Kapitel 100: Ein Jahr
Es war der achtundzwanzigste November.
Genau ein Jahr, seit Mark in das Zimmer im Klinikum getreten war.
Ich hatte das Datum in den letzten Wochen mit mir getragen, ohne dass ich es bewusst aufgerufen hätte. Es war eine jener Erinnerungen, die der Körper eher führt als der Kopf. Der Körper weiß, an welchem Tag eine Tür ins Schloss gefallen ist. Er weiß es, ohne dass man es ihm sagt. Er weiß es, weil er an solchen Tagen früher aufwacht, weil er das Fenster anders öffnet, weil er auf eine Stille hört, die er sonst nicht so genau hört.
Ich war heute um halb sechs aufgewacht.
Es war noch dunkel.
—
Ich blieb einen Moment liegen.
Im Schlafzimmer war es kühl. Frau Brandl hatte am Vorabend den Kamin im Erdgeschoss noch einmal angeschürt, aber die Wärme war in der Nacht nach unten gesunken, wie sie es im November zu tun pflegte. Ich zog die Decke höher. Ich hörte einen Augenblick lang nichts. Dann eine Amsel, weit weg, nur einmal, dann nicht mehr.
Ich stand auf.
Ich ging im Morgenmantel zum Fenster.
—
Über der Isar lag Frühnebel.
Es war einer dieser Münchner Novembertage, an denen das Tal des Flusses sich mit einem hellen, trockenen Nebel füllte, der an den Brücken hängenblieb, an den Mauern der Villen aufstieg, an den Kastanien hängenblieb, in den Gärten dünner wurde, dann dichter, dann wieder dünner. Der Nebel war heute höher als sonst. Er reichte bis an die Krone der ältesten Kastanie im Garten meiner Mutter.
Es war noch nicht ganz hell.
Im Lehel, auf der gegenüberliegenden Seite, brannten ein paar Fenster. Eines im ersten Stock eines Eckhauses. Zwei im Erdgeschoss einer Wohnung. Eines hoch oben, unter einer Dachschräge — ein Mensch, der heute auch früh aufgewacht war, der vielleicht ein Datum trug, das nur er kannte.
Ich blieb am Fenster stehen.
Ich öffnete es nicht weiter.
Ich öffnete es genau so weit, wie es schon offen war.
—
Ich dachte an das Klinikum.
Ich dachte an das Zimmer im sechsten Stock, an die Tür, die Mark damals geöffnet hatte, ohne zu klopfen. Ich dachte an die teuren Sohlen auf dem Linoleum. Ich dachte an den Aktenkoffer aus italienischem Leder. Ich dachte an Sophia, die unten im Auto gewartet hatte, von der ich heute wusste, dass sie inzwischen einen Galeristen heiratete und ein Kind erwartete. Ich dachte an den Stick unter dem Kissen.
Ich dachte daran, dass ich an jenem Vormittag gelächelt hatte.
Ich dachte daran, dass es ein kleines Lächeln gewesen war.
Ich dachte daran, dass dieses Lächeln mir vor einem Jahr nicht geheuer gewesen war. Es war ein Lächeln gewesen, das ich nicht ganz kannte. Es hatte in meinem Mund gestanden, ohne dass ich es eingeübt hätte.
Heute kannte ich es.
Heute war es nicht mehr klein.
Es war nicht mehr triumphierend, weil es das schon vor einem Jahr nicht gewesen war. Es war nicht mehr vorläufig, weil das Vorläufige sich in zwölf Monaten zu etwas anderem gefügt hatte. Es war ein Lächeln einer Frau, die wusste, dass sie an einem Vormittag im November in einem alten Haus in Bogenhausen am Fenster stand und über die Isar in einen Nebel sah, der nicht von ihr abhing.
—
Im Garten war es still.
Im Haus war es still.
Ich hörte unten die Tür der Küche, leise, dann das Wasser, das Frau Brandl in den Kessel laufen ließ. Es war noch nicht halb sieben. Sie war aufgestanden, ohne dass ich sie gerufen hätte. Sie wusste nicht, dass heute der achtundzwanzigste November war. Sie wusste nicht, dass heute ein Jahr war. Aber sie hatte gespürt, dass ich heute eine Tasse Tee früher brauchte, und sie hatte sich danach gerichtet.
Frau Brandl hatte in dreißig Jahren gelernt, ohne Daten zu rechnen.
Sie rechnete mit Schritten.
—
Ich ging hinunter.
Im Erdgeschoss brannte das Licht in der Küche.
Frau Brandl stand am Herd. Sie hatte den Tee aufgesetzt. Sie hatte eine Schale mit Honig herausgestellt, eine Tasse mit dem dünnen Henkel, eine kleine Schale mit den letzten Walnüssen aus dem Garten. Sie wandte sich um, als ich eintrat.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Sie sind früh.“
„Ja.“
Sie sah mich einen Augenblick an. Sie sah, was sie sehen musste. Sie sah nichts, was sie zu fragen hatte.
„Möchten Sie auf der Veranda?“
„Ja.“
„Ich bringe ihn hinaus.“
Sie goss den Tee in die Tasse.
—
Ich saß auf der Veranda.
Frau Brandl hatte mir die Decke aus dem Wäscheschrank geholt, jene Wolldecke meiner Mutter, die im Winter immer auf der Veranda lag. Sie legte sie über meine Knie. Sie stellte die Tasse vor mich. Sie ging zurück ins Haus, ohne mich zu fragen, ob ich noch etwas brauche. Sie wusste, dass ich an diesem Morgen nichts brauchen würde, was sie noch hätte holen können.
Ich saß lange.
Der Nebel hob sich langsam.
Er hob sich nicht ganz. Er hob sich nur so weit, dass die Spitzen der Kastanien wieder zu sehen waren, dann die ersten Dächer des Lehels, dann die Brückenbögen. Die Isar darunter blieb noch eine Weile unsichtbar. Sie war nur zu hören, in einem leisen, gleichmäßigen Geräusch, das sich nie änderte.
Ich trank den Tee langsam.
Ich dachte nicht an vieles.
Ich dachte an das Jahr, das hinter mir lag, ohne dass ich es im Einzelnen aufrief. Ich dachte an Clara, die im Frühjahr heiraten würde, an einen Tobias, den sie sich erlaubt hatte. Ich dachte an Margot, die heute Mittag mit mir essen würde, weil ich sie gestern Abend angerufen hatte und gesagt hatte: „Ich komme heute zu dir.“ Sie hatte nicht gefragt, warum. Sie wusste vermutlich, warum. Sie wusste solche Dinge.
Ich dachte an Jan, der in Hamburg aufstand, wenn ich aufstand, und der heute vermutlich in seinem Architekturbüro die Pläne für ein Hafenquartier durchsehen würde, die er mir am Wochenende gezeigt hatte.
Ich dachte an Anne, die in einer kleinen Wohnung in der Maxvorstadt aufgewacht war und die heute in zwei Stunden vor meiner Tür stehen würde, mit dem Tagesplan unter dem Arm.
Ich dachte an Heinrich, der in den letzten Wochen müder geworden war.
Ich dachte an Frau Dr. Bauer, die in Berlin auf einen Brief von mir wartete, den ich gestern noch nicht abgeschickt hatte.
Ich dachte an Fabian.
—
An ihn dachte ich kürzer.
Ich erlaubte mir, kurz an ihn zu denken. Ich erlaubte mir nicht, lange an ihn zu denken. Es war kein Verbot. Es war eine Form. Eine Form, in der ich mich seit Wochen eingerichtet hatte. Ich dachte an ihn so, wie man an einen Stuhl in einem Zimmer denkt, in dem man später am Tag sein wird: ohne Schwere, ohne Druck, mit der ruhigen Wahrnehmung, dass er da sein wird, wenn ich komme.
Mehr nicht.
Es reichte.
Es reichte heute.
—
Der Nebel hob sich weiter.
Die Isar trat langsam aus dem Weiß heraus. Sie war heute morgen schiefergrau. Sie war nicht hoch, sie war nicht niedrig, sie war wie gestern. Auf der Straße fuhr ein Auto vorbei. Dann ein zweites. Frau Brandl ging in der Küche von der einen Seite zur anderen.
Ich trank den Tee aus.
Ich legte die Tasse ab.
Ich hatte seit vielen Monaten nicht mehr geweint. Ich hatte vor einem Jahr im Klinikum nicht geweint. Ich hatte in der Maximilianstraße nicht geweint. Ich hatte am Schreibtisch meines Vaters nicht geweint. Ich hatte am Esstisch im Bayerischen Hof nicht geweint. Ich hatte am Klavier in der Villa nicht geweint. Ich hatte am Telefon mit Clara nicht geweint. Ich hatte im Café Luitpold nicht geweint. Ich hatte am Bahnsteig zu Jan hin nicht geweint.
Heute weinte ich auch nicht.
Ich hatte in den letzten Wochen begriffen, dass das nicht eine Tugend war.
Es war eine Form.
Manche Formen erwachsen einem.
Manche bleiben.
—
Frau Brandl kam noch einmal heraus.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Möchten Sie noch eine Tasse?“
„Nein, danke.“
„Soll ich Anne anrufen, dass Sie eine halbe Stunde später kommen?“
Ich sah auf die Uhr an der Innenwand der Veranda. Es war zehn vor sieben.
„Nein“, sagte ich. „Ich komme zur gewohnten Zeit.“
„Verstanden.“
Sie blieb einen Augenblick stehen.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Es ist ein guter Morgen.“
„Ja.“
Sie nickte.
Sie ging.
—
Ich blieb noch fünf Minuten sitzen.
Ich sah die Isar an.
Sie war heute keine besondere Isar. Sie war weder voller noch leerer. Sie war kein Symbol, kein Bild, keine Erinnerung. Sie war eine Isar an einem Mittwoch Ende November. Sie würde morgen wieder eine Isar sein, an einem Donnerstag Ende November.
Ich war heute keine besondere Frau.
Ich war eine Frau, die seit einem Jahr in einem Haus lebte, das ihr gehörte. Ich war eine Frau, die seit einem Jahr eine Firma leitete, die ihren Namen nur halb trug. Ich war eine Frau, die seit einem Jahr nicht mehr von einem Mann hörte, mit dem sie zwölf Jahre verheiratet gewesen war. Ich war eine Frau, die heute Vormittag um zehn in einem Sitzungsraum in der Maximilianstraße sitzen würde, mit einem Architekten, der ihr gegenüber zwei Karten ausbreiten würde, von denen sie sich für eine entscheiden würde.
Ich war heute keine besondere Frau.
Ich war heute noch da.
—
Ich stand auf.
Ich ließ die Decke auf dem Stuhl zurück. Frau Brandl würde sie später hineinholen.
Ich ging an den Rand der Veranda.
Ich sah noch einen Augenblick zur Isar.
Der Nebel hatte sich gehoben, bis auf einen schmalen Streifen über dem Wasser, der sich noch eine Stunde halten würde. Über dem Lehel begann der Himmel hellblau zu werden. Eine Glocke schlug irgendwo, ich konnte nicht sagen, welche. Ein Vogel sang, einmal, dann nicht mehr.
Ich legte die Hand kurz auf das Geländer.
Ich sagte nichts.
—
Im Haus hörte ich Frau Brandl, die das Frühstückszimmer für mich vorbereitete. Sie stellte den Korb mit dem Brötchen, den ich heute essen würde, auf das Tablett. Sie holte die Süddeutsche, die längst auf der Schwelle lag. Sie bewegte sich in einem Tempo, das ich aus meiner Kindheit kannte und das sich, in den dreißig Jahren, nicht geändert hatte.
Ich dachte für einen Augenblick an meine Mutter.
An die Frau, die einmal in diesem Haus aufgestanden war, in einem Schlafzimmer ein Stockwerk höher. An die Frau, die ihren Tee in derselben Tasse getrunken hatte, in der ich heute Morgen meinen getrunken hatte. An die Frau, die mich vor einem Vierteljahrhundert, an einem Vormittag, der nicht weniger im Nebel gestanden hatte als dieser, in den Garten geführt hatte und mir den letzten verbleibenden Apfel an der Kastanie gezeigt hatte und gesagt hatte: *Schau, Emilia. Im November ist auch noch etwas da.*
Ich war damals neun gewesen.
Ich hatte den Satz vergessen.
Ich erinnerte ihn heute, an diesem Vormittag, am Geländer der Veranda, an diesem achtundzwanzigsten November.
—
Ich dachte einen Augenblick lang den einen Satz, den ich mir in den letzten Wochen nicht erlaubt hatte zu denken, weil ich gewartet hatte, bis er sich von selbst stellen würde.
Er stellte sich heute.
Ich war noch da.