Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 76: Die erste Aufsichtsratssitzung

Am Freitag um dreizehn Uhr trat ich zum ersten Mal als Vorsitzende in den kleinen Sitzungssaal der Hartmann Gruppe ein.

Es war ein anderer Saal als der von gestern. Kleiner, intimer, mit einem ovalen Tisch aus dunklem Holz, an dem höchstens zehn Stühle standen. Er lag im rückwärtigen Teil des zweiten Geschosses, und die Fenster gingen auf den Innenhof, in dem ein einzelner Kastanienbaum wuchs, dessen Blätter am Vormittag das Licht in einer fast unwirklichen Weise zurückwarfen.

Schmidt war schon da.

Heinrich Altmann war schon da.

Frau Dr. Bauer, die zweite Geschäftsführerin, die der Aufsichtsrat in Aussicht genommen hatte und die wir formell heute bestellen würden, war schon da. Sie war eine Frau Anfang fünfzig, kurze graue Haare, schmale Brille, dunkelblauer Anzug. Ich kannte sie aus den Akten. Sie war seit vielen Jahren in der zweiten Reihe der Gruppe. Ich hatte gestern zugestimmt, dass sie heute hochgehoben würde.

Ein vierter Mann saß ebenfalls am Tisch. Dr. Vogt, der Aufsichtsratsvorsitzende der vergangenen sechs Jahre, der in der Hauptversammlung gestern das Mikrofon geführt hatte. Er war heute hier, um den Vorsitz formell an mich zu übergeben.

Sie standen alle auf, als ich eintrat.

Ich blieb in der Tür stehen.

„Bitte setzen Sie sich.“

Sie setzten sich.

Ich ging zu meinem Platz. Es war der Platz am Kopf des Tisches, der Platz, der am weitesten vom Eingang entfernt war. Weber hatte ihn mir am Vormittag empfohlen. Ich hatte zugestimmt.

Frau Dr. Stelzer hatte mir einen Tee hingestellt, ohne zu fragen. Ich nahm ihn nicht sofort.

Ich legte die Hände auf den Tisch. Ich sah die Anwesenden der Reihe nach an.

„Ich danke Ihnen, dass Sie heute gekommen sind.“

Es war ein einfacher Satz. Es war kein Eröffnungssatz mit Gewicht. Er sollte keines haben.

„Wir haben heute drei Tagesordnungspunkte. Erstens die formelle Übernahme des Vorsitzes. Zweitens die Bestellung der zweiten Geschäftsführung. Drittens die Verabredung der ersten Schritte.“

Vogt nickte.

„Sollen wir beginnen?“

„Bitte.“

Die Übernahme war kurz.

Vogt hatte das Protokoll der gestrigen Versammlung mitgebracht. Er las den entsprechenden Beschluss vor. Er reichte mir die Mappe. Ich unterschrieb. Er unterschrieb. Schmidt unterschrieb als Sprecher der Geschäftsleitung. Heinrich Altmann unterschrieb als beratendes Mitglied, das wir gestern zusätzlich aufgenommen hatten.

Es dauerte drei Minuten.

Danach übergab Vogt mir formell den Vorsitz, indem er das Mappenpaket zu meiner Seite des Tisches verschob. Es war eine Geste, die von einer früheren Generation kam. Ich nahm sie ernst.

„Ich danke Ihnen, Dr. Vogt.“

„Ich danke Ihnen, Frau Richter.“

Er sagte es ohne Pathos. Er hatte gestern viel gesagt. Heute hatte er fast nichts mehr zu sagen.

Die Bestellung der zweiten Geschäftsführung war ebenfalls kurz.

Ich fragte Frau Dr. Bauer, ob sie das Amt annehmen wolle. Sie sagte ja. Ich fragte, ob sie zur Zusammenarbeit mit Herrn Schmidt bereit sei. Sie sagte ja. Ich fragte Schmidt, ob er zur Zusammenarbeit mit Frau Dr. Bauer bereit sei. Schmidt sagte ja.

Wir stimmten ab. Einstimmig.

Frau Dr. Bauer unterschrieb. Ich unterschrieb. Heinrich Altmann unterschrieb. Vogt blieb stehen, um den Vorgang formal zu beobachten, und unterschrieb dann ebenfalls.

„Frau Dr. Bauer, herzlich willkommen.“

Sie nickte.

„Frau Richter.“

Dann kam der dritte Punkt.

Ich hatte ihn am Vorabend mit Heinrich vorbereitet. Wir hatten in der Schublade einen kurzen Plan ausgelegt. Ich nahm ihn jetzt heraus.

„Ich werde Ihnen heute keine große Strategie vortragen“, sagte ich. „Es ist nicht der Tag dafür.“

Schmidt sah einen Augenblick auf.

„Wir werden behutsam vorgehen“, sagte ich.

Es war der Satz, den Margot mir am Vorabend ans Herz gelegt hatte. Sie hatte gesagt: „Sagen Sie diesen Satz, Emilia. Sagen Sie ihn früh. Er wird die Hälfte der Sorgen im Raum auflösen.“

Ich sah, wie sich die Schultern von zwei Anwesenden um einen halben Zentimeter senkten.

„In den nächsten sechs Wochen werden wir keine personellen Änderungen vornehmen, die nicht zwingend nötig sind. Verträge mit Lieferanten, Banken und Kunden bleiben bestehen. Laufende Projekte werden nicht verändert. Ich werde mich zunächst einarbeiten.“

Schmidt nickte.

„In drei Wochen werden wir uns wieder treffen. Bis dahin bitte ich um eine kurze schriftliche Einschätzung der Lage in jedem operativen Bereich. Eine Seite. Mehr nicht.“

„Eine Seite“, wiederholte Frau Dr. Bauer.

„Eine Seite. Ich werde lange Dokumente nicht honorieren. Ich werde kurze Dokumente lesen.“

Heinrich Altmann lächelte kaum sichtbar. Er hatte mir den Satz nicht gegeben. Aber er hatte ihn zwei Wochen vorher in einem Gespräch über meinen Vater erwähnt, ohne zu wissen, dass ich ihn behalten würde.

Ich sah einmal in den Hof hinaus.

Auf dem Kastanienbaum saß ein Vogel. Er saß ruhig. Er sah nicht in den Saal hinein. Er sah in die Richtung des Foyers.

Ich wandte mich zurück zum Tisch.

„Es gibt eine Frage, die ich heute kurz ansprechen möchte. Die Wohnung am Englischen Garten.“

Schmidt hob die Augenbrauen. Er hatte die Wohnung in dem ihm vorliegenden Plan noch nicht erwartet.

„Sie ist Teil der privaten Vermögenstrennung“, sagte ich. „Sie geht uns operativ nichts an. Aber sie wird verkauft. Das wird in den nächsten Wochen geschehen. Es ist möglich, dass eine Person aus unserem Umfeld davon Kenntnis erhält und Fragen stellt. In dem Fall verweise ich auf den scheidenden Vorstand und auf seinen Anwalt.“

Schmidt nickte einmal.

„Verstanden.“

Ich schloss die Mappe.

„Gibt es Fragen?“

Frau Dr. Bauer hob die Hand, einen halben Zentimeter, wie man es in einem Saal tut, in dem man neu ist.

„Frau Dr. Bauer.“

„Frau Richter, die Pressestelle hat heute Vormittag drei Anfragen zur gestrigen Hauptversammlung erhalten. Eine von der Süddeutschen, eine vom Handelsblatt, eine von der Wirtschaftswoche. Wie sollen wir reagieren?“

„Wir kommentieren nicht über die Erklärung von gestern hinaus. Sollte sich jemand auf private Vorgänge beziehen, verweist die Pressestelle auf die persönliche Sphäre und beendet das Gespräch höflich.“

„Verstanden.“

Schmidt hob ebenfalls die Hand.

„Herr Schmidt.“

„Frau Richter, der Aufsichtsrat sollte über die Liquiditätslage informiert werden. Die Lage hat sich in den letzten zwei Wochen leicht entspannt, durch die Konsolidierung der Berliner Geschäfte. Aber sie ist noch nicht ganz stabil.“

„Wie nahe an der Stabilität?“

„Sechs Wochen, vielleicht acht. Wenn keine Überraschungen kommen.“

„Gut. Halten Sie mich wöchentlich auf dem Laufenden, mit einer kurzen Notiz. Eine halbe Seite.“

„Eine halbe Seite, Frau Richter.“

Heinrich Altmann sah zu mir herüber.

„Frau Richter, eine Bitte.“

„Bitte, Heinrich.“

„Wenn Sie es erlauben, würde ich gerne im Lauf der nächsten zwei Wochen einige der älteren Mitarbeiter einzeln besuchen. Nur, um zu hören, wie sie die Lage einschätzen.“

Ich sah ihn an.

„Sie kennen sie alle?“

„Die meisten. Manche kannten Ihren Vater.“

„Dann tun Sie das. Bitte berichten Sie mir mündlich. Nicht schriftlich.“

„Gut.“

Die Sitzung dauerte vierzig Minuten.

Es war kürzer, als die Anwesenden erwartet hatten. Es war länger, als nötig gewesen wäre. Es war das richtige Maß.

Ich schloss um Punkt dreizehn Uhr vierzig.

„Ich danke Ihnen.“

Sie standen auf. Sie sammelten ihre Mappen ein. Vogt kam noch einmal zu mir, drückte mir kurz die Hand, ohne ein Wort, und ging dann. Frau Dr. Bauer nickte mir zu, in einer Form, die mir mitteilte, dass sie mich verstanden hatte. Schmidt blieb noch einen Moment.

„Frau Richter.“

„Herr Schmidt.“

„Es ist… ich möchte nichts sagen, was unangemessen wäre.“

„Dann sagen Sie nichts.“

Er nickte.

„Ich melde mich nächsten Montag.“

„Bitte.“

Er ging.

Heinrich blieb als Letzter.

Er stand am Fenster. Er sah auf den Kastanienbaum hinaus. Er drehte sich nicht um.

„Frau Richter.“

„Heinrich.“

„Ihr Vater hat einmal gesagt, dass eine erste Sitzung wie eine erste Mahlzeit am Krankenbett ist. Man sollte nichts Besonderes essen. Nur etwas, was man kennt.“

„Hat er das gesagt?“

„Er hat es zu mir gesagt, vor sehr vielen Jahren, in einem kleinen Konferenzraum, der diesem nicht ganz unähnlich war.“

„Und?“

„Sie haben heute etwas gegessen, was Sie kennen.“

Ich nickte.

Er drehte sich nicht um.

„Frau Richter, eine letzte Sache.“

„Bitte.“

„Anne, die Sekretärin von Herrn Hartmann.“

„Ja?“

„Sie ist heute nicht im Haus.“

„Wo ist sie?“

„Sie hat vor drei Tagen einen Brief an die Personalabteilung geschickt. Sie hat einen Termin gebeten. Mit Ihnen.“

Ich sah ihn an.

„Mit mir persönlich?“

„Ja.“

„Wann?“

„Sie ließ mitteilen, sie würde sich Ihnen nach der Hauptversammlung anvertrauen, wenn Sie Zeit hätten. Sie hat heute Urlaub genommen.“

„Sie hat Urlaub genommen.“

„Ja.“

Ich verstand.

Anne hatte am Donnerstag in der Hauptversammlung gesessen, irgendwo in der mittleren Reihe, als Marks Sekretärin. Sie hatte gehört, was Weber vorgelesen hatte. Sie hatte heute zu Hause gewartet, statt zu arbeiten.

Sie wartete auf einen Schritt, den sie selbst nicht beginnen wollte.

„Heinrich.“

„Ja?“

„Sagen Sie der Personalabteilung, ich werde Anne kommende Woche einen Termin anbieten. Ich werde ihn selbst geben. Frau Lehmann soll mir einen Vorschlag machen.“

„Verstanden.“

Er drehte sich um.

„Frau Richter.“

„Ja?“

„Sie haben es gut gemacht.“

„Es war nichts zu machen, Heinrich.“

„Eben.“

Er lächelte kurz.

Er ging.

Ich blieb noch einen Augenblick im Saal.

Frau Dr. Stelzer kam herein. Sie räumte die leeren Tassen auf das Tablett. Sie räumte das Tablett vom Tisch. Sie hielt einen Moment inne.

„Frau Richter, soll ich das Fenster öffnen?“

„Bitte.“

Sie öffnete das Fenster.

Die Luft kam herein, kühl, mit dem leichten Geruch von feuchtem Stein, wie er sich am Vormittag in einem Innenhof sammelt, der wenig Sonne bekommt.

Ich stand auf.

Ich ging zum Fenster.

Auf dem Kastanienbaum saß der Vogel nicht mehr. Er war weitergeflogen.

In der Ecke des Innenhofs, hinter dem alten Fahrradständer, sah ich etwas, was ich gestern noch nicht bemerkt hatte. Ein parkendes Auto. Ein dunkler Wagen. Nicht das Auto von Schmidt. Auch nicht das Auto von Heinrich.

Es war Marks Auto.

Es stand auf seinem alten Stellplatz.

Ich sah es einen Augenblick an.

Dann wandte ich mich vom Fenster ab.

Das Auto war heute hier, weil Mark gestern Abend, nachdem die Versammlung vorbei gewesen war, seinen Schlüssel in dem Saal gelassen hatte, und niemand hatte es gewagt, ihn anzurufen.

Ich nahm meine Mappe.

Ich ging.

Im Vorzimmer wartete Frau Lehmann.

Sie war heraufgekommen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Sie hielt eine schmale Mappe in der Hand. Sie hatte einen Termin für mich bei Heinrich Altmann am Montagvormittag eingetragen, eine Besprechung mit Frau Dr. Bauer am Dienstagnachmittag, und sie hatte einen Wunschtermin für Anne notiert: am Mittwoch um halb vier.

„Frau Richter.“

„Frau Lehmann.“

„Soll ich Sie zum Notar fahren lassen?“

„Wir haben um sechzehn Uhr Termin in der Briennerstraße.“

„Margot Lenz hat ihren Wagen schon hierher beordert. Er steht unten in der Maximilianstraße.“

„Dann gehe ich hinunter.“

Sie nickte.

„Frau Richter.“

„Ja?“

„Ein letztes.“

„Bitte.“

„Frau Bauer hat mich gerade gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass die Liquiditätsmeldung der Hausbank heute Vormittag eingegangen sei. Es gibt keine Überraschungen.“

„Gut.“

„Frau Bauer sagte auch, sie wisse, dass dies heute keine Information sei, die Sie suchten. Aber sie wisse, dass es eine Information sei, die Sie zu wissen verdient hätten.“

Ich sah Frau Lehmann an.

„Sie sagte das so?“

„Sie sagte das so.“

Ich nickte.

„Danke, Frau Lehmann.“

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