Kapitel 34: Die Nachricht
Der Donnerstag kam, wie Donnerstage kommen.
Ich stand früh auf, obwohl ich nicht früh aufstehen musste. Frau Brandl war bereits in der Küche. Der Kaffee war schon fertig, die Zeitung lag gefaltet neben meinem Platz. Süddeutsche, Wirtschaftsteil oben, wie immer.
„Ich habe nichts gefunden“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Heute morgen steht nichts drin.“
„Ich habe auch nicht gesucht.“
„Ich schon.“
Sie sah kurz auf.
„Nur damit Sie es wissen.“
Ich nahm die Zeitung. Ich las sie trotzdem. Nicht, weil ich etwas suchte, sondern weil man an manchen Tagen lesen muss, damit die Hände etwas zu tun haben.
Um Viertel nach zehn rief mir Frau Brandl vom Gartenfenster zu. „Frau Hartmann“ — sie nannte mich manchmal noch so, wenn sie aufgeregt war — „Ihre Freundin hat SMS geschrieben. Das Handy liegt in der Küche.“
Ich ging hinein.
Clara. „Bank-Termin ist vorverlegt. Er ist drin. Melde mich.“
Ich legte das Handy zurück.
Ich ging in den Garten. Der Flieder war am Vortag weiter ausgeschlagen. Ich hatte nicht geschnitten, nur die Schere hingelegt. Ich schnitt heute auch nicht. Ich setzte mich auf die kleine Bank neben der Terrasse und hielt die Kaffeetasse.
Der Specht war nicht da heute.
Um Viertel nach eins rief Clara selbst an.
„Er ist raus.“
„Wie lange war er drin?“
„Zweieinhalb Stunden.“
„Das ist lang.“
„Das ist sehr lang.“
Ich wartete.
„Em, er hat die Unterlagen nicht gebracht, die sie wollten. Er hat Entwürfe gebracht. Er hat gesagt, die finalen kämen am Montag. Sie haben ihn drei Mal um dieselben Zahlen gebeten, und er hat drei Mal unterschiedliche genannt. Ich habe das von einer Quelle im Haus. Die Quelle ist zuverlässig.“
„Drei Mal unterschiedliche Zahlen.“
„Eine war zu gut, um wahr zu sein. Die zweite war das, was wirklich in den Büchern steht. Die dritte war, ich zitiere, ‚die Zahl, die wir bis zum Sommer haben werden‘. Er hat angefangen, ihnen Prognosen zu verkaufen, als sie Ist-Zahlen wollten. Das hat er nicht geschickt gemacht.“
„Nein.“
„Die Linie bleibt eingefroren. Der Leipzig-Vertrag ist endgültig tot. Sie haben ihn gebeten, bis Montag zu belegen, dass die Hartmann Gruppe mit den vorhandenen Mitteln die Frühjahrsphase überbrücken kann. Er hat zugesagt.“
„Er hat zugesagt, ohne zu wissen, ob er das kann?“
„Er hat gesagt, er schicke das bis Montag. Er hat keine Wahl. Wenn er es am Montag nicht schickt, ziehen sie die Reißleine für alle drei Projekte.“
Ich sah zu Frau Brandl hinüber, die mit einer kleinen Gießkanne die Narzissen im Eingangsbereich umgoss.
„Clara, das ist nicht besonders dramatisch, was du mir erzählst.“
„Em, ich erzähle dir doch, wie Banken zu Männern wie Mark reden, wenn sie anfangen, ihnen nicht mehr zu glauben.“
„Ich weiß.“
„Das ist das Schlimmste, was einer Firma passieren kann. Nicht der Verlust eines Vertrags. Das Erodieren von Vertrauen in einer einzigen Sitzung. Danach kann man Zahlen nachliefern, wie man will. Der Sachbearbeiter liest sie schon anders.“
„Ich weiß, Clara.“
„Gut.“
Sie war einen Moment still.
„Entschuldige. Ich rede wie auf einer Pressekonferenz.“
„Das ist okay.“
„Er hat dich heute nicht angerufen, oder?“
„Nein.“
„Er wird.“
„Vielleicht.“
„Er wird, Em. Spätestens, wenn er am Sonntagabend die Zahlen nicht hat.“
„Dann wird er es tun.“
„Und du?“
„Ich gehe nicht ran.“
„Gut. Dann halten wir es so.“
Sie legte auf.
—
Jan rief am Nachmittag.
„Clara hat dir etwas geschrieben, nehme ich an.“
„Sie hat angerufen.“
„Ich habe es über drei Ecken gehört. Mein Architekturbüro arbeitet mit einem Statiker, der in Leipzig auf dem Grundstück gewesen ist, das Mark gekauft hätte. Der Statiker sagt, der Verkäufer sucht sich jetzt einen anderen Käufer. Mark hat sogar die Anzahlung verloren.“
„Wie viel war die Anzahlung?“
„Er sagt, sechshunderttausend.“
„Das ist nicht ganz wenig.“
„Für Mark ist das nichts. Für die Frühjahrsphase der Hartmann Gruppe ist es ein Problem. Die Liquidität wird knapp. Wenn die Bank nicht auftaut, muss er Puffer freisetzen.“
„Welche Puffer?“
„Die Zweitwohnung. Den Jaguar. Die Kunst in der Firma. Das sind die Dinge, die schnell gehen.“
„Er wird keine der drei anfassen. Er wird die Hartmann Gruppe lieber beleihen als den Jaguar verkaufen.“
„Ich weiß. Deshalb rufe ich an.“
„Warum rufst du an?“
„Weil ich weiß, dass er in den nächsten zwei Wochen irgendjemanden um privates Geld bitten wird. Und ich möchte sichergehen, dass er dich nicht fragt.“
„Er wird mich nicht fragen.“
„Em.“
„Jan. Er wird mich nicht fragen. Das ist nicht Marks Art. Er wird jeden Freund der Familie anrufen, bevor er zu mir kommt.“
„Er könnte es über Margot versuchen.“
„Über Margot?“
„Er weiß, dass ihr euch trefft. Er könnte versuchen, sie um ein Darlehen zu bitten, von dem er hofft, dass es dich rührt.“
Ich hatte nicht an diese Möglichkeit gedacht. Ich hatte sie nicht einmal gestreift.
„Das ist nicht dumm gedacht, Jan.“
„Es ist, was ich an seiner Stelle tun würde. Es ist die Art Zug, die er für elegant hält.“
„Ich rufe Margot an.“
„Nicht nötig. Margot wird ihn in dreißig Sekunden verstehen und in vierzig wegschicken. Ich sage es dir nur, damit du nicht überrascht bist, wenn sie dir davon erzählt.“
„Danke.“
Wir schwiegen einen Moment. In der Hamburger Leitung hörte ich einen Kollegen über einen Statikplan reden.
„Em.“
„Ja.“
„Wie geht es dir?“
„Gut. Wirklich gut. Ich schlafe wieder durch. Ich bin gestern zwei Stunden im Garten gewesen. Ich habe mir heute morgen überlegt, ob ich dieses Jahr die Rosen wieder stecke.“
„Das klingt gut.“
„Es klingt, als hätte ich nichts zu tun.“
„Du hast etwas zu tun. Du hast aufgehört, seine Arbeit zu machen. Das ist etwas.“
„Vielleicht.“
„Em.“
„Ja.“
„Ich bin stolz auf dich.“
Das sagte er selten. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Also sagte ich nichts. Ich sagte nur: „Danke, Jan.“
Er lachte leise. „Gut.“
—
Am Abend, als es dunkel wurde, kam Frau Brandl mit einer Schale Suppe ins kleine Esszimmer.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Darf ich eine Frage stellen?“
„Natürlich.“
Sie stellte die Schale ab. Sie setzte sich nicht, aber sie blieb neben dem Tisch stehen. Sie trug noch die Schürze.
„Ist er gesundheitlich, ist er — also. Ist es ernst für ihn?“
„Für Mark?“
„Ja.“
„Für die Firma ist es ernst. Für ihn selbst — er ist ein Mensch, der sich gut fühlt, wenn es anderen schlecht geht, und der sich noch besser fühlt, wenn er sich einreden kann, dass es ihm selbst gut geht, obwohl es ihm schlecht geht.“
Frau Brandl nickte langsam.
„Er war ein schwieriger Mann im Haus.“
„Ja.“
„Ich habe das in all den Jahren nie gesagt.“
„Ich weiß.“
„Ich sage es jetzt.“
„Danke.“
Sie lächelte kurz. Ein Lächeln, das ich an ihr nicht oft gesehen hatte. Dann ging sie wieder in die Küche.
Ich aß die Suppe. Sie war gut.
Draußen setzte Regen ein, leise.
Das Handy blieb still.
—
Aber nur für eine Weile.
Um halb zehn abends vibrierte es. Die Nummer war nicht eingespeichert. Ich kannte sie trotzdem. Es war die Nummer der Zweitwohnung. Ich wusste sie, weil Mark sie in einer Nacht vor siebzehn Monaten in seinem Kalender abgelegt hatte, unter einem harmlosen Namen, und ich sie dort später gefunden hatte, am Morgen, bevor ich meine Kaffeetasse spülte und so tat, als hätte ich nichts gesehen.
Ich nahm nicht ab.
Das Handy verstummte nach acht Ringen. Kein Rückruf. Keine Nachricht. Nur eine einzige Zeile im Display, die dann verschwand, als der Bildschirm sich abschaltete.
Ich legte das Handy auf den Tisch, Display nach unten.
Ich nahm den Teller zur Küche. Ich stellte ihn in die Spüle. Ich goss mir ein Glas Wasser ein. Ich trank es langsam.
Frau Brandl war in ihr Zimmer gegangen. Das Haus war still. Der Regen draußen wurde ein wenig stärker, dann wieder leiser. Es klang, als würde er sich nicht entscheiden, ob er überhaupt bleiben wollte.
—
Ich ging hinauf.
In meinem Zimmer nahm ich das Handy wieder in die Hand. Ich schaltete es kurz ein. Keine neue Nachricht. Nur der eine verpasste Anruf. Ich schaltete es wieder aus.
Ich zog die Vorhänge nicht zu. Ich mochte es, das Fenster in der Nacht ungeteilt zu sehen. Der Regen hatte die Glasscheibe dunkel gemacht, und die kleine Außenlaterne zeichnete darauf schräge, kaum bewegte Linien.
Ich setzte mich einen Moment auf den Bettrand.
Es war seltsam — in den letzten Wochen hatte ich oft gedacht, Marks Stimme vermissen zu müssen, nicht weil ich ihn vermisste, sondern weil die Abwesenheit einer zwölfjährigen Stimme ein Loch hinterlassen sollte. Aber das Loch war nicht da. Die Stille war kein Loch. Die Stille war nur Stille.
Die Frage war nicht, was er anrufen wollte. Die Frage war, warum er nicht eine Nachricht hinterlassen hatte. Das machte Mark nicht. Mark hinterließ keine Nachrichten auf Mailboxen. Er glaubte, dass Nachrichten ihn angreifbar machten, dass sie schwarz auf weiß dokumentierten, dass er der Fragende war. Er rief lieber dreimal hintereinander an, in der Hoffnung, dass man irgendwann abnahm.
Er hatte nur einmal angerufen.
Das hieß, er hatte es sich überlegt. Er hatte gewartet. Er hatte vielleicht mit einem Glas in der Hand dort gesessen, in der Zweitwohnung, mit Sophia im Nebenraum oder ohne Sophia, und er hatte überlegt, ob er diesen Anruf machen sollte. Dann hatte er ihn gemacht. Dann, als ich nicht abnahm, hatte er aufgelegt. Dann hatte er nichts mehr versucht.
Das war nicht der alte Mark.
Der alte Mark hätte es dreimal, viermal, fünfmal versucht.
Dieser Mark hatte es einmal versucht, und dann hatte er aufgegeben.
Ich lag zurück und sah die Zimmerdecke an.
Ein Mann, der nur einmal versuchte, anzurufen, war ein Mann, der sich über sein Recht, Antworten zu bekommen, zum ersten Mal nicht mehr sicher war.
Das war die eigentliche Nachricht des Abends.
—
Ich hörte Frau Brandl nach einer Weile leise durch das Haus gehen, eine Tür, einen Wasserhahn, ein Klappen im Bad. Sie schlief spät. Ich hatte mir oft gewünscht, sie würde früher zur Ruhe gehen, aber sie war eine Frau ihrer Generation, und Frauen ihrer Generation legten sich nicht hin, solange es im Haus noch eine offene Tür gab.
Ich stand noch einmal auf. Ich ging in die Küche. Ich trank ein zweites Glas Wasser.
Im Gang zurück zum Treppenhaus blieb ich kurz vor der Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters stehen. Ich legte die Hand auf den Knauf. Ich öffnete die Tür nicht. Ich fühlte nur das kühle Metall.
Es war ein Ritual, das ich in den letzten Wochen unbewusst angenommen hatte. Jeden Abend, bevor ich zu Bett ging, legte ich die Hand auf diesen Knauf, einen Moment lang. Ich trat nicht ein. Ich sagte nichts. Ich stand nur da.
Es war eine Form von Guten-Abend-Sagen.
Heute stand ich einen Moment länger als sonst.
Dann ging ich nach oben.
—
In meinem Zimmer zog ich die Vorhänge zu. Die Regentropfen hatten das Fenster gezeichnet. Ich ließ sie so, wie sie waren.
Ich legte mich ins Bett, zog die Decke bis zum Kinn.
Ich dachte noch einmal an den einen Anruf. An die Nummer. An Mark, wahrscheinlich im Wohnzimmer der Zweitwohnung, auf dem hellen Sofa, das ich einmal im Geiste durch die Bilder gesehen hatte, die Clara mir gezeigt hatte. An den Moment, in dem er beschlossen hatte, mich anzurufen. An den Moment, in dem er beschlossen hatte, aufzulegen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Es war der erste Riss in seiner Haltung.
Nicht der letzte. Aber der erste.