Kapitel 56: Marks Büro
Die Sitzung dauerte zwei Stunden.
Ich werde nicht ins Detail gehen. Es waren Akten, Zahlen, Klauseln. Schmidt führte uns durch die Quartalsberichte. Weber notierte. Heinrich stellte zwei Fragen, die so genau waren, dass Schmidt sie sich auf den Rand seines Blocks abschrieb. Eine der Fragen betraf eine Position in der Bilanz, die Mark im letzten halben Jahr zweimal verschoben hatte. Heinrich sagte nicht, dass sie verschoben worden war. Er fragte nur, warum sie an dieser Stelle stehe.
Schmidt antwortete: „Das ist eine berechtigte Frage.“
Das war alles.
—
Um zwölf Uhr fünfzehn waren wir fertig. Weber packte die Akten ein. Heinrich faltete seine Hände und sagte, er müsse um eins in der Türkenstraße sein. Schmidt fragte, ob er das Mittagessen bestellen solle. Ich sagte nein. Heinrich sagte nein. Weber sagte, er habe einen Termin im Café Luitpold.
Wir standen auf.
An der Tür blieb Schmidt einen Moment hinter mir stehen.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Ich gehe gleich hoch zu Mark. Ich werde ihm den Bericht geben.“
„Den ganzen?“
„Den, den wir vereinbart haben. Er bekommt nicht alles. Er bekommt das, was die Geschäftsführung sehen muss.“
„Verstehe.“
„Wenn Sie möchten, können Sie heraufgehen.“
Ich sah ihn an.
„In sein Büro?“
„Es ist auch Ihres.“
„Es ist seines.“
„Es ist das Büro des Geschäftsführers. Der Geschäftsführer ist seit der vergangenen Woche eine offene Frage. Sie sind eine Gesellschafterin. Genauer: Sie werden in zehn Tagen eine sein, wenn die Hauptversammlung das beschließt. Aber das ist ein Detail.“
„Markus.“
„Ja.“
„Soll ich es.“
„Ich würde es.“
„Warum.“
„Weil Sie das Haus zwölf Jahre nicht mehr von innen gesehen haben. Weil Sie es heute zum ersten Mal wieder betreten. Weil Sie morgen wissen müssen, wo Sie Entscheidungen treffen. Es ist gut, es einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben.“
Ich nickte.
„Ist Mark da?“
„Er ist seit halb zwölf in einem Termin in der Innenstadt. Er kommt erst gegen halb zwei zurück.“
„Anne?“
„Ist im Mittagessen.“
„Sie haben das geplant.“
„Ich habe nichts geplant. Ich habe nur in den Kalender gesehen.“
Er lächelte kurz, sehr kurz.
—
Ich nahm den Aufzug allein.
Im dritten Stock öffneten sich die Türen.
Der Korridor war wie früher. Beigegrauer Teppich, ein langer Spiegel an der linken Wand, drei Türen rechts. Die erste Tür: Sekretariat. Die zweite Tür: Marks Büro. Die dritte Tür: Konferenzraum.
Ich ging an Annes Vorzimmer vorbei. Es war leer. Auf ihrem Schreibtisch stand eine kalte Tasse Tee, eine Tasse mit dem Logo der Firma, daneben ein aufgeschlagener Kalender. Eine kleine Jadegrünpflanze in einem Tontopf. Eine Schublade halb offen.
Ich klopfte an Marks Tür.
Niemand antwortete.
Ich drückte die Klinke. Die Tür öffnete sich.
—
Ich blieb auf der Schwelle stehen.
Ich sah zuerst nicht, was ich sah. Ich sah nur einen Raum, der sich an seine Form erinnerte. Der gleiche Schreibtisch — Eichenholz, lang, drei Meter, von meinem Vater geerbt, als die Firmen zusammengelegt wurden. Das gleiche Sofa an der Wand, ein dunkelgraues Leder, das ich vor zehn Jahren ausgesucht hatte. Das gleiche Bild über dem Sofa, ein Holzschnitt von Otto Modersohn, den meine Mutter ihm zur Hochzeit geschenkt hatte und für den Mark sich nie wirklich interessiert hatte.
Dann sah ich, was sich verändert hatte.
Auf dem Schreibtisch lagen Papiere.
Nicht ordentlich. Nicht in Stapeln. Es waren Akten, einige aufgeschlagen, einige zugeklappt. Ein Vertrag in Englisch, dessen erste Seite zerknittert war, weil jemand sie eilig umgeblättert hatte. Eine Mappe mit der Aufschrift „Bayreuth“, deren Klappe halb hängen geblieben war. Ein Notizblock, auf dem in Marks handschriftlicher Schrift drei Wörter standen: „Ranft anrufen Mittwoch“. Mittwoch war heute. Es war halb eins. Mark hatte den Anruf nicht gemacht.
Auf dem rechten Rand des Schreibtischs stand ein leeres Wasserglas auf einem Aktenordner. Der Ring im Glas hatte sich auf das Papier abgezeichnet. Ein nasser, runder Fleck, der seit ein oder zwei Tagen dort war.
Auf dem Boden, neben dem Schreibtischstuhl, lag ein zerknülltes Hemd. Ein weißes Hemd. Ich sah es an, ohne es länger anzusehen, als nötig war. Es war ein Hemd, das jemand abgelegt hatte, um sich umzuziehen, und nicht aufgehängt hatte.
Auf dem Sofa lag ein Anzug. Auch er nicht aufgehängt. Daneben eine Krawatte, die zur Hälfte unter dem Kissen klemmte.
Hinter dem Schreibtisch, im Bücherregal, fehlten zwei Reihen Bücher. Ich erinnerte mich an sie. Es waren die Bücher, die ich Mark vor sechs oder sieben Jahren geschenkt hatte, drei Bände über Architektur, ein Band über Mies van der Rohe. Sie waren nicht weggeräumt. Sie waren weg. An ihrer Stelle stand ein Tablet, eine Wasserflasche, drei Kapselhüllen aus dunklem Plastik.
—
Ich trat ein.
Ich schloss die Tür hinter mir.
Ich räumte nichts auf.
Ich hätte das früher getan. Ich hätte das Hemd aufgehoben und über die Sofalehne gelegt. Ich hätte den Notizblock parallel zur Schreibtischkante gerichtet. Ich hätte das Wasserglas vom Aktenordner genommen und auf das Tablett gestellt, das an der Tür auf einem niedrigen Schrank wartete. Ich hätte die Mappe mit „Bayreuth“ zugeklappt und in das Fach gelegt, in das Mappen gehörten.
Ich tat nichts davon.
Ich ging an dem Schreibtisch vorbei.
Ich stellte mich ans Fenster. Das Fenster ging nach Osten, auf die Maximilianstraße. Mittagsverkehr. Eine Tram. Eine Frau mit zwei Einkaufstüten, die an der Ampel auf Grün wartete. Eine Taube auf einem Vorsprung des Hauses gegenüber.
Ich sah hinaus, etwa eine Minute.
Dann drehte ich mich um.
—
Ich ging nun langsam durch das Büro.
Ich sah die Visitenkarten auf der Schreibtischplatte. Vier oder fünf, ohne System. Eine fiel mir auf.
*Andreas Korn, „Korn Ventures“. Berlin, Charlottenburg.*
Ich nahm sie nicht. Ich beugte mich nur leicht darüber, las sie. Andreas Korn war ein Name, den ich kannte. Nicht persönlich. Aus einem Artikel im Manager Magazin, den ich vor anderthalb Jahren gelesen hatte. Er war ein Mann, der sich auf Firmen mit Liquiditätsproblemen spezialisiert hatte. Er kaufte sie billig. Er zerlegte sie. Er verkaufte die Teile.
Er war kein Investor, wie Mark einen Investor verstanden hatte, als er noch verstand, was ein Investor war.
Ich richtete mich auf. Ich ließ die Karte liegen, wie sie lag.
Ich öffnete keine einzige Schublade.
Ich nahm keinen Vertrag in die Hand.
Ich tat nichts, was ich später nicht würde sagen können, ich hätte es nicht getan.
—
Ich ging zum Bücherregal.
In der zweiten Reihe von oben standen die Bände, die ich nicht weggeworfen hatte. Eine alte Ausgabe von Adornos „Minima Moralia“, die mein Vater Mark zur Hochzeit gegeben hatte, in den Glauben hinein, dass Mark eines Tages darin lesen würde. Mark hatte nie darin gelesen. Der Buchrücken war makellos.
Ich nahm das Buch heraus.
Auf der Titelseite stand die Widmung meines Vaters in seiner Schrift, einer schmalen, gleichmäßigen Schrift.
*„Für Mark, der Anfang ist gemacht. — Hermann Richter, München, 12. Juni.“*
Ich schloss das Buch. Ich stellte es zurück. Es nahm seinen Platz wieder ein, als hätte es ihn nie verlassen.
—
An der Tür blieb ich stehen.
Ich sah noch einmal in das Zimmer.
Es war ein Zimmer, in dem ein Mann arbeitete, der nicht mehr wusste, was er tat. Es war kein Drama. Es war nur Unordnung. Ein kalter Tee. Ein Fleck auf einem Aktenordner. Ein Hemd auf dem Boden.
Ich hatte zwölf Jahre lang aufgeräumt.
Ich hatte die Hemden auf den Bügel gehängt. Ich hatte die Aktenordner gestapelt. Ich hatte die Notizen in den Kalender übertragen. Ich hatte die Anrufe gemacht, die Mark sich auf seinen Block geschrieben hatte und nicht erledigte.
Ich räumte nicht mehr auf.
Das war, glaube ich, der Satz, der mir an der Tür von Marks Büro deutlich wurde. Nicht in dramatischer Form. Nur als kleine, innere Notiz, die ich selbst hörte, wie man sich beim Verlassen eines Zimmers daran erinnert, das Licht ausgemacht zu haben.
*Ich räume nicht mehr auf.*
Es war kein Beschluss. Es war eine Beobachtung.
Ich machte das Licht nicht aus. Es brannte, als ich gekommen war. Es brannte weiter.
Ich schloss die Tür leise hinter mir.
—
Im Vorzimmer sah ich kurz zu Annes Schreibtisch. Die kalte Tasse Tee. Der aufgeschlagene Kalender. Daneben ein Stift, der quer lag, und eine Liste, auf der ich von der Tür aus drei Punkte sah: „Bank“, „Korn“, „SZ“.
SZ.
Ich blieb einen Moment stehen.
Dann ging ich weiter.
Im Aufzug nach unten dachte ich nicht über Mark nach. Ich dachte über Anne nach. Anne, die mit einer kalten Tasse Tee zum Mittagessen gegangen war, weil sie den Tee zu Beginn der Sitzung gemacht hatte und nicht dazu gekommen war, ihn zu trinken.
Anne hatte mir vor zwei Wochen gesagt, sie wisse nicht, wie sie weitermache.
Ich hatte gesagt, sie könne sich helfen, wenn sie es wolle.
Sie war noch da.
Aber sie war es noch nicht ganz.
—
In der Lobby stand Frau Lehmann hinter dem Tresen. Sie sah auf, als ich aus dem Aufzug trat.
„Frau Richter.“
„Frau Lehmann.“
„Ihren Mantel?“
„Bitte.“
Sie holte ihn von der Garderobe, half mir hinein, hielt ihn an den Schultern, bis ich ihn gerade gerückt hatte.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Anne war heute Vormittag nicht ganz bei sich.“
„Ist sie krank?“
„Nein. Sie ist müde. Sie hat heute Morgen geweint. Ich habe ihr eine Tasse Tee gemacht, sie hat ihn nicht getrunken.“
„Ich danke Ihnen, Frau Lehmann.“
„Es ist nichts.“
„Doch.“
Sie sah einen Moment an mir vorbei, dann mich an, kurz, fast verlegen.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“
„Nein. Ich gehe.“
„Es ist kalt.“
„Ich weiß.“
Sie nickte. Sie ging zurück hinter den Tresen.
Auf der Maximilianstraße zog ich den Mantelkragen hoch. Die Sonne war hinter eine Wolke gegangen.
Ich lief nach Westen, in Richtung Hofgarten.
—
Im Hofgarten setzte ich mich auf eine Bank.
Es war kalt. Die Bank war kalt. Ich hatte einen Schal, den ich um den Hals zog. Ein älteres Ehepaar ging vorbei, beide in dunklen Mänteln, und der Mann grüßte mit einem leichten Heben des Hutes, ohne stehen zu bleiben.
Ich saß einige Minuten still.
Ich dachte nicht an Marks Büro. Ich dachte an meinen Vater.
Mein Vater hatte einen Schreibtisch gehabt, den ich als Kind oft geöffnet hatte, ohne Erlaubnis. Er war nie unaufgeräumt. Die Bleistifte lagen in einem schmalen Schälchen aus Olivenholz. Die Akten waren in Mappen, die Mappen waren in Fächern, die Fächer waren beschriftet. Wenn er ein Glas Wasser auf den Aktendeckel stellte, was selten vorkam, legte er einen kleinen Untersetzer aus Kork darunter, den er aus einem Restaurant in Verona mitgebracht hatte.
Mark hatte als junger Mann meinen Vater gesehen. Mark hatte sich an meinem Vater orientiert. In den ersten Jahren der Ehe hatte er in seinem Büro auch einen kleinen Untersetzer gehabt, einen anderen, einen aus dem Caffè Florian in Venedig. Er hatte ihn vor sechs oder sieben Jahren weggeschmissen, weil er ihm „zu sehr nach Mitte vierzig“ aussah.
Heute hatte er einen Aktenordner mit einem nassen Ring.
—
Ich stand auf, als die Kälte unangenehm wurde.
Ich ging am Eingang des Hofgartens an einer Frau mit einem Hund vorbei. Der Hund schnüffelte an meinem Mantel. Die Frau zog ihn weg, entschuldigte sich höflich. Ich nickte.
Ich ging weiter, in Richtung Odeonsplatz.
Hinter mir, im dritten Stock der Maximilianstraße 12, ahnte Mark noch nichts.