Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 18: Das erste Loch

Clara kam am Samstag zum Mittagessen.

Sie kam nie mit leeren Händen. Diesmal brachte sie einen Kuchen aus dem Café in der Schellingstraße, wo wir als Studentinnen manchmal Prüfungen vorbereitet hatten, wenn die Bibliothek der LMU zu eng wurde. Der Kuchen war in braunem Papier eingewickelt. Sie legte ihn auf den Küchentisch und zog den Mantel aus.

„Ist Jan da?“

„Er arbeitet oben.“

„Kommt er essen?“

„Er kommt, wenn er Hunger hat. Das dauert manchmal.“

„Ich kenne das. Mein Bruder ist genauso.“

„Dein Bruder ist Arzt.“

„Architekten und Ärzte sind nah beieinander, wenn sie Kinder einer Mutter sind, die früh gestorben ist.“

Sie sagte es leichthin, so wie Clara solche Dinge sagte. Sie hatte die Gabe, schwere Sätze leicht auszusprechen, und sie machte sie dadurch nicht leichter, sondern erträglicher.

Wir setzten uns in die Küche. Frau Brandl hatte einen Auflauf gemacht. Der Tisch war für drei gedeckt, mit einem vierten Teller in der Mitte, falls Jan dazukäme. Er kam nicht.

Clara aß. Ich aß wenig, aber ich aß. Clara sah es und sagte nichts.

„Ich habe eine Sache gehört“, sagte sie nach einer Weile.

„Ja?“

„Und ich weiß nicht, ob ich sie dir sagen soll.“

„Dann sag sie mir.“

„Berkhoff & Söhne.“

Ich sah auf.

„Was davon?“

„Sie haben den Rahmenvertrag gekündigt.“

Ich legte die Gabel ab.

„Wann?“

„Gestern.“

„Mark.“

„Mark hat nicht die Unterlagen gehabt, die er brauchte. Er hat Berkhoff zum dritten Mal einen Termin verschoben. Berkhoff hat gewartet. Dann hat Berkhoff nicht mehr gewartet.“

„Und gekündigt.“

„Und gekündigt.“

Ich schwieg.

„Emilia.“

„Ja.“

„Du weißt, was das heißt?“

„Ich weiß.“

„Das ist nicht klein.“

„Nein.“

„Wie groß?“

„Volumen? Vierzehn Millionen in drei Jahren.“

Clara pfiff leise. Sie pfiff, ohne zu lachen. Sie hatte das von ihrem Vater, der nie laut geworden war und stattdessen leise gepfiffen hatte, wenn ihn etwas betroffen hatte.

„Hat er eine Rückversicherung?“

„Nein.“

„Er hat keine Rückversicherung.“

„Nein. Er hat sie nie gehabt. Ich habe ihm vor neun Monaten dreimal gesagt, er solle die dritte Anlage nicht aus der Hand geben. Er hat sie aus der Hand gegeben. Jetzt fehlt sie. Sie fehlt ihm bei anderen Aufträgen auch.“

„Wie viele andere?“

„Zwei.“

„Welche?“

„Ein Bürogebäude in Düsseldorf. Ein Wohnquartier in Stuttgart. Beide nicht so groß wie Berkhoff. Aber beide brauchen dieselbe Anlage.“

Clara sah mich an.

„Du hast sie, nicht?“

„Hatte.“

„Hatte?“

„Jetzt hat sie niemand.“

„Du hast sie gelöscht?“

„Ich habe sie nicht weitergegeben. Sie liegt auf einem Server, zu dem ich keinen Zugang mehr habe, und sie ist die einzige Ausfertigung, weil Mark nie eine zweite hat anfertigen lassen.“

„Auf welchem Server?“

„Einem alten. Einem, den Mark vor fünf Jahren abgeschaltet hat, weil er dachte, wir bräuchten ihn nicht mehr. Ich habe die Festplatte damals retten lassen. Mark weiß das nicht. Die Festplatte liegt bei Weber.“

„Und?“

„Und nichts. Die Daten sind da. Sie sind sicher. Sie sind nicht in Marks Reichweite.“

Clara trank einen Schluck Wasser.

„Du gibst sie ihm nicht.“

„Nein.“

„Unter keinen Umständen.“

„Unter keinen Umständen.“

„Das ist hart, Emilia.“

„Ist es.“

„Ich sage das nicht als Vorwurf.“

„Ich weiß.“

„Ich sage es, weil es hart ist.“

„Ja.“

Sie schwieg.

„Er hat die Anlage nicht aus der Hand gegeben, weil er leichtsinnig war“, sagte ich. „Er hat sie aus der Hand gegeben, weil er mir nicht zugehört hat. Ich habe ihm dreimal gesagt: behalte sie. Er hat gesagt: ich brauche sie nicht. Er hat mir damals gesagt, ich übertreibe.“

„Und jetzt?“

„Jetzt braucht er sie.“

„Und er kann sie nicht bekommen.“

„Nein.“

„Und du schläfst gut damit.“

„Ich schlafe gut.“

Clara nickte langsam.

„Emilia.“

„Ja.“

„Er wird kommen.“

„Das sagt Jan auch.“

„Er wird persönlich kommen. Er wird an dieser Tür stehen.“

„Ich weiß.“

„Und dann?“

„Frau Brandl öffnet. Sie sagt, ich sei nicht da.“

„Wenn er sie wegschiebt.“

„Frau Brandl ist nicht so leicht wegzuschieben.“

„Das stimmt.“

Wir schwiegen eine Weile.

„Clara.“

„Ja.“

„Ich möchte dich etwas fragen.“

„Bitte.“

„Wenn er morgen zu Grunde geht. Wenn die Firma kippt. Wenn er nichts mehr hat. Wenn alles aus seinen Händen geht. Werde ich mich dann schlecht fühlen?“

Sie überlegte.

„Ich weiß es nicht.“

„Gut.“

„Warum gut?“

„Weil jeder sonst sagen würde: Nein, überhaupt nicht. Oder: Ja, entsetzlich.“

„Ich bin nicht jeder.“

„Ich weiß.“

„Ich glaube“, sagte sie dann, „du wirst dich nicht schlecht fühlen, weil du etwas getan hast. Aber du wirst vielleicht einen Moment lang traurig sein, dass er sich selbst nicht mehr halten konnte. Das ist ein anderer Schmerz.“

„Ja.“

„Das ist ein Schmerz, den man tragen kann.“

„Ja.“

„Trag ihn, wenn er kommt.“

„Ja.“

Sie stand auf, um mir mehr Wasser einzugießen, und setzte sich wieder.

„Ich habe eine Idee.“

„Ja?“

„Nicht jetzt.“

„Gut.“

„Später. Wenn du so weit bist.“

„Welche Idee?“

„Du kommst in meine Agentur. Halbtags. Etwas Ruhiges. Strategieberatung, für die neuen Kunden. Du hast das immer gut gemacht, als du es noch gemacht hast.“

„Clara.“

„Ich weiß. Nicht jetzt. Ich sage es nur, damit du weißt, dass es das gibt.“

„Danke.“

„Iss noch etwas.“

Ich aß noch etwas. Es war nicht viel. Clara tat so, als würde sie es nicht bemerken, und das war die Form von Rücksicht, die ich an ihr schätzte.

Jan kam eine halbe Stunde später herunter. Er grüßte Clara, aß im Stehen zwei Löffel Auflauf, trank ein Glas Wasser und ging wieder nach oben.

„Er arbeitet“, sagte Clara.

„Immer.“

„Wie dein Vater.“

„Ja.“

„Das ist gut.“

„Ja.“

Clara blieb bis zum Abend.

Wir saßen im Salon, tranken Tee, sprachen über andere Dinge. Ein alter Freund aus dem Studium, der geheiratet hatte. Eine Kollegin von Clara, die ein Kind erwartete. Ein Buch, das wir beide angefangen und nicht zu Ende gelesen hatten. Es war das erste Gespräch seit Wochen, in dem Mark nicht vorkam. Ich merkte es erst, als Clara ihren Mantel anzog, an der Tür. Ich sagte es nicht. Clara merkte es auch. Auch sie sagte es nicht.

„Bis bald, Emilia.“

„Bis bald.“

Sie ging.

Ich blieb einen Moment im Flur stehen.

Vom Hof hörte ich, wie ihr Auto startete und leise die Auffahrt hinunterrollte.

Ich ging zurück in den Salon. Ich setzte mich in den Sessel des Vaters, den Jan am ersten Abend gewählt hatte. Er war bequem. Er war noch immer bequem, wie er es vor zwölf Jahren gewesen war. Ich zog die Beine an, legte die Hände in den Schoß und sah in die Dunkelheit, die durch die großen Fenster immer weiter hereinkam.

Mark hatte heute den ersten Auftrag verloren, seit ich aufgehört hatte, für ihn zu arbeiten.

Es war nicht mein Werk. Ich hatte nichts gemacht. Ich hatte ihm vor neun Monaten einen guten Rat gegeben. Er hatte ihn nicht angenommen. Das war sein Recht. Es war nur nicht mehr mein Risiko.

Ich hatte keinen Triumph gefühlt, als Clara es erzählte.

Ich hatte etwas anderes gefühlt, das ich auf dem Weg zur Küche und zurück nicht hatte benennen können. Jetzt, im Dunkeln, konnte ich es benennen.

Es war Leere.

Die Leere, die man fühlt, wenn man ein Gewicht, das man zwölf Jahre getragen hat, nicht mehr auf den Schultern spürt. Man merkt nicht sofort, dass es weg ist. Man merkt nur, dass man anders steht.

Ich stand heute anders.

Ich blieb lange im Sessel.

Irgendwann ging ich nach oben. Ich machte kein Licht im Flur. Ich hatte mich an die Dunkelheit im Haus gewöhnt. Ich wusste, wo die Schwelle zur Bibliothek war, wo die Treppe begann, wo auf dem oberen Absatz der kleine Teppich lag, auf dem ich als Kind einmal einen Wasserfarbkasten verschüttet hatte und dessen Spur man, wenn man die Ecke hob, noch sah.

Ich hob die Ecke nicht.

Ich ging ins Mädchenzimmer. Ich setzte mich aufs Bett. Ich sah aus dem Fenster. Draußen lag der Garten, der halb noch im Winter war und halb schon nicht mehr. Die Krokusse an der Ostseite hatten sich geöffnet. Das war ein kleines Fest. Jedes Jahr, das man erlebt, in dem die Krokusse sich öffnen, ist eines mehr, und ich hatte lange nicht gewusst, wie viele ich noch zählen würde.

Ich wusste es immer noch nicht.

Aber ich saß hier und sah sie mir an.

Ich dachte an den Ruderer, den ich im Englischen Garten noch nicht gesehen hatte, weil ich im Englischen Garten noch nicht oft genug gewesen war. Ich würde ihn bald sehen. Ich hatte mir vorgenommen, meine Spaziergänge in diese Richtung zu verlängern. Der Kleinhesseloher See war das Ziel. Er war nicht weit von der Villa entfernt. Eine halbe Stunde Fußweg, mehr nicht, wenn man die Ismaninger Straße nicht zu schnell entlangging.

Ich würde langsam gehen.

Am nächsten Morgen rief Anne an.

Nicht Mark. Anne. Von ihrer privaten Nummer.

Sie sprach leise.

„Frau Hartmann.“

„Ja, Anne.“

„Ich weiß, dass ich Sie nicht anrufen dürfte.“

„Warum rufen Sie trotzdem an?“

„Weil ich Ihnen etwas sagen möchte.“

„Dann sagen Sie es.“

„Ich kündige heute.“

Ich schwieg einen Moment.

„Warum?“

„Weil ich nicht weiter anrufen möchte. Weil ich keine Fragen mehr stellen möchte, die ich nicht stellen möchte.“

„Sie haben das allein entschieden?“

„Ja.“

„Und ihr Vater?“

„Meine Schwester kommt aus Passau. Sie wohnt eine Weile in Erding. Ich habe ein wenig gespart.“

„Anne.“

„Ja.“

„Das ist gut.“

„Danke.“

„Wo arbeiten Sie als Nächstes?“

„Ich habe drei Anfragen. Eine davon wäre bei einem Architekturbüro.“

„Welches?“

„Das will ich nicht sagen.“

„Gut.“

Sie zögerte.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Ich danke Ihnen für die Gutscheine.“

„Nicht der Rede wert.“

„Doch.“

Ich sagte nichts.

„Alles Gute, Frau Hartmann.“

„Ihnen auch, Anne.“

Sie legte auf.

Ich blieb einen Moment mit dem Hörer in der Hand.

Dann legte ich auf.

Ich ging in den Salon. Ich setzte mich auf das Sofa. Ich atmete.

Anne hatte nicht gesagt, weshalb sie wirklich kündigte. Sie hatte nicht gesagt, dass Mark an diesem Morgen lauter geworden war als üblich. Sie hatte nicht gesagt, dass es eine Szene gegeben hatte. Sie hatte es nicht gesagt, weil sie höflich war, weil sie diskret war und weil sie die Frau eines Mannes, den sie zwanzig Jahre jünger war, nicht mit Details behelligen wollte, die für einen privaten Anruf nicht bestimmt waren.

Aber ich verstand es auch so.

Das Gebäude knarrte anders.

Ich stand auf, machte mir einen Kaffee und ging wieder in den Salon zurück. Ich setzte mich. Ich trank. Ich sah auf die Blumenschale auf dem Tisch. Frau Brandl hatte die Frühblüher mit frischem Wasser versorgt. Sie standen aufrechter als gestern.

Das Telefon klingelte nicht mehr an diesem Tag.

Das war, insgesamt, ein guter Tag.

Am späten Nachmittag ging ich noch einmal hinaus. Ich ging nicht weit, nur bis zum Isarufer und zurück. Der Wind war frisch. Ich zog den Kaschmirmantel enger. Die Pappeln am Ufer trieben aus, viel später als die Linden in der Auffahrt, und ihre ersten Knospen waren härter und kleiner und sahen aus, als wüssten sie noch nicht, ob sie es sich leisten sollten, sich zu öffnen.

Ich ging langsam.

Unterwegs kam mir ein Mann entgegen, der einen Kinderwagen schob. In dem Kinderwagen saß kein Kind. Im Kinderwagen lag ein Hund, klein und schwarz, der eine Decke bis zur Brust hochgezogen hatte. Der Mann sah mich, sah, dass ich den Hund bemerkt hatte, und sagte im Vorbeigehen:

„Er ist alt.“

„Ich sehe es.“

„Er kann nicht mehr laufen. Aber er will die frische Luft.“

„Das verstehe ich.“

Wir nickten einander zu. Er ging weiter. Ich ging weiter.

Ich blieb am Isarufer stehen. Das Wasser war hoch. Es hatte am Wochenende viel geregnet im Oberland, und die Isar führte jetzt das zusätzliche Wasser ab, grau, schnell, schmutzig. An einem Zaun hing ein vergessener Kinderschuh. Ich sah ihn eine Weile an. Er gehörte keinem, den ich kannte, aber er gehörte jemandem. Irgendwo in München würde an diesem Abend eine Mutter nach ihm suchen und ihn nicht finden.

Ich ging zurück.

Als ich ins Haus kam, hörte ich, wie Frau Brandl in der Küche etwas sang. Sie sang nur, wenn sie dachte, niemand sei da. Es war ein kleines, altes Lied, das ich als Kind von ihr gehört hatte. Ich blieb im Flur stehen, hörte zu und ging dann so ins Haus, dass sie mich nicht bemerkte. Ich wollte das Lied nicht unterbrechen. Es kam mir vor, als hätten wir beide es verdient.

Ich setzte mich im Salon auf das Sofa.

Ich hörte sie noch eine Weile singen, von der Küche herüber.

Dann war es wieder still.

Ich schloss die Augen, nicht lange, nur bis ich das Gefühl hatte, auch ich dürfte jetzt einen Moment ausruhen.

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