Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 26: Kaffee mit Margot

Ich ging zum zweiten Mal eine Woche später.

Margot hatte nicht wieder geschrieben. Sie hatte auch nicht angerufen. Sie hatte am Samstag an der Tür gesagt: „Kommen Sie wieder.“ Ich hatte gelernt, dass man bei ihr manche Sätze als Adresse verstand und nicht als Einladung. Am Freitag darauf, abends, schrieb ich ihr eine Postkarte, die ich selbst in den Briefkasten an der Ecke warf. Drei Zeilen, in denen nichts stand außer der Uhrzeit.

Sie rief nicht zurück.

Am Samstag um vier stand ich wieder vor dem Haus.

Diesmal kannte ich den Aufzug.

Ich kannte auch die Treppe, die ich statt des Aufzugs nahm, weil ich wieder zu Fuß gekommen war und mein Atem anfangs noch zu schnell ging. Ich atmete langsam aus zwischen dem ersten und dem zweiten Stock. Margot hatte die Tür bereits angelehnt, das fiel mir auf der letzten Stufe auf.

„Emilia“, rief sie aus dem Salon.

Ich trat ein.

„Ich habe heute mehr Kekse. Ich habe mir überlegt, dass Sie letztes Mal zu wenig gegessen haben.“

„Ich habe zu wenig gegessen.“

„Das dachte ich mir.“

Im Salon hatte sich nichts geändert. Der Tisch war auf die Weise gedeckt, wie ihn Leute deckten, die jeden Tag denselben Tisch deckten. Zwei Tassen. Eine Kanne. Der Teller mit Keksen. Ein kleiner Krug mit Wasser, der beim ersten Mal nicht dabei gewesen war.

„Setzen Sie sich.“

Ich setzte mich.

Sie goss ein.

Ich sah sie heute genauer an. Das Licht fiel anders als letzten Samstag. Durch das hohe Fenster im Rücken kam eine Helligkeit, die ihr Gesicht in zwei Hälften teilte. Die eine in Klarheit, die andere in Schatten. Sie wirkte auf eine Weise eitel, die nur wirklich stille Menschen sich leisten können: Sie saß so, wie sie immer saß, ohne auf die Wirkung zu achten.

„Wie war die Woche?“

„Ruhig.“

„Gut.“

„Und bei Ihnen?“

„Zu ruhig. Ich musste heute das Küchenradio anmachen, damit das Haus gewusst hat, dass es noch bewohnt ist. Ich habe dabei einen Bericht über Eisfischer in Finnland gehört. Ich war betroffen.“

„Betroffen?“

„Von den Fischern. Sie haben es nicht leicht.“

Ich lachte.

Margot war eine Frau, die mit Abschweifungen sprach, aber jede Abschweifung zielte. Sie war gekommen, mir von Finnlands Eisfischern zu erzählen, weil sie im nächsten Atemzug etwas anderes sagen wollte, und weil sie mir den Übergang ersparen wollte.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe Ihnen letztes Mal gesagt, ich hätte nicht vor, Sie zu überfordern. Ich habe mir über die Woche überlegt, ob ich mein Wort halten will. Ich möchte es halten. Das ist mein Anspruch an mich selbst. Aber ich möchte Ihnen noch zwei Sätze sagen, die nicht überfordern, weil Sie sie schon wissen.“

„Ich höre.“

Sie richtete die Serviette neben ihrer Tasse, ein Zentimeter weiter nach links.

„Ihre Mutter hat Ihren Vater gebeten, ein Geschäft nicht zu tun. Es war im Herbst. Es war in dem Jahr, in dem Sie in Bonn studiert haben. Ich weiß es, weil ich einmal ein Sonntagsfrühstück mit ihr hatte und sie müde war, auf eine Art, die mir auffiel. Sie hat mir nichts Konkretes gesagt. Sie hat nur gesagt: Dein Mann würde diesen Mann nicht unterschreiben lassen. Ich habe gesagt: Welchen Mann? Sie hat gesagt: Den, der uns diese Woche besucht hat. Ich habe nicht nachgefragt. Das war mein Fehler.“

Margot sah mich an.

„Ich weiß nicht, ob es eine Verbindung gibt zu dem, was heute in der Firma geschieht. Ich behaupte es nicht. Ich sage es Ihnen nur, weil Sie mit einem Anwalt arbeiten, und weil Anwälte zuweilen dankbar sind für Bemerkungen, die keine Beweise sind, aber Orientierung geben. Wenn ein Blatt Ihnen nicht taugt, werfen Sie es weg.“

„Wer war der Mann?“

„Das weiß ich nicht. Das weiß auch niemand mehr, außer vielleicht Heinrich Altmann. Sie kennen ihn?“

„Dem Namen nach.“

„Architekt. Etwas älter als ich. Ein Freund Ihres Vaters, soweit dieser Freunde zuließ. Ein zurückhaltender Mensch. Er ruft manchmal an, zu Weihnachten und zu Ostern, immer pünktlich. Ich habe ihm vor einem halben Jahr gesagt, dass ich mich freuen würde, wenn er zum Kaffee käme. Er ist nicht gekommen. Er kommt nicht in Wohnungen, in denen er noch nie war. Er ist ein Mann der Gewohnheiten. Aber er telefoniert.“

„Gut.“

„Das ist, was ich sagen wollte. Nicht mehr.“

Sie hob ihre Tasse.

Wir tranken.

Danach sprachen wir nicht weiter über die Firma.

Margot war in dieser Hinsicht zuverlässig. Sie sagte, was sie sagen wollte, und dann war es vorbei. Sie hatte die Fähigkeit, Themen abzuschließen, ohne dass man den Schnitt sah. Das hatte ich immer an ihr beobachtet, schon als Kind bei Empfängen, und erst jetzt begriff ich es als Handwerk.

„Wie geht es Ihnen, Emilia?“

„Besser.“

„Das ist eine Antwort, die Ehefrauen geben, wenn sie höflich sein wollen.“

„Ich bin keine Ehefrau mehr.“

„Noch nicht. Es dauert ein Jahr, weniger, mehr, je nachdem. Ich meine es nicht juristisch. Eine Frau ist keine Ehefrau mehr, wenn sie sich nicht mehr als eine solche fühlt. Das passiert zu einem Zeitpunkt, der selten mit einem Datum übereinstimmt.“

„Bei mir, glaube ich, passierte es im Klinikum.“

„Das ist früh.“

„Es war nötig.“

Sie nickte.

„Darf ich Sie etwas fragen?“

„Ja.“

„Sind Sie wütend?“

Ich überlegte.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil Wut Arbeit ist.“

Sie sah mich einen Moment lang an. Dann lachte sie. Es war das erste Lachen, das ich bei ihr hörte, und es war überraschend hell, fast mädchenhaft, obwohl sie eine Frau von zweiundsiebzig Jahren war.

„Sie sind die Tochter Ihres Vaters, Emilia. Aber das haben Sie sicher schon gehört.“

„Mehrfach.“

„Und die Tochter Ihrer Mutter. Das hören Sie seltener. Aber es stimmt auch.“

„Woran sieht man das?“

„An der Art, wie Sie den Satz ‚Wut ist Arbeit‘ sagen, ohne stolz darauf zu sein.“

Wir sprachen über kleine Dinge.

Über eine Apotheke in der Nähe, die Margot seit fünfzig Jahren benutzte, und deren Besitzer vor drei Monaten gestorben war. Über einen alten Garten in Grünwald, in dem meine Mutter einmal gewesen war, und den Margot erwähnte, als sei er ein Zimmer einer Wohnung, die wir beide kannten. Über ein Buch, das sie mir reichte, weil sie es mir schon beim ersten Besuch hatte leihen wollen. Ein dünnes Bändchen Briefe der Frau von Stein, das ich mir nicht ausgesucht hätte und in das ich wusste, dass ich nun hineinlesen würde.

„Sie müssen es mir nicht zurückgeben“, sagte sie. „Bücher, die geliehen werden, bleiben, wo sie angekommen sind. Das ist eine Regel, mit der ich viele Freundschaften abgekühlt habe.“

„Ich gebe es Ihnen zurück.“

„Wie Sie wollen. Ich sterbe ohnehin, bevor ich es noch einmal lese.“

Sie sagte das so, wie sie von den Eisfischern gesprochen hatte. Mit einer leichten Amüsiertheit, die weder Morbidität noch Koketterie war. Nur eine Feststellung.

„Margot.“

„Ja.“

„Darf ich Sie etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Warum haben Sie mir heute erzählt, was meine Mutter zu Ihnen im Herbst gesagt hat?“

Sie nahm einen Keks. Sie brach ihn in zwei Hälften, aß die eine, legte die andere zurück auf den Teller.

„Weil ich gemerkt habe“, sagte sie, „dass ich in den letzten fünfzehn Jahren drei Dinge nicht getan habe, die ich Ihrer Mutter vor ihrem Tod versprochen hatte. Eines davon konnte ich heute nachholen. Ich habe keine Zeit mehr, das nächste Mal auf den nächsten Samstag zu verschieben. Das zweite und dritte sind Ihre Sache, nicht meine.“

„Was sind das zweite und dritte?“

„Die verrate ich Ihnen nicht. Sie werden sie merken, wenn es so weit ist. Und ich möchte mir die Freude vorbehalten, Ihnen zu sagen, dass ich es geahnt habe.“

Ich lächelte.

Als ich aufstand, um zu gehen, hielt sie mir die Hand hin. Sie hielt sie nicht zum Gruß. Sie hielt sie, damit ich mich an ihr aufrichten konnte. Das war, weil sie bemerkt hatte, dass ich den ganzen Weg zu Fuß gegangen war, und dass ich beim Aufstehen eine Sekunde brauchte.

„Sie müssen das nicht verbergen, Emilia. Ich sehe es trotzdem.“

„Ich verberge nicht.“

„Dann noch besser.“

An der Tür sagte sie noch einen Satz, und ich merkte, dass sie ihn die ganze Stunde aufgespart hatte.

„Ihre Mutter hätte sich gefreut, wenn sie Sie jetzt sähe. Nicht, weil Sie glücklich sind. Das sind Sie nicht. Sondern weil Sie sind, wer Sie sind. Das war immer ihr Anspruch für Sie. Er hat sich bewahrheitet, spät, aber er hat sich bewahrheitet.“

Ich nickte nur.

Es gibt Sätze, auf die man nichts sagen soll.

Sie öffnete mir die Tür. Sie ließ mich eintreten in das Treppenhaus. Dann schloss sie hinter mir.

Im Treppenhaus blieb ich einen Moment stehen, eine Hand am Geländer.

Ich hatte nicht geweint. Ich weinte sowieso nicht oft.

Aber in meiner Brust war etwas leichter geworden, was vor der Stunde schwerer gewesen war. Das war nicht durch Worte gekommen. Das war durch Anwesenheit gekommen. Meine Mutter war fünfzehn Jahre tot. Jemand, der sie gut gekannt hatte, hatte mich eine Stunde lang gesehen und gesagt, dass das, was sie sah, in Ordnung war.

Ich nahm das mit nach Hause.

Ich nahm auch mit, dass es im Herbst vor Jahren ein Gespräch gegeben hatte, das meine Mutter Margot zugetraut hatte. Dass es einen Mann gegeben hatte, der im Haus gewesen war. Dass meine Mutter müde gewesen war, auf eine Weise, die Margot bemerkt hatte. Das war nicht viel, aber es war etwas.

Zu Hause setzte ich mich ins Arbeitszimmer.

Ich öffnete das kleine Heft.

Datum. Zwei Worte heute.

„Margot. Herbst.“

Ich legte das Heft zurück. Ich dachte einen Moment. Dann nahm ich es noch einmal heraus, schlug die Seite auf, und fügte in kleineren Buchstaben dazu:

„Altmann telefoniert.“

Das war alles. Aber es war eine Adresse. Meinem Vater hätte das genügt.

Draußen dämmerte es.

Ich legte das Buch von Margot auf den Nachttisch. Ich schlug die erste Seite auf. Ich las drei Sätze einer Frau aus Weimar, die vor mehr als zweihundert Jahren gelebt hatte, und fand, dass auch vor zweihundert Jahren manche Frauen in ihren Häusern auf dasselbe gewartet hatten wie ich gewartet hatte, bis vor Kurzem.

Dann schloss ich das Buch.

Vor dem Einschlafen dachte ich noch einmal an Margots Satz am Schluss.

„Ihre Mutter hätte sich gefreut, wenn sie Sie jetzt sähe.“

Margot hatte das nicht gesagt, um mich zu trösten. Sie hatte es gesagt, weil sie es meinte. Das war, bei ihr, ein Unterschied. Ich kannte viele Frauen in München, die solche Sätze aussprachen, weil sie zum Ritual gehörten. Margot gehörte nicht zu ihnen.

Ich dachte daran, was meine Mutter wirklich gesehen hätte, wenn sie mich heute gesehen hätte. Sie hätte eine Frau gesehen, die schmaler geworden war. Die viel schwieg. Die in einem Haus lebte, in dem die Möbel nicht mehr umgestellt wurden, weil sie niemand mehr umstellen mochte. Sie hätte mich vielleicht angesehen und gesagt: „Emilia, du musst mehr essen.“ Das hatte sie bei jedem Besuch aus Bonn zu mir gesagt, auch wenn ich drei Kilo zugenommen hatte.

Aber sie hätte auch etwas anderes gesehen.

Sie hätte gesehen, dass ich mein Arbeitszimmer aufgeschlossen hatte. Dass ich ihre kleine Tasche vielleicht eines Tages finden würde, wenn ich es denn in ihrem Sinn für richtig hielte. Dass ich zu Frauen meines eigenen Alters und zu Frauen ihres Alters gleichzeitig hielt, ohne es zu merken. Das wäre für sie ein Zeichen gewesen, dass sich die Dinge ordneten.

Ich schlief ein.

Die Straßenlaterne brannte.

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