Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 110: Jan und Fabian

Jan kam an einem Freitagabend Mitte Juni.

Er kam mit dem letzten ICE aus Hamburg, der gegen halb zehn am Hauptbahnhof eintraf. Frau Reisinger hatte mich gefragt, ob ich ihn abholen wolle; ich hatte gesagt, dass er ein Taxi nehmen werde. Jan war aus einer Generation und einem Charakter, in der ein Bruder nicht abgeholt wird, weil ihn jeder Mensch in München in dreißig Minuten von jedem Bahnhof zu jeder Adresse bringen kann.

Er war um halb elf in Bogenhausen.

Frau Reisinger ließ ihn ein. Sie hatte für ihn das Gästezimmer hergerichtet, und sie hatte für eine Käsetafel im Esszimmer gesorgt, weil sie aus Erfahrung wusste, dass Männer, die mit dem letzten Zug aus Hamburg kommen, keine Suppe wollen, sondern Käse.

Jan stellte die Reisetasche in der Diele ab.

„Emilia.“

„Jan.“

Wir sahen einander einen Moment an, ohne etwas zu sagen. Wir umarmten uns kurz, eher angedeutet als ausgeführt — es war die Art, wie wir uns immer umarmten, weil wir Geschwister einer Familie waren, in der körperliche Gesten kurz und nicht häufig waren.

„Du siehst gut aus“, sagte er.

„Du siehst müde aus.“

„Ich bin müde.“

„Wir reden morgen.“

„Heute essen wir noch Käse.“

Wir aßen Käse.

Wir tranken einen Roten dazu, den ich aus dem Keller geholt hatte — einen einfachen, einen, an dem nichts erklärt zu werden brauchte. Jan war nicht der Mann für eine Weinkunde, sein Geschmack reichte vom angemessenen zum unangemessenen, und mehr brauchte er nicht.

Wir sprachen über die Reise. Über das Hochwasser, das Norddeutschland in der vergangenen Woche getroffen hatte. Über das Architekturbüro in Hamburg, das gerade einen Auftrag in Berlin gewonnen hatte, an dem Jan nicht beteiligt war und über den er deshalb mit einer Mischung aus Erleichterung und leiser Wehmut sprach.

Über den Brief sprachen wir noch nicht.

Wir hatten am Telefon vereinbart, dass das Thema warten könne.

Jan hatte gesagt: „Wir machen das in Ruhe. Nicht heute Abend.“ Ich hatte gesagt: „Gut.“

Am Samstagvormittag frühstückten wir lang.

Wir saßen im Esszimmer, mit der Tür zum Garten offen, mit einem Brot, das Frau Reisinger vom Bäcker an der Lucile-Grahn-Straße geholt hatte, mit Schinken, mit einem weichen Ei, mit einem Kaffee, der heute nicht zu lange durchgelaufen war.

Jan trank den Kaffee aus.

„Emilia. Wann zeigst du mir den Brief?“

„Heute Vormittag.“

„Soll ich ihn lesen?“

„Ich möchte, dass du ihn liest.“

„Gut.“

Wir gingen ins Arbeitszimmer.

Ich öffnete die obere Schublade. Ich nahm die Mappe. Ich legte sie auf den Schreibtisch. Ich zog den Stuhl unseres Vaters hervor und stellte einen zweiten, kleineren, daneben.

Ich setzte mich auf den kleinen.

Jan setzte sich auf den großen.

Er las.

Er las langsam.

Ich sah aus dem Fenster, während er las. Im Garten blühte der Flieder voll. Die Forsythie war verblüht, die Blätter waren da. Eine Katze, die ich nicht kannte, ging über die Mauer auf der Hofseite.

Jan las eine ganze Weile, dann legte er den Brief hin.

Er sagte nichts.

Er sah eine Weile auf die Schreibtischplatte.

„Emilia.“

„Ja.“

„Er hat es gewusst.“

„Ja.“

„Ich habe es geahnt.“

„Ich auch.“

„Aber nicht so deutlich, wie er es schreibt.“

„Nein.“

Wir saßen still.

Jan legte den Brief in die Mappe zurück. Er schloss die Mappe. Er stand auf.

„Lass uns spazieren gehen“, sagte er.

Wir gingen am Isarhochufer entlang.

Jan war in München aufgewachsen und hatte das Hochufer in seiner Jugend täglich gesehen, aber er ging es jetzt langsam und mit der Aufmerksamkeit eines Architekten, der die Topographie einer Stadt aus dem Westwind heraus liest.

Wir sprachen wenig.

Über den Brief sagten wir nichts mehr.

Ich erzählte ihm von Frau Brandl, die ich seit ihrer Pensionierung zweimal kurz angerufen hatte und die mir beide Male gesagt hatte, ihre Schwester koche so schlecht, dass sie täglich an Schliersee scheitere. Jan lachte.

Ich erzählte ihm von Frau Reisinger, die das Haus übernommen hatte und die mir noch fremd war, ohne unangenehm zu sein. Jan nickte.

Ich erzählte ihm von Margots Geburtstag.

Ich erzählte ihm, dass Fabian dabei gewesen war.

Ich erzählte ihm, dass Margot Fabian einen Auftrag gegeben hatte.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich möchte ihn heute Abend treffen.“

„Ich weiß.“

„Hat er Zeit?“

„Ich habe ihn vor zwei Tagen gefragt. Er hat ja gesagt.“

„Wo?“

„Bei uns.“

„In Bogenhausen?“

„Ja.“

„Frau Reisinger?“

„Sie hat schon eingekauft.“

Jan lächelte einmal, kurz.

„Das hast du also vorbereitet.“

„Ja.“

„Nicht ohne mich zu fragen.“

„Doch. Ohne dich zu fragen. Ich habe es heute Morgen entschieden, als du den Brief gelesen hast.“

„Heute Morgen?“

„Vor halb zwölf.“

„Verstehe.“

Am Abend kam Fabian um halb acht.

Er hatte einen Wein dabei — einen Lemberger, von einem Weingut in Württemberg, das ich nicht kannte und das er offenbar in seinem Architekturbüro als Lieblingswein für unaufgeregte Abendessen führte.

Er begrüßte mich knapp, kurz.

Er begrüßte Jan.

Er gab Jan die Hand. Er sagte: „Herr Richter.“

Jan sagte: „Bitte. Jan.“

Fabian nickte.

„Fabian.“

Sie sahen einander einen Moment an, mit der Art Blick, mit der zwei Männer in der Mitte ihres Lebens einander begegnen, die beide gehört haben, dass sie sich gefallen würden, und die dem einen Augenblick lang misstrauen, weil zu viele Empfehlungen vor ihnen liegen.

Dann lachten sie beide kurz.

Es war ein gleichzeitiges, kleines Lachen, in derselben Tonlage, und es ging mir durch den Kopf, dass nicht jede Vorbereitung sich so einfach zerlegt wie dieser Augenblick.

Wir aßen im Esszimmer.

Frau Reisinger hatte einen Schweinebraten gemacht, mit einer Sauce, die etwas zu dunkel war und heute deshalb gut zu dem Lemberger passte. Es gab Knödel. Es gab Rotkohl. Es gab nichts Aufregendes. Genau das, was nötig war.

Wir saßen zu dritt.

Fabian und Jan saßen an einer Längsseite, ich an der anderen. Es war nicht, wie ich gedacht hatte, dass ich die Mitte sein würde. Sie hatten sich von selbst nebeneinandergesetzt, weil es ihnen praktischer schien, einander beim Reden ansehen zu können, ohne dass ich mich zur Schiedsrichterin machen musste.

Sie redeten viel.

Sie redeten über Architektur, was zu erwarten gewesen war.

Sie redeten über die Backsteingotik in Lübeck, über das neue Theatergebäude in Bochum, über einen Architekten in Aachen, den beide mochten und beide für überschätzt hielten — was Architekten oft gleichzeitig empfinden, ohne darin einen Widerspruch zu sehen.

Sie redeten über Bayern.

„Hamburg“, sagte Jan, „ist mir eine Stadt geworden. Aber ich bin nicht aus Hamburg.“

„Ich auch nicht“, sagte Fabian. „Ich bin aus Schleswig-Holstein.“

„Das macht es einfacher.“

„Was?“

„Hamburg ist ein guter Anschlussbahnhof, wenn man nicht aus Hamburg ist. Wenn man aus Hamburg ist, ist Hamburg ein anderer Ort.“

Fabian dachte einen Augenblick nach.

„Das stimmt.“

„Wie ist München für dich?“, fragte Jan.

„München ist für mich eine Frau, die mich noch nicht kennt.“

„Und das gefällt dir?“

„Es gefällt mir, dass es so ist. Eine Stadt, die einen kennt, kann anstrengend werden.“

Jan nickte.

„Bei Hamburg ist es manchmal so.“

„Sehen Sie.“

Sie lachten.

Sie redeten über meinen Vater.

Sie redeten nicht über den Brief. Jan hatte mit Fabian noch nie über den Brief gesprochen, und ich wusste nicht, ob er es jemals tun würde, und es kam nicht darauf an. Sie redeten über meinen Vater als Bauherrn — über das Haus in Pasing aus dem Jahr 1971, über die Sanierung am Karlsplatz, über die zwei kleinen Bürohäuser an der Lindwurmstraße, die er in den achtziger Jahren gemacht hatte und die bis heute standen.

Fabian hatte zwei dieser Häuser gekannt, eines kürzlich erst.

„Ich bin im Frühjahr an dem Lindwurmhaus vorbeigegangen“, sagte er. „Ich kannte den Bau nicht. Ich habe gedacht: Das hat einer gebaut, der weiß, dass man kein Haus für sich, sondern für die Straße baut.“

Jan sah mich an.

Ich sah aus dem Fenster, weil ich die kleine Bewegung in mir nicht zeigen wollte.

„Mein Vater“, sagte Jan, „hat oft gesagt, das Wichtigste an einem Haus sei, dass man es nicht sehe.“

„Das ist eine bayerische Auffassung“, sagte Fabian.

„Es ist nicht nur bayerisch.“

„Aber es passt zum Bayerischen.“

Sie sprachen so weiter, fast eine halbe Stunde lang, ohne dass ich etwas sagte. Ich hörte zu. Ich hatte selten zwei Männer reden gehört, die einander auf solche Weise einließen — ohne zu prüfen, ohne zu wetteifern, ohne sich zur Geltung zu bringen.

Ich hörte zu, und ich war zufrieden.

Es war eine Zufriedenheit, die nicht aufdringlich war.

Sie passte sich der Lautstärke des Abends an.

Beim Käse wechselten sie zu meiner Mutter.

Es war Jan, der den Wechsel machte. Er erzählte Fabian, dass meine Mutter Pianistin gewesen war, ohne öffentlich aufgetreten zu sein, dass sie zu Hause geübt hatte, dass sie meinem Vater Schubert gespielt hatte, weil mein Vater sich mit Schubert eine eigene Müdigkeit beigebracht hatte.

„Sie hat ihn Schlaf finden lassen“, sagte Jan.

„Sie hat ihn nicht überredet.“

„Genau.“

Fabian nickte.

„Bei meinem Großvater“, sagte er, „war es mit der Cellosuite des Gardiners so. Keine Stimme, kein Glas, keine Tabletten. Eine Cellosuite.“

„Was ist mit Ihrem Großvater geschehen?“

„Er ist mit dem Cello eingeschlafen. Eines Abends, in seinem Sessel. Er hatte die Suite zu Ende gehört. Dann ist er gestorben.“

„In Hamburg?“

„In Husum.“

„Verstehe.“

Sie schwiegen eine Weile.

Es war ein Schweigen, das nicht dunkel war.

Es war die Sorte Schweigen, in der zwei Männer sich eingerichtet haben, weil sie wissen, dass sie sich nicht jeden Augenblick mit Worten unterstützen müssen.

Gegen halb elf brach Fabian auf.

Er gab Jan die Hand.

„Jan.“

„Fabian.“

„Wenn du das nächste Mal in München bist, lade ich dich in die Schellingstraße ein.“

„Komme ich.“

„Es gibt Risotto.“

„Risotto?“

„Risotto“, sagte Fabian und sah mich kurz an, „ist mein Standardgericht für Männer, die aus Hamburg kommen.“

Jan lachte.

„Ich werde es probieren.“

Fabian umarmte mich kurz, an der Tür, mit einer Geste, die genau die Geste war, die zwischen zwei Menschen passt, die zueinander noch nicht alles wissen, aber manches schon vereinbart haben. Er ging.

Ich blieb mit Jan in der Diele stehen.

Wir hörten die Schritte auf dem Kies.

Wir hörten das Tor.

Wir hörten den Wagen, der in der Ferne anfuhr.

„Emilia.“

„Ja.“

„Er ist gut.“

„Ja.“

„Ich freue mich.“

„Ich auch.“

„Ich gehe ins Bett.“

„Gute Nacht, Jan.“

„Gute Nacht.“

Er ging die Treppe hinauf.

Ich blieb noch eine Weile in der Diele.

In dem kleinen Spiegel über der Kommode sah ich kurz mein Gesicht. Ich hatte gut ausgesehen heute Abend. Das hatte ich seit Jahren nicht so neutral feststellen können. Nicht: zu blass, nicht: zu müde, nicht: zu ernst. Einfach: ein Gesicht, das mit sich übereingekommen war.

Ich machte das Licht in der Diele aus.

Ich ging die Treppe hinauf.

Auf halber Höhe blieb ich nicht stehen. Ich hatte in den letzten Monaten oft auf der halben Höhe stehen geblieben. Heute Abend war kein Anlass dazu.

Ich ging in mein Zimmer.

Ich öffnete das Fenster.

Im Garten blühte der Flieder, in der Kastanie auf der Straße sang, leise, eine Amsel, die vielleicht dieselbe war, die ich am Tag, an dem mein Vater sein Briefumschlag mir hingelegt hatte, schon gehört hatte. Vielleicht war es eine andere. Es war nicht wichtig.

Ich stand am Fenster.

Ich dachte an heute Abend.

Ich dachte daran, dass zwei Männer, die ich mir nicht ausgesucht hatte und die mir beide auf eine eigene Weise vom Schicksal nahe gebracht worden waren — der eine mein Bruder, der andere noch nicht zu nennen — heute Abend in meinem Esszimmer einander gegenüber gesessen hatten, ohne sich anzukünden, ohne sich zu vergleichen.

Sie hatten sich verstanden.

Mein Vater hatte sich diese Szene nicht vorstellen können, als er den Brief in seine unterste linke Schublade gelegt hatte.

Aber er hätte sie verstanden.

Er hätte am Rand des Esszimmers gestanden, mit seiner Pfeife, und er hätte den beiden zugehört, ohne sich einzumischen, weil er gewusst hätte, dass die Anwesenheit eines Vaters in solchen Augenblicken nicht mehr nötig ist.

Ich schloss das Fenster.

Ich legte mich hin.

Ich schlief schnell ein.

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