Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 10: Das erste Gespräch

Frau Dr. Stelzer brachte den Kaffee, stellte zwei Tassen auf den niedrigen Tisch zwischen uns und ging wieder, ohne die Tür ganz zu schließen. Ich wusste, warum. Weber hatte mir einmal, vor Jahren, erklärt, dass die Tür zum Empfangszimmer während eines ersten Gesprächs nie ganz geschlossen sei. „Nicht, weil ich mich überwacht fühle, Emilia. Sondern weil der Klient das Gefühl haben soll, jederzeit aufstehen und gehen zu können.“

Ich stand nicht auf.

Ich trank einen Schluck Kaffee.

Er war zu heiß. Ich stellte die Tasse zurück.

„Beginnen Sie, wo Sie wollen“, sagte Weber.

„Ich weiß nicht, wo.“

„Dann beginnen Sie am Dienstag vor einer Woche.“

Ich sah ihn an.

Er meinte den Tag, an dem Mark mit dem Umschlag ins Klinikum gekommen war.

Ich erzählte ihm.

Ich erzählte es nicht chronologisch. Ich erzählte es, wie man Dingen erzählt, die einem nicht mehr gehören, weil sie zwar einem selbst passiert sind, aber nicht mehr Teil des eigenen Inneren sind.

Ich erzählte von Marks teuren Schuhen, die ich gehört hatte, bevor ich ihn sah. Vom weißen Umschlag auf der Decke. Von dem Satz „Deine Krankheit zieht mich mit hinunter“. Davon, dass er am Schluss, kurz bevor er ging, gesagt hatte „Adieu, Emilia“, auf Französisch, obwohl er kein Französisch sprach.

Ich erzählte von Sophia.

Nur den Namen, nicht die Details. Die Details waren nicht wichtig. Die Existenz war wichtig.

Ich erzählte von der Rechnung aus Rottach-Egern, die ich siebzehn Monate zuvor gefunden hatte, und davon, dass ich den Zettel zurück in Marks Manteltasche gesteckt hatte, ohne etwas zu sagen.

Ich erzählte von Schwester Barbara. Vom Anruf mit Clara. Vom Stick unter dem Kissen.

Ich erzählte von der Fahrt nach Bogenhausen im Taxi. Von Frau Brandl in der Tür. Von dem Morgen im Arbeitszimmer meines Vaters, von der Mappe, von dem Brief, von der Unterschrift, die zu glatt war.

Ich erzählte von dem namenlosen dritten Ordner auf dem Stick.

Das dauerte fast vierzig Minuten.

Weber unterbrach mich nicht.

Nicht einmal.

Er nickte. Er machte keine Notizen. Er sah mir meistens ins Gesicht, manchmal in die Tasse vor sich, einmal, für einen längeren Moment, zum Fenster.

Als ich fertig war, war mein Kaffee kalt.

Er trank seinen eigenen langsam leer.

Er stellte die Tasse zurück.

Dann sagte er:

„Sie haben gut erzählt, Frau Richter.“

Ich sagte nichts.

„Haben Sie die Unterlagen?“

„Ja.“

Ich reichte ihm die Ledertasche.

Er öffnete sie nicht sofort. Er legte sie neben sich, auf den Tisch.

„Ich gehe sie nach unserem Gespräch durch.“

„Gut.“

Er lehnte sich zurück.

Er sah mich an, wie er mich nicht angesehen hatte, als er ins Zimmer gekommen war. Es war kein weicher Blick. Aber es war auch nicht das Ansehen eines Anwalts, der einen Akt prüfte. Er sah mich an, wie ein Mann einen Menschen ansieht, über den er lange nachgedacht hat, ohne zu wissen, ob er je die Gelegenheit haben würde, es ihm zu sagen.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ihr Vater hat sich vor seinem Tod bei mir gemeldet. Das wissen Sie.“

„Ich weiß es seit gestern.“

„Ich habe damals einen Vorbehalt aufgenommen. Die Aktennotiz, von der er in seinem Brief spricht, liegt in meinem Safe. Ich habe sie in elf Jahren nicht aufgemacht. Ich habe Sie nicht eingeweiht. Ich habe Sie auch nicht eingeweiht, als Ihr Mann vor sechs Jahren einmal in meiner Kanzlei anrief und fragte, ob ich Unterlagen der Familie Richter verwahre.“

Ich sah ihn an.

„Was haben Sie ihm geantwortet?“

„Ich habe ihm gesagt: ‚Ich verwahre Unterlagen vieler Familien, Herr Hartmann. Welche genau meinen Sie?'“

„Und?“

„Er hat das Gespräch beendet.“

Weber lächelte leicht. Es war nur ein halber Zug an seinem Mundwinkel.

„Ihr Mann ist intelligent, aber er ist nicht geduldig. Geduldige Menschen stellen die gleiche Frage zweimal, wenn sie vermuten, dass sie beim ersten Mal eine unzufriedene Antwort bekommen haben. Ihr Mann hat die Frage nie wieder gestellt.“

„Warum haben Sie mir damals nichts gesagt?“

„Weil Ihr Vater es nicht wollte.“

Ich sah auf meine Hände.

„Sie hatten keinen Auftrag.“

„Ich hatte einen Auftrag. Aber mein Auftrag war: Tun Sie nichts, solange meine Tochter glücklich ist. Tun Sie nichts, solange sie stark ist. Wenn sie je zu Ihnen kommt, weil sie nicht mehr glücklich ist oder nicht mehr stark, geben Sie ihr, was ich Ihnen hinterlassen habe. Nicht vorher.“

„Er hat das so gesagt?“

„Fast wörtlich.“

Ich wollte nicht weinen.

Ich weinte nicht.

Es ist mir jetzt schwer, es zu beschreiben. Es war nicht Rührung. Es war eine Erleichterung, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte. Mein Vater hatte mich vor elf Jahren nicht verlassen. Er hatte einen Plan hinterlassen, und er hatte einem Freund gesagt, wann dieser Plan aufgeschlagen werden solle. Er hatte mir einen Menschen hinterlassen, der jetzt vor mir saß und mir sagte, dass der Plan jetzt galt.

Ich sagte eine Weile nichts.

Weber wartete.

Er drängte nicht.

Frau Dr. Stelzer, das wusste ich, war am anderen Ende des Flurs. Sie hörte nicht mit. Sie war zu erfahren, um mitzuhören. Aber sie würde hereinkommen, wenn einer von uns läutete, und sie würde einen weiteren Kaffee bringen, oder auch nicht, je nachdem, was der Ton des Klingelknopfs sagte.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich stelle Ihnen jetzt eine Frage. Sie müssen sie nicht heute beantworten. Aber ich brauche die Antwort, bevor wir gemeinsam die Unterlagen öffnen.“

„Ja.“

„Was wollen Sie?“

Ich sah ihn an.

„Was meinen Sie?“

„Was wollen Sie? Jetzt, wo Sie wissen, dass es die Unterlagen gibt. Jetzt, wo Sie wissen, dass die Firma Ihres Vaters möglicherweise nicht so verteilt ist, wie Ihr Mann glaubt. Jetzt, wo Sie wissen, dass Ihr Mann Sie verlässt. Was wollen Sie?“

Ich atmete einmal aus.

„Ich weiß es noch nicht.“

Weber nickte.

„Gut.“

„Gut?“

„Ja. Gut. Wenn Sie jetzt gesagt hätten, ‚Ich will ihn ruinieren‘, wäre ich erstaunt gewesen. Wenn Sie gesagt hätten, ‚Ich will sofort die Firma‘, wäre ich vorsichtig gewesen. Wenn Sie gesagt hätten, ‚Ich will zurück in meine Ehe‘, hätte ich Ihnen einen Kaffee ohne Milch bringen lassen.“

Ich lachte, das erste Mal an diesem Tag. Trocken und kurz.

„Sie wollen mir nur helfen, wenn ich nicht weiß, was ich will?“

„Ich will Ihnen helfen, solange Sie ehrlich genug sind, zu wissen, dass Sie es nicht wissen. Wer genau weiß, was er will, handelt zu schnell. Wer gar nichts weiß, handelt gar nicht. Sie wissen, dass Sie es nicht wissen. Das ist der Punkt, an dem ein guter Anwalt einen guten Klienten erkennt.“

Ich sah ihn lange an.

„Mein Vater hat Sie gut gewählt.“

„Das war nicht mein Kompliment. Das war seins.“

Er stand auf.

Er ging zum Fenster. Er sah hinunter auf die Briennerstraße, wo ein Mann mit einem kleinen Hund vorbeiging und der Hund dreimal in die gleiche Richtung schnupperte.

„Frau Richter“, sagte Weber. „Wir werden heute die Unterlagen prüfen, langsam. Ich werde Ihnen alles erklären. Aber ich werde keine Entscheidungen für Sie treffen. Ich werde keine Empfehlungen aussprechen, die Ihnen den Denkprozess abnehmen.“

„Was erwarten Sie von mir?“

„Dass Sie mir beim nächsten Termin eine einzige Sache sagen können.“

„Welche?“

Er drehte sich um.

Seine Augen waren grau, heller, als ich sie erinnerte.

„Eine Sache, die Sie nicht mehr tun werden.“

Ich sah ihn an.

Ich verstand nicht sofort.

„Nicht, was Sie tun wollen, Frau Richter. Was Sie nicht mehr tun werden. Eine einzige Sache. Alles andere ergibt sich daraus.“

Ich nickte langsam.

„Wann ist der nächste Termin?“

„Morgen“, sagte er. „Gleiche Zeit.“

Er öffnete die Tür.

Frau Dr. Stelzer stand im Flur, als habe sie auf ein Zeichen gewartet, das sie wahrscheinlich auch bekommen hatte, ohne dass wir es bemerkt hätten.

„Begleiten Sie Frau Richter bitte hinunter“, sagte Weber.

Frau Dr. Stelzer nickte.

Ich nahm meinen Mantel.

Ich stand einen Moment in der Tür, die Tasche ohne die Unterlagen nun, und sah zurück in das Zimmer.

Weber hatte die Ledertasche noch nicht geöffnet.

Sie lag, wie ich sie hingelegt hatte, auf dem Tisch neben seinem Sessel.

Er würde sie öffnen, sobald ich weg war. Er würde sie allein durchgehen. Er würde sich Notizen machen. Er würde mir beim nächsten Termin die wichtigsten Blätter zurückgeben, mit kleinen Bleistiftkreuzen an den Stellen, an denen er Fragen hatte.

Ich wusste das alles, ohne dass er es mir sagen musste.

Es fiel mir zum ersten Mal auf, wie beruhigend es war, jemandem gegenüberzusitzen, den man nicht erklären musste.

Ich ging mit Frau Dr. Stelzer die Treppe hinunter.

„Ihr Vater hätte sich gefreut, Sie heute hier zu sehen“, sagte sie an der Haustür.

Ich sah sie an.

„Er hat mich gesehen“, sagte ich. „Er ist auch da gewesen.“

Sie lächelte.

Sie öffnete die Tür.

„Bis morgen, Frau Richter.“

„Bis morgen.“

Ich trat auf die Straße.

Das Licht war noch dasselbe wie am Morgen. München in November. Matt. Geduldig.

Ich ging zu meinem Auto.

Ich stieg ein.

Ich blieb eine Weile sitzen, bevor ich den Schlüssel drehte.

Webers letzte Frage hatte sich in mir festgesetzt wie ein Steinchen, das in den Schuh fällt, ohne dass man weiß, wo. Ich spürte es, aber ich konnte es noch nicht fassen.

„Eine einzige Sache, die Sie nicht mehr tun werden.“

Ich drehte den Schlüssel.

Ich fuhr zurück nach Bogenhausen.

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