Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 31: An der Villa

Am Mittwoch um halb vier klingelte es an der Haustür.

Ich war oben im Arbeitszimmer, nicht in dem meines Vaters, sondern in dem kleineren Zimmer im Obergeschoss, das ich zu meinem eigenen gemacht hatte. Dort stand jetzt ein Schreibtisch meiner Mutter, den wir aus dem Keller hochgebracht hatten, schmaler als der Schreibtisch meines Vaters, mit einer Schublade, die leicht klemmte. Ich hatte die Pläne von Frau von Randow auf dem Tisch liegen. Ich hatte eine Kanne Tee neben dem Papier.

Ich hatte die Klingel seit Wochen nicht gehört. Sie klang lauter, als ich erinnert hatte.

Ich hob nicht den Kopf. Ich hörte unten die Schritte von Frau Brandl auf dem Parkett, ruhig, nicht eilig. Frau Brandl öffnete die Tür nie zu schnell. Wer klingelte, konnte zehn Sekunden warten.

Ich schrieb weiter. Eine Spalte. Zwei Zahlen.

Ich hörte, wie die schwere Haustür aufging.

Ich hörte eine Männerstimme. Leise. Dann lauter.

Ich kannte die Stimme.

Ich legte den Kugelschreiber aus der Hand.

Ich stand nicht auf.

Ich blieb sitzen, die Hände auf dem Tisch, wie ich es gelernt hatte. Ich drehte mich auf dem Stuhl leicht zur Tür, weil das Zimmer direkt über der Eingangshalle lag und man dort am besten hörte. Das Haus war alt. Man hörte vieles, wenn man zuhörte.

„Guten Tag, Herr Hartmann.“

Das war Frau Brandl. Ruhig. Sie hatte „Herr Hartmann“ gesagt, nicht „Mark“, nicht „Chef“. Sie hatte es ohne Wärme gesagt, aber auch ohne Kälte. Wie bei einem Lieferanten.

„Frau Brandl. Ist Emilia da?“

„Frau Hartmann ist heute nicht verfügbar.“

Eine kurze Pause.

„Ich habe vor zehn Minuten angerufen.“

„Ich weiß.“

„Sie hat nicht abgenommen.“

„Das ist so.“

Ich hörte, wie Mark einen Schritt machte, in Richtung Tür.

„Ich komme kurz rein.“

„Herr Hartmann.“

Ihre Stimme war jetzt etwas fester. Nicht laut. Nur fester.

„Frau Hartmann ist heute nicht verfügbar.“

„Ich wohne hier.“

„Nein, Herr Hartmann. Sie wohnen hier nicht mehr.“

Ich hielt den Atem einen Moment an, ohne es zu wollen.

Ich hörte, wie Mark einen zweiten Schritt vorwärts machte.

„Frau Brandl, lassen Sie mich durch.“

„Ich kann das nicht.“

„Sie arbeiten hier.“

„Ja.“

„Ich zahle Ihr Gehalt.“

„Herr Hartmann, Sie zahlen seit drei Monaten mein Gehalt nicht mehr. Frau Hartmann zahlt es. Das ist in Ordnung. Es ist nicht mein Thema. Ich tue meine Arbeit, wie ich sie seit dreißig Jahren tue, und die Anweisung für heute ist, dass Sie nicht eintreten.“

Stille.

„Wer hat diese Anweisung gegeben?“

„Das Haus.“

Das war es, was ich hörte.

Das Haus. Frau Brandl hatte nicht „Frau Hartmann“, nicht „Ihre Frau“ gesagt. Sie hatte „das Haus“ gesagt. Sie hatte es auf eine Art gesagt, die keinen Widerspruch zuließ, weil man einem Haus schlecht widersprechen kann.

Ich hörte Marks Atem.

Er war lauter, als er sein sollte.

„Frau Brandl. Ich will nur kurz mit ihr sprechen.“

„Das ist nicht möglich.“

„Sie ist oben.“

„Das ist nicht mein Platz zu bestätigen.“

„Ich habe ihr etwas zu sagen.“

„Dann sagen Sie es Herrn Dr. Weber. Briennerstraße. Das ist die Adresse, die Sie haben.“

Ich merkte, wie Frau Brandl eine Hand an die Tür legte. Ich hörte es nicht, aber ich wusste es. Sie hatte die Angewohnheit, den Türflügel mit der linken Hand zu halten, wenn sie etwas Unangenehmes sagte. Das war ein Detail, das ich in dreißig Jahren von ihr gelernt hatte.

„Frau Brandl.“

Marks Stimme war jetzt dünner.

„Ich bitte Sie.“

„Es tut mir leid, Herr Hartmann.“

Und dann fiel die Tür zu.

Sie fiel nicht hart. Sie fiel ruhig. Frau Brandl schlug nie Türen. Sie schloss sie, auch wenn sie nicht mehr offenstehen wollten. Ich hörte den Riegel einrasten.

Dann hörte ich Schritte.

Marks Schritte. Auf den Steinstufen vor der Tür. Er blieb einen Moment stehen. Ich hörte, wie er atmete. Ich hörte, wie er vielleicht etwas sagte, sehr leise, zu sich selbst. Ich konnte es nicht verstehen.

Dann ging er.

Die Schritte gingen über den Kiesweg. Sie entfernten sich.

Ein Autotürschlag. Ein Motor. Das Auto fuhr rückwärts aus der Auffahrt, weil die Auffahrt keinen Wendekreis hatte. Das hatte Mark nie gemocht. Er hatte einmal vorgeschlagen, man müsse die Mauer dafür ein Stück zurücksetzen. Mein Vater hatte gesagt: „Wer nicht rückwärts fahren will, soll nicht bei uns zu Gast sein.“ Das war einer der Sätze meines Vaters, die ich lange nicht ernst genommen hatte.

Das Auto fuhr weg.

Die Straße war still.

Ich saß noch einen Moment.

Dann lachte ich.

Es war ein kurzes Lachen. Eine halbe Sekunde. Vielleicht zwei Atemzüge. Es war kein Auflachen. Es war kein triumphierendes Lachen. Es war ein trockenes, kleines, fast überraschtes Lachen, wie wenn man in einem Buch einen Satz liest, den man erwartet hatte, und doch nicht so erwartet hatte.

Ich lachte.

Ich merkte, dass ich seit langer Zeit nicht gelacht hatte. Ich konnte nicht sagen, wie lange. Ich hatte geschmunzelt, manchmal. Ich hatte mit Clara halb gekichert. Aber gelacht, auch so klein wie jetzt, hatte ich nicht. Das war eine Feststellung. Es war keine große Freude. Es war nur eine Feststellung.

Das Lachen hörte auf.

Das Zimmer war wieder still.

Ich stand auf und ging zum Fenster.

Unten auf der Straße war kein Auto mehr zu sehen. Nur der Zaun. Die Buchen. Der Nachbar von gegenüber, Herr Seiler, ging mit seinem Hund vorbei, ohne zu wissen, dass er heute fünfzehn Sekunden nach einer Tür vorbeigegangen war, die sich gerade geschlossen hatte.

Ich ging die Treppe hinunter.

Frau Brandl stand in der Eingangshalle. Sie hatte sich nicht von der Tür entfernt. Sie hatte die Hand immer noch auf der Klinke. Sie sah mich auf der Treppe sehen. Sie ließ die Hand los.

„Frau Hartmann.“

„Frau Brandl.“

„Er ist weg.“

„Ich weiß.“

Sie atmete hörbar aus. Nicht laut. Sie hatte den Atem zurückgehalten, länger als ich bemerkt hatte.

„Setzen Sie sich“, sagte ich.

Sie sah mich an.

„Ich meine es ernst. Setzen Sie sich.“

Sie setzte sich auf den Flurstuhl, den neben der Garderobe, auf dem sich sonst niemand setzt, weil er eher eine Ablage ist als ein Stuhl.

Sie saß mit geradem Rücken. Sie saß, als erwarte sie eine Rüge.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Das war gut gemacht.“

Sie sagte nichts.

„Ich meine es so. Sie haben das sehr gut gemacht. Ich weiß, was das für Sie war.“

Sie zuckte mit den Schultern, halb.

„Frau Hartmann. Ich mache nur, wozu ich da bin. Ich bin nicht da, Herrn Hartmann die Tür zu öffnen. Ich war es nie. Ich war dafür da, Ihr Haus zu führen. Ihr Haus ist das, was Sie es sein lassen.“

Ich ging zu ihr. Ich legte meine Hand auf ihre Hand, nur einen Moment.

Sie sah nicht zu mir auf. Sie sah auf den Boden.

„Ich habe einen Tee gemacht“, sagte sie. „Oben.“

„Ich habe ihn gesehen.“

„Trinken Sie ihn, bevor er kalt wird.“

Ich nickte.

Sie stand auf. Sie glättete ihre Schürze. Sie ging in die Küche, wie sie es jeden Tag dreimal tat, und schloss die Tür hinter sich nicht zu fest.

Ich stand noch einen Moment in der Eingangshalle.

Ich sah zur Haustür. Ich sah den Lichtschein, der durch das bleigefasste Oberfenster auf den Boden fiel. Dieselben Lichter, die mich als Kind bei Geburtstagen begrüßt hatten, wenn die ersten Gäste kamen. Dieselben Lichter, die mich nach Bonn zurückgebracht hatten, nachdem ich über das Wochenende meinen Vater besucht hatte. Dieselben Lichter, die meine Mutter angesehen hatte, als sie zum letzten Mal aus diesem Haus zu ihrer Behandlung gefahren war.

Dieselben Lichter.

Dasselbe Haus.

Nur ein Mann weniger, der hineingehörte.

Ich ging nach oben.

Ich setzte mich an den Schreibtisch meiner Mutter.

Der Tee war nicht kalt. Er war lauwarm, aber trinkbar. Ich trank einen Schluck. Ich schrieb eine Zahl auf, an der ich vorher gearbeitet hatte. Ich korrigierte einen Betrag um zweihundertachtzig Euro, weil ich einen Rechenweg zweimal geprüft hatte und beim zweiten Mal einen Fehler bemerkt hatte.

Ich arbeitete weiter.

Ich arbeitete nicht lange.

Nach zwanzig Minuten legte ich den Stift ab. Ich stand auf. Ich ging noch einmal zum Fenster.

Die Straße war still. Ein Kind rief etwas von drüben. Zwei Möwen flogen über den Garten, auf dem Weg zur Isar, die man von hier nicht sah, aber die nicht weit war.

Ich dachte nicht lange an Mark.

Ich dachte an Frau Brandl. Daran, wie sie zur Seite getreten war, als sei sie eine Wand. Ein Gast meines Vaters hatte mir einmal gesagt, es gebe Menschen, die nicht sprächen, sondern stünden, und dass man diese Menschen erkenne, wenn sie nicht zur Seite träten. Frau Brandl war solch ein Mensch. Sie war es immer gewesen. Ich hatte es heute zum ersten Mal in meinem eigenen Haus für mich selbst erlebt.

Ich ging ins Arbeitszimmer meines Vaters.

Ich setzte mich an den Schreibtisch. Ich öffnete die Schublade. Ich nahm das Heft.

Datum.

Ich schrieb heute drei Worte. Nicht eins. Nicht zwei.

„Mark: Tür. Frau Brandl.“

Und darunter, eine halbe Zeile tiefer, in noch kleinerer Schrift, weil ich nicht sicher war, ob sie mir nicht wichtig sein würde:

„Ich habe gelacht.“

Ich legte den Stift zurück.

Ich sah die beiden Zeilen an.

Ich hatte keinen Grund, eine davon zu streichen. Ich hatte keinen Grund, eine davon zu unterstreichen. Sie standen, wie ich sie geschrieben hatte.

Ich klappte das Heft zu.

Ich schloss die Schublade.

In der Küche war Frau Brandl dabei, Kartoffeln zu schälen.

Ich ging zu ihr.

„Bleiben Sie heute Abend?“

„Wenn Sie mögen.“

„Ich mag.“

„Dann bleibe ich.“

Sie schälte weiter. Ich setzte mich an den Tisch und nahm mir einen Apfel aus der Schale. Ich schnitt ihn in Stücke. Ich aß.

Frau Brandl sah nicht auf.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Er wird es wieder versuchen.“

„Vermutlich.“

„Nicht morgen. Aber bald.“

„Vermutlich.“

„Dann?“

„Dann dasselbe.“

Sie nickte.

Sie schälte die letzte Kartoffel. Sie legte das Messer ab. Sie wischte sich die Hände an der Schürze.

„Das Haus ist müde heute.“

„Ja.“

„Aber auf eine gute Art.“

Ich sah sie an. Sie sah mich nicht an. Sie sah auf die Kartoffeln.

Ich sagte nichts.

Draußen wurde es langsam Abend.

Das Licht in der Küche war nicht eingeschaltet, weil die Sonne durch das Westfenster noch warm genug hereinfiel, um alles zu sehen. Zwei Fliegen summten an der Scheibe. Frau Brandl öffnete das Fenster kurz, ließ sie hinaus, schloss wieder.

Ich blieb noch eine halbe Stunde in der Küche.

Dann ging ich hinauf.

Ich nahm den Tee mit, der jetzt wirklich kalt war. Ich leerte ihn in den Ausguss oben im Bad. Ich wusch die Tasse.

Ich setzte mich noch einmal an den Schreibtisch meiner Mutter.

Ich sah auf die Pläne.

Ich arbeitete weiter.

Die Tür unten blieb zu.

Irgendwann, später, rief Clara an.

Ich hatte ihr nichts erzählen wollen. Es war noch nicht genug Zeit vergangen, um etwas zu erzählen. Aber Clara hatte das Talent, zur richtigen Minute anzurufen. Sie sagte später manchmal, es sei Zufall. Ich glaubte ihr das nicht.

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich habe gehört, Mark war heute Nachmittag in Bogenhausen.“

„Woher weißt du das?“

„Sein Wagen stand kurz vor halb vier an der Kreuzung Pienzenauer. Ich war zufällig im Taxi, weil ich zu einem Termin in Haidhausen wollte. Ich habe ihn im Rückspiegel gesehen.“

„Er stand vor der Tür.“

„Er war drin?“

„Nein.“

„Wer hat geöffnet?“

„Frau Brandl.“

„Und?“

„Und Frau Brandl hat die Tür wieder geschlossen.“

Clara schwieg einen Moment.

„Frau Brandl?“

„Ja.“

„Frau Brandl hat Mark die Tür vor der Nase zugemacht?“

„Sie hat sie nicht zugeknallt. Sie hat sie einfach geschlossen.“

Ich hörte Clara am anderen Ende der Leitung ausatmen. Es klang halb nach Lachen, halb nach Ungläubigkeit.

„Emilia.“

„Ja.“

„Das ist ein großer Tag.“

„Für wen?“

„Für Frau Brandl.“

Ich lächelte.

„Ja. Für sie. Für mich war es nur ein Montag.“

„Montag?“

„Mittwoch.“

„Ein Mittwoch also.“

„Ja.“

Ich legte auf, nachdem Clara mir noch irgendetwas über einen Kundentermin erzählt hatte, das ich nicht mehr aufnahm. Das Gespräch war nicht dafür gewesen. Das Gespräch war dafür gewesen, dass ein anderer Mensch mit mir etwas geteilt hatte, das mir selbst zu groß gewesen wäre, um es allein zu tragen.

Nicht zu groß. Nur zu eigentümlich.

Manchmal brauchte man jemanden, der mitlachte, auch wenn man selbst nur kurz gelacht hatte.

Später ging ich hinunter.

In der Küche stand Frau Brandl am Fenster. Sie hatte ein Glas Wasser in der Hand. Sie sah in den Garten, nicht in die Küche.

Ich setzte mich an den Tisch.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Bleiben Sie heute zum Essen?“

„Wenn Sie mögen.“

„Ich habe es schon einmal gefragt.“

„Ich weiß. Ich wollte nur, dass Sie es zweimal sagen.“

Ich lachte wieder. Zum zweiten Mal an diesem Tag. Ein kleines Lachen. Wieder trocken.

Sie ließ die Schulter sinken, die sie unbemerkt angespannt hatte. Dann lachte sie selbst, ganz leise, fast als müsse sie sich vor sich selbst dafür entschuldigen.

„Es ist nicht schön, was heute passiert ist“, sagte sie. „Aber es ist richtig.“

„Ja.“

„Manchmal ist das dasselbe.“

„Manchmal.“

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