Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 120: Epilog

Drei Jahre nach dem Vormittag im Klinikum stand ich am Fenster meines Schlafzimmers.

Es war ein Morgen Anfang Juni.

Die Sonne stand schon über den Dächern. Im Garten unten blühte der Flieder zum dritten Mal seit jenem Vormittag. Frau Brandl hatte mich darauf hingewiesen, dass er in diesem Jahr besonders dicht trage — sie hatte das gestern gesagt, von ihrer Wohnung in der Au aus, in einem kurzen Telefonat. Sie war nun seit neun Monaten in Rente. Sie rief jeden Sonntagvormittag an. Sie kam einmal im Monat zum Mittagessen. Ihr Bruno-Hund war im März gestorben, und ihr Sohn hatte ein neues Tier — einen Mischling aus dem Tierheim, einen, der noch nicht hörte, wenn er gerufen wurde.

Im Haus war heute Morgen niemand außer mir.

Fabian war in Hamburg. Er kam heute Abend.

Herr Adler — der Mann aus Augsburg, der Frau Brandl seit dem Sommer ersetzt hatte — war heute frei. Er hatte gestern Abend gesagt, er fahre für zwei Tage in die Berge. Ich hatte zugesagt.

Ich war allein.

Ich war gern allein.

Ich hatte mir einen Kaffee gemacht.

Ich hatte ihn auf das Fensterbrett gestellt.

Ich sah hinunter.

Im Garten zwitscherten zwei Amseln. Eine Drossel — oder das, was ich für eine Drossel hielt, weil ich Vogelarten nie ganz auseinanderhalten konnte — saß auf der Hecke und sah um sich, als müsse sie etwas entscheiden.

Hinter dem Garten lag die Straße.

Hinter der Straße lag das Nachbarhaus.

Hinter dem Nachbarhaus lag München, das ich nicht sehen konnte und das ich an klaren Vormittagen wie heute trotzdem fühlte — als eine kleine Schwingung der Stadt, die sich aufmachte, an die Arbeit zu gehen.

Drei Jahre.

Es war eine Zeit, die kurz war, wenn man sie an einem Kalender ablas, und lang, wenn man sie an einem Leben ablas.

In diesen drei Jahren war der Mann, mit dem ich zwölf Jahre verheiratet gewesen war, in eine Beraterstelle bei einem mittelständischen Unternehmen in Pasing gewechselt. Er lebte noch immer in einer kleinen Wohnung in Schwabing. Er war seit anderthalb Jahren mit einer Frau zusammen, die ich nicht kannte und die — laut Heinrich Altmann, der mir solche Dinge erzählte, ohne dass ich danach fragte — eine Anwältin in einer mittelgroßen Kanzlei in Bogenhausen war. Sie war zwei Jahre jünger als ich. Sie hatte zwei Kinder aus erster Ehe. Mark hatte sich in den letzten Jahren beruhigt. Er war kein zerstörter Mann. Er war ein Mann, der gelernt hatte, dass er nicht so groß war, wie er gedacht hatte, und der sich, in der Größe, in der er nun war, eingerichtet hatte.

Sophia hatte ein zweites Kind bekommen. Eine Tochter, vor sechs Monaten. Sie hatte mir kein Foto geschickt. Sie hatte mir nur eine kurze Karte aus Berlin geschrieben — *Sie ist gesund. Wir sind glücklich. — S.* Ich hatte sie in dieselbe Schublade gelegt wie die anderen Briefe von Sophia. Die Schublade war voll.

Clara hatte vor einem Jahr ihr erstes Kind bekommen, einen Jungen. Sie nannten ihn Felix. Tobias war ein guter Vater, sagte Clara, in einer Form von milder Überraschung, die sie sich selbst nicht erlaubte zu erklären. Felix war jetzt anderthalb. Er sagte „Tante Mia“ zu mir.

Margot war im letzten November fünfundsiebzig geworden. Sie hatte eine kleine Feier gegeben, in ihrer Wohnung an der Prinzregentenstraße, mit zwölf Gästen, an einem Sonntagnachmittag. Sie war seitdem ein wenig schmaler geworden, aber sie ging noch immer dreimal die Woche aus. Sie las noch immer drei Zeitungen am Tag.

Jan war Vater geworden. Spät, mit dreiundvierzig. Eine Frau aus Hamburg, eine Galeristin. Ein Junge, vor sechs Monaten. Der Junge hieß Hermann, nach unserem Vater. Jan kam jetzt häufiger nach München, um seinen Sohn meinen Eltern auf dem Bogenhausener Friedhof zu zeigen.

Heinrich Altmann lebte noch.

Doktor Weber war im April in den Ruhestand gegangen. Sein Nachfolger war ein jüngerer Mann, sympathisch, sorgfältig, weniger humorvoll. Wir hatten ihn akzeptiert.

Anne war noch immer da.

Die Firma trug seit zwei Jahren den Namen RICHTER-HARTMANN GRUPPE.

Sie war nicht groß geworden — ich hatte nicht gewollt, dass sie größer wurde, als sie konnte —, aber sie war stabil. Ihre Bilanzen waren gesund. Ihre Aufträge waren solide. Ihre Mitarbeiter waren zufriedener als unter Mark, was sich nicht messen ließ, was sich aber an den Krankenständen ablesen ließ, die in den letzten zwei Jahren um ein Drittel gesunken waren.

In Augsburg hatten wir die Verwaltungssanierung abgeschlossen. Sie war pünktlich fertig geworden, was bei einer Verwaltungssanierung nicht selbstverständlich ist. Der Stadtbaurat hatte uns vor zwei Wochen einen Brief geschrieben. Er hatte sich bedankt. Er hatte uns eingeladen, uns für die nächste Ausschreibung zu bewerben.

Ich hatte zugesagt.

Fabian und ich waren noch immer nicht verheiratet.

Wir hatten den Termin im letzten Sommer schon einmal angedacht und dann verschoben. Wir hatten ihn im Frühling wieder angedacht und wieder verschoben. Es war nicht so, dass einer von uns sich nicht hätte verheiraten wollen. Es war einfach so, dass die Hochzeit, wenn sie stattfand, eine ruhige Hochzeit sein würde, im engsten Kreis, mit zwölf oder fünfzehn Gästen, in einer Form, die kein Datum erzwang.

Wir hatten Zeit.

Wir würden im Herbst entscheiden.

Wir hatten in der Zwischenzeit einen Ring ausgesucht — vor sieben Monaten, in einem kleinen Geschäft in der Theatinerstraße. Es war ein dünner Ring, ein einfacher, mit einem kleinen Saphir. Er lag in einer Schublade in meinem Schreibtisch. Ich trug ihn nicht. Ich würde ihn am Tag der Hochzeit anziehen.

Es war eine sehr deutsche Form von Verlobung, sagte Margot.

Sie meinte das nicht abwertend.

Ich trank den Kaffee.

Ich sah hinunter.

Der Garten war grün.

Die Hecken waren in den letzten Wochen nachgeschnitten worden. Die Wege waren frei von Laub. Die kleine Bank unter der Linde, auf der mein Vater im Sommer immer gesessen hatte, stand an ihrem Platz.

In den letzten drei Jahren hatte ich gelernt, was es heißt, an einem Ort anzukommen.

Es heißt nicht, dass alles fertig ist.

Es heißt, dass man weiß, an welchem Ort man morgen sein wird, und dass dieser Ort einem nicht weggenommen werden wird.

Es heißt, dass man morgens am Fenster steht und einen Kaffee trinkt, und dass das genug ist, ohne dass man dafür eine Rechtfertigung braucht.

Es heißt, dass das Haus, in dem man wohnt, einen kennt.

Ich dachte an Schwester Barbara.

Sie hatte mir, vor zweieinhalb Jahren, auf meinen kurzen Brief geantwortet. Sie hatte eine Postkarte geschickt — diesmal aus dem Schwarzwald, einem Bauernhof, auf dem sie Urlaub gemacht hatte. Sie hatte geschrieben: *Ich freue mich für Sie. — B.*

Mehr nicht.

Wir hatten seitdem nicht weiter geschrieben. Es war eine Beziehung, die nicht fortgesetzt werden musste. Sie hatte ihre Funktion erfüllt.

Aber ich dachte manchmal an sie.

Heute Morgen, am Fenster, dachte ich kurz an sie.

Ich dachte daran, dass eine Krankenschwester, die einer Patientin eine Hand auf den Unterarm legt, manchmal eine Sache tut, die mehr in Bewegung setzt, als sie ahnt. Ich dachte daran, dass ich heute, drei Jahre später, am Fenster eines Hauses stand, das mein Großvater gebaut hatte, in einem Bademantel, in einer Stadt, die mich kannte, und dass ein Stück dieses Stehens, an diesem Fenster, an diesem Morgen, mit diesem Kaffee, das Werk einer Krankenschwester gewesen war, die vor drei Jahren eine sehr kleine Geste gemacht hatte.

Es war ein guter Gedanke.

Ich sah auf die Uhr.

Es war Viertel nach acht.

Anne würde um neun in mein Büro kommen.

Ich würde mich in einer halben Stunde anziehen und einen Kaffee unten in der Küche trinken und um zwanzig vor neun das Haus verlassen.

Ich würde das Auto nehmen — nicht das alte, das Mark mir vor Jahren gekauft hatte, sondern den neuen, kleineren Wagen, den ich vor anderthalb Jahren selbst angeschafft hatte. Ich würde an der Maximilianstraße 12 ankommen. Frau Lehmann würde an der Pforte sitzen und „Frau Richter“ sagen. Anne würde mit den Akten an meinem Tisch sein. Wir würden über die heutigen Termine sprechen.

Das war die Choreographie eines Tages.

Sie war einfach.

Sie war richtig.

Sie war meine.

Bevor ich mich vom Fenster wegbewegte, blieb ich noch einen Augenblick stehen.

Ich sah die Linde unten im Garten.

Ich sah die Bank unter der Linde.

Ich sah, wie das Frühsommerlicht durch die Blätter fiel und die Bank in einem fein bewegten Muster aus Hell und Schatten überzog.

Ich dachte an meine Mutter.

Ich dachte daran, wie sie einmal, als ich vielleicht zehn gewesen war, an einem Vormittag im Juni an einem anderen Fenster dieses Hauses gestanden hatte — an dem Fenster im Salon, das auf die Straße ging — und einen Kaffee getrunken hatte, in einer Form, die ich mir damals nicht erklären konnte, weil sie einfach am Fenster gestanden und nichts getan hatte.

Ich hatte sie gefragt: *Was machst du?*

Sie hatte gesagt: *Ich sehe.*

Ich hatte gefragt: *Was siehst du?*

Sie hatte gesagt: *Ich sehe, dass alles da ist.*

Ich hatte das damals nicht ganz verstanden.

Heute verstand ich es.

Ich nahm die Tasse vom Fensterbrett.

Ich drehte mich um.

Im Schlafzimmer hinter mir lag das Bett, in dem Fabian und ich heute Abend wieder schlafen würden. Auf dem Stuhl neben dem Bett lag mein Mantel von gestern. Auf dem kleinen Tisch lag ein Buch, das ich seit zwei Wochen las.

Im Flur hingen drei Bilder, die ich in den letzten zwei Jahren gekauft hatte — ein kleines Aquarell aus einer Galerie in der Maxvorstadt, eine Zeichnung eines jungen Architekten, eine alte Fotografie aus den dreißiger Jahren, die einen Spaziergänger im Englischen Garten zeigte.

In der Küche war es still.

Im Salon war es still.

Im Arbeitszimmer war es still.

Das Haus war wach.

Es wartete nicht auf mich.

Es war einfach da, wie es immer da gewesen war.

Ich ging hinüber zur Tür.

Auf der Schwelle blieb ich noch einmal stehen.

Ich drehte den Kopf zurück, einmal, zum Fenster.

Draußen flog die Drossel von der Hecke auf, in einer kleinen, weichen Bewegung, und verschwand über das Dach des Nachbarhauses.

Ich dachte an drei Jahre.

Ich dachte an einen Vormittag im Klinikum, an ein Bett, an einen Mann am Fenster, an einen schmalen schwarzen Stick unter einem Kissen, an ein Lächeln, das kaum sichtbar gewesen war.

Ich dachte daran, dass ich an jenem Vormittag nicht gewusst hatte, wie es weitergehen würde.

Ich dachte daran, dass das, was geschehen war, viel weiter entfernt von dem gewesen war, was ich mir an jenem Vormittag hätte vorstellen können — und dass es trotzdem, am Ende, auf eine Weise vertraut war.

Ich dachte daran, dass das Leben, wenn man es so betrachtete, weniger eine Geschichte gewesen war, die ich gemacht hatte, als eine Strecke, die ich gegangen war, weil sie da war, und an deren Ende ich, an einem Frühsommermorgen, an einem Fenster eines Hauses stehen würde, das mich kannte.

Ich wusste nicht, was kommen würde.

Aber ich war da, um es zu erleben.

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