Kapitel 25: Margot meldet sich
Der Brief lag am Donnerstag im Briefkasten.
Frau Brandl brachte ihn zum Frühstück herein, zusammen mit einer Handvoll Werbung und einer Rechnung vom Gärtner. Sie legte den Umschlag obenauf, damit ich ihn zuerst sah. Sie tat das manchmal. Sie hatte ein Gefühl für Papier.
Der Umschlag war hellgrau. Kein Logo. Die Handschrift auf der Vorderseite war schmal, geneigt, mit langen Unterlängen, wie man sie in Klosterschulen vor siebzig Jahren gelernt hatte. Mein Name stand dort in der gleichen Form, in der sich nur Menschen anschreiben, die einander lange kennen.
Ich legte den Umschlag neben mein Glas Wasser. Ich frühstückte erst.
Frau Brandl sah mich an.
„Sie machen ihn nicht auf?“
„Doch. Später.“
Sie nickte.
Ich kannte die Handschrift. Ich kannte sie seit meinem dreizehnten Geburtstag, als ich zum ersten Mal einen Umschlag mit ihrer Hand bekommen hatte. Ein Bogen Papier mit zwei Zeilen darauf: „Liebe Emilia, werde nicht zu schnell klug. Das schadet den anderen. Margot Lenz.“
Ich hatte den Bogen bis heute.
—
Später, im Arbeitszimmer, öffnete ich den Brief.
Vier Zeilen.
*Liebe Emilia,*
*Ihre Mutter fehlt mir nach fünfzehn Jahren noch immer. Ich hätte mich früher melden sollen. Wenn Sie Zeit für einen Kaffee finden, kommen Sie, wann es Ihnen passt. Ich bin fast immer zu Hause, was ein Vorteil meines Alters ist.*
*Herzlich, Margot Lenz*
Unter der Unterschrift eine Telefonnummer, die ich schon einmal in einem alten Notizbuch meiner Mutter gesehen hatte.
Ich legte den Brief auf den Schreibtisch.
Ich las ihn noch einmal, ohne ihn aufzunehmen.
Dann stand ich auf, ging zum Fenster, sah in den Garten. Die Buchen waren noch kahl, aber die Knospen hatten begonnen, sich zu füllen. Das Licht war weich, das März-Licht, das in München manchmal aussieht, als sei es sich seiner Absicht noch nicht ganz sicher.
Ich dachte an meine Mutter.
Ich dachte nicht oft an sie. Das war kein Vermeiden. Es war nur eine Eigenschaft von fünfzehn Jahren. Meine Mutter war gestorben, als ich dreiundzwanzig war. Sie hatte es ruhig getan, ohne Drama, in einem Zimmer mit weißen Wänden, während draußen der erste Schnee fiel. Mein Vater hatte neben ihr gesessen, und ich hatte an der Tür gestanden, weil ich nicht wusste, wohin mit mir. Jan war aus London geflogen, zu spät.
Margot war am Nachmittag darauf gekommen. Sie hatte mich nicht in die Arme genommen. Sie hatte sich in die Küche gesetzt und gesagt: „Emilia, kochen Sie mir einen Kaffee.“ Das hatte ich getan. Ich hatte Wasser aufgesetzt, Bohnen gemahlen, Milch aufgewärmt. Ich hatte eine Viertelstunde etwas gehabt, das ich tun konnte. Erst danach hatte sie den Tod meiner Mutter mit mir angesprochen, in wenigen Sätzen, so, als sei er kein Unglück, sondern eine Nachricht, die wir nun gemeinsam weitertragen mussten.
Ich hatte sie danach lange nicht gesehen.
Die Schuld lag bei mir. Nicht bei ihr.
—
Ich rief am Nachmittag an.
Ich hob das Haustelefon ab, nicht das Handy. Das Haustelefon war aus den Achtzigern, beige, mit Wählscheibe, das mein Vater nie ausgetauscht hatte. Es klang immer noch so, wie ein Telefon klingen sollte.
Eine Frau meldete sich mit dem einen Wort, das sich nie ändert:
„Lenz.“
„Frau Lenz. Hier ist Emilia Hartmann. Richter.“
Ein kurzes Atmen.
„Richter“, sagte sie. „Ich hatte gehofft, dass Sie es so sagen würden. Wann passt es Ihnen?“
„Nach Ihnen.“
„Sehr gut. Dann kommen Sie am Samstag um vier. Tee oder Kaffee?“
„Kaffee.“
„Milch?“
„Schwarz.“
„Wie Ihre Mutter.“
Ich sagte nichts. Sie hatte nicht gewartet auf eine Antwort.
„Samstag um vier, Prinzregentenstraße. Die Nummer steht im Telefonbuch. Das Telefonbuch ist in Ihrer Generation vielleicht nicht mehr geläufig. Ich nenne Ihnen auch die Hausnummer, sicherheitshalber.“
Sie nannte sie.
„Frau Hartmann. Emilia. Bitte machen Sie sich nichts zurecht. Kommen Sie, wie Sie sind. Ich bin alt und sehe, was sich lohnt.“
Sie legte auf, bevor ich eine Höflichkeit formulieren konnte.
—
Samstag um zehn vor vier stand ich vor dem Haus in der Prinzregentenstraße.
Es war eine Jugendstilfassade mit drei Erkern und einem Portal, dessen Messinggriffe in der Nachmittagssonne matt glänzten. Ich hatte mich entschieden, zu Fuß zu kommen, obwohl das vom Englischen Garten aus eine gute halbe Stunde war. Ich war langsamer als früher. Ich war unterwegs dreimal stehengeblieben und hatte auf den Verkehr gesehen, ohne ihn zu zählen. Das machte ich jetzt öfter.
Im Hausflur roch es nach Bohnerwachs. Der Aufzug war eine alte Kabine aus dunklem Holz mit einem Spiegel, in dem man nicht allzu genau aussehen sollte. Ich fuhr in den zweiten Stock.
Margot öffnete selbst.
Sie war kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte. Das war neu. Alles andere war gleich: das schmale Gesicht, die hellgrauen Augen, das Haar, das sie in einem tiefen Knoten trug, heute ohne Kamm, nur mit einer einzelnen Spange.
„Emilia.“
„Frau Lenz.“
„Margot. Das wäre mir lieb.“
„Margot.“
Sie trat einen Schritt zurück, damit ich eintreten konnte.
Die Wohnung war so, wie sie sein musste. Hohe Decken, Stuck, ein Parkett, das unter Schritten nur leise nachgab. An den Wänden Bilder, die kein Fremder gekauft hätte: eine kleine Kreidezeichnung, eine Sepiafotografie von Venedig, ein Gemälde, das vielleicht ein Corinth war und vielleicht keiner. Auf dem Flurtisch eine große Schale mit Äpfeln.
Sie führte mich in den Salon.
Der Kaffee war schon fertig. Zwei Tassen aus dünnem Porzellan. Ein Teller mit kleinen Keksen, die aussahen, als seien sie gekauft, und schmeckten, als seien sie gebacken.
Wir setzten uns.
Sie goss ein, ohne zu fragen.
„Schwarz“, sagte sie. „Wie Ihre Mutter.“
Sie sah mich an. Für einen Moment tat ich etwas, was ich selten tat. Ich sah zurück, ohne zu lächeln.
„Sie war eine kluge Frau“, sagte Margot. „Sie haben ihre Augen.“
„Das haben viele gesagt.“
„Weil es stimmt. Die Dinge, die viele sagen, haben manchmal recht. Selten, aber es kommt vor.“
Ich trank einen Schluck.
Der Kaffee war gut. Nicht überraschend gut. Einfach gut.
—
„Emilia.“
„Ja.“
„Ich will Sie nicht überfordern. Ich bin nicht hier, um Mitgefühl zu zeigen. Ich halte Mitgefühl in unserer Generation für überstrapaziert. Ich möchte nur etwas sagen, das ich lange nicht gesagt habe. Dann trinken wir unseren Kaffee.“
„Gut.“
Sie wartete, bis sie sicher war, dass ich wirklich hinhörte.
„Ihre Mutter war eine Frau, die nie wusste, wie klug sie war. Das war manchmal anstrengend. Ich habe sie einmal gefragt, warum sie Ihren Vater geheiratet hat, der damals weniger fein war, als er später wurde. Sie hat gesagt: Weil er mich nicht klein macht. Das ist ein Satz, den ich nie vergessen habe.“
Margot hob ihre Tasse, trank, stellte sie wieder ab.
„Ich habe Sie nicht näher begleitet, Emilia. Das war kein Zufall. Ich habe gesehen, wen Sie geheiratet haben. Ich hatte keinen Wunsch, dabei zu sein.“
„Sie waren höflich.“
„Ich war feige. Das ist etwas anderes. Aber ich entschuldige mich dafür nicht. Entschuldigungen unter Frauen meines Alters sind meistens Eitelkeit. Ich möchte Ihnen lieber sagen, was ich wirklich denke.“
„Bitte.“
„Ihr Vater war einer der wenigen ehrlichen Männer, die ich in dieser Stadt gekannt habe. Er hat Fehler gemacht. Er hat nicht alles gesehen. Er hat sich manchmal zu lange auf seine Ehre verlassen, und Ehre ist ein zweischneidiger Freund. Aber er war ehrlich. Ich sage Ihnen das, weil ich nicht will, dass Sie ihn in den nächsten Jahren weniger verteidigen, als er verdient.“
Ich sah auf meine Tasse.
„Warum sollte ich ihn weniger verteidigen?“
„Weil Sie Dinge lesen werden, die Sie aus der Fassung bringen könnten. Und weil Sie klug genug sind, zu fragen, wie er eine bestimmte Unterschrift zustande gebracht hat. Ich weiß nicht, welche Unterschrift. Das ist nicht meine Sache. Aber dass es eine gibt, weiß ich. Ich habe Ihre Mutter kurz vor ihrem Tod gefragt, warum sie nicht öfter ausgegangen sei in den letzten Jahren. Sie hat gesagt: Weil ich warte, dass etwas vorbeigeht. Das war mir zu wenig Erklärung. Heute denke ich, es war eine, die vollkommen ausreichte.“
Margot lehnte sich zurück. Sie sah einen Moment lang nicht mich an, sondern ein Bild an der Wand.
„Ihr Mann“, sagte sie. „Mark. Ich nenne ihn jetzt bei Vornamen, weil ich das für eine Kürze halte, keine Freundlichkeit.“
„Das macht nichts.“
„Mark ist nicht wie Ihr Vater. Er hat Ihren Vater nie verstanden, und er hat Sie nie verstanden. Das ist nicht allein Marks Fehler. Es ist auch eine Eigenschaft unserer Zeit. Männer wie er können ehrgeizig sein, ohne neugierig zu sein. Das war früher seltener.“
„Sie wissen viel über die Hartmann Gruppe.“
„Ich weiß, was man weiß, wenn man in dieser Stadt fünfzig Jahre bei Empfängen gewesen ist und nie den Mund zu weit aufgemacht hat. Ich erzähle Klatsch nicht. Aber ich höre ihn.“
„Was hören Sie gerade?“
Sie sah mich jetzt wieder an.
„Dass Sie zurück sind, Emilia. Und dass manche Leute wieder genauer hinhören, wenn Ihr Mädchenname fällt. Ich finde, das war überfällig.“
Ich schwieg.
„Ich habe Ihnen nicht geschrieben, um etwas von Ihnen zu wollen. Das weiß ich selbst. Ich habe Ihnen geschrieben, weil Ihre Mutter mich heute noch daran erinnert, dass man Menschen, die man gern hat, nicht erst wiedersieht, wenn es zu spät ist.“
Sie hob ihre Tasse.
„Und ich habe einen sehr guten Kaffee. Das ist ein zweiter Grund.“
Ich lachte leise.
„Ja“, sagte ich. „Der Kaffee ist gut.“
—
Wir sprachen noch über anderes.
Über eine Ausstellung, die sie besucht hatte. Über ein Buch, das sie lesen wollte und nicht gelesen hatte. Über einen Musikverein, in dem ihr Mann vor Jahren im Vorstand gewesen war. Einmal nannte sie den Namen einer Frau, die ich nicht kannte, und hielt dann inne und sagte: „Unwichtig für Sie. Man gewöhnt sich an, alte Namen zu erwähnen. Ignorieren Sie.“
Sie ließ mir genau eine Stunde.
Als die Uhr im Flur fünf schlug, stand sie auf.
„Ich schicke Sie jetzt fort, Emilia. Nicht, weil ich Sie nicht länger gern hätte. Sondern weil ich weiß, wie es ist, wenn man nach Begegnungen mit älteren Damen nach Hause fährt. Man braucht Zeit, das zu ordnen. Ich gebe Ihnen diese Zeit.“
Sie brachte mich zur Tür.
Dort hielt sie mich kurz am Unterarm.
„Emilia.“
„Ja.“
„Kommen Sie wieder. Nicht, weil ich es brauche. Weil Ihre Mutter es gemocht hätte.“
Sie drückte meinen Arm leicht. Es war keine Umarmung. Es war weniger als eine Umarmung, und es war mehr.
Dann schloss sie die Tür.
—
Ich fuhr mit dem alten Aufzug hinunter.
Auf der Straße, in der Sonne, blieb ich einen Moment stehen. Vor mir fuhr ein Taxi vorbei. Ein Junge lief mit einem Hund am langen Band.
Ich ging zu Fuß zurück, obwohl ich müde war.
Zu Hause setzte ich mich nicht gleich hin. Ich trank ein Glas Wasser. Ich öffnete die Schublade im Arbeitszimmer.
Ich schrieb ins Heft.
Datum. Ein Wort.
„Margot.“
Mehr nicht.
Dann schloss ich die Schublade wieder.
—
Abends saß ich noch eine Weile im Wohnzimmer.
Frau Brandl war schon gegangen. Sie hatte mir vor ihrem Gehen kurz gesagt, dass sie es schön finde, wenn ich heimkomme und mein Gesicht nicht angestrengt sei. „Sie haben vorhin anders ausgesehen, Frau Hartmann.“ — „Anders wie?“ — „Nicht müder. Nicht fröhlicher. Nur anders. So, als wenn jemand etwas für Sie erledigt hätte.“ Ich hatte gelächelt.
Ich machte mir einen kleinen Tee und las einen Brief der Frau von Stein zu Ende. Ich verstand nicht alles, was sie meinte. Aber ich mochte die Art, wie sie über ihren Sohn schrieb, in zwei Sätzen mehr, als mancher Mensch in zwanzig über sein eigenes Kind sagt. Das war eine Kunst, die man in bestimmten Generationen konnte und in anderen nicht.
Dann schloss ich das Buch.
Die Straßenlaterne brannte.
Ich ging hinauf.