Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 23: Marks Rückschlag

Clara kam am Abend um halb acht.

Sie brachte eine Flasche Grauburgunder und eine Tüte mit Oliven aus einem griechischen Laden in der Schwabinger Straße, den sie seit zehn Jahren kannte. Sie stellte beides in der Küche ab, küsste Frau Brandl auf beide Wangen, was Frau Brandl tolerierte, und kam dann ins Wohnzimmer, wo ich an der Fensterseite saß.

„Du siehst besser aus.“

„Danke.“

„Ich meine es. Zwei Kilo mehr. Es steht dir.“

„Frau Brandl kocht Suppen.“

„Dann soll sie weiter kochen.“

Clara ließ sich in den Sessel fallen, den mein Vater immer gemieden hatte, weil er zu weich war. Sie schlug die Beine übereinander. Sie hatte ihren Mantel noch an.

„Der Wein atmet. Trink in zehn Minuten.“

„Ich trinke wenig.“

„Eins.“

„Eins.“

Sie sah mich an. Dann lachte sie kurz.

„Du trinkst, wie andere Leute unterschreiben. Sehr vorsichtig.“

Wir redeten zuerst über Unwichtiges. Claras Agentur hatte einen Kunden gewonnen, ein Unternehmen, das Babyschuhe produzierte und dachte, sein Problem sei die Werbung. „Ihr Problem ist“, sagte Clara, „dass Kinderfüße wachsen. Niemand kauft zweimal das gleiche Paar. Das ist kein Werbeproblem.“

Ich lachte. Es war ein kleines Lachen, kaum mehr als ein Atemzug, aber es war eines.

Dann wurde sie still.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe etwas gehört.“

Ich wartete.

Clara hatte ein Talent. Sie konnte schlechte Nachrichten so bringen, dass sie wie ein Wetterbericht klangen. Nicht, weil ihr die Dinge egal waren. Sondern, weil sie gelernt hatte, dass ich Informationen ruhig bekommen musste, um sie zu ordnen.

„Steiger ist abgesprungen.“

Den Namen hörte ich nicht zum ersten Mal. Bernhard Steiger war ein Investor aus Zürich, der seit zwei Jahren mit der Hartmann Gruppe an einem Projekt in der Leopoldstraße arbeitete. Ein Bürohaus, drei Etagen Tiefgarage, das ich selbst durchgerechnet hatte, bevor Mark den Vertrag unterschrieb. Steiger hatte fünfundzwanzig Prozent der Finanzierung getragen.

„Ganz?“

„Ganz.“

„Begründung?“

Clara zuckte die Schultern.

„Offiziell: strategische Neuausrichtung. Inoffiziell: er hat vor zwei Wochen eine Unterlage angefordert, und was er bekommen hat, war nicht das, was er angefordert hatte. Er hat noch einmal gebeten. Er hat wieder etwas bekommen, das nicht passte. Beim dritten Mal hat er aufgehört zu fragen.“

„Wer hat Ihnen die Mappe zusammengestellt?“

„Angeblich ein neuer Mitarbeiter. Michael irgendwas. Mark hat ihn eingestellt, als Sophia nach Bogenhausen wollte. Ich glaube, Mark brauchte eine Vorlage, dass er für die Firma lebt, wenn er nicht mehr zu Hause ist.“

„Und der junge Michael?“

„Der junge Michael hat die letzten acht Monate Mappen erstellt, die dir nie jemand zur Prüfung gegeben hätte.“

Ich trank einen Schluck Wein. Er war gut. Clara verstand etwas von Wein, ohne darüber zu reden.

„Wie schlimm ist Steiger?“, fragte ich.

„Nicht tödlich. Aber es ist der dritte in sechs Monaten. Das spricht sich herum. Investoren sind wie Tauben. Eine fliegt auf, zwei fliegen mit.“

Sie sah mich an, als ob sie mehr sagen wollte, und dann doch entschied, es nicht zu tun.

„Clara.“

„Ja?“

„Du musst mir das nicht erzählen, wenn du es nicht willst.“

„Ich erzähle es dir, weil du es sowieso erfahren wirst. Weber wird es morgen wissen. Die SZ wird es übermorgen wissen. Ich wollte, dass du es heute weißt.“

„Danke.“

„Musst du nicht.“

Wir schwiegen eine Weile.

Das Wohnzimmer war fast dunkel. Nur die kleine Stehlampe neben dem Sessel brannte. Im Kamin lagen die alten Scheite vom Winter, die niemand mehr angezündet hatte.

„Emilia.“

„Ja.“

„Tust du irgendwas?“

„Nein.“

„Wirklich nichts?“

„Ich beantworte keine Fragen mehr. Ich leite keine Unterlagen mehr weiter. Ich telefoniere nicht mehr mit Investoren. Ich unterschreibe nicht mehr auf Papieren, auf denen mein Name nie hätte stehen sollen.“

„Und die Dinge, die du aufbewahrt hast?“

„Die liegen, wo sie liegen.“

„Du weißt, dass das ein Unterschied ist.“

„Ich weiß.“

Clara nickte langsam. Sie sah aus, als würde sie einen ganz kurzen Moment überlegen, ob sie lachen oder weinen sollte. Dann entschied sie sich für keins von beidem.

„Du bist komischer als früher“, sagte sie.

„Bin ich das?“

„Nicht im schlechten Sinn. Du machst weniger. Aber das, was du machst, sitzt.“

Nach einer Stunde stand sie auf, um zu gehen.

An der Garderobe, während sie ihren Mantel zuknöpfte, sagte sie noch etwas, halb zu sich selbst.

„Er wird es nicht verstehen.“

„Wer?“

„Mark. Er wird glauben, du tust etwas. Er wird glauben, hinter jedem Rückschlag stehst du. Er wird hinter Bäumen suchen und keine finden.“

„Das ist sein Problem.“

„Ja.“

„Und seins zu lernen.“

Sie lachte wieder kurz. Dann küsste sie mich auf die Wange, so wie sie es seit zwanzig Jahren tat, halb flüchtig, halb fest, und trat hinaus in die Nacht.

Ich schloss die Tür.

Ich blieb einen Moment in der Eingangshalle. Der alte Spiegel neben der Garderobe spiegelte eine Frau, die in den letzten Monaten dünner geworden war, aber nicht kleiner.

Frau Brandl kam aus der Küche. Sie trug ihre Strickjacke, die sie immer trug, wenn sie gleich nach Hause gehen wollte.

„Soll ich noch bleiben?“

„Nein, danke. Gehen Sie.“

„Sie sperren ab?“

„Ja.“

Sie nickte. Sie zog ihren Mantel an. In der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Bei der Arbeit für Ihren Vater, damals, als wir manchmal nach der Arbeit gesprochen haben. Er hat einmal gesagt: Es gibt drei Sorten von Unglück. Das, was einem passiert. Das, was man sich selbst antut. Und das, was andere sich antun, während man zuschaut. Die dritte Sorte sei die komplizierteste.“

„Warum?“

„Weil man nicht weiß, wann man aufhören soll, zuzuschauen.“

Sie zog die Tür hinter sich zu.

Später, als das Haus still war, ging ich in das Arbeitszimmer.

Ich setzte mich nicht hinter den Schreibtisch. Ich setzte mich in den kleinen Lesesessel an der Fensterseite, in dem mein Vater manchmal gesessen hatte, wenn er müde war. Er hatte diesen Sessel geliebt, weil man von dort das Licht der Straßenlaterne auf dem Weg sehen konnte. „Wenn die Laterne leuchtet, ist die Welt noch in Ordnung“, hatte er gesagt, „wenn sie ausgeht, muss ich in die Küche und nachsehen, ob die Sicherung durch ist.“

Es war ein Satz gewesen, über den mein Bruder gelacht hatte. Ich hatte nie gelacht, weil ich immer das Gefühl hatte, es steckte mehr darin.

Die Laterne am Weg brannte.

Ich dachte an Steiger. Ich dachte nicht lange. Steiger war ein erwachsener Mann aus Zürich, der seine Entscheidung aus eigenem Grund getroffen hatte. Ich hatte ihm nicht abgeraten, ich hatte ihn nicht angerufen. Ich hatte schlicht nichts mehr getan, was ich vorher getan hatte. Dass das genügte, war nicht meine Absicht gewesen.

Aber es war eine Tatsache.

Draußen fuhr ein Auto die Straße hinunter. Ich hörte es auf dem Kies, dann auf dem Asphalt, dann war es weg.

Ich nahm das kleine Heft aus der Schublade. Ich schrieb heute ein einziges Wort dazu, hinter das Datum. Nicht „Steiger“. Nicht „Rückschlag“. Nur „Zürich“.

Ich legte das Heft zurück.

Ich schloss die Schublade.

Die Stille im Haus war anders als in den ersten Wochen nach meiner Rückkehr. Damals war sie laut gewesen, angefüllt mit dem, was Mark nicht mehr sagte, was der Schrank nicht mehr enthielt, was der Schlüsselhaken nicht mehr trug. Jetzt war sie leer, aber nicht bedrohlich. Sie war ein Raum, der gelüftet worden war. Man konnte ihn wieder benutzen.

Ich blieb noch einen Moment sitzen.

Dann stand ich auf, löschte das Licht im Arbeitszimmer und ging hinauf.

Bevor ich ins Bett ging, zog ich die Vorhänge im Mädchenzimmer nicht ganz zu. Ich ließ einen Spalt. Ich hatte das als Kind getan, weil ich Angst vor völliger Dunkelheit hatte. Jetzt tat ich es, weil ich es manchmal mochte, um drei Uhr morgens kurz zur Decke zu sehen und zu wissen, dass draußen die Laterne noch brannte.

Die Laterne brannte.

Ich schlief nicht sofort.

Ich dachte an Steiger. Ich hatte ihn zweimal gesehen. Das erste Mal vor drei Jahren bei einem Essen im Bayerischen Hof, an dem ich teilgenommen hatte, weil Mark mich mitgenommen hatte, als handle es sich um eine Requisite. Das zweite Mal ein halbes Jahr später bei einer Besprechung in Zürich, zu der ich nicht offiziell eingeladen war, aber Mark hatte auf dem Weg zum Flughafen bemerkt, dass er die entscheidende Zahlenreihe nicht im Kopf hatte, und ich hatte sie. Ich war mitgekommen.

Steiger hatte mich während der Besprechung zweimal direkt angesehen, wenn eine Zahl im Raum stand, die niemand sofort einordnete. Zweimal hatte er knapp genickt, wenn ich den Kopf in eine bestimmte Richtung bewegte. Er hatte Mark die ganze Zeit zugehört und mit mir geredet, ohne mit mir zu reden.

Am Ende der Besprechung hatte er mich begrüßt, auf dem Weg zum Lift, mit einem einzelnen Satz: „Frau Hartmann. Ich gratuliere Ihrem Mann.“

Ich hatte damals geglaubt, er sei höflich.

Heute wusste ich, dass er etwas anderes gemeint hatte.

Dann dachte ich an Clara.

Sie hatte heute etwas Neues gesagt. „Er wird glauben, hinter jedem Rückschlag stehst du.“ Das stimmte und stimmte nicht. Mark würde glauben, ich tue etwas. Er hatte seine ganze Ehe lang geglaubt, ich tue etwas, wenn ich etwas tat. Dass ich jetzt nichts tat, würde er nicht sehen können. Es war für ihn nicht sichtbar, weil es für ihn nie sichtbar gewesen war.

Das war das Komische.

In zwölf Jahren Ehe hatte Mark die Dinge, die ich für ihn getan hatte, nicht als meine Arbeit wahrgenommen. Er hatte sie als seine Arbeit wahrgenommen, mit meiner Hilfe, die irgendwann nicht mehr erwähnenswert war. Jetzt, da ich nichts mehr tat, würde er die Abwesenheit für eine Anwesenheit halten. Er würde in leeren Zimmern eine Gestalt suchen, die dort nie gewesen war. Er würde in meinem Heft lesen wollen, und das Heft würde ihm recht geben, weil es nichts enthielt, das nicht mit drei oder vier Worten auskam.

Ich fand das fast traurig.

Nicht traurig für mich. Traurig für ihn. Ein Mann, der nie gesehen hatte, wer neben ihm stand, würde auch nicht sehen, wer nicht mehr neben ihm stand.

Aber das Mitleid war dünn.

Es war so dünn, dass ich es nicht benennen musste.

Ich schlief ein.

Irgendwann, tief in der Nacht, wachte ich kurz auf, weil ein Wagen auf der Straße bremste und anfuhr, bremste und anfuhr. Vielleicht ein Taxi. Vielleicht ein Freund aus der Nachbarschaft. Ich blieb liegen. Ich sah zur Decke. Die Laterne warf durch den Vorhangspalt einen schmalen gelben Streifen an die Wand.

Ich dachte an nichts Bestimmtes.

Am Morgen danach, beim Frühstück, sagte Frau Brandl leise: „Sie haben gestern Abend fast eine halbe Flasche Wein getrunken.“

„Mit Clara.“

„Ich weiß. Ich sage es nur, damit Sie es wissen. Sie haben seit dem Klinikum keinen Wein getrunken. Das ist eine kleine Sache. Aber nicht keine.“

Ich nickte.

Sie schob mir einen Teller mit einer weichen Birne und einer Scheibe Schwarzbrot hin. Ich aß die Birne zuerst, weil das am einfachsten war. Dann das Brot.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Darf ich fragen, was Frau Winter gestern Abend noch gesagt hat, an der Tür?“

„Sie hat gesagt, dass Mark glauben wird, dass ich etwas tue.“

Frau Brandl lachte kurz, fast stumm.

„Das wird er.“

„Vermutlich.“

„Soll ich ans Telefon gehen, wenn er anruft?“

„Ja. Sagen Sie ihm, dass ich nicht da bin. Das, was Sie schon gesagt haben, letzte Woche.“

„Das habe ich nicht gesagt. Sie haben es gesagt.“

„Haben Sie es nicht gesagt?“

„Ich habe ihm gesagt, dass Sie nicht zu sprechen sind. Das ist etwas anderes. ‚Nicht da‘ ist eine Lüge. ‚Nicht zu sprechen‘ ist eine Information.“

Ich sah sie einen Moment an.

„Sie haben recht.“

„Ich habe oft recht in kleinen Dingen. Das macht mich für manche anstrengend.“

„Für mich nicht.“

„Gut.“

Sie räumte den Teller ab.

Ich schlief nicht wieder ein, aber ich blieb noch eine halbe Stunde am Tisch. Das Haus war ruhig. Draußen fuhr hier und da ein Auto. Frau Brandl spülte in der Küche. Sie ließ das Wasser laufen, weil sie das immer tat, auch wenn die meisten Leute heute den Wasserhahn zwischendurch zudrehen.

Ich mochte das Geräusch.

Es war ein Geräusch aus einem Haus, in dem eine Frau älter als ich am Morgen Geschirr spülte, und ich in einem anderen Zimmer saß und nicht störte.

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