Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 43: Die Stimme im Treppenhaus

Frau Brandl erzählte mir die Geschichte am nächsten Morgen.

Sie hatte sie nicht erzählen wollen. Sie hatte sie zwei Tage in sich getragen, das sah ich an der Art, wie sie den Kaffee einschenkte, langsamer als sonst, mit einer kleinen Pause zwischen den beiden Tassen, und an der Art, wie sie sich gegenübersetzte, was sie morgens nicht zu tun pflegte.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Ich muss Ihnen etwas sagen.“

„Frau Brandl.“

„Bitte hören Sie mich an.“

„Ich höre.“

Sie nahm einen Schluck Kaffee. Sie stellte die Tasse zurück. Sie sah auf den Tisch.

„Vorgestern Nacht war Ihr Mann im Haus.“

Ich legte das Brot weg, das ich in der Hand gehalten hatte.

„Wann?“

„Halb zwei.“

„Was wollte er?“

„Er ist nicht in Ihr Zimmer gekommen. Er ist nicht ins Arbeitszimmer gekommen. Er ist in sein altes Zimmer gegangen, das Schlafzimmer im ersten Stock, und er hat dort fünfundvierzig Minuten gesessen.“

„Allein?“

„Allein.“

„Und?“

„Er hat telefoniert.“

Ich sah sie an.

„Sie haben gehört, mit wem?“

„Ich habe es nicht hören wollen. Ich war im Treppenhaus. Ich hatte das Licht im Erdgeschoss vergessen, und ich bin hochgekommen, um zu sehen, ob die Tür zu Ihrem Zimmer geschlossen war.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“

„Ich entschuldige mich nicht. Ich erkläre nur.“

„Gut. Erklären Sie.“

Sie atmete einmal aus.

„Er hatte die Tür halb auf gelassen“, sagte sie. „Das hat er früher auch gemacht, wenn er allein war im Haus. Er ist ein Mann, der nicht gerne in geschlossenen Räumen telefoniert. Das wissen Sie.“

„Ich weiß.“

„Ich war im Treppenhaus, ein Stockwerk darunter. Ich habe nicht stehen wollen. Ich bin stehen geblieben.“

„Frau Brandl.“

„Ich war stehen geblieben, Frau Hartmann, weil seine Stimme nicht so war, wie sie sonst ist.“

„Wie war sie?“

„Klein.“

Sie sagte es so. Klein. Als reichte das Wort.

„Er sprach mit einer Frau“, sagte sie dann.

„Ich verstehe.“

„Er hat ihren Namen gesagt. Einmal. Am Anfang.“

„Sophia.“

„Ja.“

Ich nickte.

„Was hat er gesagt?“

„Frau Hartmann, wollen Sie das wirklich wissen?“

„Ich will es wissen, weil ich es wissen muss. Nicht aus einem anderen Grund.“

Sie sah mich kurz an.

„Gut.“

Sie hatte keinen ganzen Dialog gehört. Sie hatte Bruchstücke gehört. Den Halben des Gesprächs, den man durch eine halb offene Tür von einem Stockwerk darunter hört, wenn der Mann, der spricht, sich nicht beobachtet fühlt.

Er hatte zu Anfang gesprochen wie immer. Mit einer Selbstverständlichkeit, die er nicht ablegte, weil er sich nicht ablegen ließ. „Sophia, hör mir zu.“ „Sophia, das ist jetzt wichtig.“ „Ich brauche dich kurz.“

Dann hatte er gefragt.

Frau Brandl konnte den Wortlaut nicht sagen. Aber sie konnte das Wort sagen, das mehrmals vorgekommen war.

„Geld.“

Ich nickte.

„Wie oft?“

„Drei oder vier Mal. Er hat es nicht gesagt, als wollte er etwas leihen. Er hat es gesagt, als versuche er, ihr begreiflich zu machen, dass es eng war.“

„Aha.“

„Und sie hat ihn unterbrochen.“

„Was hat sie gesagt?“

Frau Brandl sah jetzt auf ihre Hände.

„Ich habe nur einen Satz gehört, klar. Sie hatte ihn auf laut gestellt, zwei Sekunden lang. Wahrscheinlich aus Versehen. Dann hat er es zurückgestellt.“

„Welchen Satz?“

„Sie hat gesagt: *Frag mich nicht so etwas, Mark.*“

Frau Brandl sagte den Satz so, wie sie ihn gehört hatte. Nicht laut. Nicht inszeniert. Genauso, wie man ihn sagt, wenn man zwischen zwei Schlafphasen ans Telefon geht und müde ist und sich nicht überlegt, was man sagt, weil man es einfach sagt.

*Frag mich nicht so etwas, Mark.*

Sie hatte es nicht streng gesagt. Sie hatte es nicht geweint. Sie hatte es so gesagt, wie eine Frau es sagt, die zum ersten Mal merkt, dass sie hier nicht ist, um etwas zu geben, sondern um etwas zu haben.

Ich legte das Brot zurück auf den Teller.

„Verstehe.“

„Frau Hartmann, ich erzähle das nicht, um Sie zu —“

„Ich weiß, warum Sie es erzählen.“

„Ich erzähle es, weil Sie es wissen sollten. Nicht damit Sie es benutzen. Sondern damit Sie es wissen.“

„Ich weiß.“

Sie nahm einen Schluck Kaffee. Sie sah mich nicht an. Sie atmete aus.

„Was hat er sonst gesagt?“, fragte ich nach einer Weile.

„Wenig. Er hat sich entschuldigt. Er hat gesagt, er habe sie nicht aufwecken wollen. Er hat gesagt, er rufe morgen wieder an. Sie hat nicht geantwortet.“

„Hat sie aufgelegt?“

„Sie hat aufgelegt.“

„Und er?“

„Er ist drei oder vier Minuten still geblieben. Dann ist er aus dem Zimmer gekommen, und er ist die Treppe heruntergegangen. Ich war zurück in der Küche, bevor er unten war. Er hat mich nicht gesehen.“

„Wann ist er aus dem Haus?“

„Zwei Uhr.“

„Hatte er einen Schlüssel?“

„Er hat noch einen Schlüssel, Frau Hartmann.“

„Ich werde das ändern lassen.“

„Das wäre gut.“

Ich blieb noch eine Weile am Tisch.

Frau Brandl räumte das Geschirr nicht weg. Sie blieb auch sitzen. Sie wusste, dass ich noch etwas dachte, und sie wartete, ob ich es sagen würde.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sie haben das richtig gemacht.“

„Ich habe gar nichts gemacht.“

„Sie haben zugehört.“

„Das ist kein Verdienst.“

„Heute schon.“

Sie nickte einmal. Sie stand auf. Sie nahm meine Tasse. Sie nahm ihre eigene Tasse.

Sie sagte nichts mehr.

Ich ging in das Arbeitszimmer.

Ich rief nicht Weber an. Ich rief auch nicht Clara an. Ich saß einfach am Schreibtisch und sah aus dem Fenster.

Sophia hatte sich nicht abgewandt. Nicht heute Nacht. Aber sie hatte ein Wort gesagt, das eine Frau erst sagt, wenn sie merkt, dass die Beziehung in einer Phase angekommen ist, in der die einseitige Bewunderung umkippt.

*Frag mich nicht so etwas, Mark.*

Es war nicht der Satz einer Frau, die fortgeht.

Es war der Satz einer Frau, die anfängt, sich zu fragen, ob es sich noch lohnt zu bleiben.

Ich hatte Sophia in den letzten Monaten nie als Person gedacht. Das hatte ich mir nicht erlaubt. Sie war eine Funktion gewesen, ein Symbol, der Beleg für eine Tatsache, die ich kannte. Heute morgen, am Frühstückstisch, war sie zum ersten Mal eine Frau gewesen, die irgendwo in einer Wohnung am Englischen Garten lag, müde, mit einer halb offenen Steckdose hinter sich, mit einem Telefon am Ohr, und die einen Satz sagte, den sie selbst noch nicht ganz verstand.

Ich hatte kein Mitleid für sie. Ich hatte auch keinen Triumph.

Ich hatte nur die Beobachtung.

Mark verlor sie.

Er wusste es noch nicht. Aber er hatte heute Nacht angefangen, sie zu verlieren.

Am Nachmittag kam Weber vorbei.

Er hatte eine kleine schwarze Mappe dabei. Er gab sie mir nicht. Er legte sie auf den Tisch.

„Schmidts Liste“, sagte er.

„Ja.“

„Ich habe mit der Sachbearbeiterin gesprochen. Inoffiziell.“

„Und?“

„Sie ist nervös.“

„Mehr?“

„Mehr nicht. Aber das genügt.“

„Was ist die Situation?“

„Die Bank kann die Verschiebung dulden. Sie kann sie auch nicht dulden. In der Mitte zwischen den beiden Möglichkeiten ist eine Linie, und diese Linie ist gerade dünner geworden.“

„Wer entscheidet?“

„Der Vorstand der Bank. Auf Empfehlung der Kreditabteilung.“

„Wer leitet die Kreditabteilung?“

„Ein Herr Lindner. Wir kennen ihn flüchtig, durch zwei Vorgänge in den 1990er Jahren.“

„Welche Vorgänge?“

„Ein Grundstücksgeschäft, das Ihr Vater einmal abgewickelt hat. Lindner war damals Sachbearbeiter.“

„Aha.“

„Wenn ich ihn anrufe, wird er mit mir sprechen.“

„Was würden Sie sagen?“

„Nichts, was Mark in eine Falle bringt. Nichts, was die Firma gefährdet. Ich würde nur einen Termin festlegen, an dem die Familie Hartmann der Bank ein vollständiges Bild gibt.“

„Familie Hartmann.“

„Das ist die Formulierung, die ich gewählt hätte.“

Ich nickte.

„Weber.“

„Ja.“

„Tun Sie das nach der Sitzung.“

„Nach der Sitzung.“

„Davor halten wir Stillschweigen.“

„Ja.“

„Und wir lassen die Schlösser im Haus austauschen. Mark war heute Nacht hier.“

Weber sah mich an.

„Das macht es klarer.“

„Es macht es nicht klarer. Es macht es gleich.“

„Das stimmt.“

Er nahm einen Block aus der Mappe. Er notierte zwei Worte. Er steckte den Block zurück.

„Ich kümmere mich um die Schlösser.“

„Danke.“

Er ging um halb sechs.

Frau Brandl brachte mir in dem Moment eine Tasse Tee, in dem die Tür hinter Weber zufiel. Sie stellte sie wortlos auf den Tisch. Sie ging wortlos wieder hinaus.

Ich blieb sitzen.

Ich dachte daran, wie Mark heute Nacht in seinem alten Zimmer gesessen hatte. Wie er telefoniert hatte. Wie er die Tür halb offen gelassen hatte, weil er das immer so gemacht hatte, weil er sich nicht beobachtet fühlte, weil er nicht damit rechnete, dass jemand zuhörte.

Männer wie Mark merken nicht, wann sie beobachtet werden. Sie haben sich daran gewöhnt, der einzige Beobachter im Raum zu sein.

Aber im Treppenhaus stand Frau Brandl. Im Café stand Schmidt. In der Bank stand eine Sachbearbeiterin. In Webers Kanzlei lag eine kleine schwarze Mappe.

Mark hatte angefangen, in eine Welt zu gehen, in der die Augen anderer Menschen plötzlich auf ihn gerichtet waren. Und er wusste es nicht.

Ich legte mich am Abend früh hin.

Ich konnte nicht sofort einschlafen. Ich dachte an Sophias Stimme, die ich nie gehört hatte und die ich heute morgen zum ersten Mal indirekt gehört hatte, durch Frau Brandls Mund.

*Frag mich nicht so etwas, Mark.*

Sechs Wörter. Sieben, wenn man den Namen mitzählt.

Manchmal beginnt das Ende mit sechs Wörtern, die niemand sich gemerkt hat.

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