater hat es gewusst und mich nicht in der Wahrheit gefangen, weil er gewusst hat, dass jede Wahrheit ihre Stunde hat. Wenn Du das hier liest, ist die Stunde gekommen, und ich bin nicht mehr da, um mit Dir zu reden. Aber ich bin in einer wichtigen Hinsicht hier — ich habe Dir diese Seite hingelegt, und sie ist meine Stimme.*

*Mark ist nicht Dein Schaden.*

*Du hast aus dem, was er Dir genommen hat, mehr gemacht, als ich Dir je hätte mitgeben können. Auch das wirst Du wissen, wenn Du das hier liest.*

*Ich bin stolz auf Dich. Es ist ein nutzloser Stolz, weil ich ihn Dir nicht zeigen kann. Ich schreibe ihn dennoch hin, weil er sonst mit mir verloren geht.*

Ich legte den Brief auf den Tisch.

Ich sah lange darauf.

Ich saß lange.

Es kam keine Träne sofort.

Es kam einen Moment lang gar nichts. Ich saß mit einer Stille in mir, die nicht leer war. Es war die Art Stille, die man hat, wenn etwas, das man lange versucht hat, sich vorzustellen, plötzlich vor einem liegt und nicht mehr vorgestellt werden muss.

Ich nahm das Blatt noch einmal.

Ich las den letzten Absatz.

*Wenn Du das hier liest, ist Mark vermutlich nicht mehr in Deinem Leben. Ich kann das nicht voraussagen, aber ich kann es vermuten, weil ein Mann wie Mark von einer Frau wie Dir auf Dauer nicht gehalten werden kann. Du bist klüger als er, und Klugheit ist auf lange Sicht eine harte Form der Treue. Eine Frau, die ihrem Mann gegenüber treu sein will, muss auf Dauer auch ihrer eigenen Klugheit gegenüber treu bleiben. Wenn der Mann das nicht aushält, scheidet er sich.*

*Ich hätte Dich gerne im Arm, jetzt, wenn Du das hier liest. Ich kann Dich nicht im Arm haben. Ich nehme an, dass Du im Arbeitszimmer sitzt. Ich nehme an, dass Frau Brandl in der Küche ist oder gerade nicht im Haus. Ich nehme an, dass Jan in Hamburg ist. Ich nehme an, dass es regnet oder dass die Sonne scheint, ich weiß es nicht.*

*Ich nehme an, dass Du gerade weinst.*

*Es ist gut, wenn Du das tust.*

*Du hast es Dir lange versagt. Versag es Dir heute nicht.*

*Dein Vater.*

Es war an dieser Stelle, am vorletzten Satz, dass etwas in mir nachgab.

Es war kein Schluchzen.

Es war ein einzelnes Aufschnaufen, ein kleines Geräusch, das ich seit Monaten nicht von mir gehört hatte. Ich legte beide Hände flach auf den Schreibtisch. Ich neigte den Kopf einen Augenblick. Mein Atem stockte einmal, kurz.

Dann kamen die Tränen.

Sie kamen nicht laut.

Sie kamen nicht heftig.

Sie kamen einfach, in einer Weise, in der sie Tränen waren und nichts anderes — zwei, drei, fünf, dann mehr. Sie liefen mir über die Wangen, ohne dass ich sie wegwischte. Sie tropften auf den Schreibtisch, neben das Blatt, nicht auf das Blatt.

Mein Vater hatte vorausgesagt, dass ich weinen würde.

Mein Vater hatte mir die Erlaubnis gegeben.

Mein Vater hatte mir die Erlaubnis nicht im Augenblick meiner Trauer gegeben — als er gestorben war, hatte ich nicht weinen können, weil zu viel anderes zu regeln gewesen war, und in den Jahren danach hatte ich vergessen gehabt, dass mir das Weinen noch zustand. Mein Vater hatte mir die Erlaubnis aus elf Jahren Distanz gegeben, durch eine verzogene Schublade hindurch, in einer Handschrift, die ich vorgestern wieder erkannt hatte und die heute mein Wangen­knochen berührt hatte.

Ich weinte eine Weile.

Ich wusste nicht, wie lange.

Ich saß mit dem Kopf leicht gesenkt, ich ließ die Tränen, ich machte keinen Versuch, sie zu zählen, sie aufzuhalten, sie zu deuten. Es war kein Anfall, es war kein Zusammenbruch. Es war eine Klärung.

Irgendwann hörte ich, wie das Geräusch in mir nachließ.

Ich hob den Kopf.

Ich sah aus dem Fenster.

Der Regen hatte aufgehört. Auf dem Rasen war die Pfütze noch da. Ein Vogel — ich wusste nicht, welcher — saß auf dem Rand der Pfütze und trank.

Ich nahm das Blatt in die Hand.

Ich faltete es nicht.

Ich legte es in den Umschlag zurück.

Ich legte den Umschlag in die Mappe zurück.

Ich legte die Mappe in die obere Schublade.

Ich schloss die Schublade.

Ich blieb noch einen Augenblick sitzen.

Frau Reisinger kam zurück.

Ich hörte die Tür gehen, ich hörte den Korb in der Küche abgestellt werden, ich hörte ihre Schritte, die sie noch nicht ohne ein leises Knarren über die Diele führten — die alten Bohlen kannten Frau Brandls Gewicht, sie erkannten Frau Reisinger noch nicht ganz.

Sie klopfte vorsichtig.

„Frau Richter.“

„Ja.“

Sie blieb in der Tür stehen.

Sie sah meinen Augen, dass ich geweint hatte. Sie sagte nichts. Sie legte ein kleines Tuch auf den Schreibtisch — ein einfaches, weißes Tuch, das sie in der Hand mitgebracht hatte — und ging hinaus, ohne zu kommentieren.

Sie schloss die Tür hinter sich.

Ich hob das Tuch nicht auf.

Ich saß lange.

Dann hob ich es auf.

Ich tupfte einmal über die Wangen.

Es war ein gutes Tuch.

Am Nachmittag rief ich nicht Jan an.

Ich rief nicht Margot an.

Ich rief nicht Clara an.

Ich rief Anne an. Ich sagte ihr, dass ich heute nicht ins Büro käme. Ich sagte ihr, dass die Sitzung mit Heinrich auf Donnerstag verschoben werden solle. Ich sagte ihr, dass sie keine Anrufe an mich durchstellen solle, außer von Frau Reisinger, falls in Bogenhausen etwas anstünde.

„Verstanden, Frau Richter.“

„Anne.“

„Ja?“

„Es ist nichts Schlimmes.“

„Verstanden.“

Ich legte auf.

Am Abend ging ich in den Garten.

Der Regen war seit dem Mittag weg. Die Pfütze hatte sich verkleinert. Die Forsythie würde in zwei Wochen verblüht sein. Der Flieder begann zu blühen. Der Himmel war wieder hoch.

Ich blieb auf dem Kiesweg stehen.

Ich dachte an meinen Vater.

Ich dachte daran, wie er auf der Terrasse manchmal abends gestanden hatte, in einem braunen Anzug, mit der Pfeife, die er sich nicht abgewöhnen wollte. Ich dachte daran, wie er einmal zu mir gesagt hatte, an einem solchen Abend: „Emilia, achte darauf, dass Du Dir Männer nicht aussuchst, weil sie etwas können, sondern weil sie etwas nicht müssen.“

Ich hatte den Satz damals nicht verstanden.

Heute verstand ich ihn.

Ein Mann, der nicht etwas können müsse, sei vermutlich ein Mann, der ohne Drohkulisse mit einer Frau im selben Raum stehen könne.

Mark hatte immer etwas können müssen.

Fabian, dachte ich, musste nicht.

Ich blieb noch eine Weile draußen.

Ich legte einen Augenblick die Hand an die Forsythie. Ein nasses Blatt blieb an meiner Hand kleben. Ich nahm es ab. Ich legte es zurück auf den Strauch.

Ich ging hinein.

In der Diele tickte die Wiener Uhr.

In der Küche bereitete Frau Reisinger das Abendessen.

Ich aß.

Ich aß wenig, ich aß ruhig, ich aß ohne ein Buch und ohne ein Blatt vor mir.

Nach dem Essen ging ich in das Wohnzimmer.

Ich saß nicht in dem Sessel meines Vaters, der in der Ecke beim Fenster stand. Ich saß auf dem Sofa, das früher das Sofa meiner Mutter gewesen war.

Ich nahm einen Bildband vom unteren Bord — ein Buch über die Häuser am Tegernsee aus den dreißiger Jahren. Ich blätterte.

Ich las nicht.

Ich blätterte.

Ich war zufrieden, dass Bilder von Häusern in einem Buch aus drei­ßiger Jahren genügten, um den Abend zuzubringen.

Vor dem Schlafengehen ging ich noch einmal ins Arbeitszimmer.

Ich öffnete die obere Schublade.

Ich nahm die Mappe.

Ich öffnete die Mappe.

Ich nahm den Brief noch einmal in die Hand.

Ich las nicht. Ich hielt ihn nur einen Augenblick.

Ich legte ihn zurück.

Ich schloss die Mappe.

Ich schloss die Schublade.

In der Tür drehte ich mich noch einmal um.

„Danke“, sagte ich, leise, in das leere Zimmer.

Mein Vater antwortete nicht.

Aber das Haus knackte einmal, leise, in der Wand neben dem Fenster, wie ein altes Haus es manchmal tut, wenn es sich zur Nacht in seine eigenen Balken zurücksetzt.

Ich schloss die Tür.

Ich ging die Treppe hinauf.

Ich schlief schnell ein.

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