Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 69: Webers Brief

Freitag, neun Uhr fünfzehn.

Weber rief an, wie er es angekündigt hatte. Er sagte, er werde mir den Briefentwurf in einer Stunde per Boten schicken. Frau Stelzer, seine Sekretärin, werde den Boten persönlich begleiten. Es sei ein Brief, den er nicht durch die Post wolle.

„Und wenn ich ihn ändern möchte?“

„Sie geben Frau Stelzer Ihre Anmerkungen mit. Sie kommt in die Kanzlei zurück. Wir gehen sie um zwölf durch. Wir versenden ihn um vierzehn Uhr per förmlicher Zustellung.“

„Sie haben den ganzen Tag verplant.“

„Es ist ein Tag, an dem das so sein muss.“

Frau Stelzer kam um zehn Uhr fünf. Sie hatte einen schwarzen Mantel an, einen schmalen schwarzen Hut, und sie trug eine Aktentasche, die fast genauso aussah wie die ihres Chefs. Sie war eine Frau Mitte fünfzig mit einem Gesicht, das man zweimal ansehen musste, um es genau zu beschreiben.

„Frau Richter.“

„Frau Stelzer.“

„Dr. Weber lässt Ihnen einen guten Morgen wünschen.“

„Bitte richten Sie ihm dasselbe aus.“

Sie gab mir einen Umschlag. Er war nicht versiegelt. Er war nur zugeklappt.

Ich öffnete ihn in der Bibliothek.

Frau Stelzer wartete im Salon. Frau Brandl brachte ihr einen Kaffee. Frau Stelzer trank Kaffee mit einem Stück Würfelzucker und einem Schuss heißer Milch. Das hatte ich von Frau Brandl gelernt. Frau Brandl hatte es bei einem früheren Besuch von Frau Stelzer beobachtet und seither in Erinnerung behalten.

Der Brief war zwei Seiten lang.

Er war mit Maschinenschrift verfasst. Weber benutzte noch ein Diktiergerät und ließ Frau Stelzer schreiben. Die Schrift war leicht ungleich, weil die Maschine in der Kanzlei eine elektrische Schreibmaschine aus den neunziger Jahren war und nicht ein Computer mit Drucker. Weber bestand auf der Maschine. Er sagte, eine Maschinenschrift habe Gewicht. Eine Druckschrift sei zu beliebig.

Ich las.

*Kanzlei Dr. Klaus Weber* *Briennerstraße 38* *80333 München*

*An die Kanzlei Dr. Reinhard Mertens* *Maximilianstraße 27* *80539 München*

*München, den dreizehnten April*

*Sehr geehrter Herr Kollege Mertens,*

*ich darf Sie im Namen meiner Mandantin, Frau Emilia Hartmann, geborene Richter, mit der Wahrnehmung ihrer Interessen in einer Angelegenheit befassen, die die Hartmann Beteiligungsgesellschaft mbH (Hartmann Gruppe), München, betrifft.*

*In der Durchsicht der Gründungsunterlagen unserer Mandantin sind Unstimmigkeiten zutage getreten, die einer Klärung bedürfen. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Sachverhalte:*

*1. Der Gesellschaftsvertrag der Hartmann Beteiligungsgesellschaft mbH wurde am 16. November 1996 in München durch Notar Dr. Ferdinand Reisiger beurkundet. In diesem Vertrag wurde eine Beteiligungsverteilung zugunsten von Herrn Hermann Richter (60 v. H.) und Herrn Karl Hartmann (40 v. H.) festgelegt.*

*2. Die Eintragung der Gesellschaft in das Handelsregister erfolgte am 3. Februar 1997 durch Notar Dr. Wilhelm Hagen, Augsburg, auf Grundlage einer Vollmacht, deren Original nicht beigebracht werden kann.*

*3. In der Eintragung weicht das Beteiligungsverhältnis von der vertraglichen Festsetzung ab; es ist mit 40 v. H. zu 60 v. H. zugunsten von Herrn Karl Hartmann eingetragen.*

*4. Eine Beglaubigung der zweiten Seite der genannten Vollmacht durch einen Notar in München, wie sie für die Wirksamkeit der Vollmacht erforderlich gewesen wäre, ist in den Aktenbeständen nicht aufzufinden.*

*5. Eine handschriftliche Aktennotiz des damaligen Notars Dr. Hagen vom April 1997, deren Original sich in der Kartei der Kanzlei Dr. Erika Hagen, Augsburg (Tochter des Verstorbenen), befindet, lässt erkennen, dass die Anpassung der Beteiligungsverhältnisse auf Wunsch von Herrn Karl Hartmann erfolgte und dass eine ausdrückliche Bevollmächtigung durch Herrn Hermann Richter zu dieser Anpassung nicht vorlag.*

*Aufgrund dieser Sachlage halten wir die Eintragung vom 3. Februar 1997 für anfechtbar.*

*Im Namen unserer Mandantin schlagen wir vor, die Angelegenheit in einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung zu erörtern. Wir wären Ihnen verbunden, wenn Sie uns binnen einer Frist von zehn Tagen, gerechnet ab Zugang dieses Schreibens, einen Terminvorschlag unterbreiten würden.*

*Wir gehen davon aus, dass Ihre Mandantschaft an einer einvernehmlichen Klärung interessiert ist. Sollte ein außergerichtlicher Weg nicht zustande kommen, bleibt die Anfechtung der Handelsregistereintragung im ordentlichen Rechtsweg vorbehalten.*

*Eine Kopie der Aktennotiz von Notar Dr. Hagen senior fügen wir bei. Weitere Unterlagen halten wir auf Anforderung bereit.*

*Mit freundlichen kollegialen Grüßen*

*Dr. Klaus Weber* *Rechtsanwalt*

Ich las den Brief zweimal.

Beim zweiten Lesen las ich ihn langsamer. Ich blieb an ein paar Sätzen länger.

*Wir gehen davon aus, dass Ihre Mandantschaft an einer einvernehmlichen Klärung interessiert ist.*

Ich verstand, was Weber tat. Er bot Mark einen Weg, der ihn nicht öffentlich demütigte. Er ließ ihm die Entscheidung. Er drohte nichts an. Er stellte fest. Er erklärte, was er hatte. Er zeigte nicht, was er außerdem hatte.

*Eine Kopie der Aktennotiz von Notar Dr. Hagen senior fügen wir bei.*

Eine Kopie. Nicht das Original. Das Original blieb in Augsburg.

*Sollte ein außergerichtlicher Weg nicht zustande kommen, bleibt die Anfechtung der Handelsregistereintragung im ordentlichen Rechtsweg vorbehalten.*

Es war kein Drohsatz. Es war eine sachliche Mitteilung.

Es war besser, als ich gehofft hatte.

Ich rief Weber an.

„Klaus.“

„Ja.“

„Der Brief ist gut.“

„Sie ändern nichts?“

„Ich ändere ein Wort.“

„Welches?“

„In Punkt fünf. Wo Sie schreiben, dass die Anpassung auf Wunsch von Herrn Karl Hartmann erfolgte. Bitte schreiben Sie auf Veranlassung. Wunsch klingt wie ein Bittstellen. Veranlassung ist sachlicher.“

Er war einen Moment still.

„Sie haben recht. Veranlassung.“

„Sonst nichts.“

„Sonst nichts.“

„Ich gebe Frau Stelzer den Brief mit.“

„Gut.“

Eine kurze Pause.

„Emilia.“

„Ja.“

„Sie haben gut geschlafen.“

„Ich habe geschlafen. Gut weiß ich nicht.“

„Es ist auch egal. Sie sind heute früh klarer als die meisten Mandanten in dieser Lage.“

„Es ist meine Mutter.“

„Wie bitte?“

„Frau Brandl hat mir gestern Abend einen Satz meiner Mutter erzählt. Es ist nicht wichtig. Aber ich habe an ihn gedacht. Ich habe gut geschlafen.“

„Verstehe.“

Frau Stelzer ließ ich kommen. Sie kam aus dem Salon mit der halb leeren Tasse Kaffee. Sie hatte den Hut wieder auf. Sie trug ihn in der Wohnung, weil sie ihn nicht abgelegt hatte. Sie war in der Wohnung als Bote, nicht als Gast.

„Frau Stelzer, eine Korrektur. In Punkt fünf, das Wort Wunsch durch Veranlassung ersetzen. Sonst nichts.“

„Veranlassung.“

„Ja.“

„Ich richte es Dr. Weber aus. Wir senden den Brief um vierzehn Uhr.“

„Sie senden ihn per Bote oder per Post?“

„Per Bote. Mit Unterschrift bei Annahme. Dr. Weber bevorzugt das in Angelegenheiten dieser Art.“

„Gut.“

Sie nahm den Briefentwurf entgegen. Sie steckte ihn in den Umschlag zurück. Sie verbeugte sich kurz, eine Bewegung, die nicht aus den siebziger Jahren stammte, sondern aus einer noch früheren Zeit, als kleine Höflichkeiten noch nicht verlernt waren.

Sie ging.

Frau Brandl räumte die Tasse ab.

„Sie hat ihn nicht ausgetrunken.“

„Frau Stelzer trinkt keinen Kaffee, der unter eine bestimmte Temperatur fällt. Sie hat es mir einmal gesagt. Sie sagt, kalter Kaffee sei eine Beleidigung der Bohne.“

Frau Brandl lachte trocken.

„Manchmal denke ich, es gibt nur zehn Frauen in dieser Stadt, die wissen, wie man eine Tasse Kaffee abstellt.“

„Es gibt mehr. Aber sie sind auf zwei oder drei Wohnungen verteilt.“

Sie ging mit dem Tablett.

Um halb zwölf rief Clara an.

„Em.“

„Clara.“

„Ich habe gerade das gehört, was du nicht hören willst.“

„Wenn du es weitererzählen musst, erzähle es.“

„Mark war heute Vormittag im Bayerischen Hof. Im Restaurant. Er hatte Frühstück mit Reinhard Mertens. Sein Anwalt.“

„Mhm.“

„Es war kein langes Frühstück. Eine knappe halbe Stunde. Mertens hat als Erster das Restaurant verlassen. Er sah nicht erfreut aus.“

„Wer hat dich angerufen?“

„Eine ehemalige Praktikantin von uns. Sie ist heute Junior bei Mertens in der Kanzlei. Sie hat ihn nicht so gekannt. Sie hat es mir nur erzählt, weil Mertens in den letzten Wochen mehrfach am Telefon Marks Namen genannt hat und sie den Eindruck hatte, dass er unzufrieden war.“

„Mhm.“

„Hat das mit dem zu tun, was Weber gestern bei dir war?“

„Ja.“

„Wieviel kannst du sagen?“

„Wenig. Aber ich kann dir sagen, dass Mertens heute Nachmittag einen Brief bekommt, der das Frühstück erklärt.“

„Ohne dass er das Frühstück erklärt hat.“

„Genau.“

„Em.“

„Ja.“

„Du klingst wie deine Mutter.“

„Nein. Ich klinge wie ich. Aber meine Mutter wäre damit zufrieden.“

Um zwölf Uhr dreißig brachte Frau Brandl mir das Mittagessen ans Schreibtisch. Suppe. Brot. Ein kleines Stück Käse.

Ich aß die Suppe.

Ich saß an dem Schreibtisch meines Vaters. Auf dem Schreibtisch lag der ungeöffnete Brief von Mark. Ich hatte ihn am Mittwoch ungeöffnet zur Post gegeben. Weber hatte ihn am Donnerstag gelesen und am Donnerstagabend zurückgeschickt. Der Brief lag jetzt wieder bei mir, mit einem Vermerk Webers oben rechts in Bleistift.

*Kein Inhalt von rechtlicher Bedeutung. Ablage.*

Ich legte den Brief in die unterste Schublade des Schreibtischs. Ich schloss sie nicht ab. Sie würde zu sein, wenn ich ginge, weil sie immer zu war.

Um vierzehn Uhr klingelte das Telefon im Salon einmal kurz.

Frau Brandl nahm es ab.

„Kanzlei Weber, jawohl. Frau Stelzer. Ja. Ich richte es ihr aus. Bestens. Auf Wiederhören.“

Sie kam in die Bibliothek.

„Frau Stelzer hat angerufen. Der Brief ist um vierzehn Uhr null fünf in der Kanzlei Mertens, Maximilianstraße, abgegeben worden. Die Empfangssekretärin hat unterschrieben. Sie hat den Bote gefragt, ob es eilig sei. Der Bote hat gesagt, er sei nicht eilig, aber wichtig.“

„Gut.“

Sie blieb kurz in der Tür.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich habe heute Nacht von Ihrer Mutter geträumt.“

„Ja?“

„Sie stand in der Küche und sagte etwas, was ich nicht hören konnte. Aber sie sah zufrieden aus.“

„Das ist ein guter Traum.“

„Ich erzähle ihn nur, weil Sie es wissen wollten.“

„Ich wollte es wissen.“

Sie schloss die Tür.

Ich blieb noch eine Weile am Schreibtisch.

Im Garten begann ein leichter Regen. Er begann wie jeder Regen begann, der sich am Vormittag angekündigt hatte. Erst einzelne Tropfen, dann eine Linie an Tropfen, dann die Bewegung der Hortensienblätter, die unter dem Wasser schwer wurden.

Ich dachte an Mertens, der am Vormittag im Bayerischen Hof gefrühstückt hatte. Ich dachte an Mark, der noch nicht wusste, was am Nachmittag in seinem Briefkasten war. Ich dachte an Anne, die in der Maximilianstraße eine Tür schloss, die sich heute öfter geöffnet und geschlossen hatte als an anderen Tagen. Ich dachte an Schmidt, der irgendwo telefonierte. Ich dachte an Sophia, die seit drei Wochen in Berlin war und über die niemand mehr sprach.

Ich dachte nicht an Mark.

Es war nicht meine Aufgabe, an ihn zu denken.

Im Flur klingelte das Telefon ein zweites Mal, sehr kurz.

Frau Brandl kam herein.

„Frau Richter, Dr. Weber hat noch einmal angerufen. Er sagt, der Brief sei zugestellt. Mertens habe sich noch nicht zurückgemeldet. Er sagt, das sei zu erwarten. Er sagt, er rechne nicht vor Montag mit einer Antwort.“

„Mhm.“

„Er sagt, Sie sollen das Wochenende ruhig nehmen.“

„Ich werde es ruhig nehmen.“

„Soll ich für das Wochenende einkaufen?“

„Ja.“

„Eier, Brot, Käse?“

„Ja. Und Spargel, wenn er da ist.“

„Es ist noch früh. Aber es ist welcher da. Aus Schrobenhausen.“

„Aus Schrobenhausen.“

Sie nickte. Sie schrieb es auf einen kleinen Zettel.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Sie haben heute nichts gegessen.“

„Ich habe Suppe gegessen.“

„Suppe ist kein Essen.“

„Heute ist Suppe ein Essen.“

Sie sah einen Augenblick auf den Zettel, auf dem sie Eier, Brot, Käse, Spargel notiert hatte.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Wenn Mark Sie heute Abend wieder anruft.“

„Er wird nicht anrufen.“

„Wenn er es doch tut.“

„Lassen Sie es klingeln. Heben Sie nicht ab. Wenn Sie aus Versehen abheben, sagen Sie nichts und legen auf.“

„Verstanden.“

Sie ging.

Am späten Nachmittag saß ich noch immer in der Bibliothek.

Der Regen war vorbeigezogen. Die Sonne lag schräg auf den Dielen. Im Garten krähte eine Amsel, die sich offenbar auf einem Ast oberhalb des Hortensienbeets niedergelassen hatte.

Ich nahm einen Bogen Briefpapier aus der oberen Schublade des Schreibtischs.

Ich schrieb keine Worte darauf.

Ich legte ihn nur vor mich.

Es war Briefpapier meines Vaters, eines, das er nicht mehr gebraucht hatte, weil er die Briefe seiner letzten Jahre nicht auf seinem persönlichen Bogen, sondern auf dem Bogen der Hartmann Gruppe geschrieben hatte. Oben rechts stand sein Name in einem dezenten Grau. *Hermann Richter.* Sonst nichts. Keine Adresse. Kein Telefon.

Ich saß einen Moment vor dem Bogen.

Dann legte ich ihn in die Schublade zurück.

Ich brauchte ihn heute nicht.

Ich würde ihn brauchen, irgendwann, wenn ich einen Brief schrieb, der nur einen Satz enthalten würde.

Aber das war heute nicht.

Nächste Seite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert