Kapitel 71: Briennerstraße
Mittwoch, dreizehn Uhr fünfundvierzig.
Der Wagen meines Vaters fuhr in die Briennerstraße ein. Frau Brandl hatte ihn heute fahren wollen. Ich hatte abgelehnt. Ich hatte mir ein Taxi bestellt, einen Wagen mit einem Fahrer, den ich nicht kannte. Ich wollte heute keine vertraute Stimme im Wagen, die mit mir redete. Ich wollte auch keine vertraute Stimme, die schwieg.
Der Fahrer stoppte vor der Hausnummer 38.
Ich gab ihm einen Schein, ich verzichtete auf das Wechselgeld, ich stieg aus.
Die Briennerstraße roch nach Maibaum, obwohl der Mai noch nicht begonnen hatte. Die Lindenbäume vor dem Hauseingang hatten bereits getrieben. Die Sonne stand schräg in den Fenstern.
Ich ging durch das gusseiserne Tor.
Im Treppenhaus war es kühl. Frau Stelzer stand bereits an der Wohnungstür im zweiten Stock. Sie nahm meinen Mantel entgegen. Sie sagte nichts, was über einen Gruß hinausging. Sie ging mir voraus.
—
Webers Kanzlei war in zwei verbundenen Wohnungen untergebracht. Der vordere Teil war für Mandanten. Der hintere Teil war Webers Arbeitszimmer und das Sitzungszimmer. Frau Stelzer hatte heute den Empfangsbereich abgeschirmt. An der Garderobe hingen keine fremden Mäntel, weil noch keiner da war.
Sie führte mich nicht in das Sitzungszimmer.
Sie führte mich in das Wohnzimmer der Wohnung, in dem es einen alten Sekretär, zwei dunkelgrüne Sessel und einen ovalen Tisch gab. Auf dem Tisch stand eine Karaffe mit Wasser. Daneben eine Tasse Kaffee, schwarz. Frau Stelzer hatte sie ungefragt bereitgestellt. Sie hatte sich gemerkt, dass ich in solchen Situationen Wasser und Kaffee in genau dieser Reihenfolge trank.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Dr. Weber bittet, sich gegen vierzehn Uhr fünf zu setzen. Die andere Seite trifft gegen vierzehn Uhr ein. Sie werden hier nichts hören. Die Wand ist gedämmt. Dr. Weber wird Sie alle dreißig Minuten kurz aufsuchen.“
„Gut.“
„Die Tür zum Sitzungszimmer geht nicht von hier ab. Sie geht vom Empfang ab. Sie werden niemandem begegnen.“
„Gut.“
„Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie. Ich bin im Empfang.“
„Danke, Frau Stelzer.“
Sie schloss die Tür.
—
Ich saß in einem der Sessel.
Ich trank kein Wasser. Ich trank keinen Kaffee.
Ich faltete die Hände in den Schoß.
Im Wohnzimmer hing eine Wanduhr, eine alte Pendeluhr. Sie tickte gleichmäßig. Sie war einer der Gegenstände in der Kanzlei, von denen Weber sagte, sie seien sein einziger Luxus. Er hatte sie von einem Onkel geerbt, der in Augsburg eine kleine Anwaltskanzlei geführt und in den dreißiger Jahren seine Bibliothek hatte verkaufen müssen, um eine andere Sache zu finanzieren, über die niemand mehr sprach.
Die Uhr zeigte zwei Minuten vor zwei.
Im Empfang hörte ich eine Klingel.
Es war ein leises Klingeln, fast diskret. Frau Stelzer ging zur Tür.
Ich hörte zwei Männerstimmen.
Eine, die ich nicht kannte — vermutlich Mertens.
Eine, die ich kannte. Sehr gut.
Mark.
Er sagte nicht viel. Er sagte einen Gruß. Er sagte: „Guten Tag.“ Und er sagte, leiser: „Danke, Frau Stelzer.“
Ich hörte, wie sich die Tür zum Sitzungszimmer öffnete und wieder schloss.
Dann war es still.
—
Vierzehn Uhr.
Vierzehn Uhr fünf.
Vierzehn Uhr zehn.
Die Pendeluhr schlug.
Ich stand auf. Ich ging zum Fenster. Ich sah auf die Briennerstraße. Ein Fahrradkurier hielt vor dem Eingang der Kanzlei gegenüber. Ein älterer Herr ging mit einem kleinen Hund vorbei. Eine junge Frau mit einer Aktentasche überquerte die Straße in Richtung des Königsplatzes.
Ich setzte mich wieder.
Ich nahm das Wasser.
—
Vierzehn Uhr siebenundzwanzig.
Die Tür ging auf.
Weber kam herein.
Er war ruhig. Er hatte den Krawattenknoten so wie um halb zwei. Er hatte das Hemd weiß, den Anzug grau. Er sah aus wie immer.
„Emilia.“
„Klaus.“
Er setzte sich auf den zweiten Sessel. Er nahm sich ein Glas Wasser. Er trank einen Schluck. Er stellte es ab.
„Ich gebe Ihnen den ersten Bericht.“
„Ja.“
„Mark ist gekommen. Er hat einen dunklen Anzug an, ohne Krawatte. Er sieht müde aus, aber gepflegt. Er hat einmal die Hand zum Gruß gehoben, als er hereinkam. Er hat nichts gesagt, was über höfliche Floskeln hinausging.“
„Mertens?“
„Mertens hat den Brief mitgebracht, den ich vor zehn Tagen an ihn geschickt habe. Er hat ihn vor sich auf den Tisch gelegt. Er hat ihn nicht aufgeschlagen. Er hat ihn dort liegen, damit er weiß, worüber wir sprechen.“
„Wie haben Sie begonnen?“
„Ich habe ihm gedankt, dass er gekommen ist. Ich habe ihm den Verfahrensvorschlag erläutert. Ich habe ihm angeboten, dass wir ohne Vorbedingung verhandeln. Mertens hat das angenommen. Er hat dann gefragt, ob ich die Aktenkartei aus Augsburg mit Original einsehen könne. Ich habe geantwortet, dass das Original bei der Tochter des Notars liegt und dass eine Einsicht nach vorheriger Anmeldung möglich ist. Er hat genickt. Er hat keine weiteren Fragen zur Akte gestellt.“
„Mhm.“
„Mark hat noch nichts gesagt.“
„Mhm.“
„Ich habe Mertens darauf hingewiesen, dass wir bereit sind, zu einer Lösung zu kommen, die das Beteiligungsverhältnis zurückführt und die Mark eine geordnete Übergabe ermöglicht. Mertens hat gefragt, was wir unter geordnet verstehen.“
„Was haben Sie geantwortet?“
„Ich habe gesagt, eine geordnete Übergabe sei eine, in der die operative Geschäftsführung an unsere Mandantin oder eine von ihr benannte Person übergeht, in der Mark ein Aufsichtsratsmandat auf Probe behält, sofern er es wünscht, und in der sich die Parteien einer öffentlichen Auseinandersetzung enthalten.“
„Wie hat er reagiert?“
„Er hat um eine Pause gebeten. Sie sind seit fünf Minuten in der Pause. Er telefoniert vermutlich mit irgendwem. Mark sitzt im Zimmer.“
„Er sitzt allein?“
„Ein Kollege von Mertens ist dabei. Ein junger Mann. Er macht die Notizen.“
„Mhm.“
„Emilia, eines.“
„Ja.“
„Mark hat einen Augenblick gehabt, in dem er etwas sagen wollte. Es war direkt nach meiner Bemerkung über die geordnete Übergabe. Er hat den Mund geöffnet. Er hat ihn wieder geschlossen. Mertens hat sehr leicht den Kopf bewegt. Mark hat nicht gesprochen.“
„Verstehe.“
„Wenn Mark heute spricht, wird er es gegen Mertens tun.“
„Mhm.“
„Ich vermute, er wird es nicht tun. Aber ich wollte, dass Sie es wissen.“
„Danke.“
Er nickte.
„Ich gehe zurück. Ich komme wieder. Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie.“
„Klaus.“
„Ja.“
„Mertens — ist er fair?“
„Er ist fair. Er ist auch zermürbt. Beides hat seine Wirkung.“
Er stand auf.
„Bis später, Emilia.“
„Bis später.“
—
Er ging.
Ich saß wieder in dem Sessel.
Die Pendeluhr schlug Viertel vor drei.
—
Fünfzehn Uhr fünf.
Die Tür ging wieder auf.
Diesmal war Weber nicht allein. Frau Stelzer kam mit. Sie trug ein Tablett mit einer frischen Kanne Kaffee. Sie stellte die Kanne ab, schenkte mir nach, schenkte Weber nach, ging hinaus.
Weber setzte sich.
„Emilia.“
„Ja.“
„Mertens hat einen Vorschlag.“
„Welchen?“
„Sie und Mark teilen die Anteile fünfzig zu fünfzig. Mark behält die Geschäftsführung. Eine erweiterte Aufsichtsratsstruktur soll Sie absichern. Sie würden einen Sitz im Aufsichtsrat erhalten, möglicherweise den Vorsitz.“
Es war einen Augenblick still.
„Klaus.“
„Ja.“
„Das ist nicht der Vorschlag.“
„Nein.“
„Was haben Sie geantwortet?“
„Ich habe geantwortet, dass dieser Vorschlag mir nicht hinreichend sei. Ich habe gesagt, dass ich Sie konsultieren werde. Aber ich habe ihm vorab eine Tendenz gegeben, dass dieser Vorschlag in dieser Form von Ihnen vermutlich nicht akzeptiert wird.“
„Sehr gut.“
„Wie wollen Sie es haben?“
Ich überlegte einen Moment.
„Klaus.“
„Ja.“
„Sechzig zu vierzig. Wie ursprünglich vereinbart. Geschäftsführung bei mir oder bei einer von mir benannten Person. Mark behält ein Aufsichtsratsmandat auf Probe, achtzehn Monate, danach Neubewertung. Keine Abfindung. Kein Schweigegeld. Beidseitige Stillhalteklausel zur Öffentlichkeit.“
„Stillhalteklausel.“
„Ja. Beide Parteien verzichten auf öffentliche Stellungnahmen, die über sachliche Mitteilungen hinausgehen.“
„Das ist eine kluge Klausel. Sie schützt ihn mehr als Sie. Aber sie schützt Sie ausreichend.“
„Eben.“
„Ich nehme es so mit.“
„Klaus.“
„Ja.“
„Eines noch.“
„Ja.“
„Wenn Mark heute zu schwach ist, um zu antworten, lassen Sie ihm Zeit. Wir müssen heute keine Unterschrift haben. Wir müssen heute eine Richtung haben.“
„Gut.“
„Eine Richtung, von der er später nicht abweichen kann.“
„Gut.“
Er stand auf.
„Wir sehen uns gegen sechzehn Uhr.“
—
Sechzehn Uhr.
Die Tür ging auf.
Weber.
Diesmal hatte er einen schmalen Aktenordner unter dem Arm.
„Emilia.“
„Ja.“
„Mertens hat um Bedenkzeit gebeten.“
„Wie lange?“
„Zehn Tage.“
„Ablehnen?“
„Nicht ablehnen. Wir geben ihnen sieben.“
„Sieben.“
„Sieben Tage. Ich werde es ihm gleich sagen.“
„Hat Mark gesprochen?“
Er sah mich einen Augenblick an.
„Ja.“
„Was hat er gesagt?“
„Er hat gesagt, er möchte einen Punkt zur Kenntnis bringen, der nicht in den Verhandlungen, aber zwischen den Verhandlungen wichtig sei.“
„Welchen?“
Weber zögerte. Es war ein kleines Zögern.
„Er hat gesagt, er möchte, dass Sie wissen, dass er die Aktennotiz aus Augsburg vor heute nie gesehen hat.“
„Mhm.“
„Er hat gesagt, er habe von dem Verhältnis sechzig zu vierzig gewusst, aber er habe nicht gewusst, dass die Anpassung gegen den Willen Ihres Vaters erfolgt sei. Er habe immer angenommen, dass es eine mündliche Vereinbarung zwischen seinem Vater und Ihrem Vater gegeben habe.“
„Klaus.“
„Ja.“
„Glauben Sie ihm?“
Er sah einen Augenblick auf den Ordner.
„Es spielt für Ihre Position keine Rolle, ob ich ihm glaube. Es ändert nichts an der Sachlage. Aber Sie wollten meine Meinung.“
„Ja.“
„Ich glaube ihm halb. Ich glaube, dass er die Aktennotiz nicht gesehen hat. Ich glaube nicht, dass er nicht gewusst hat, dass etwas nicht in Ordnung war.“
„Ja.“
„Mertens hat ihn nach diesem Satz angesehen. Mark hat aufgehört zu sprechen. Mertens hat dann den Vorschlag der Bedenkzeit gemacht.“
„Mhm.“
„Wir verabschieden uns gegen sechzehn Uhr fünfzehn.“
„Gut.“
—
Er ging.
Im Empfang hörte ich, wie Frau Stelzer eine kurze Konversation führte. Mertens dankte, Mark sagte ein leises „Auf Wiedersehen, Frau Stelzer.“ Frau Stelzer antwortete höflich, ohne Wärme und ohne Kälte.
Die Tür zum Treppenhaus öffnete sich. Ich hörte zwei Schritte. Drei Schritte. Dann hörte ich sie nicht mehr.
Die Tür schloss sich.
—
Frau Stelzer brachte mir nach einigen Minuten meinen Mantel.
„Frau Richter, der Wagen wartet vor der Tür.“
„Danke.“
„Dr. Weber lässt fragen, ob Sie noch ein Glas Wasser möchten.“
„Nein.“
„Bitten Sie ihn, wenn er Zeit hat, mich heute Abend gegen neunzehn Uhr anzurufen.“
„Ich richte es aus.“
Ich zog den Mantel an.
Frau Stelzer hielt mir die Wohnungstür auf.
Im Treppenhaus war es dämmrig. Der zweite Stock führte über eine breite Treppe zum Erdgeschoss. Ich ging langsam. Mein Knie zwickte mich, was es seit Wochen nicht getan hatte.
Im Erdgeschoss, im Hauseingang, sah ich an der Wand neben den Briefkästen die Schilder der anderen Mieter. Eine Hebamme. Ein Steuerberater. Eine Galerie.
Auf dem Briefkasten der Kanzlei Weber lag ein hellbrauner Umschlag.
Er war an niemanden adressiert.
Er war von außen geschoben worden, durch den Briefschlitz nicht hineingerutscht, sondern oben aufgelegt.
Auf dem Umschlag stand in einer Handschrift, die ich kannte:
*Für E.*
Ich blieb stehen.
Es war Marks Handschrift.
—
Frau Stelzer kam die Treppe hinunter. Sie hatte den schwarzen Mantel an. Sie hatte vermutlich vorgehabt, den Tag zu beenden und die Kanzlei für den Abend zu schließen.
Sie sah den Umschlag.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Soll ich ihn nehmen?“
„Bitte.“
Sie nahm ihn. Sie hielt ihn an den Kanten, wie eine Frau, die nicht möchte, dass sie auf einem Umschlag Spuren hinterließ, die nicht ihr gehörten.
„Ich gebe ihn Dr. Weber. Heute noch.“
„Gut.“
„Sie öffnen ihn nicht?“
„Nein.“
„Sie sehen ihn nicht?“
„Ich habe ihn gesehen.“
Sie nickte.
„Ich richte es Dr. Weber aus.“
Sie hielt einen Augenblick die Hand mit dem Umschlag, als wäre sie nicht ganz sicher, was sie davon hielt.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Es ist ein dünner Umschlag. Vermutlich eine einzelne Seite. Mehr nicht.“
„Mhm.“
„Es ist nicht dasselbe wie der Brief von letzter Woche.“
„Das ist auch nicht meine Aufgabe einzuschätzen.“
„Nein.“
Sie ließ den Umschlag in eine Innentasche ihres Mantels gleiten.
„Ich richte aus, dass Sie um neunzehn Uhr telefoniert sein wollen.“
„Ja.“
„Auf Wiedersehen, Frau Richter.“
„Auf Wiedersehen, Frau Stelzer.“
—
Ich trat hinaus.
Der Wagen wartete an der Ecke. Es war derselbe Fahrer wie auf dem Hinweg, den ich nicht kannte. Er nickte, als ich einstieg. Er hatte den Motor laufen lassen, weil das Wetter umgeschlagen hatte und ein leichter Wind aus dem Norden kam, der den Maibeginn anders aussehen ließ, als er angefangen hatte.
Wir fuhren in die Bogenhausener Richtung.
Auf der Prinzregentenstraße kamen wir an Margots Haus vorbei. In ihrem Salon brannte Licht. Eine kleine, warme Lichtinsel im zweiten Stock. Margot saß vermutlich an dem Fenster, an dem ich sie eine Woche zuvor gesehen hatte. Ich grüßte nicht hinauf. Sie hätte es nicht gesehen.
Auf der Höhe des Friedensengels sah der Fahrer kurz in den Rückspiegel.
„Frau Richter, geht es Ihnen gut?“
„Ja, danke.“
„Sie sind sehr still.“
„Es war ein langer Termin.“
„Mhm.“
Er sagte nichts mehr.
Auf den letzten zweihundert Metern bis zur Einfahrt sah ich aus dem Fenster.
Ich dachte an den Umschlag, den Frau Stelzer eingesteckt hatte.
Ich dachte daran, dass Mark vermutlich auf den letzten Metern, bevor er ins Treppenhaus von Webers Kanzlei getreten war, einen Augenblick im Hauseingang gestanden hatte. Er hatte einen Stift aus seiner Innentasche gezogen. Er hatte eine Seite, die er vorbereitet hatte, in einen Umschlag geschoben. Er hatte den Umschlag an den Briefkasten gelegt, weil er ihn nicht in die Hand geben konnte, ohne zu erklären, was darin stand.
Ich würde nicht erfahren, was darin stand.
Klaus würde es lesen. Klaus würde mir sagen, ob etwas darin stand, was ich wissen müsste. Wenn nicht, würde es in eine Schublade kommen. Eine andere Schublade als der erste Brief.
Es war meine Schublade.
Aber es waren nicht meine Briefe.