Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 102: Die Einladung

Fabian kam am Donnerstagnachmittag um halb vier in die Maximilianstraße.

Er kam zu Fuß. Ich wusste das, weil ich am Fenster gestanden hatte, ohne die Absicht, zu warten — ich hatte mit Anne über den Berliner Verkauf telefoniert, und das Gespräch war zu Ende gegangen, ohne dass ich mich vom Fenster gelöst hätte. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße sah ich ihn aus der Briennerstraße abbiegen, mit einer Mappe in der Hand und einem leichten Mantel, den er wegen der frühlingshaften Wärme nicht wirklich brauchte.

Anne meldete ihn an.

„Frau Richter. Herr Möller ist hier.“

„Er soll hereinkommen.“

Sie machte die Tür auf. Fabian trat ein. Er setzte sich nicht sofort, sondern wartete, bis Anne wieder draußen war, dann legte er die Mappe auf den Schreibtisch, ohne mich zu drängen, sie zu öffnen.

„Sie hatten Glück mit dem Wetter“, sagte ich.

„Ich hatte Glück mit der Strecke.“

„Es sind nicht weit.“

„Dreizehn Minuten, wenn man nicht auf die Schaufenster sieht.“

„Und wenn man auf die Schaufenster sieht?“

„Heute siebzehn.“

Ich ließ die Mappe einen Moment liegen.

Ich hatte das vorgehabt — die Mappe nicht sofort zu öffnen, sondern einen anderen Anfang zu finden, weil mir bewusst geworden war, dass jeder unserer Nachmittage in den letzten Wochen mit einer Mappe begonnen hatte, und dass das, was wirklich in dieser Mappe lag, nicht der Inhalt war, sondern die Frage, was wir am Rand der Mappe miteinander besprachen.

„Tee?“, fragte ich.

„Gerne.“

Ich rief Anne. Sie brachte Tee, zwei Tassen, eine kleine Schale Salzgebäck, das ich kaum berührte.

Wir tranken.

Wir sprachen über den Plan, der in der Mappe lag. Eine Anpassung an der Ostfassade, eine Frage zur Belichtung im zweiten Obergeschoss. Es war ein Gespräch, das ich mit Heinrich auch hätte führen können, oder mit Schmidt — ein technisches Gespräch, mit klaren Antworten, mit kleinen Skizzen am Rand des Plans, die Fabian mit demselben stumpfen Bleistift wie am Vortag zeichnete.

Aber an einer Stelle, als wir auf die Belichtung kamen, sagte er:

„Es gibt zwei Schulen in dieser Frage.“

„Und Sie gehören welcher an?“

„Der älteren.“

„Das überrascht mich nicht.“

Er sah auf.

„Warum nicht?“

„Sie tragen einen stumpfen Bleistift.“

Er sah seinen Bleistift an.

Dann sah er mich an.

Es war ein Augenblick, der einen Augenblick zu lang dauerte, um einen Augenblick gewesen zu sein.

Wir arbeiteten weiter.

Gegen halb fünf rollten wir den Plan zusammen. Er steckte ihn in seine Mappe. Er legte den Bleistift zurück in das Lederetui. Er trank seinen Tee aus.

Er stand nicht sofort auf.

„Frau Hartmann.“

„Herr Möller.“

Er hielt einen kurzen Moment inne. Es war kein Zögern, eher ein Sammeln. Mark hatte solche Momente nie gehabt. Mark hatte immer schon gewusst, was er sagen würde, bevor er den Mund öffnete, und meistens hatte er es schon zur Hälfte gesagt.

„Möchten Sie“, sagte Fabian, „einmal bei mir essen?“

Ich legte die Tasse hin.

Ich tat es nicht aus Überraschung. Ich tat es, weil ich keine Bewegung in der Hand haben wollte, während ich antwortete.

„Bei Ihnen?“

„Ja. In meiner Wohnung.“

„Wo wohnen Sie?“

„In der Maxvorstadt. In der Schellingstraße.“

„Allein?“

„Seit fünf Jahren allein.“

Er sagte das ohne Zusatz, ohne Erklärung, ohne den kleinen Aufstrich, mit dem Männer in seinem Alter manchmal solche Sätze versahen.

„Es wäre nicht beruflich“, sagte er. „Falls das die Frage gewesen wäre.“

„Das war die Frage.“

„Es wäre einfach Essen. Ich koche manchmal. Ich koche nicht oft für Gäste, aber ich koche.“

Ich sah ihn an.

Hinter ihm, durch das Fenster, trug ein Lieferwagen einen Strauß Schnittblumen über die Straße — gelb, weiß, ein Streifen Grün. Es war ein zufälliger Anblick, einer von tausenden Anblicken, die München in einer Stunde produzierte und vergaß. Aber er fiel mir auf, weil ich in dem Augenblick aus dem Fenster sah, statt Fabian anzusehen.

„Wann?“, fragte ich.

Er hob ganz leicht die Augenbrauen.

Er hatte vermutlich mit einer anderen Antwort gerechnet — entweder mit einer Zusage oder mit einem höflichen Aufschub, mit einer Frage nach einer beruflichen Begründung. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich sofort fragen würde, wann.

„Nächste Woche?“

„Welcher Tag?“

„Montag oder Dienstag.“

„Dienstag.“

Er nickte.

„Um sieben?“

„Um halb acht.“

„Halb acht.“

Er griff nicht in die Mappe, um es einzutragen. Er sah einen Augenblick nach oben, als sei der Termin in seiner Erinnerung jetzt schon sicher, und nickte dann noch einmal.

„Schellingstraße zweiundvierzig. Vierter Stock, ohne Aufzug.“

„Es gibt einen Aufzug?“

„Es gibt einen, aber er funktioniert seit Anfang der neunziger Jahre nicht mehr.“

„Verstehe.“

„Es ist gut für die Knie.“

„Wenn Sie das sagen.“

„Ich sage es nur, damit Sie keine Schuhe wählen, mit denen Sie hochkommen müssten.“

Es war ein praktischer Hinweis. Aber er sagte es so, dass es kein praktischer Hinweis war.

Er ging.

Anne brachte ihn zum Empfang. Ich blieb an meinem Schreibtisch sitzen, ohne den Kopf zu heben. Ich hörte ihre Stimmen im Vorzimmer, kurz, ruhig, dann das Klacken der Tür.

Ich saß noch eine Weile so.

Dann öffnete ich eine Schublade. Ich nahm einen Bogen Papier heraus. Ich notierte: *Dienstag, halb acht, Schellingstraße 42, vierter Stock.*

Ich legte den Zettel neben das Telefon.

Dann nahm ich ihn wieder. Ich legte ihn in die Schublade. Ich wollte nicht, dass Anne ihn morgen zufällig sah und mich freundlich-fragend ansah. Anne war diskret, aber nicht blind, und ich hatte mir vorgenommen, dass nicht jeder Schritt in meinem Leben sofort jemandem zur Beobachtung freigegeben war.

Ich rief Clara an.

Ich rief sie nicht aus dem Wunsch heraus, ihren Rat zu hören, sondern weil ich wusste, dass ich sie anrufen würde, und weil ich es hinter mich bringen wollte, bevor mein Tag noch eine Stunde länger ging.

Sie hob beim ersten Klingeln ab.

„Emilia.“

„Clara.“

„Du klingst, als hättest du etwas zu sagen.“

„Ich habe nichts zu sagen.“

„Dann erzähl.“

Ich lachte einmal, kurz, fast unhörbar.

„Er hat mich eingeladen.“

„Möller?“

„Ja.“

„Ins Restaurant?“

„Nein.“

Sie war einen Moment still.

„Zu sich?“

„Ja.“

„Hast du zugesagt?“

„Ja.“

„Wann?“

„Dienstag.“

Sie atmete einmal ein.

„Emilia.“

„Ja?“

„Bring keinen Wein mit, den er kennt.“

„Was?“

„Nichts Bekanntes. Keinen Riesling, keinen Burgunder. Bring etwas, das er nicht erwartet. Etwas, über das man reden muss. So habt ihr ein Gespräch über die Flasche und nicht über euch, falls die Stille zu früh kommt.“

Ich schwieg.

„Hörst du mir zu?“

„Ja.“

„Du hast es nicht eilig.“

„Ich weiß.“

„Ich weiß, dass du es weißt. Ich sage es nur, damit du es noch einmal hörst.“

„Danke, Clara.“

„Geh nicht zu spät hin.“

„Halb acht.“

„Geh fünf Minuten zu spät hin. Nicht zehn. Fünf.“

„Warum?“

„Damit er Zeit hat, das letzte Mal in den Spiegel zu sehen, ohne dass es dir auffällt.“

Ich lächelte gegen meinen eigenen Vorsatz, nicht zu lächeln.

„Clara.“

„Ja?“

„Ich rufe dich am Mittwoch an.“

„Du rufst mich am Mittwochmorgen an. Nicht am Mittwochabend. Mittwochmorgen.“

„Mittwochmorgen.“

Sie legte auf.

Auf dem Heimweg fuhr ich an einem Weinhandel in der Briennerstraße vorbei, den ich seit einigen Jahren kannte und in dem ich seit über einem Jahr nicht mehr gewesen war.

Ich hielt nicht an.

Ich nahm mir vor, am Montag hinzugehen, nicht heute. Heute war zu früh. Es würde sonst aussehen, als hätte ich mir die Frage des Weins zur Hauptsache gemacht, und das wollte ich vermeiden — sowohl im Auftreten als auch in der Substanz.

An der Ampel gegenüber dem Hofgarten dachte ich kurz an den Spaziergang dort, vor knapp einem Jahr, an dem ich mit Clara den Brunnen umrundet hatte und wir uns über die Frage gestritten hatten, ob es irgendwann zu spät sei, etwas Neues anzufangen. Clara hatte gesagt, es sei nie zu spät. Ich hatte gesagt, dass das ein Satz aus Werbeprospekten sei. Sie hatte gesagt, dass sie mir den Satz aufheben werde, bis ich ihn selber sagen wollte.

Heute, in dem Wagen vor der Ampel an der Briennerstraße, sagte ich ihn nicht.

Aber ich verstand, was sie damals gemeint hatte.

Ich fuhr nach Bogenhausen.

Frau Brandl wartete an der Tür.

Sie wartete nie an der Tür. Sie kam erst aus der Küche, wenn sie die Schritte auf dem Kies hörte. Heute aber stand sie in der Diele, mit einem Tuch in der Hand, das sie nicht brauchte.

„Frau Richter.“

„Frau Brandl.“

„Sie haben einen Anruf gehabt. Aus Hamburg.“

„Jan?“

„Ja. Er sagte, Sie sollen ihn zurückrufen, wenn Sie zu Hause sind.“

„Hat er gesagt, weshalb?“

„Er hat gesagt, es sei nichts Eiliges. Aber er hat gesagt, es sei wichtig.“

„Verstehe.“

Sie sah mich an. Sie sah mir an, dass ich heute Nachmittag an der Maximilianstraße eine kleine Verschiebung in mir bemerkt hatte, die sie schon am Mittag, als ich nicht zu Hause war, von Bogenhausen aus geahnt hatte.

Aber sie sagte nichts.

Sie ging zurück in die Küche.

Ich rief Jan an.

„Jan.“

„Emilia.“

„Was gibt es?“

„Ich komme im Mai für eine Woche nach München.“

„Das ist nicht eilig, das ist gut.“

„Ich weiß. Ich rufe nicht deshalb an.“

Er machte eine kleine Pause.

„Möller hat mich heute Vormittag angerufen.“

Ich wartete.

„Er hat mir gesagt, dass er dich eingeladen hat.“

„Hat er das?“

„Ja. Er hat es mir nicht erklärt. Er hat es mir gesagt.“

„Warum?“

„Weil er dachte, ich würde es ohnehin erfahren, und weil er nicht wollte, dass ich es von dir oder von Margot erfahre, sondern von ihm.“

Ich war einen Augenblick still.

„Das ist anständig“, sagte ich.

„Ja.“

„Was hast du ihm gesagt?“

„Ich habe ihm gesagt, dass es mich nichts angeht.“

„Und?“

„Er hat gelacht und gesagt, das wisse er, und genau deshalb habe er angerufen.“

Ich lächelte.

„Jan.“

„Ja?“

„Ich gehe am Dienstag hin.“

„Ich weiß.“

„Hast du mit Margot gesprochen?“

„Nein.“

„Tu es nicht. Sie wird es früh genug erfahren, und sie wird so tun, als hätte sie es schon immer gewusst.“

„Wahrscheinlich.“

Wir lachten beide, kurz.

„Geh hin“, sagte er. „Iss. Trink ein Glas. Komm wieder nach Hause, wenn du müde wirst. Mehr nicht.“

„Mehr nicht.“

„Gute Nacht, Emilia.“

„Gute Nacht.“

Ich legte auf.

Ich saß lange im Arbeitszimmer.

Auf dem Schreibtisch lag die Lupe meines Vaters. Daneben die Mappe mit den Berliner Akten, die ich heute Nachmittag nicht mehr aufgemacht hatte. Vor mir, im Halbdunkel, die Tür zum Wohnzimmer, in dem Mark und ich vor zwölf Jahren das erste Möbelstück an die Wand gerückt hatten, das in der Familie nicht meinen Eltern gehört hatte.

Ich dachte an Marks erste Einladung in die Villa, im Frühjahr vor dreizehn Jahren. Er war an einem Sonntag gekommen, mit einem Strauß Pfingstrosen, die er für teurer gehalten hatte, als sie waren, und mit einem Anzug, den er aus einer Frankfurter Schneiderei mitgebracht hatte, weil er meinte, ein Anzug aus München genüge nicht, um eine Münchner Familie zu beeindrucken. Mein Vater hatte ihn höflich empfangen. Mein Vater hatte ihn im Salon eine halbe Stunde lang nichts gefragt, was ihn ausgelegt hätte. Erst beim Abendessen, beim Salat, hatte mein Vater ihn etwas gefragt, das eine Falle gewesen war, und Mark hatte sie nicht erkannt. Er hatte sich darin verwickelt, ohne es zu merken. Mein Vater hatte das nicht ausgenutzt. Er hatte nur einmal kurz zu meiner Mutter gesehen, als hätten sie miteinander verstanden, dass etwas angemerkt sei. Ich hatte den Blick damals gesehen und ihm keine Bedeutung gegeben.

Heute Abend, dreizehn Jahre später, sah ich den Blick wieder vor mir.

Ich verstand ihn jetzt.

Ich dachte an die Schellingstraße zweiundvierzig.

Ich dachte daran, dass ich noch nie in einer Wohnung in der Schellingstraße gewesen war.

Ich dachte daran, dass ich seit dreizehn Jahren in keiner fremden Wohnung mehr gewesen war, in der ein Mann allein wohnte.

Ich legte die Hand auf die Lupe.

Sie war kalt.

Ich nahm sie nicht hoch.

Ich machte das Licht aus.

In der Diele tickte die Wiener Uhr.

Im Garten flog eine Amsel auf, irgendwo tief im Flieder.

Ich ging die Treppe hinauf.

Auf halber Höhe blieb ich nicht stehen.

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