Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 33: Die Konsequenz

Clara rief am Mittwoch an.

Ich war im Garten. Der Morgen war kühl, der Boden noch feucht vom Regen der Nacht. Ich hatte Frau Brandls alte Gartenschere mitgenommen und die abgestorbenen Triebe am Flieder abgeschnitten, eine Beschäftigung, die ich seit Jahren nicht mehr gemacht hatte. Meine Mutter hatte das immer selbst gemacht, bis zum Schluss. Ich hatte es von ihr.

Das Handy klingelte in der Jackentasche.

„Ich habe zehn Minuten“, sagte Clara. „Dann habe ich einen Termin. Aber du musst das jetzt hören.“

„Ich höre.“

„Der Rahmenkredit.“

„Ja.“

„Die Bank friert die gesamte Linie ein. Nicht nur den einen Vertrag. Alle laufenden Zusagen gehen über denselben Rahmen. Er hat Leipzig nicht gekriegt, und er verliert gleichzeitig die Liquidität für drei andere Projekte.“

Ich zog den Handschuh aus.

„Woher hast du das?“

„Von Konstantin. Er war gestern auf einem Empfang, und irgendein Mensch aus der Commerzbank hat in einer Ecke mit jemandem geflüstert. Du weißt, wie das ist. München ist ein Dorf mit guten Anzügen.“

„Ja, ich weiß.“

„Mark hat gerade seine Bank gesprengt, Emilia.“

Ich sah auf den Flieder. Er hatte in der Nacht weiter ausgeschlagen. Winziges Grün an den Knospen.

„Er hat sie nicht gesprengt“, sagte ich. „Er hat sie überrascht.“

Clara lachte einmal kurz, ohne Heiterkeit.

„Das ist ein guter Satz. Darf ich ihn Konstantin weitergeben?“

„Nein.“

„Okay.“

Sie atmete einmal tief ein.

„Em, du hast hier nichts falsch gemacht. Ich weiß, dass ich dir das nicht sagen muss. Ich sage es trotzdem.“

„Ich habe eine Vollmacht widerrufen, die ich ihm 2015 gegeben hatte. Das war alles.“

„Das war alles.“

„Ich habe sie im September widerrufen, Clara. Vor sieben Monaten. Er hat es vergessen.“

„Er hat es vergessen, weil er dich vergessen hat. Das ist die gleiche Sache.“

Ich zog den zweiten Handschuh aus. Ich hängte mich an den Zaun und sah über den Garten.

„Was machst du heute Abend?“, fragte Clara.

„Nichts.“

„Dann komme ich.“

„Du hast doch diesen Termin.“

„Ich habe um sieben einen Termin. Ich bin um halb neun bei dir.“

„Gut.“

„Und Emilia.“

„Ja.“

„Tu heute bitte gar nichts. Nicht E-Mails. Nicht Recherche. Keine alten Akten. Geh nur in den Garten.“

Ich sah den Specht am oberen Ende der Kastanie. Er war gestern zurückgekehrt, und heute saß er dort oben, als hätte ihn jemand angestellt.

„Das habe ich vor“, sagte ich.

Am Nachmittag kam die zweite Anrufwelle.

Dr. Weber, knapp. „Die Bank hat heute Vormittag die Kreditlinie formell eingefroren. Ihr Mann hat einen Termin bekommen. Donnerstag, vierzehn Uhr. Er wird Unterlagen vorlegen müssen, die er, soweit ich höre, nicht hat.“

„Welche Unterlagen?“

„Jahresabschluss-Derivate. Cashflow-Prognose Q2. Die Eigenkapitalaufstellung für die Tochtergesellschaft in Leipzig, die den Vertrag originär hätte unterschreiben sollen. Er hat diese Papiere in den letzten Jahren nie selbst aufbereiten müssen.“

Ich wusste, wer sie aufbereitet hatte. Ich wusste, in welcher Schublade sie lagen. Ich wusste, in welchem Format.

„Ich habe keine Unterlagen von der Hartmann Gruppe mehr, Dr. Weber.“

„Ich weiß. Ich wollte nur, dass Sie den Ablauf kennen.“

„Danke.“

„Frau Richter, noch eine Sache. Die Bank hat gefragt, ob Sie zur Sitzung kommen würden. Als Zeugin zum Widerruf.“

„Ich bin keine Zeugin. Ich bin die Widerrufende. Das ist nicht dasselbe.“

„So habe ich es ihnen gesagt. Sie werden vielleicht trotzdem nachfragen. Ich wollte, dass Sie vorbereitet sind.“

„Ich werde nicht hingehen.“

„Das ist Ihre Entscheidung.“

„Ich möchte mit Mark nicht in einem Raum sitzen.“

„Nicht einmal, wenn er verliert?“

Ich dachte einen Moment nach.

„Besonders nicht dann.“

Weber schwieg. Dann sagte er: „Verstanden.“

Er legte auf.

Clara kam um zwanzig nach acht.

Sie stellte zwei Flaschen Rotwein in die Küche, eine gute und eine schlechte, wie sie es nannte — „die gute wenn wir lange bleiben, die schlechte, wenn wir schnell fertig sind“ — und Frau Brandl hatte Suppe gemacht, obwohl Clara gesagt hatte, sie würde nichts essen. Clara aß dann doch zwei Teller.

Wir saßen im Esszimmer, das kleinere, nicht das große. Ich mochte den großen Esstisch nicht. Er war der Tisch, an dem Mark früher seine Vorstandsabendessen veranstaltet hatte.

„Erzähl noch einmal“, sagte Clara. „Was genau hast du im September widerrufen.“

„Eine Generalvollmacht. Sie war weit. Ich hatte sie 2015 unterschrieben, damals war ich nach Hamburg gefahren, um Jan zu besuchen, und Mark wollte in der Woche in meinem Namen ein paar Sachen regeln. Ich bin nie darauf zurückgekommen. Ich habe sie nie befristet.“

„Und warum hast du sie im September widerrufen?“

„Weil mir schlecht war.“

„Schlecht wie?“

„Körperlich. Noch vor der Diagnose. Ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Und ich dachte: wenn ich im Herbst im Krankenhaus liege, ist Mark die einzige Person, die meinen Namen für alles benutzen kann. Das wollte ich nicht.“

„Du wolltest nicht, dass er im Zweifel in deinem Namen das Haus verkauft.“

„Nicht, dass er das tun würde. Aber dass er es könnte.“

„Das nenne ich kaltes Blut, Em.“

„Das nennt man Hausverstand.“

Clara trank einen Schluck von der schlechten Flasche. Sie hatten sie schon aufgemacht, weil die gute noch im Korb lag.

„Er hat es nicht gemerkt, oder?“

„Dass sie weg war? Nein. Ich glaube nicht.“

„Und der Widerruf stand einfach still in seinem Safe.“

„Wir wissen nicht, ob sie je im Safe war. Wir wissen nur, dass er die Empfangsbestätigung unterschrieben hat.“

„Im September.“

„Im September.“

„In der Woche deiner ersten Chemo.“

„Ja.“

„Em. Er hat sie unterschrieben, ohne sie zu lesen.“

„Das ist wahrscheinlich.“

Clara lehnte sich zurück.

„Weißt du, was mich am meisten daran stört?“

„Sag es.“

„Dass er dich im Krankenhaus besucht hat in dieser Woche. Ich erinnere mich. Er war zwei Mal dort. Er hat Blumen mitgebracht. Er hat dich sogar in die Cafeteria gebracht, einmal, mit dem Rollstuhl.“

„Ja. Ich erinnere mich.“

„Und dann kommt er von deinem Krankenhausbesuch zurück in sein Büro, setzt sich an seinen Tisch, und unterschreibt drei Dokumente hintereinander weg, ohne eines davon zu lesen. Darunter eines von deinem Anwalt.“

Ich dachte darüber nach.

„Das ist genau Mark, Clara. Das ist ihm gleich. Er liest nicht.“

„Und deshalb verliert er jetzt einen Kredit, weil er eine Empfangsbestätigung nicht gelesen hat, die seine sterbenskranke Frau ihm zustellen ließ.“

„Ich sterbe nicht.“

„Damals dachte er es.“

Ich hielt mein Glas still.

„Damals dachte ich es auch kurz.“

Clara sah mich an.

„Em“, sagte sie leiser. „Du hast dich geschützt.“

„Ich habe mich geschützt.“

„Und er bezahlt jetzt für seine Oberflächlichkeit. Nicht für dich.“

„Nicht für mich.“

„Sag es laut.“

„Nicht für mich.“

„Gut.“

Wir aßen fertig. Wir tranken die schlechte Flasche leer. Die gute blieb zu. Frau Brandl räumte leise ab, nickte Clara zu, und ging nach oben.

Es war spät, als Clara ging. Sie nahm den Mantel, sie schüttelte meine Hand, dann umarmte sie mich, länger als sonst.

„Em.“

„Ja.“

„Die nächsten zwei Wochen werden laut werden. In den Büros, in den Zeitungen, auf Empfängen. Bleib einfach hier. Geh nicht raus. Nimm keine Anrufe, die nicht von mir oder Weber kommen.“

„Ich weiß.“

„Und wenn Mark kommt.“

„Dann macht Frau Brandl die Tür zu.“

Clara lachte.

„Deine Haushälterin ist die beste Personalentscheidung, die je in diesem Haus getroffen wurde.“

„Die hat mein Vater getroffen.“

„Dann auch gut.“

Sie ging.

Ich blieb am Fenster stehen und sah, wie ihr Taxi die kleine Straße hinunterrollte.

Die Villa war still. Das Licht in der Halle brannte warm.

Ich ging nicht nach oben. Ich setzte mich noch einmal ans Esszimmerfenster, eine halbe Stunde lang, und sah in den Garten, wo der Flieder jetzt im Dunkel stand, eine dunkle, feste Masse vor dem helleren Himmel.

Ich dachte an Mark. Nur kurz. Ich dachte an sein Donnerstagstreffen. An den Raum mit den vier Anzügen ihm gegenüber. An die Unterlagen, die er nicht haben würde. An die Stille, die entsteht, wenn ein Mann in einer Sitzung sagt: „Ich hole das nach.“

Ich empfand kein Mitleid. Aber auch keine Freude. Nur ein ruhiges, stilles Erkennen — wie Wasser, das seinen Weg findet, ohne dass man es schieben müsste.

Ich stand auf. Ich löschte das Licht.

Oben in meinem alten Mädchenzimmer war das Bett schon aufgedeckt.

Ich schlief lange.

Der nächste Tag war ein Donnerstag.

Ich wachte spät auf. Frau Brandl war schon da, und es gab den Geruch von frischem Brot und Eiern aus der Küche. Ich zog einen leichten Pullover über, ging hinunter, setzte mich an den Tisch im Frühstückszimmer, und las die Zeitung, während die Sonne, die über Nacht zurückgekommen war, durch die Fenster fiel.

Die Süddeutsche hatte einen Artikel über den Münchner Immobilienmarkt. Die Preise in Bogenhausen waren im ersten Quartal leicht gesunken, zum ersten Mal seit elf Jahren. Der Artikel war nüchtern. Er erwähnte die Hartmann Gruppe mit keinem Wort.

Noch nicht.

Ich aß langsam. Ich dachte daran, wie viele Jahre ich hier gefrühstückt hatte, in diesem Raum, an diesem Tisch. Zuerst als Kind, neben meinem Vater. Dann als junge Ehefrau, neben Mark, der zum Frühstück immer schon die Zeitungen von vier Ländern vor sich hatte, und der las, ohne zu essen, und der um acht Uhr fünf aufstand, ohne sich zu verabschieden, weil er um acht Uhr fünfzehn im Büro sein wollte.

Jetzt war es still.

Ich hörte nur den Wasserhahn in der Küche, Frau Brandls leises Summen, und draußen die Vögel. Ich las die Zeitung fertig. Ich faltete sie zusammen. Ich legte sie auf den kleinen Beistelltisch.

Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich diese Morgenstille in den letzten Wochen lieb gewonnen hatte.

Am späten Vormittag rief Weber ein zweites Mal an.

„Frau Richter, nur eine kurze Sache. Die Bank hat heute Morgen offiziell die Kreditlinie eingefroren. Das ist keine Neuigkeit mehr, ich weiß. Aber jetzt ist es auch schriftlich. Ich wollte, dass Sie das wissen, bevor Ihr Mann es Ihnen auf die eine oder andere Art mitteilt.“

„Er hat noch nicht angerufen.“

„Er wird.“

„Er wird.“

„Und Frau Richter.“

„Ja.“

„Wenn er anruft, und wenn Sie abnehmen: Sprechen Sie nicht über Zahlen. Sprechen Sie nicht über die Vollmacht. Sprechen Sie über Ihre Gesundheit, über das Wetter, über irgendetwas, was kein Thema ist, das für einen Richter relevant werden könnte.“

„Ich werde nicht abnehmen.“

„Gut. Das ist noch besser.“

Er legte auf.

Ich legte das Handy weg.

Ich ging durch die Halle, an der Tür zum Salon vorbei, ins Arbeitszimmer meines Vaters. Ich setzte mich nicht. Ich blieb nur in der Tür stehen und sah den Raum an.

Der Schreibtisch war aufgeräumt. Der Teppich lag gerade. Das Bild meines Vaters hing wie immer an der Wand gegenüber.

Ich schloss die Tür wieder.

Am späten Vormittag kam der Postbote. Eine einzige Werbebeilage, sonst nichts. Ich schob sie in den kleinen Holzkasten, in dem Frau Brandl die Papiersachen sammelte, bevor sie ins Altpapier gingen.

Ich zog den Mantel an. Ich ging eine halbe Stunde durch die Straßen von Bogenhausen. Ich mied den Direktweg zum Englischen Garten, weil ich keine Lust auf Bekannte hatte. Ich ging kleinere Wohngassen, an denen die Hecken der Altvillen schon grün wurden. Die Luft war klar, kühl, ein wenig zu kalt für den Mantel, den ich trug, aber ich fror nicht.

Ich dachte über nichts Bestimmtes nach.

Das war neu.

In den letzten Jahren hatte ich beim Gehen immer gedacht — an die Firma, an Mark, an eine bestimmte Akte, an ein bestimmtes Gespräch, das ich in der Woche nachholen musste. Ich hatte nie nur gehen können. Jetzt ging ich, und es war nur Gehen. Mein Körper lief, mein Atem regelte sich, und der Kopf war ruhig.

Ich ging einmal um den Block. Ich kehrte zurück.

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