Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 116: Mark im Cafè

Margot hatte mich für den Donnerstag um vier ins Cafè Luitpold eingeladen.

Sie hatte das telefonisch gemacht, in der Art, in der sie alles telefonisch machte — kurz, klar, ohne überflüssige Worte. „Donnerstag, sechzehn Uhr, Cafè Luitpold. Bring eine Stunde Zeit mit.“ Mehr nicht. Sie war seit zehn Tagen wieder zurück aus Salzburg, und ich hatte sie noch nicht persönlich gesehen.

Ich hatte zugesagt.

Das Cafè Luitpold lag in der Briennerstraße, ein paar Häuser von Webers Kanzlei entfernt.

Es war eines der alten Cafès Münchens — mit hohen Decken, mit Stuck, mit einem Pianisten, der jeden Nachmittag von vier bis sechs spielte, mit Kellnern, die ihre Karriere im Cafè Luitpold begonnen und sie auch dort beenden würden. Ich kannte zwei der Kellner mit Namen. Sie kannten mich seit zwanzig Jahren.

Ich kam um Viertel vor vier.

Margot war noch nicht da.

Margot kam grundsätzlich zwischen vier und vier nach vier — ein Spielraum, den sie sich nicht erklärte und den niemand einforderte.

Ich nahm den Tisch in der Ecke, an dem sie immer saß. Ein Tisch mit einer leichten Sicht auf den Eingang, ohne dass man direkt am Eingang saß. Ein guter Tisch. Margot wusste, welche Tische gut waren.

Ich bestellte einen Tee.

Ich legte meinen Schal auf den freien Stuhl.

Ich wartete.

Margot kam um zwei nach vier.

Sie trug einen dunkelgrauen Mantel und einen schwarzen Hut.

Sie sah um sich, sah mich, kam langsam herüber.

Ich stand auf.

Wir umarmten uns kurz.

Sie setzte sich.

Sie sagte: „Endlich Frühling.“

Ich sagte: „Es ist Februar.“

Sie sagte: „In meinem Alter merkt man im Februar schon, dass es Frühling wird.“

Wir lächelten beide.

Sie bestellte einen Kaffee mit Milch.

Wir sprachen eine halbe Stunde lang über Salzburg.

Margots Cousine war drei Jahre jünger als sie, und Margot hatte ihr in den letzten Wochen eine Reihe von langen Spaziergängen abverlangt, weil sie der Meinung war, dass man sich, wenn man dreiundsiebzig sei, nicht hinsetzen dürfe. Margot war eine Frau, die ihren eigenen Körper als ein Werkzeug behandelte, das man weiterhin in Bewegung halten musste, damit es nicht rostete.

Sie erzählte mir von einer Buchhandlung in der Getreidegasse, in der sie ein altes Buch über Münchner Architektur gefunden hatte.

Sie erzählte mir von einem Konzert, das sie gehört hatte.

Sie erzählte mir nicht von ihrem Husten, der jetzt weg war.

Während sie erzählte, ging die Tür auf.

Ich saß so, dass ich den Eingang nur seitlich im Blick hatte. Ich sah die Bewegung, ohne darauf zu achten. Es war ein Cafè in der Münchner Innenstadt, an einem Donnerstagnachmittag — die Tür ging alle paar Minuten auf.

Margot sah genauer hin.

Ihr Gesicht änderte sich nicht.

Sie sagte: „Mark.“

Ich legte die Tasse ab.

Ich drehte den Kopf.

Mark stand am Eingang.

Er war in einem grauen Anzug, ohne Mantel — er hatte ihn vermutlich an der Garderobe abgegeben, in der Art eines Mannes, der das Cafè Luitpold seit vielen Jahren kannte und das System kannte. Er war schmaler geworden. Ich hatte ihn das letzte Mal vor neun Monaten persönlich gesehen, in der Tür unserer Villa, am Tag, an dem er die letzten Kartons aus dem Keller hatte abholen lassen. Damals hatte er noch eine Kraft gehabt, die er sich selbst als Selbstvertrauen ausgelegt hatte. Heute hatte er weniger davon.

Er sah sich um.

Er sah mich.

Er erstarrte für einen sehr kurzen Moment.

Es war ein Augenblick, der vielleicht eine Sekunde dauerte. Ein Mann, dessen Hand nicht ganz zu seinem Körper gehörte, dessen Schulter sich kurz hob, dessen Ausdruck eine kleine Welle bekam und dann wieder ruhig wurde.

Dann nickte er.

Es war ein kurzes Nicken.

Es war ein höfliches Nicken.

Es war das Nicken eines Mannes, der eine Frau erkannte, die früher seine Frau gewesen war, und der wusste, dass sie keine Worte austauschen würden.

Ich nickte zurück.

Mein Nicken war auch kurz.

Es war auch höflich.

Es war das Nicken einer Frau, die einen Mann erkannte, der früher ihr Mann gewesen war, und die wusste, dass sie keine Worte austauschen würden.

Mark ging zu einem anderen Tisch.

Es war ein Tisch zwei Reihen weiter, nicht in meinem direkten Blickfeld. Er setzte sich. Er hatte einen Aktenordner unter dem Arm. Er schlug ihn auf. Er bestellte einen Kaffee, leise, ohne den Kellner anzusehen — was er früher nie getan hatte, weil er früher die Kellner immer angesehen hatte, in der Art, in der er sich darauf verlassen hatte, gesehen zu werden.

Ich drehte mich nicht weiter um.

Ich sah Margot an.

Margot sagte ohne Ironie: „Er ist Berater geworden. Bei einem mittelgroßen Bauunternehmen in Pasing. Heinrich hat es mir vor zwei Wochen erzählt.“

Ich sagte: „Verstehe.“

Sie sagte: „Es passt zu ihm.“

Ich sagte: „Was passt?“

Sie sagte: „Berater zu sein. Er kann jemandem sagen, was zu tun ist, ohne selbst es tun zu müssen. Das hat ihm immer entsprochen.“

Ich sagte nichts.

Es war keine boshafte Bemerkung. Es war eine Beobachtung, die Margot in der Art von Margot gemacht hatte — kühl, präzise, ohne Gehässigkeit. Sie hatte recht. Mark hatte als CEO die Rolle des Beraters nie ganz abgelegt. Er war im Grunde immer ein Mann gewesen, der sagen wollte, wo es langgeht, ohne selbst dorthin zu gehen.

Jetzt hatte er endlich die Position, die zu ihm passte.

Wir tranken weiter.

Margot sprach von einem anderen Thema.

Sie hatte einen Brief von einem Verwandten aus Wien bekommen, der etwas erbt hatte und sich nun wegen der Erbschaftssteuer beraten lassen wollte. Sie hatte ihm geraten, einen Anwalt zu nehmen. Er hatte stattdessen zwei Bekannte gefragt, die widersprüchliche Auskünfte gegeben hatten, und nun war er ratlos. Margot hielt nicht viel von Menschen, die sich nicht von Anwälten beraten ließen.

Ich hörte zu.

Ich antwortete kurz.

Ich sah Mark nicht an.

Nach einer Weile — vielleicht zwanzig Minuten — sah ich aus dem Augenwinkel, wie Mark seinen Kaffee zu Ende trank.

Er klappte den Aktenordner zu.

Er stand auf.

Er ging zur Kasse, bezahlte, ging zur Garderobe, nahm seinen Mantel.

Auf dem Weg zum Ausgang ging er an meinem Tisch vorbei.

Er blieb nicht stehen.

Er drehte den Kopf nicht in meine Richtung.

Aber er ging langsamer, als er hätte gehen können — ich konnte es daran sehen, wie sich der Lichtwinkel an seinem Anzug für einen Moment hielt.

Ich sah ihn nicht direkt an.

Ich sah ihn aus dem Augenwinkel.

Er sah mich aus dem Augenwinkel.

Wir nickten nicht erneut.

Wir hatten schon genickt. Es war abgehandelt.

Er ging weiter.

Die Tür ging auf.

Die Tür ging zu.

Er war weg.

Margot sagte nichts.

Sie rührte ihren Kaffee.

Sie sagte schließlich: „Das war gut.“

Ich sagte: „Was war gut?“

Sie sagte: „Die Art, wie ihr euch nicht angesehen habt.“

Ich sagte: „Wir haben uns angesehen.“

Sie sagte: „Nein. Ihr habt euch genickt. Das ist etwas anderes als ansehen.“

Ich dachte einen Moment darüber nach.

Sie hatte recht.

Das Nicken war eine Geste gewesen, die uns beide entlastet hatte. Es war eine Geste der Erwachsenheit, die in einer Stadt wie München auf der Skala des Verhaltens hoch oben steht. Wir hatten uns nicht angesehen, weil wir nichts gesagt hätten, was zu sagen sich gelohnt hätte. Wir hatten uns nicht angesehen, weil das Nicken alles enthielt, was zu enthalten war: die Bestätigung, dass wir uns kannten; die Bestätigung, dass wir gesund waren; die Bestätigung, dass keiner von uns mehr eine Forderung an den anderen hatte.

Es war ein würdiges Nicken gewesen.

Margot trank ihren Kaffee aus.

Sie sagte: „Er sah müde aus.“

Ich sagte: „Ja.“

Sie sagte: „Auch ein bisschen kleiner.“

Ich sagte: „Ja.“

Sie sagte: „Das ist normal.“

Ich sagte: „Was ist normal?“

Sie sagte: „Wenn man eine Frau wie dich verliert, wird man kleiner. Es ist physikalisch.“

Ich sah sie an.

Sie lächelte nicht.

Sie meinte das ernst.

Ich bestellte einen zweiten Tee.

Margot bestellte ein Glas Wasser.

Wir saßen noch dreißig Minuten.

Wir sprachen über das Frühlingsprogramm der Pinakothek, über einen Cellisten, den Margot im April hören wollte, über ein Dinner, zu dem sie mich am 14. März einlud und das ich annehmen würde, weil ich an diesem Tag in München sein würde. Wir sprachen über Fabian, kurz, ohne dass Margot direkt fragte. Sie sagte: „Wie geht es ihm?“ Ich sagte: „Gut. Er ist heute in Hamburg.“ Sie sagte: „Verstehe.“ Mehr nicht.

Sie sah um halb sechs auf ihre Uhr.

Sie sagte: „Ich gehe.“

Ich sagte: „Ich auch.“

Wir bezahlten zusammen.

Margot bestand darauf, ihren Kaffee selbst zu zahlen, was sie immer tat, weil sie es als Verletzung ihrer Unabhängigkeit empfand, wenn man ihr einen Kaffee bezahlte. Ich zahlte meinen Tee. Wir gingen zur Garderobe, holten unsere Mäntel, zogen sie an.

Auf der Briennerstraße blieben wir noch einen Augenblick stehen.

Es war früh dunkel geworden.

Die Laternen brannten.

Margot sagte: „Komm Sonntag zum Tee.“

Ich sagte: „Ja.“

Sie sagte: „Ohne Fabian.“

Ich sah sie an.

Sie sagte: „Ich habe nichts gegen ihn. Aber ich möchte dich allein.“

Ich lächelte.

Ich sagte: „Sonntag, fünfzehn Uhr.“

Sie sagte: „Vier.“

Ich sagte: „Vier.“

Sie nickte.

Sie ging zum Taxi, das schon auf sie wartete — Margot hatte für jeden ihrer Stadtbesuche immer einen Fahrer, den sie über die Jahrzehnte hinweg fest gebucht hatte.

Sie stieg ein.

Sie winkte aus dem Wagen.

Der Wagen fuhr ab.

Ich ging die Briennerstraße hinunter, Richtung Maximilianstraße.

Ich hatte keinen Termin mehr.

Ich konnte zu Fuß ins Büro gehen oder direkt nach Hause.

Ich entschied mich für nach Hause.

Ich ging die Maximilianstraße entlang.

An einer Ecke stand Mark.

Er stand vor einem Geschäft, in dem sie italienische Anzüge verkauften — ein Geschäft, in dem er früher viele Anzüge gekauft hatte. Er sah ins Schaufenster. Er sah sich nicht um.

Ich ging an ihm vorbei, auf der anderen Seite der Straße.

Er sah mich nicht.

Vielleicht hatte er mich gesehen, im Augenwinkel, und sich entschieden, nicht hinzuschauen. Das wäre eine Form von Würde gewesen. Ich nahm das so an. Es war ein guter Gedanke.

Ich ging weiter.

Ich drehte mich nicht um.

Ich war Mark Hartmann begegnet.

Wir hatten uns genickt.

Wir waren aneinander vorbeigegangen.

Es war nicht spektakulär gewesen.

Es war kühl gewesen.

Es war würdig gewesen.

Es war alles gewesen, was ich seit dem Vormittag im Klinikum gehofft hatte zu erreichen.

In der Frauenstraße nahm ich ein Taxi.

Ich gab dem Fahrer die Adresse in Bogenhausen.

Er fragte: „Über die Maximilianstraße oder über das Lehel?“

Ich sagte: „Über das Lehel.“

Er sagte: „Verstanden.“

Ich lehnte mich zurück.

Ich sah aus dem Fenster.

Die Stadt zog vorbei.

Ich dachte an Mark nicht weiter.

Es war keine Verdrängung. Es war einfach eine sehr ehrliche Information darüber, dass ich an ihn nicht zu denken hatte. Er war ein Mann, der einmal eine Rolle in meinem Leben gespielt hatte, und der diese Rolle nun nicht mehr spielte. Er war einer von vielen Männern in einer Stadt, in der ich eine Reihe von Männern kannte. Er war in dieser Reihe nicht mehr vorne. Er war auch nicht hinten. Er war einfach in der Reihe.

Das war die genaueste Beschreibung.

Sie war kühl.

Sie war richtig.

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