Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 16: Jan in der Villa

Jan kam am Nachmittag, kurz vor vier.

Er hatte mir eine kurze Nachricht aus Nürnberg geschickt, dass er im Stau stehe. Eine Stunde später schrieb er, er sei durch. Ich saß am Fenster im Salon und sah zu, wie sein Auto in die Auffahrt einbog. Ein dunkler Kombi, schmutzig vom Regen auf der Autobahn, mit einer Dachbox, die er nie abmontierte, auch wenn er keine Fahrräder oder Skier dabei hatte.

Jan stieg aus. Er trug einen alten Parka, keinen Mantel. Er hatte sich seit zwei Jahren nicht mehr die Haare geschnitten, wie es Architekten in Hamburg tun, die zu beschäftigt sind, um zum Friseur zu gehen, und die es irgendwann zum Stil erklären. Er holte eine Tasche aus dem Kofferraum, schlug die Klappe zu und ging auf die Haustür zu.

Ich öffnete, bevor er klingeln konnte.

„Emilia.“

„Jan.“

Wir umarmten uns. Kurz. Jan war nie ein Umarmer. Er legte nur einen Arm um meine Schulter, und ich legte einen Arm um seine Hüfte, und das reichte für uns beide.

„Lass mich ansehen.“

Er trat einen Schritt zurück.

Jan sah mich an, wie nur ein Bruder seine Schwester ansehen kann. Er sah nicht erst auf das Gesicht. Er sah auf die Schultern. Dann auf das Gesicht. Dann auf die Hände. Er sah auf die Dinge, die Geschwister sich merken und die sie nicht vergessen, auch wenn sie fünf Jahre auseinander leben.

„Du bist dünner.“

„Das ist so.“

„Aber nicht zu dünn.“

„Nein.“

„Gut.“

Er trat ins Haus. Frau Brandl stand im Flur. Sie schlug die Hände vor dem Bauch zusammen, wie sie es immer getan hatte, wenn sie gerührt war und es nicht zeigen wollte.

„Herr Jan.“

„Frau Brandl.“

Er umarmte sie. Jan umarmte Frau Brandl anders als mich. Er nahm sie ganz, für einen kurzen Moment, und ließ sie dann wieder los. Sie hatte ihn mit acht Jahren zum ersten Mal gesehen, und sie war seitdem nichts für Jan gewesen als sie selbst.

„Sie sind größer geworden“, sagte sie.

„Ich bin seit zwanzig Jahren nicht mehr gewachsen.“

„Aber größer.“

Er lachte leise.

„Gibt es Kaffee?“

„Es gibt Kaffee.“

Sie ging in die Küche.

Jan stellte die Tasche neben die Treppe. Er zog den Parka aus und hängte ihn an die Garderobe, wo der Kaschmirmantel meiner Mutter hing. Er sah den Mantel, drehte sich zu mir um.

„Mutters Mantel.“

„Ja.“

„Du trägst ihn.“

„Ja.“

„Gut.“

Wir gingen in den Salon. Der Salon war seit Jahren nicht mehr bewohnt gewesen, außer zu den wenigen Empfängen, die Mark abhielt. Die Möbel standen, wie mein Vater sie aufgestellt hatte. Das große Sofa an der Fensterseite, zwei Sessel an der Bibliothekswand, der niedrige Tisch aus Walnuss. Ich hatte nichts verändert. Mark hatte nichts verändern dürfen. Das war einer der wenigen Kämpfe, die ich gegen ihn geführt und gewonnen hatte.

Jan setzte sich in den linken Sessel. Den des Vaters.

Er tat es nicht pathetisch. Er tat es, weil der Sessel der bequemste war, und weil er der letzte war, in den Vater sich oft gesetzt hatte.

„Erzähl.“

„Von vorn?“

„Von vorn.“

Ich erzählte.

Ich erzählte vom Klinikum. Vom Umschlag. Vom Satz mit Sophia unten im Auto. Von Schwester Barbara. Von der Nacht. Von Clara. Von Frau Brandl an der Tür. Vom Arbeitszimmer des Vaters, das ich nach zwölf Jahren aufgeschlossen hatte. Von den Mappen. Von dem Anruf bei Weber. Von der Fahrt in die Briennerstraße. Von der Unterschrift meines Vaters, die nicht sauber war. Von dem Gesellschaftsvertrag, der nicht sauber war. Von der Firma, die uns zu sechzig Prozent gehörte, und von Mark, der es nicht wusste.

Ich erzählte lange. Ich ließ Jan nicht unterbrechen. Er unterbrach auch nicht. Er saß im Sessel des Vaters, trank einmal von seinem Kaffee, stellte die Tasse ab und trank nicht wieder. Er sah mich an, ohne zu nicken und ohne zu schütteln.

Als ich fertig war, schwieg er lange.

„Emilia.“

„Ja.“

„Du willst es nicht einklagen.“

„Noch nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht will, dass ich ihn ruiniere. Ich will, dass er sich selbst ruiniert.“

„Das ist ein Unterschied.“

„Das ist der ganze Unterschied.“

„Du willst lange warten.“

„Ich kann lange warten.“

„Kannst du das?“

Ich sah ihn an.

„Ja, Jan. Ich kann das.“

Er sah zurück. Er sah lange. Dann nickte er einmal.

„Gut.“

„Das heißt, du hilfst mir.“

„Das heißt, ich höre auf dich.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Heute ist es dasselbe.“

Ich schwieg.

„Ich hole Anwälte aus Hamburg“, sagte er.

„Nein.“

„Emilia.“

„Nein, Jan. Keine Anwälte aus Hamburg. Weber reicht. Weber ist mehr als genug.“

„Ich kenne Leute, die das in zwei Wochen durchdrücken würden.“

„Ich weiß.“

„Es wäre vorbei.“

„Es wäre laut.“

„Und?“

„Laut ist der Fehler, den Mark nicht macht. Mark macht leise Fehler. Ihm antwortet man leise.“

Jan sah mich an. Er atmete durch die Nase.

„Emilia.“

„Ja.“

„Du klingst wie Vater.“

„Ich weiß.“

„Er hat auch so geantwortet. Er hat nie gestritten. Er hat gewartet.“

„Ja.“

„Und dann war plötzlich alles vorbei, und niemand konnte mehr genau sagen, wann.“

„Ja.“

Er schwieg.

„Leise“, sagte er dann. „Nicht laut.“

„Nicht laut.“

„Keine Anwälte aus Hamburg.“

„Nein.“

„Aber ich bleibe zwei Wochen.“

„Du bleibst, solange du willst.“

„Zwei Wochen. Ich habe einen Entwurf abzuliefern, am zweiten Mai. Bis dahin kann ich hier arbeiten.“

„Das Arbeitszimmer?“

„Welches?“

„Es gibt zwei.“

„Ich weiß.“

„Du nimmst das kleine. Das Arbeitszimmer des Vaters bleibt zu.“

„Das ist abgeschlossen?“

„Ich habe es wieder geschlossen. Ich öffne es, wenn es sein muss. Nicht sonst.“

„Gut.“

Frau Brandl brachte Tee. Sie stellte die Kanne auf den niedrigen Tisch und ging wieder. Jan wartete, bis sie draußen war.

„Emilia. Eine Frage.“

„Bitte.“

„Ich möchte nicht, dass du das falsch verstehst.“

„Frag.“

„Ich will nicht, dass du allein bleibst.“

„Ich bin nicht allein. Ich habe Clara. Ich habe Weber. Ich habe Frau Brandl.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Ich weiß, was du meinst.“

„Und?“

„Das ist nicht jetzt.“

„Nicht jetzt.“

„Nicht jetzt.“

Er nickte.

„Einverstanden.“

Wir schwiegen eine Weile. Das Haus knarrte an den Stellen, an denen es immer knarrte, wenn die Sonne am Nachmittag durch die großen Fenster fiel und das Holz der Dielen sich unter der Wärme dehnte.

„Jan.“

„Ja.“

„Eine Sache noch.“

„Bitte.“

„Ich will nicht werden wie er.“

Er sah auf.

„Wie wer?“

„Wie Mark.“

Jan sah mich lange an.

„Das wirst du nicht, Emilia.“

„Ich will es nicht.“

„Du wirst es nicht.“

„Sag mir, wenn du es siehst.“

„Ich sage es dir.“

„Versprich es.“

„Ich verspreche es.“

Er nickte kurz.

Er stand auf und ging zum Fenster. Er sah auf die Auffahrt hinaus, wo sein Auto stand. Dann sah er weiter nach rechts, zu den alten Linden an der Grenze zum Isarhochufer. Zwei Linden. Vater hatte sie gepflanzt, als wir Kinder waren. Er hatte gesagt, eine für jeden von uns.

„Die Linden stehen noch“, sagte Jan.

„Ja.“

„Deine ist größer.“

„Sie hat mehr Sonne.“

„Das stimmt.“

Er sah noch einen Moment hinaus.

„Gut“, sagte er dann. „Zeig mir das Mappenarchiv.“

„Jetzt?“

„Jetzt.“

Ich stand auf.

Wir gingen in die Bibliothek, wo ich die Mappen aus dem Arbeitszimmer des Vaters hingelegt hatte. Nicht alle. Nur die, die für Weber nicht mehr nötig waren. Die anderen waren bei Weber.

Jan nahm die erste Mappe. Er setzte sich an den Bibliothekstisch. Er las.

Ich setzte mich ihm gegenüber. Ich las nicht mit. Ich sah ihm zu.

Draußen begann es zu dämmern.

Frau Brandl brachte nach einer Stunde noch einmal Tee, dann, eine weitere Stunde später, ein Abendessen. Jan aß, ohne das Lesen zu unterbrechen. Er las bis Mitternacht. Dann legte er die letzte Mappe, die er durchgesehen hatte, genau in die Mitte des Tisches.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich werde leise.“

„Danke.“

„Aber ich bleibe.“

„Ich weiß.“

Er stand auf.

„Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Ich blieb noch eine Weile in der Bibliothek sitzen. Die Mappen lagen vor mir, offen und geschlossen, wie Jan sie zurückgelassen hatte. In der einen sah ich die Handschrift meines Vaters. In der anderen die neutrale Maschinenschrift eines Notars. In der dritten einen Stempel aus dem Jahr 1972.

Ich schloss die Mappen.

Ich löschte das Licht.

Ich ging ins Mädchenzimmer.

Draußen, auf dem Flur, hörte ich Jans Schritte, die vertrauten Schritte eines Mannes, der in diesem Haus aufgewachsen war und der sich an die Dielen gewöhnt hatte, ohne es zu wissen.

Ich schlief, ohne zu träumen.

Jan blieb am nächsten Morgen am Frühstückstisch lange sitzen.

Er trank drei Tassen Kaffee. Er las die Süddeutsche. Er las sie von der ersten Seite bis zur letzten, wie er es seit zwanzig Jahren tat, nichts überschlagend, die Leserbriefe einbezogen. Er kommentierte nur zweimal. Einmal einen Artikel über ein Verkehrsprojekt am Nordring, den er für unsinnig hielt. Einmal eine Glosse über einen Schauspieler, den er nicht kannte.

„Jan.“

„Ja.“

„Heute kommt vielleicht ein Anruf von Mark.“

Er sah auf.

„Wieso vielleicht?“

„Ich weiß es nicht sicher. Aber er wird bald anrufen. Er hat den Hotelauftrag in Berlin halb verloren. Anne ruft morgen, spätestens übermorgen.“

„Anne.“

„Seine Sekretärin.“

„Ich weiß. Ich habe nur den Namen noch nicht gehört.“

„Du warst früher bei Weihnachtsessen. Sie war einmal mit. Vor vier Jahren.“

„Stimmt.“

„Wenn sie anruft, sage ich nein. Ich möchte nur, dass du weißt, dass es sein wird.“

„Sag nein.“

„Und wenn Mark selbst anruft?“

Er sah mich an.

„Dann auch nein.“

„Er wird dich um ein Treffen bitten.“

„Nein.“

„Er wird sagen, es gehe um die Firma. Um Fragen, die nicht warten können.“

„Nein.“

„Er wird sagen, er sei krank.“

„Er ist nicht krank.“

„Sag trotzdem nein.“

„Ich sage nein.“

Ich nickte.

Er schloss die Zeitung.

„Emilia.“

„Ja.“

„Warum bist du sicher, dass er anruft?“

„Weil er keine andere Möglichkeit hat. Weil er sich nicht vorstellen kann, dass ich ihm nicht helfe. Weil er in zwölf Jahren gelernt hat, dass er mich anruft, wenn er ein Problem hat, und dass das Problem dann verschwindet. Er wird anrufen, weil das seine Gewohnheit ist.“

„Und du?“

„Ich muss lernen, dass mein Telefon kein Anrufbeantworter für sein Problem mehr ist.“

„Das ist ein Satz.“

„Ich weiß. Weber hat mir vier solcher Sätze gegeben. Ich übe sie.“

„Zeig.“

Ich lächelte.

„Nein.“

„Gut.“

Er stand auf, um die Kanne noch einmal zu holen. Er blieb in der Küchentür stehen.

„Emilia.“

„Ja.“

„Wenn ich zu weit gehe, sag es.“

„Das habe ich vor.“

„Dann ist es gut.“

Er ging in die Küche.

Frau Brandl war schon draußen. Sie war früh am Markt gewesen. Sie hatte Blumen gebracht, eine kleine Schale Frühblüher, die jetzt in der Mitte des Esstisches stand. Ich hatte sie angesehen, als ich heruntergekommen war, und mich gefragt, wann Frau Brandl das letzte Mal Blumen auf den Tisch gestellt hatte. Ich erinnerte mich nicht. Wahrscheinlich vor Jahren.

Jan kam mit der Kanne zurück. Er schenkte mir nach. Er schenkte sich selbst nach. Er setzte sich wieder.

„Ich arbeite heute bis mittags“, sagte er. „Dann gehen wir raus.“

„Wohin?“

„Egal. Irgendwohin.“

„Englischer Garten?“

„Zu weit.“

„Isar.“

„Gut.“

Er stand auf.

„Um zwölf.“

„Um zwölf.“

Er ging ins kleine Arbeitszimmer. Ich hörte die Tür, dann den Laptop, dann nichts mehr.

Ich blieb am Küchentisch sitzen. Ich trank den letzten Schluck Kaffee. Er war kalt geworden. Ich stand auf, räumte die Kanne und die Tassen. Ich hörte von draußen Frau Brandl, die mit der Gartenschere an den Linden arbeitete. Sie schnitt, wie mein Vater geschnitten hatte: die nach innen wachsenden Äste zuerst.

Um zwölf waren Jan und ich unten an der Isar.

Der Weg am Hochufer war leer. Es war Mittwoch, niemand spazierte um diese Zeit. Wir gingen nebeneinander. Jan war einen halben Schritt schneller. Er verlangsamte sich, ohne dass ich es sagen musste. Wir sprachen nicht viel. Wir sahen zwei Reiher auf der anderen Seite des Flusses. Wir sahen einen alten Mann, der mit einem Hund spielte, den er nicht mehr halten konnte. Wir sahen einen Kajakfahrer, der im Frühjahrswasser kenterte und sich aus dem Kajak zog, fluchend, klitschnass, aber nicht ernsthaft in Not.

„Idiot“, sagte Jan.

„Junger Idiot.“

„Junge Idioten sterben schneller als alte.“

„Und alte?“

„Alte sterben nicht an Idiotie. Sie sterben an Gewohnheit.“

Ich lachte.

Es war das erste Mal seit Wochen, dass ich laut gelacht hatte. Jan sah mich an, überrascht, dann lächelte er auch, kurz. Er sagte nichts dazu. Er war klug genug, nichts dazu zu sagen.

Wir gingen zurück.

In der Villa hing sein Parka an der Garderobe, mein Mantel daneben. Frau Brandl hatte Kartoffelsuppe gemacht. Wir aßen in der Küche. Jan fragte nach einer zweiten Portion. Frau Brandl sah ihn an, wie sie ihn seit dreißig Jahren ansah, und goss ihm nach.

Nach dem Essen ging er wieder ins kleine Arbeitszimmer.

Ich ging in die Bibliothek.

Der Rhythmus begann, sich zu finden.

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