Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 41: Vor der Sitzung

Die zwei Wochen vergingen langsamer, als ich gedacht hatte.

Das ist vielleicht das Seltsame am Warten, wenn man weiß, worauf man wartet: Man meint, es werde schneller gehen, weil man den Termin vor sich hat. Aber die Tage gehen ihren Schritt, und der Termin rückt heran, ohne dass die Tage dabei schneller würden.

Ich richtete mich ein auf die Langsamkeit.

Ich stand morgens früh auf. Ich ging in den Garten. Ich schnitt die letzten abgestorbenen Triebe am Flieder zu Ende. Ich steckte zwei Töpfe mit Kräutern, die Frau Brandl mir im Viktualienmarkt besorgt hatte. Ich saß vormittags im Arbeitszimmer meines Vaters. Ich ging nachmittags lange durch den Englischen Garten. Ich aß wenig, aber regelmäßig. Ich schlief. Ich nahm kein Telefon, das nicht von Weber oder Clara oder Jan war.

Mark rief zweimal an. Ich nahm nicht ab. Er schickte eine SMS. Ich las sie nicht.

Dr. Haller kam am Dienstag, wie verabredet. Er blieb zwei Stunden, länger, als er gewollt hatte. Wir tranken Kaffee im Salon, wir gingen durch das Arbeitszimmer meines Vaters, wir sprachen wenig, und das, was wir sprachen, war genug. Er ging, ohne zu versprechen, aber mit einem Handschlag, der länger war, als Handschläge in München normalerweise sind.

Am Donnerstag vor der Sitzung holte ich die Mappe aus der Schublade.

Es war spät am Vormittag. Frau Brandl war einkaufen. Die Villa lag still. Die Sonne stand schräg durch die Fenster des Arbeitszimmers, und der Staub, den es nirgendwo gab, war in den schmalen Streifen Licht trotzdem sichtbar.

Ich legte die Mappe auf den Schreibtisch.

Ich hatte sie in den letzten Monaten mehrmals durchgeblättert. Ich hatte alles gelesen. Aber ich hatte nicht alles gelesen in einem Zug, mit dem Wissen, dass die Sitzung in wenigen Tagen kommen würde.

Ich begann vorne.

Die ersten Dokumente waren unscheinbar. Briefwechsel meines Vaters mit einem Anwalt in Augsburg aus dem Jahr 1998, Erörterungen über die Struktur eines kleinen Grundstücks am Chiemsee. Dann kam ein Konvolut aus dem Jahr 2000, die Gründungsurkunde der neuen Gesellschaft, mit der er sein Büro in München an einen neuen Ort gebracht hatte. Dann 2002, die Vorbereitungen für die Fusion mit Marks Firma. Dann 2003, die eigentliche Fusion.

Ich las langsam. Ich hatte Zeit.

In der Mappe lag auch ein handgeschriebener Bogen meines Vaters, den ich erst vor zwei Wochen entdeckt hatte. Er war zwischen zwei offiziellen Dokumenten geklemmt. Er bestand aus sechs Zeilen.

>*M. Hartmann — seit November gedrängt. Er verlangt Neugewichtung. 50-40-10. Habe nicht zugestimmt. Werde auch nicht. Ich habe E. versprochen, das nicht zu ändern. Brief an F. Haller nächste Woche.* > >*— HR, 28.XII.2004*

Ich hielt den Bogen kurz in der Hand.

Mein Vater hatte zwei Monate, bevor er gestorben war, Dr. Haller einen Brief schreiben wollen. Er hatte den Brief nicht mehr geschrieben. Das war eine der vielen Dinge, die er nicht mehr geschrieben hatte.

Ich legte den Bogen zurück.

Clara kam am Abend.

Sie brachte nichts mit diesmal. Das war neu. Sie setzte sich nur in die Küche, zog die Jacke aus, stellte die Füße unter den Stuhl und sagte: „Heute lass mich nur hier sitzen.“

„Gern.“

Frau Brandl hatte Tee gemacht. Pfefferminz, aus dem Garten, die letzten Blätter des Vorjahres. Clara nahm die Tasse in beide Hände.

„Wie fühlst du dich?“

„Ruhig.“

„Wirklich ruhig?“

„Wirklich ruhig.“

„Hast du die Schuhe schon ausgesucht?“

„Clara.“

„Was. Das ist wichtig.“

Ich lachte.

„Die grauen.“

„Die flachen?“

„Die halbhohen. Die grauen.“

„Gut. Und der Anzug?“

„Der dunkelblaue meiner Mutter.“

Clara sah auf.

„Den hast du noch?“

„Ich habe ihn behalten. Ich habe ihn einmal versucht, als ich fünfunddreißig war. Er passt jetzt besser als damals.“

„Weil du dünner bist.“

„Weil ich älter bin.“

Sie lächelte leise.

„Das ist die richtige Antwort.“

Wir saßen eine Weile, ohne zu reden.

„Em.“

„Ja.“

„Hast du Angst?“

Ich dachte nach.

„Nein. Ich habe keine Angst. Ich habe keine Lust. Das ist nicht dasselbe.“

„Nein. Das ist nicht dasselbe.“

„Ich habe keine Lust, ihn zu sehen. Ich habe keine Lust auf den Saal. Ich habe keine Lust auf die dreißig Augen, die mich mustern werden, während ich hereinkomme. Ich gehe trotzdem.“

„Du gehst, weil du musst.“

„Ich gehe, weil ich möchte, dass mein Vater am Ende nicht verloren hat.“

Clara nickte langsam.

„Das ist auch eine richtige Antwort.“

Jan rief um halb neun an.

„Em.“

„Jan.“

„Ich komme.“

„Du kommst?“

„Nach München. Zur Sitzung. Ich bin am Montagabend da. Ich habe Quartier genommen. Ich bleibe die Woche.“

„Jan, das musst du nicht.“

„Ich weiß, dass ich das nicht muss.“

„Ich komme auch gut allein zurecht.“

„Ich weiß, dass du allein zurechtkommst.“

„Warum kommst du dann?“

Er schwieg einen Moment.

„Weil Vater nicht kommen kann. Und weil ich möchte, dass einer von uns beiden im Saal sitzt, wenn du sprichst.“

Ich sagte nichts für einen Moment.

„Gut“, sagte ich dann. „Dann komm.“

„Ich komme.“

„Wohnst du in der Villa?“

„Wenn du Platz hast.“

„Ich habe Platz. Ich habe die ganze Villa.“

„Dann die Villa.“

„Das alte Jungenzimmer steht leer.“

„Das alte Jungenzimmer ist perfekt.“

„Jan.“

„Ja.“

„Danke.“

„Sag das nicht.“

„Ich sage es trotzdem.“

Er legte nicht sofort auf. Er hörte eine Sekunde lang zu. Dann legte er auf.

Clara blieb, bis es elf Uhr war.

Sie umarmte mich an der Tür, kurz, fest.

„Bis Dienstag.“

„Bis Dienstag.“

„Ich komme nicht in die Sitzung. Das weißt du.“

„Ich weiß.“

„Aber ich warte im Cafè Luitpold. Hinten, am Fenster.“

„Ich komme vorbei, wenn es vorbei ist.“

„Nicht wenn du nicht willst.“

„Ich komme vorbei.“

Sie nickte.

„Schlaf gut.“

„Schlaf du auch.“

Ich ging nach dem Abschluss der Haustür noch einmal ins Arbeitszimmer.

Ich räumte die Mappe weg. Ich schloss die Schublade. Ich nahm den kleinen Messingschlüssel, den Frau Brandl mir vor Monaten gebracht hatte — er war der Schlüssel zur Schublade meines Vaters, den sie in einer Dose im Silberschrank aufbewahrt hatte, jahrelang —, und ich drehte ihn einmal um.

Die Schublade war zu.

Ich legte den Schlüssel in meine Manteltasche.

Ich würde ihn am Dienstag mitnehmen. Nicht, weil ich ihn brauchte. Sondern weil ein Schlüssel in einer Tasche in einer Sitzung manchmal leiser ist als tausend Worte.

Oben, in meinem alten Mädchenzimmer, machte ich das Fenster auf.

Es war eine helle, milde Nacht. Die Luft roch nach Erde, nach dem Flieder, der jetzt fast blühte, und nach dem Staubregen des Nachmittags, der irgendwo nördlich gefallen sein musste und hier nur als kühler Geruch angekommen war.

Ich stand einen Moment im Fenster.

Man sah von hier aus über den Garten, über die dunklen Bäume der Nachbargrundstücke, und dahinter, im Abstand von ein paar Kilometern, begann das Licht der Stadt. München lag in seinem Nachtlicht. Die Frauenkirche war nicht zu sehen, sie lag verdeckt hinter den Baumwipfeln, aber das warme, gelbliche Leuchten, das eine Stadt über sich trägt, wenn man sie aus einer ruhigen Straße heraus betrachtet, lag über dem östlichen Horizont wie eine flache, stille Decke.

Ich dachte nicht an Mark.

Ich dachte nicht an Haller, nicht an Weber, nicht an Schmidt, nicht an Sophia.

Ich dachte an meinen Vater, der einmal hier gestanden hatte, an diesem Fenster, in einer ähnlichen Nacht, im Februar 2005, und der eine Unterschrift nicht gesetzt hatte, die er hätte setzen sollen. Ich dachte an die Zeile, die er geschrieben hatte: *Ich habe E. versprochen, das nicht zu ändern*.

Er hatte ein Versprechen gegeben.

Er hatte es gehalten.

Der Rest war meine Arbeit.

Ich ließ das Fenster offen. Ich zog die Decke zu mir.

Ich schlief nicht sofort.

Ich lag eine Weile und hörte in das Haus hinein.

Das Haus war ein alter Bau, spätes neunzehntes Jahrhundert, und es knisterte, wenn es abkühlte. Das Holz der Treppenstufen gab nach, die Dielen unter den Teppichen atmeten, die Heizungsrohre, die Frau Brandl vor einer Stunde heruntergedreht hatte, klickten ab und zu, als sagten sie sich selbst, dass es Zeit war, sich zu beruhigen.

Ich dachte an Jan.

Mein Bruder war kein demonstrativer Mensch. Er war zwei Jahre nach mir gekommen, in eine Familie, die ihn von Anfang an anders behandelt hatte — nicht schlechter, aber anders. Er hatte in Hamburg Architektur studiert, war dort geblieben, hatte selten zurückgeschaut. Unsere Beziehung war lange zäh gewesen, bis zu dem Telefonat vor ein paar Wochen, in dem er wütend gewesen war und in dem ich zum ersten Mal verstanden hatte, dass seine Distanz nie Desinteresse gewesen war, sondern nur das, was die Distanz bei Männern wie ihm zu sein pflegt: ein Schutzraum.

Dass er kam, war mehr, als ich erwartet hatte.

Ich dachte kurz an meine Mutter. Sie hätte in ihrem leisen Stolz den Kopf geschüttelt, wenn sie gewusst hätte, dass ich in zwei Wochen im großen Sitzungssaal der Hartmann Gruppe sitzen würde. Sie hätte nicht „Du musst nicht“ gesagt. Sie hätte gesagt: „Setz dich nicht hin, ohne zu wissen, wie du wieder aufstehst.“ Das war ihre Art Weisheit gewesen. Praktisch, kurz, kein Ornament.

Ich würde wissen, wie ich wieder aufstand. Weber hatte mir das genau erklärt.

Das Fenster stand offen. Ein kühler Lufthauch kam herein, und der Geruch des Gartens, der um diese späte Stunde nach Erde und dunklem Holz roch. Ich zog die Decke höher.

Der letzte Gedanke, bevor ich einschlief, war seltsamerweise nicht Mark. Er war nicht die Sitzung. Er war nicht Haller, nicht Weber, nicht Schmidt, nicht Jan, nicht Clara.

Der letzte Gedanke war die Amsel im Garten, die vor anderthalb Wochen versucht hatte, einen Wurm aus dem Rasen zu ziehen, und die es am Ende aufgegeben und sich mit dem halben Wurm zufriedengegeben hatte.

Ich lächelte im Halbschlaf.

Manchmal ist das die richtige Strategie. Man zieht, so lange es geht. Was man kriegt, kriegt man. Der Rest bleibt in der Erde.

Ich schlief ein.

Draußen über München lag das Nachtlicht der Stadt wie eine flache, stille Decke.

Morgen in zwei Wochen.

In der Nacht kam ein kurzer Regen.

Ich hörte ihn im Halbschlaf, das leichte Klopfen auf dem Vordach des Erkers, das Rauschen in den Bäumen des Nachbargrundstücks. Er dauerte nicht lang. Gegen drei Uhr morgens war alles wieder still.

Ich wachte einmal kurz auf und sah zum Fenster. Die Vorhänge bewegten sich leicht. Die Luft, die hereinkam, roch nach frischer Erde und nach nassem Laub. Ich hörte den letzten Tropfen von einem Ast fallen, dann einen zweiten, dann nichts mehr.

Ich schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen stand ich früher auf als sonst.

Ich machte mir selbst Kaffee, bevor Frau Brandl in die Küche kam. Ich trug die Tasse ins Arbeitszimmer meines Vaters. Ich setzte mich an seinen Schreibtisch. Ich legte die Hände vor mich.

Noch dreizehn Tage.

Ich würde sie nicht zählen. Ich würde sie leben.

Ich blieb eine Stunde am Schreibtisch, ohne etwas zu tun. Dann stand ich auf, ging in die Küche, sah Frau Brandl, die inzwischen ihren eigenen Kaffee gemacht hatte, und setzte mich mit ihr an den Küchentisch.

Sie sah mich kurz an.

„Gut geschlafen?“

„Ja.“

„Das freut mich.“

„Mich auch.“

Sie trank ihren Kaffee. Ich trank meinen. Draußen wurde es heller.

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