Kapitel 22: Ein Kunde ruft an
Der Dienstag begann wie jeder Dienstag jetzt.
Ich stand um sieben auf. Ich trank ein Glas Wasser am Fenster des alten Mädchenzimmers, bevor ich den Tee aufsetzte. Frau Brandl war schon in der Küche. Sie hatte eine Kanne gemacht, bevor ich unten war. Sie tat das jeden Morgen. Es war kein Dienst. Es war eine Gewohnheit, die älter war als ich.
„Frau Hartmann.“
„Guten Morgen.“
Sie schob mir die Zeitung zu. Sie hatte sie selbst aus dem Briefkasten geholt. Auf der ersten Seite stand etwas über einen Bauskandal in Ingolstadt, mit dem ich nichts zu tun hatte. Ich blätterte ohne Eile weiter.
„Es hat angerufen“, sagte Frau Brandl.
Ich sah auf.
„Wer?“
„Ein Herr Lautenbach. Er wollte Sie sprechen. Er hat nichts hinterlassen, außer dass er um zehn noch einmal anrufen würde.“
„Lautenbach.“
Der Name setzte sich erst langsam. Dann kam er. Friedrich Lautenbach. Ein Bauunternehmer aus Rosenheim, der mit meinem Vater Anfang der Neunziger zwei große Projekte am Chiemsee gemacht hatte. Ein Mann mit dicker Brille, leisem Lachen, den Mark nie gemocht hatte, weil Lautenbach ihn nie beeindruckt hatte.
„Danke“, sagte ich.
Ich legte die Zeitung weg. Ich aß ein halbes Brötchen, weil Frau Brandl sonst Sorgen machen würde. Dann ging ich in das Arbeitszimmer meines Vaters und setzte mich in seinen Sessel.
Der Sessel war zu groß für mich. Er war immer zu groß gewesen.
—
Um zehn Uhr klingelte das Telefon.
Das Haustelefon. Nicht mein Handy. Die alte Nummer der Villa, die Mark seit Jahren nicht mehr benutzte, weil er sie für unpersönlich hielt. Man kannte sie in bestimmten Kreisen immer noch. Die Menschen, die diese Nummer kannten, hatten sie auswendig gelernt, als mein Vater noch am Schreibtisch saß.
Ich hob beim zweiten Klingeln ab.
„Hartmann.“
„Frau Hartmann“, sagte eine Stimme, die langsamer sprach, als München gewohnt war. „Hier ist Lautenbach. Friedrich Lautenbach, Sie erinnern sich?“
„Ich erinnere mich.“
„Ich wollte mich erkundigen.“
Er machte eine kleine Pause. In dieser Pause lagen mehrere Sätze, die er nicht sagte.
„Ich habe gehört, Sie waren im Krankenhaus. Ich wollte fragen, ob es Ihnen wieder besser geht.“
„Es geht mir besser. Danke.“
„Das freut mich.“
Wieder diese Pause. Lautenbach war ein Mann, der nie hetzte. Mein Vater hatte mir einmal gesagt: Wenn Lautenbach schweigt, hört er dir zu, auch wenn du gerade nichts sagst.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Ich habe ein kleines Problem. Oder vielleicht ist es kein Problem. Ich weiß es noch nicht. Deshalb rufe ich an.“
„Ich höre.“
„Ich habe ein Grundstück in Prien. Ihr Vater kannte es. Es liegt direkt am Ufer, und es ist seit fünfzehn Jahren in meiner Familie. Jetzt möchten wir dort bauen. Nichts Großes. Sechs Einheiten. Wohnungen, keine Ferienhäuser. Ich brauche einen Partner, der die Planung macht und einen Teil finanziert. Vor drei Monaten habe ich mit der Hartmann Gruppe gesprochen.“
Er hielt wieder inne.
„Mit Herrn Hartmann.“
„Ich verstehe.“
„Er hat mir Zusagen gemacht. Heute wollte er Unterlagen schicken. Sie sind nicht gekommen. Ich habe zweimal angerufen. Seine Sekretärin war höflich. Aber sie wusste nicht, wo die Mappe ist. Das ist mir schon letzte Woche passiert, mit einer anderen Sache. Ich möchte ehrlich sein, Frau Hartmann. Ich frage mich, ob ich mit der richtigen Seite des Hauses spreche.“
Ich schwieg einen Moment.
Draußen fuhr ein Lieferwagen vorbei. Man hörte die Räder auf dem nassen Kies der Auffahrt.
„Herr Lautenbach“, sagte ich. „Ich bin seit einigen Monaten nicht mehr im Tagesgeschäft der Hartmann Gruppe.“
„Ich weiß, dass Sie es nie offiziell waren.“
Der Satz war höflich gesprochen. Aber er saß.
„Sie wissen viel“, sagte ich.
„Ich kannte Ihren Vater. Er hat mir einmal gesagt, dass er nie ein Papier unterschrieben habe, das seine Tochter nicht vorher gesehen hat. Ich habe gelacht. Ich dachte, er meint es als Kompliment für Sie. Erst später habe ich verstanden, dass er es als Warnung meinte. Für mich.“
Ich atmete langsam ein.
„Herr Lautenbach, ich möchte Ihnen nichts Falsches sagen. Ich kann im Moment keine geschäftliche Auskunft über die Hartmann Gruppe geben. Das ist weder meine Rolle noch mein Wunsch.“
„Ich verstehe.“
„Aber ich kann Ihnen etwas anderes sagen. Wenn Mappen verschwinden und Anrufe nicht zurückkommen, dann liegt das nicht an Ihnen. Das liegt an der anderen Seite des Tisches. Sie treffen Ihre Entscheidung in eigener Sache.“
Er lachte kurz.
Es war ein leises Lachen, das mich an meinen Vater erinnerte.
„Frau Hartmann, Sie sprechen wie Ihr Vater, wenn er höflich nein sagte.“
„Ich habe nicht nein gesagt.“
„Nein. Sie haben auch nicht ja gesagt. Das ist noch besser.“
Wir schwiegen beide. Es war kein unangenehmes Schweigen. Es war das Schweigen zweier Menschen, die einander nichts versprechen mussten.
„Darf ich Sie noch etwas fragen?“, sagte er.
„Ja.“
„Wenn ich in einem halben Jahr noch einmal anrufe. Nicht über die Hartmann Gruppe. Über eine andere Sache. Wäre das eine Möglichkeit?“
Ich sah auf die Mappen meines Vaters, die in der oberen Schublade lagen. Sie hatten dort gelegen, seit ich das Zimmer geöffnet hatte. Ich hatte sie nicht zurückgestellt.
„Das wäre möglich“, sagte ich. „Aber rufen Sie nicht hier an. Rufen Sie Dr. Weber an. Briennerstraße. Er weiß, wo ich bin.“
„Dr. Weber.“
„Ja.“
„Der Anwalt Ihres Vaters.“
„Ja.“
„Das sagt mir genug.“
Er bedankte sich. Er wünschte mir gute Besserung, obwohl ich ihm schon gesagt hatte, dass es besser ging. Dann legten wir beide auf.
—
Ich blieb noch einen Moment am Schreibtisch sitzen.
Das Arbeitszimmer roch leicht nach altem Papier. Nach Leder und nach dem Lavendel, den Frau Brandl zwischen die Bücher legte, damit die Motten fernbleiben. Im Bücherregal standen Bände, die mein Vater zweimal gekauft hatte, weil er sie zweimal lesen wollte. Er hatte sie fast nie ein drittes Mal aufgeschlagen, aber sie standen dort.
Ich stand auf und ging ans Fenster.
Von hier aus sah man den Garten. Die Buchen am hinteren Zaun. Den Weg, den ich als Kind gelaufen war, wenn ich vor meinem Bruder davonlief. Jan hatte mich nie eingeholt, weil er mich nie einholen wollte.
Frau Brandl kam herein. Sie klopfte kurz, nur der Form halber.
„Frau Hartmann, Frau Winter hat angerufen, während Sie telefoniert haben. Sie lässt ausrichten, sie kommt heute Abend. Sie bringt Wein.“
„Danke.“
Sie blieb in der Tür stehen. Sie sah mich an, wie sie mich schon als Mädchen angesehen hatte, wenn ich etwas nicht erzählte.
„War es etwas Unangenehmes?“
„Nein.“
„Geschäftlich?“
„Am Rand.“
Sie nickte. Sie fragte nichts weiter. Sie ging in die Küche zurück, und ich hörte, wie sie einen Topf auf den Herd setzte.
Ich stand noch eine Weile am Fenster.
Ich dachte darüber nach, dass Lautenbach nicht der Erste gewesen war. In den letzten drei Wochen hatten zwei andere angerufen. Ein alter Partner aus Regensburg hatte einen Brief geschrieben, höflich und ohne konkrete Bitte. Ein Notar aus der Innenstadt hatte eine „Erinnerung“ geschickt — die eine andere Erinnerung war, als sie auf dem Papier behauptete.
Viele Menschen hatten offenbar begriffen, dass Mark ohne mich nicht funktionierte.
Sie waren höflich genug, es nicht zu sagen. Sie waren klug genug, mich zu suchen, ohne mich zu fragen.
Das war keine gute Nachricht und keine schlechte. Es war eine Lage.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und notierte in einem kleinen Heft, das früher meinem Vater gehört hatte, drei Zeilen. Datum. Name. Kurze Bemerkung. Nicht mehr.
Ich hatte Kopien aufbewahrt, damals im Klinikum. Nicht aus Rache. Aus Vorsicht. Jetzt hob ich Namen auf. Auch das war keine Rache. Es war eine alte Gewohnheit, die mein Vater mir beigebracht hatte, an Abenden, an denen er müde nach Hause kam und nicht über seine Arbeit sprach.
„Schreib auf, wer anruft, Emilia“, hatte er gesagt, als ich vielleicht vierzehn war und bei ihm im Büro gewartet hatte. „Die Namen sagen dir mehr als die Sätze.“
Damals hatte ich es für einen väterlichen Ausspruch gehalten.
Heute war es eine Arbeitsanweisung.
Ich schloss das Heft. Ich legte den Kugelschreiber genau parallel daneben, wie mein Vater es immer getan hatte. Ich schloss die Schublade.
Dann ging ich hinunter.
In der Küche stand Frau Brandl am Herd. Sie kochte eine Suppe, die sie als Kind für sich selbst gekocht hatte, als sie noch in Dachau gewohnt hatte. Sie kochte sie immer, wenn sie glaubte, jemand brauchte etwas Einfaches.
„Riecht gut“, sagte ich.
„Sie essen zu wenig.“
„Ich weiß.“
Sie schlug ein Tuch über die Schulter. Sie sah mich an. Sie wirkte jetzt ein wenig jünger, als sie war.
„Er wird wieder versuchen, hier anzurufen.“
„Vermutlich.“
„Was sage ich ihm?“
Ich überlegte.
„Sagen Sie ihm, dass ich nicht da bin.“
„Und wenn er kommt?“
„Das wird er nicht tun. Dafür ist er zu eitel.“
Sie nickte.
Dann stellte sie einen Teller vor mich hin.
Ich aß.
Draußen begann es leicht zu regnen. Ich hörte den Regen gegen die Fensterscheibe des Küchenerkers, ruhig und ohne Eile.
Ich dachte kurz an den USB-Stick, der oben in der Schublade meines Mädchenzimmers lag, unter einem Taschentuch.
Ich dachte nicht lange daran.
Ich aß meine Suppe.
—
Am Abend rief Clara an.
„Wie war dein Tag?“
„Es gab einen Anruf.“
„Wer?“
„Ein alter Partner aus Rosenheim. Lautenbach.“
„Friedrich?“
„Ja.“
„Der ist klug. Und höflich. Was wollte er?“
„Nichts. Das heißt, er hat ein Projekt, das hängt, weil Mark ihm Unterlagen versprochen hat, die er nicht bekommt. Er wollte wissen, ob er bei der richtigen Seite anfragt.“
„Und?“
„Ich habe nichts bestätigt. Ich habe ihm gesagt, er soll seine Entscheidung in eigener Sache treffen.“
„Das reicht.“
„Das reicht auch.“
Clara schwieg einen Moment.
„Emilia.“
„Ja.“
„Wenn das der dritte Anruf dieser Art in einem Monat wird, wird es kein Zufall sein.“
„Es war heute der vierte.“
„Schreibst du sie auf?“
„Ja. In einem kleinen Heft meines Vaters.“
„Gut.“
Sie hatte nichts hinzuzufügen. Das war bei Clara oft ein Hinweis darauf, dass sie über etwas nachdachte, das sie im Moment nicht zu Ende denken wollte. Sie legte auf, ohne etwas zu sagen, das man als Abschied hätte nennen können.
—
Ich saß noch eine Weile am Küchentisch.
Frau Brandl war schon gegangen. Die Küche war aufgeräumt. Das Licht über dem Herd brannte, weil sie es immer brennen ließ, „damit das Haus nicht ganz schlafen geht“, wie sie es einmal gesagt hatte.
Ich dachte an Lautenbachs Stimme. Er hatte seinen Satz ganz am Ende gesetzt: „Sie sprechen wie Ihr Vater, wenn er höflich nein sagte.“ Ich hatte diesen Satz den ganzen Nachmittag irgendwo im Hintergrund meines Kopfes getragen. Jetzt nahm ich ihn hervor.
Mein Vater hatte selten ja gesagt. Er hatte auch selten nein gesagt. Er hatte zu vielen Fragen eine dritte Antwort gegeben, die darin bestand, eine andere Frage zu stellen. Ich hatte das als Kind oft bemerkt und es für Unsicherheit gehalten. Erst im Studium, und erst wirklich in den Jahren danach, hatte ich gemerkt, dass es Strategie war.
Lautenbach hatte diese dritte Antwort bei mir wiedererkannt. Das war eine Ehre, und es war auch eine Warnung.
—
Ich ging hinauf.
Im Mädchenzimmer stand ich eine Weile am Fenster.
Draußen war die Straße leer. Die Laterne warf ihren Kegel auf den Gehweg, und das Licht reichte genau bis an die Hecke vor der Mauer, nicht weiter. Ich sah dem Lichtkegel eine Weile zu, ohne dass ich eine Absicht damit hatte.
Ich dachte kurz an den ersten Abend, nachdem ich aus dem Klinikum zurückgekehrt war. Damals hatte das Haus anders gewirkt. Zu groß. Zu still. Zu voll von Dingen, die nicht an ihrem Platz standen, obwohl sie an ihrem Platz standen.
Heute wirkte das Haus anders. Nicht kleiner. Nicht leiser. Nur auf eine Art, die ich erkannte.
Ich zog die Vorhänge einen Spalt zu.
Ich legte mich hin.
Ich schlief nicht sofort ein. Ich dachte noch eine Weile über Lautenbach und Steiger nach, und über die Frau aus Regensburg, die einen Brief geschrieben hatte, den Frau Brandl mir vor drei Wochen auf den Schreibtisch gelegt hatte. Drei Namen, die ich vor einem halben Jahr nicht zusammen gedacht hätte. Heute dachte ich sie zusammen.
Das war keine Arbeit. Das war Aufmerksamkeit.
Ich schlief ein.