Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 6: Das Arbeitszimmer

Am nächsten Morgen ging ich hinein.

Es war kurz vor neun. Frau Brandl war unten in der Küche. Ich hörte, wie sie die Kaffeemaschine anstellte, die mein Vater vor vielen Jahren gekauft hatte und die mein Vater als die beste bezeichnet hatte, die er je besessen hatte. Sie war nicht die beste. Sie war nur die, die er zu bedienen gelernt hatte.

Ich stand vor der Tür des Arbeitszimmers.

Ich hatte den Schlüssel in der linken Hand. Ich hielt ihn fest, aber nicht verkrampft. Ich atmete einmal aus.

Ich schloss auf.

Das Zimmer war, wie ich es erinnerte.

Staubfrei.

Frau Brandl hatte in den vergangenen Jahren jeden Dienstag hier gewischt. Sie hatte es mir gesagt, vor Jahren einmal, beiläufig. Ich hatte ihr geantwortet, sie brauche es nicht zu tun. Sie hatte gesagt: „Dann muss ich es vielleicht dienstags nicht mehr. Aber ich tue es.“

Der Schreibtisch stand in der Mitte. Dunkles Holz. Kein amerikanisches, das er gehasst hatte. Nussbaum, aus einer kleinen Tischlerei in Rosenheim. Mein Vater hatte ihn sich zum fünfzigsten Geburtstag gekauft. Er hatte vorher an einem billigen Schreibtisch gearbeitet, der mitwuchs, sagte er.

Das Tintenfass war leer. Der Halter für die Füller stand noch. Drei Füller, der mittlere der, mit dem er Verträge unterschrieb. Die anderen beiden für Briefe und für Notizen. Jeder Füller für seine Aufgabe. Es hatte meine Mutter amüsiert. Sie hatte gesagt: „Dein Vater tut so, als seien die Wörter anders, wenn man einen anderen Füller nimmt.“

Die Schreibtischlampe hatte einen grünen Schirm. Sie brannte nicht. Sie brannte selten, auch damals nicht. Mein Vater hatte am Fenster gearbeitet, mit Tageslicht. Er hatte das Licht erst am späten Abend eingeschaltet, wenn es nicht anders ging.

Das Fenster ging in den Garten. Der Garten lag jetzt braun und feucht da. Die Linde am unteren Ende hatte die letzten Blätter gelassen. Der Brunnen war abgedeckt. Die Eiben waren geschnitten, das machte der Gärtner im Herbst.

Ich blieb einen Moment stehen.

Ich sagte nichts. Ich dachte nichts Bestimmtes.

Ich war nur wieder in diesem Raum.

Der Stuhl stand leicht schräg.

Das ist eine Kleinigkeit, die man nur merkt, wenn man in einem Raum aufgewachsen ist. Mein Vater hatte den Stuhl immer leicht zur rechten Seite gedreht, wenn er aufstand. Er stand von links auf, nie von rechts. Er hatte einmal gesagt, das habe er aus dem Militär. Er war nie beim Militär gewesen.

Ich ging zum Stuhl.

Ich setzte mich.

Das tat mir länger gut, als ich gedacht hatte. Der Stuhl kannte einen nicht. Aber der Tisch davor kannte einen. Die Fläche, auf die ich meine Hand legte, war glatt und kühl, wie Holz sein soll, wenn es oft angefasst worden ist. Meine Handfläche fand die Stelle, an der die Maserung eine Welle machte. Das hatte mein Vater Schlange genannt. „Hier lebt unsere Hausschlange. Die beschützt den Tisch.“

Ich hatte ihm damals geglaubt.

Ich öffnete die oberste Schublade.

Briefpapier. Zwei Packungen, noch original verschlossen. Briefumschläge in der rechten Ablage. Ein Block mit seinem Namen in kleiner Grotesk. Ein Bleistift, gespitzt. Ein Radiergummi, der schon dunkel war. Ein Lineal aus Buche, mit einem feinen, dunklen Streifen auf der einen Kante.

Nichts Besonderes.

Nichts, was ich suchte.

Ich wusste nicht einmal, was ich suchte.

Die zweite Schublade ging schwer. Sie hatte immer schwer gegangen. Mein Vater hatte ihr einen kleinen Holzkeil unter dem Gleiter befestigt, damit sie nicht von selbst aufsprang. Ich drückte den Keil nach hinten. Die Schublade öffnete sich.

Drei Aktendeckel. Braunes Leinen. Sauber gestapelt.

Ich nahm den obersten heraus.

Auf dem Deckel stand, mit seiner Hand geschrieben:

RICHTER-IMMOBILIEN, GRÜNDUNGSAKTEN.

Ich wusste nicht, dass es ihn gab.

Das ist ein Satz, der mich einen Moment stillstehen ließ. Ich wusste es nicht. Ich war vierunddreißig gewesen, als mein Vater starb. Ich war seit einundzwanzig Jahren in Kontakt mit der Firma meiner Eltern, nicht als Angestellte, aber als Tochter, und seit elf Jahren als Ehefrau des Mannes, der die Firma führte, nachdem mein Vater sie aus der Hand geben musste.

Ich hatte geglaubt, die Gründungsakten lägen in der Firma.

Das war nicht der Fall.

Mein Vater hatte sie mitgenommen. Er hatte sie in diese Schublade gelegt. Er hatte nie etwas davon gesagt.

Ich zog den Deckel auf dem Schreibtisch.

Ich legte die Mappe vor mich.

Ich öffnete sie nicht sofort. Ich blieb zwei, drei Atemzüge lang so sitzen, die Hand flach auf dem Leinen.

Dann schlug ich sie auf.

Die erste Seite war eine Aktennotiz von 1974.

Mein Vater war damals siebenundzwanzig. Er hatte die Firma mit seinem älteren Bruder gegründet, meinem Onkel Konrad, der 1989 bei einem Autounfall gestorben war, lange bevor ich geboren wurde. Ich kannte Konrad nur aus Fotos. Er war größer als mein Vater gewesen, mit glattem Haar und einer Brille.

Die Gründungsanteile waren aufgelistet.

Konrad Richter: fünfzig Prozent.

Hermann Richter, mein Vater: fünfzig Prozent.

Keine Hartmann-Seite.

Die Hartmann kamen erst Mitte der achtziger Jahre hinzu. Onkel Konrads Schwiegereltern. Mark war ein Enkel eines dieser Hartmanns. Das hatte ich immer gewusst. So hatte ich Mark überhaupt erst auf einer Familienfeier getroffen, ein Jahr nach meinem Studium. Er war nicht wirklich Familie. Er war eine Art entfernte Verbindung.

Ich blätterte weiter.

Vertrag über die Aufnahme der Hartmann-Beteiligung, 1987. Zehn Prozent. Klein. Eine Gefälligkeit für Konrads Schwiegereltern, damit sie an der Firma mitverdienten.

Eine Satzungsänderung 1991. Konrad verstorben. Anteile gehen auf seine Witwe über, die sie nicht behalten will, sondern an meinen Vater verkauft. Mein Vater hält ab 1992 zweiundsiebzig Prozent. Hartmann-Familie: zehn Prozent. Weitere achtzehn Prozent bei einem stillen Teilhaber, der 1995 seinen Anteil wieder meinem Vater verkauft.

Ab 1995: Hermann Richter neunzig Prozent. Hartmann zehn Prozent.

Ich legte das Blatt weg.

Ich suchte das nächste Papier.

Es war eine Fotokopie, nicht das Original. Das fiel mir sofort auf. Mein Vater hatte Originale nie kopiert, wenn er die Originale selbst besaß. Die Fotokopie trug am oberen Rand, mit Bleistift, einen Vermerk in seiner Schrift:

„Original bei Dr. Weber, 03.11.2013.“

Drei Monate vor seinem Tod.

Ich las das Papier.

Es war ein Vertrag zwischen meinem Vater und der Hartmann-Seite, datiert auf den 27. Oktober 2013, in dem der Familienanteil der Hartmanns von zehn auf vierzig Prozent erhöht wurde. Die Aufstockung war gegenüber Mark als Beauftragtem der Hartmann-Familie verfügt. Die Begründung: „im Zuge einer Umstrukturierung der Gesellschaft, im gegenseitigen Einvernehmen.“

Die Unterschrift meines Vaters war unten rechts.

Ich starrte auf sie eine lange Minute.

Sie sah aus wie seine Unterschrift. Sie war es nicht.

Ich weiß nicht, wie ich das sofort wusste.

Man erkennt die Unterschrift des eigenen Vaters, das ist das eine. Ich hatte sie hunderte Male gesehen, auf Zeugnissen, auf Einverständniserklärungen, auf Weihnachtskarten. Ich kannte die Schlaufe im H, die nie zu tief ging. Ich kannte den Abstand zwischen „Hermann“ und „Richter“, der bei ihm immer gleich war, ungefähr zwei Millimeter.

Diese Unterschrift war zu ordentlich.

Sie war korrekt. Nicht lebendig.

Mein Vater hatte am Ende seines Lebens gezittert. Nicht stark, aber sichtbar. Alle Unterschriften der letzten achtzehn Monate vor seinem Tod hatten eine kleine Unregelmäßigkeit. Eine feine, leicht gewellte Linie.

Diese Unterschrift war glatt.

Sie war einen Tropfen zu glatt.

Ich lehnte mich zurück.

Es war jetzt zehn nach neun.

Die Kaffeemaschine unten war fertig. Ich hörte die letzte Wasserzufuhr. Frau Brandl würde in drei Minuten mit einer Kanne hochkommen, wenn ich nicht hinunterkäme.

Ich ging die Treppe hinunter.

Frau Brandl sah mich in der Küche an.

„Sie waren oben.“

„Ja.“

„Hat es geholfen?“

Ich wusste nicht, was sie meinte.

Dann wusste ich es doch.

„Ja“, sagte ich. „Es hat geholfen.“

Sie stellte die Tasse vor mich.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Sie sehen aus wie Ihr Vater heute Morgen.“

Ich sah sie an.

Sie sah nicht weg.

„Er hätte das nicht zugelassen“, sagte sie ein zweites Mal.

„Nein“, sagte ich. „Das hätte er nicht.“

Ich trank den Kaffee.

Ich dachte an den Vertrag oben.

Ich dachte an die Unterschrift, die fast stimmte.

Und ich dachte an einen Namen, der seit einem Tag durch den Kopf ging, ohne dass ich ihn ausgesprochen hatte.

Dr. Weber.

Briennerstraße.

Ich stellte die Tasse ab.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Wo ist mein Telefon?“

„Auf dem kleinen Tisch im Flur.“

Ich stand auf.

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