Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 104: Marks letzter Anruf

Mark rief am Donnerstag an.

Es war zwei Tage nach dem Abend in der Schellingstraße. Ich hatte am Mittwochmorgen mit Clara telefoniert, kurz, ohne Ausschmückungen, und sie hatte gesagt: „Gut. Jetzt geh wieder arbeiten.“ Ich hatte gearbeitet.

Am Donnerstagmittag saß ich in meinem Büro in der Maximilianstraße. Die Pressemitteilung über die Umbenennung lag fertig auf dem Tisch, in der nächsten Woche würde sie hinausgehen. Schmidt war heute Morgen kurz hier gewesen. Wir hatten einen Vermerk gegengelesen. Er hatte mir am Ende, beim Aufstehen, gesagt, er sei froh.

Er hatte nicht gesagt, worüber.

Anne klopfte um Viertel nach zwölf.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ein Anruf.“

Sie zögerte einen Moment.

„Es ist Herr Hartmann.“

Ich legte den Stift hin.

„Stellen Sie ihn durch.“

„Soll ich?“

Sie fragte das nicht aus Ungehorsam, sondern aus Sorgfalt. Anne hatte gelernt, dass die Anrufe, die sie ohne Rückfrage durchstellte, leichter waren als die, bei denen sie noch einmal nachfragte.

„Ja. Stellen Sie ihn durch.“

Sie schloss die Tür.

Das Telefon klingelte einmal kurz, dann hob ich ab.

„Hartmann.“

Es war einen Augenblick still.

Dann seine Stimme.

„Emilia.“

Ich hatte sie zuletzt vor knapp einem Jahr gehört. Beim letzten Anruf hatte er gestottert. Heute stotterte er nicht. Er klang älter. Er klang nicht zerstört. Er klang nur dünner als früher, als wäre die Stimme eine Schicht weniger geworden.

„Mark.“

„Du nimmst meinen Anruf an.“

„Ja.“

„Ich hatte nicht damit gerechnet.“

„Ich auch nicht.“

Er machte eine Pause.

Mark hatte früher nie Pausen gemacht. Er hatte gesprochen, ohne zu warten. Er hatte alles, was er wollte, in Sätze gepackt, die für die Rückfrage zu schnell waren. Eine Pause bei Mark war eine Konzession, die ich vor zwei Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

„Können wir reden?“

Ich sah aus dem Fenster.

Auf der Maximilianstraße ging eine Frau mit einem Kinderwagen vorbei. Aus dem Café gegenüber trat ein Mann mit einer Zeitung unter dem Arm. Es war ein Donnerstagmittag in München, und kein Mensch da draußen wusste, dass ich in diesem Augenblick mit Mark Hartmann sprach, der an einem Telefon in Schwabing saß und mich zum letzten Mal anrief.

„Wir reden gerade“, sagte ich.

„Ich meine — ich meine wirklich. Können wir uns sehen? Einmal. Eine halbe Stunde. Im Café Luitpold, wenn du willst. Oder wo immer.“

„Nein.“

Es war eine ruhige Antwort. Es war keine harte Antwort. Es war einfach das Wort, das in der Frage lag.

„Bitte.“

Ich hörte das Wort.

„Bitte“ hatte Mark in den dreizehn Jahren unserer Ehe vielleicht fünfmal zu mir gesagt. Es hatte ihm nicht zugestanden. Es war keine Geste, die er beherrschte, weil er sie nicht gebraucht hatte. Heute kam sie ihm leichter über die Lippen. Auch das war eine Veränderung.

„Mark.“

„Ja.“

„Was möchtest du sagen?“

„Ich möchte mich entschuldigen.“

„Du hast es schon getan.“

„Nein. Ich habe es versucht. Ich habe es schlecht versucht.“

„Ja.“

„Ich möchte es richtig versuchen.“

Ich war einen Augenblick still.

Ich hatte mir in den letzten Monaten manchmal vorgestellt, wie dieses Gespräch aussehen würde. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich ihm nicht antworten würde. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich ihn unterbrechen würde, dass ich kalt sein würde, dass ich knapp sein würde. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich danach am Schreibtisch sitzen und triumphieren würde.

Ich saß am Schreibtisch.

Ich triumphierte nicht.

Es lag eine Müdigkeit in mir, eine kleine, freundliche Müdigkeit, wie sie nach einem langen Spaziergang einsetzt, kurz bevor man nach Hause kommt.

„Mark“, sagte ich. „Hör mir zu.“

„Ja.“

„Ich werde dir etwas sagen. Ich werde es nur einmal sagen. Du wirst mich nicht unterbrechen.“

„Nein.“

„Ich verzeihe dir.“

Ich ließ den Satz stehen.

Ich hatte ihn nicht in einer Tonlage gesprochen, die ihn größer machen sollte. Ich hatte ihn gesprochen, wie man ein Mittagessen ankündigt. Es war nichts, was ich in einer höheren Lage hätte sagen müssen.

Er atmete einmal ein.

„Emilia —“

„Du hast zugesagt, mich nicht zu unterbrechen.“

„Ja. Entschuldige.“

„Ich verzeihe dir. Ich verzeihe dir nicht für dich. Ich verzeihe dir für mich. Ich möchte nicht in den nächsten zwanzig Jahren die Erinnerung an dich wie einen kleinen Stein in der Tasche tragen. Ich möchte sie ablegen. Damit ich sie ablegen kann, sage ich dir jetzt, dass ich dir verzeihe.“

Ich machte eine Pause.

Er sagte nichts.

„Ich werde dich aber nicht wiedersehen.“

Ich machte noch eine Pause.

„Das ist keine Strafe. Das ist eine Tatsache. Ich habe ein Leben aufgebaut, in dem du nicht mehr vorkommst. Es ist kein großes Leben. Aber es ist meines. Wenn ich dich wiedersähe, wäre es nicht mehr ganz meines.“

Es war einen Augenblick still.

Im Hintergrund seines Anrufs hörte ich eine Straße. Vielleicht ein Auto. Vielleicht eine Tür. Er stand offenbar nicht in seiner Wohnung. Er stand irgendwo draußen — auf einem Balkon vielleicht, oder am Fenster eines Lokals, in dem er saß, weil ihm seine eigene Wohnung zu klein für dieses Telefonat gewesen war.

„Ich verstehe“, sagte er.

„Mark.“

„Ja.“

„Es geht dir nicht gut.“

„Nein.“

„Aber das hat nichts mit mir zu tun.“

„Nein.“

„Und es wird nichts mit mir zu tun haben.“

Er war einen Moment still.

„Nein“, sagte er dann.

„Sieh nach vorn“, sagte ich. „Such dir eine Beratung. Einen Posten, der zu dir passt. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ein anderes Leben. Ich weiß nicht, was zu dir passt.“

„Ich weiß es auch nicht.“

„Such es.“

„Ja.“

„Mark.“

„Ja.“

„Adieu.“

Ich sagte das Wort, weil er es vor zwei Jahren in dem Klinikzimmer gesagt hatte. Damals war es eine Pose gewesen, eine lächerliche Geste, eine eingeübte Eleganz, die er sich nicht leisten konnte. Heute, in meiner Stimme, war es kein Spiel. Es war ein Wort, mit dem ein Kapitel geschlossen wurde, in einer Sprache, die wir beide nicht beherrschten und in der wir beide gleich höflich klangen, weil wir uns nicht weiter ausdrücken konnten.

Er sagte nichts.

Ich hörte sein Atmen.

Dann hörte ich, wie er den Hörer auflegte.

Ich saß am Schreibtisch.

Ich hatte den Hörer noch in der Hand. Ich legte ihn jetzt auch hin. Er klickte einmal in der Halterung. Ich legte beide Hände auf den Schreibtisch, neben der Pressemitteilung, die hier seit dem Morgen lag.

Ich sah aus dem Fenster.

Die Frau mit dem Kinderwagen war weitergegangen. Der Mann mit der Zeitung saß jetzt drüben am Café, mit dem Rücken zur Straße. Eine Wolke schob sich vor die Sonne. Eine andere kam dahinter.

Ich weinte nicht.

Ich war auch nicht erleichtert. Ich war nicht erschöpft. Ich war nicht stolz. Ich war nichts.

Es war ein leeres Gefühl, aber kein dunkles.

Es war ein Gefühl, das man sich aussuchen würde, wenn man wählen könnte.

Anne klopfte.

„Frau Richter.“

„Ja, Anne.“

„Sie haben um eins die Sitzung mit Heinrich Altmann.“

„Ich weiß.“

„Soll ich etwas verschieben?“

„Nein.“

„Möchten Sie etwas trinken?“

„Ein Wasser, wenn Sie es haben.“

Sie brachte ein Wasser.

Sie blieb nicht.

Sie sah mich nicht zu lange an.

Sie hatte gehört, oder sie hatte geahnt. Beides war gleichgültig. Was Anne hörte, blieb in Anne. Es war eine ihrer Eigenschaften, die ich erst spät zu schätzen gelernt hatte.

Um eins kam Heinrich.

Wir besprachen die Pressemitteilung über die Umbenennung. Heinrich war alt genug, um die Bedeutung dieses Namenswechsels zu kennen, ohne dass ich ihm das hätte erklären müssen. Er war auch klug genug, mir nicht zu schmeicheln. Er machte nur eine kleine Bemerkung, beim Aufstehen, am Ende.

„Ihr Vater hätte sich gefreut.“

„Ich weiß.“

„Er hätte es nicht gesagt. Aber er hätte sich gefreut.“

„Heinrich.“

„Ja?“

„Mark hat heute angerufen.“

Er sah mich an, ohne den Blick zu verändern.

„Und?“

„Ich habe ihm gesagt, dass es vorbei ist.“

„Hat er etwas gesagt?“

„Er hat verstanden.“

„Gut.“

Er nickte einmal. Dann ging er.

In der Tür drehte er sich noch einmal um.

„Emilia.“

„Ja?“

„Es ist gut.“

„Was?“

„Wie Sie es gemacht haben.“

Er ging.

Ich verließ am Nachmittag früher das Büro.

Das tat ich selten. Aber an diesem Nachmittag wollte ich nicht warten, bis es dunkel wurde, bevor ich nach Hause ging. Ich wollte das Tageslicht noch im Haus haben.

Auf dem Weg zum Auto sah ich, wie eine Frau mit einer schweren Tasche aus einem Antiquariat kam, das ich seit Jahren kannte, in dem ich aber selten etwas gekauft hatte. Sie blieb auf dem Bürgersteig stehen, sie stellte die Tasche kurz ab, sie holte einen Kuli aus der Manteltasche, sie schrieb sich auf einem kleinen Zettel etwas auf, dann nahm sie die Tasche wieder hoch und ging weiter. Es war eine ganz unscheinbare Bewegung, aber sie blieb mir im Auge. Manche Menschen, dachte ich, leben so, dass sie sich auch unterwegs etwas notieren, was sie nicht vergessen wollen. Mark hatte sich nie etwas notiert. Er hatte sich auf sein Gedächtnis verlassen, das ihm in den Augenblicken, in denen es darauf angekommen war, gerne im Stich gelassen hatte.

Ich ging weiter zum Wagen.

In Bogenhausen war Frau Brandl draußen im Garten.

Sie war nicht oft im Garten. Sie war im Garten, wenn es etwas Bestimmtes zu tun gab — Blätter zu fegen, Stauden zu schneiden — oder wenn sie auf etwas wartete, das sie sich nicht zur Aufgabe gemacht hatte.

Heute hatte sie eine Schere in der Hand. Sie stand vor einer Forsythie, die in der vergangenen Woche zu blühen begonnen hatte und an deren unteren Zweigen nun einige Triebe in falsche Richtungen wuchsen.

Sie sah mich kommen.

Sie sah mich an, ohne zu fragen.

„Frau Richter.“

„Frau Brandl.“

„Heute waren Sie früher.“

„Ja.“

Sie schnitt einen Trieb. Sie legte ihn in den kleinen Korb, den sie neben sich gestellt hatte.

„Mark hat heute angerufen“, sagte ich.

Sie schnitt einen weiteren Trieb.

„Ich habe es ihm gesagt.“

„Was haben Sie gesagt?“

„Dass ich ihn nicht wiedersehen werde.“

Sie nickte.

Sie schnitt einen dritten Trieb.

„Frau Brandl.“

„Ja?“

„Sie sagen nichts dazu.“

„Es gibt nichts zu sagen.“

„Sie haben ihn dreizehn Jahre lang erlebt.“

„Ja.“

„Und?“

Sie sah mich an, einen kurzen Augenblick. Dann den Strauch.

„Frau Richter. Es gibt Männer, von denen ein Haus sich erholt. Und es gibt Männer, von denen ein Haus sich nicht erholt. Sie haben einen aus der ersten Sorte gehabt.“

Sie schnitt noch einen Trieb. Sie legte die Schere in den Korb. Sie hob den Korb auf.

„Ich gehe rein. Es wird kühl. Sie sollten auch hineingehen.“

Sie ging zum Haus.

Ich blieb noch einen Augenblick draußen.

Über dem Garten war der Himmel fast wolkenlos. Auf der Forsythie saß ein kleiner Vogel, einen Atemzug lang, dann flog er weg. In der Ferne hörte ich einen Glockenturm, vielleicht aus St. Lukas, vielleicht aus weiter weg, schlagen.

Ich ging hinein.

Im Arbeitszimmer schaltete ich das Licht an.

Auf dem Schreibtisch lag die Lupe meines Vaters. Ich nahm sie in die Hand. Ich sah sie nicht durch — ich hielt sie nur fest.

In der Schublade lagen die zwei Briefe meiner Mutter, neben einigen anderen Briefen, die ich in den letzten Wochen geöffnet und wieder hineingelegt hatte. Ich öffnete die Schublade nicht.

Ich saß einfach am Schreibtisch.

Ich saß lange.

Irgendwann, ich wusste nicht wann, hörte ich Frau Brandl in der Küche. Ich hörte den Wasserhahn. Ich hörte den Kessel. Ich hörte, wie sie eine Tasse aus dem Schrank nahm.

Sie kam mit einem Tee herein.

Sie stellte ihn auf den Schreibtisch.

Sie sagte nichts.

Sie ging wieder.

Der Tee dampfte.

Ich trank einen Schluck.

Er war stark.

Ich trank noch einen.

Ich war fertig.

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