Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 66: Stille ist auch eine Aussage

Margot ließ mich für den Mittwochnachmittag bitten.

Sie tat es auf ihre Art. Frau Brandl fand am Vormittag eine Karte in der Post — feines Büttenpapier, der Name Margot Lenz in einem gedruckten Bordeauxrot oben links, darunter zwei Zeilen in ihrer schmalen, leicht nach rechts geneigten Handschrift.

*Liebe Emilia, kommen Sie heute um halb vier zum Tee. Ich brauche keine Antwort. Wenn Sie nicht kommen, weiß ich, dass Sie nicht konnten. Margot.*

Frau Brandl legte die Karte auf den Frühstückstisch, ohne ein Wort dazu.

„Ich werde gehen“, sagte ich.

„Soll ich Sie fahren?“

„Ein Taxi. Sie haben heute Markttag.“

„Ich kann den Markt verschieben.“

„Nein. Den Markt schiebt man nicht.“

Sie nickte.

Margot wohnte in der Prinzregentenstraße in einer Wohnung, die sie seit fast vierzig Jahren bewohnte. Drei hohe Räume, Stuckdecken, dunkle Dielen, an den Wänden eine Mischung aus Aquarellen, alten Familienporträts und zwei kleinen Drucken, die ihr ein Maler einmal geschenkt hatte, dessen Name in den Galerien Münchens ein Begriff war und in den anderen Städten nicht.

Die Hausdame öffnete. Eine Frau Mitte sechzig, die Margot Anna nannte und die seit Jahren bei ihr arbeitete. Sie nahm meinen Mantel entgegen.

„Frau Lenz erwartet Sie im hinteren Salon.“

„Danke, Frau Wagner.“

Margot saß am Fenster, in dem Sessel, den sie immer benutzte. Ein hoher Sessel mit einer Lehne, die ihr fast bis zur Ohrhöhe reichte. Sie trug einen anthrazitfarbenen Wollkardigan über einer weißen Bluse. Eine Strickdecke über den Knien. Auf einem niedrigen Tisch standen schon die Tassen, eine Kanne mit Earl Grey, zwei kleine Teller mit Mandelgebäck.

Sie streckte mir die Hand hin, ohne aufzustehen.

„Emilia.“

„Margot.“

„Setzen Sie sich. Frau Wagner hat den Tee schon gemacht. Sie war nervös. Sie ist immer nervös, wenn ich Besuch habe, der ihr wichtig ist. Sie glaubt, ich merke es nicht.“

Ich setzte mich.

Sie schenkte mir Tee ein. Sie tat es mit einer ruhigen Hand, was bei einer Frau mit zweiundsiebzig nicht selbstverständlich war.

„Wie war es gestern?“

„Welches gestern?“

„Das Familiengericht.“

„Es war ein Termin von zwölf Minuten.“

„Das ist die übliche Länge.“

„Frau Direktor Walter.“

„Ich weiß. Wir haben uns ein paarmal gesehen, vor langer Zeit. Sie ist eine sehr ordentliche Frau. Sie ist nicht freundlich. Aber sie ist gerecht. Das ist mir lieber.“

Sie reichte mir die Tasse.

„Mark war im Vorzimmer.“

„Das hatte ich angenommen.“

„Er hat versucht, mit mir zu sprechen.“

„Auch das hatte ich angenommen.“

„Ich habe nicht geantwortet.“

„Sehr gut.“

Sie nahm einen Schluck.

„Was wollte er?“

„Ich weiß es nicht. Er ist nicht weit gekommen.“

„Das ist die einzig richtige Form.“

Sie stellte die Tasse ab.

Sie sah mich eine Weile an.

Margot hatte einen Blick, der weder neugierig noch fordernd war. Sie sah die Dinge an, wie sie waren, und sie ließ einem Zeit, sich an diese Sachlichkeit zu gewöhnen.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe Sie nicht hierher gebeten, um über Mark zu sprechen.“

„Worüber dann?“

„Über einen Anruf, den Sie gestern vor dem Termin hatten.“

Ich sah auf meine Tasse.

„Frau Brandl?“

„Frau Brandl hat mit mir nicht gesprochen. Klaus Weber hat heute morgen zwei Sätze über das Telefon gesagt. Er hat nicht gesagt, was Sie geantwortet haben. Er hat nur gesagt, dass ein Journalist angerufen hat und dass Sie die Sache richtig gehandhabt haben. Ich nehme an, Sie wissen, dass es schwer ist, Klaus zu einer Bewertung zu bringen. Wenn er sagt, dass etwas richtig war, dann war es richtig.“

„Es war richtig?“

„Es war richtig.“

„Ich habe nichts gesagt.“

„Ich weiß.“

„Er hat mir gedroht, dass er auch ohne mich schreibt.“

„Er wird auch ohne Sie schreiben.“

„Ich habe gehofft, das wäre nicht der Fall.“

„Hoffen Sie das nicht. Es ist die zweitbeste aller Möglichkeiten. Die beste wäre, dass er gar nichts schreibt. Aber das ist nicht in Ihrer Hand. Es ist auch nicht in meiner Hand. Es ist in seiner Hand. Was bei seinem Beruf herauskommt, ist die zweitbeste.“

Sie nahm einen Mandelkeks und brach ihn in zwei Hälften. Sie aß keine. Sie legte beide Hälften auf den Tellerrand, als wäre damit einer Form Genüge getan.

„Emilia, ich muss Ihnen etwas sagen, was Sie schon wissen, aber was man manchmal in einer Stimme hören muss, die nicht die eigene ist.“

„Ja.“

„Sie müssen nichts erklären.“

„Mhm.“

„Sie müssen niemandem erklären, warum Sie nicht reden. Sie müssen nicht Brückner erklären, warum Sie ihm kein Interview geben. Sie müssen nicht Mark erklären, warum Sie ihn im Vorzimmer nicht angesehen haben. Sie müssen nicht der Köchin der Voigts erklären, warum Sie sich nicht zu Marks Wohnung am Englischen Garten geäußert haben. Sie müssen nicht den Mitarbeiterinnen der Hartmann Gruppe erklären, warum Sie im Sitzungssaal das Wort Beraterin gewählt haben statt Geschäftsführerin.“

„Ich habe Beraterin gesagt, weil ich es war.“

„Sie haben Beraterin gesagt, weil es das Wort war, das in jenem Moment am wenigsten Schaden anrichten konnte. Sie haben das richtig gemacht. Aber selbst wenn Sie es nicht richtig gemacht hätten, müssten Sie es niemandem erklären.“

Sie legte die Hand auf die Lehne ihres Sessels.

„Emilia, hören Sie mir gut zu. Es ist der Satz, den Ihnen niemand wird zweimal sagen, weil er für Sie gilt und nicht für andere. Aber er gilt heute, und er gilt morgen, und er gilt vor allem in den nächsten Monaten.“

„Ja.“

„Stille ist auch eine Aussage.“

Ich sagte nichts.

„Wenn ein Mensch nichts sagt, sagt er etwas. Wenn ein Mensch nichts sagt und es ihn nichts kostet, sagt er nicht viel. Wenn ein Mensch nichts sagt, obwohl er sehr viel zu sagen hätte, dann sagt er den lautesten Satz, den ein Mensch in diesem Land sagen kann.“

Sie sah mich an.

„Sie haben sehr viel zu sagen, Emilia. Sie haben mehr zu sagen als alle anderen in dieser Geschichte zusammen. Sie haben dreizehn Jahre zu sagen. Sie haben siebzehn Monate Krankheit zu sagen. Sie haben einen Vater zu sagen und eine Mutter, die diesen Mann nicht ausgewählt hätten. Sie haben eine Firma zu sagen, die nicht ihm gehört, sondern Ihnen, in der Tiefe der Sache, auch wenn die Eintragung im Handelsregister es im Augenblick anders ausweist. Sie haben alles zu sagen, Emilia. Und Sie sagen nichts. Das ist die Aussage.“

Ich sah auf meine Hände.

„Ich verstehe.“

„Sie verstehen es. Aber Sie werden in den nächsten Wochen Augenblicke haben, in denen Sie es nicht mehr verstehen. In denen Sie denken, Sie müssten etwas richtigstellen. Sie müssten einer Köchin erklären, dass Sie Ihren Mann nicht haben hungern lassen. Sie müssten einer Sophia Brenner sagen, dass Sie ihr nichts angetan haben. Sie müssten einem Brückner erklären, dass die Berliner Verträge tatsächlich von Ihnen organisiert wurden, weil Mark die Konditionen nicht verstanden hat. In jedem dieser Augenblicke werden Sie versucht sein, etwas zu sagen. Tun Sie es nicht.“

„Auch nicht ein einziges Mal?“

„Nicht ein einziges Mal in diesen Wochen. Wenn Sie später sagen wollen, was Sie sagen wollen, sagen Sie es. Aber in diesen Wochen halten Sie still.“

Sie nahm die zweite Hälfte des Mandelkekses und legte sie zurück.

„Ich habe in meinem Leben zwei Sorten von Frauen gesehen, Emilia. Die einen haben die Dinge erklärt, weil sie geglaubt haben, sie würden besser dastehen, wenn sie sich erklärten. Sie standen am Ende schlechter da als zuvor, weil jede Erklärung Material für die Gegenpartei war. Die anderen haben nichts erklärt. Diese sind heute alt, oder sie sind tot. Aber wenn man heute über sie spricht, spricht man mit einer leichten Furcht. Es ist nicht die schöne Furcht. Es ist nicht die schlechte. Es ist eine, die respektiert. Es ist diese Furcht, die einen Namen am Leben hält, lange nachdem die Person nicht mehr lebt.“

Ich sagte nichts.

„Sie können wählen, zu welcher Sorte Sie gehören wollen.“

Wir tranken den Tee zu Ende.

Margot fragte nach Frau Brandl. Sie fragte, ob Jan wieder einmal nach München komme. Sie fragte, ob ich an dem grauen Wollmantel etwas habe ausbessern lassen, den ich beim letzten Mal getragen hatte. Es waren Fragen, mit denen sie das Gespräch zurück auf eine Höhe brachte, auf der man Tee trinkt.

Als ich aufstand, hielt sie mich kurz am Handgelenk.

„Emilia.“

„Ja.“

„Eines noch.“

„Ja.“

„Wenn Mark Ihnen schreibt.“

„Mhm.“

„Antworten Sie nicht selbst. Lassen Sie Klaus antworten. Auch wenn der Brief höflich ist. Auch wenn er rührend ist. Auch wenn er klug ist. Er kann sehr klug sein, wenn er muss. Antworten Sie nicht selbst.“

„Ich werde nicht antworten.“

„Gut.“

Sie ließ mein Handgelenk los.

„Frau Wagner wird Ihnen den Mantel reichen. Sie wartet schon.“

Im Treppenhaus war es dämmrig. Der Aufzug war ein alter Jugendstilaufzug mit Holzpaneelen und einer Glastür. Ich nahm die Treppe.

Auf der dritten Stufe blieb ich einen Augenblick stehen.

Stille ist auch eine Aussage.

Ich wiederholte den Satz nicht laut. Ich sprach ihn nicht einmal innerlich. Ich ließ ihn einfach in mir weiterklingen, so, wie eine Glocke nach einem Schlag noch eine Weile schwingt.

Auf der Straße war der Himmel schon grau geworden. Der Föhn der vergangenen Tage war abgezogen. Es würde später noch regnen. Im Englischen Garten würden die Hunde kürzer ausgeführt. Kellnerinnen in den Cafés würden die Stühle früher einklappen.

Ich lief ein Stück, bevor ich ein Taxi nahm.

Ich kam an einem Kiosk vorbei. An der Auslage hingen die Tageszeitungen. Süddeutsche, Frankfurter, Welt, Bild. Ich sah die Süddeutsche an. Ich blieb nicht stehen. Ich kaufte sie nicht. Ich ging weiter.

Zu Hause lagen drei Briefe auf dem Beistelltisch im Flur.

Frau Brandl hatte sie nach Wichtigkeit geordnet, nach ihrer eigenen Vorstellung, was wichtig war. Oben lag der Brief von Weber. Darunter die Telefonrechnung. Ganz unten ein dünner Umschlag, auf dem der Absender eine Adresse in der Maximilianstraße trug. Eine Adresse, die ich kannte.

Es war Marks Handschrift.

Ich nahm die drei Briefe. Ich legte den ersten und den zweiten auf den Beistelltisch zurück. Ich nahm den dritten und ging in die Bibliothek.

Ich legte ihn auf den Schreibtisch meines Vaters.

Ich öffnete ihn nicht.

Ich rief Weber an.

„Klaus.“

„Emilia.“

„Ein Brief von Mark ist gekommen.“

„Persönlich oder vom Anwalt?“

„Persönlich.“

„Öffnen Sie ihn nicht.“

„Ich habe ihn nicht geöffnet.“

„Schicken Sie ihn ungeöffnet zu mir. Ich werde ihn lesen. Ich werde Ihnen sagen, ob er etwas enthält, was Sie wissen müssen. Wenn nicht, lege ich ihn ad acta.“

„Gut.“

„Ich habe übrigens noch einen Brief, den ich Ihnen vorlegen muss. Er ist nicht von Mark. Er ist von mir. Ich werde ihn morgen früh schreiben und vor dem Versand mit Ihnen besprechen.“

„An wen?“

Er machte eine Pause, wie er sie machte, wenn er sich überlegte, wie viel er einer Sache geben wollte.

„Emilia, wir haben am Montag etwas gefunden. Ich werde Ihnen davon morgen berichten. Es ist nicht bedrohlich. Es ist im Gegenteil. Aber es ist groß genug, dass ich es Ihnen ins Gesicht sagen will, nicht über das Telefon.“

„Gefunden in den Akten?“

„In den Akten Ihres Vaters.“

Es war einen Moment still.

„Klaus.“

„Ja.“

„Sie haben etwas gefunden.“

„Ja.“

„Was bedeutet, dass etwas nicht stimmt.“

„Es bedeutet, dass etwas anders ist, als wir es alle angenommen haben. Ob das gut oder schlecht ist, hängt davon ab, was Sie damit machen. Aber es ist groß. Ich werde Ihnen morgen früh die Unterlagen zeigen.“

„Gut.“

„Schlafen Sie heute Nacht, Emilia.“

„Ich versuche es.“

„Sie schaffen es.“

Ich legte auf.

Ich sah auf den ungeöffneten Brief auf dem Schreibtisch meines Vaters.

Im Flur klingelte einmal das Telefon, dann nichts mehr.

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