Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 46: Der schwarze Mantel

Clara hob beim ersten Klingeln ab.

„Emilia.“

„Hast du morgen früh Zeit?“

„Wann?“

„Acht Uhr.“

„Wo?“

„Bei Hausmann.“

Sie schwieg einen Moment. Hausmann war kein Name, den ich seit einem Jahr ausgesprochen hatte. Es war ein Name, den ich nicht jeder Freundin gesagt hätte. Es war ein Name, den Clara seit sechzehn Jahren aus meinem Mund kannte, weil ich sie zweimal mitgenommen hatte, vor langer Zeit, und sie hatte es ihr nicht gefallen, dort zu sitzen, weil sie das Gefühl gehabt hatte, in einer Frauenbibliothek zu hospitieren, in der sie nicht eingelesen war.

„Ich hole dich ab“, sagte sie.

„Sieben Uhr fünfundvierzig.“

„Sieben Uhr fünfundvierzig.“

Sie legte auf, ohne zu fragen, warum. Das war Clara. Sie fragte nicht, sie kam.

Ich schlief diese Nacht besser, als ich erwartet hatte.

Ich war einmal um drei aufgewacht, hatte die Hand auf den Schreibtisch gelegt, ohne die Schublade aufzuziehen, und war zurück ins Bett gegangen. Der Brief war nicht weg. Er würde morgen noch da sein.

Um halb sieben stand ich auf.

Frau Brandl war schon im Haus. Sie hatte den Kaffee gemacht. Sie sah mich, als ich die Treppe herunterkam, und nickte einmal, ohne etwas zu sagen.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Würden Sie mir den schwarzen Mantel herauslegen?“

Sie sah mich an.

„Den langen?“

„Den langen.“

„Mit dem Seidenfutter?“

„Ja.“

Sie nickte. Sie verschwand.

Der schwarze Mantel hing seit November in der Garderobe. Ich hatte ihn einmal angefasst, im Februar, und wieder zurückgehängt. Er gehörte zu einer Frau, die ich seit fast einem Jahr nicht mehr gewesen war.

Heute zog ich ihn nicht an. Heute ließ ich ihn nur herauslegen, damit er sich an die Bewegung erinnerte.

Ich hatte mit Margot vor Jahren einmal über diesen Mantel gesprochen. Sie hatte gesagt: *„Ein guter Mantel ist eine zweite Wirbelsäule. Sie verlässt sich auf einen, und Sie verlassen sich auf sie.“* Sie hatte das gesagt, und sie hatte mir empfohlen, ihn nicht zu oft zu tragen, damit er sich nicht abnutze. Ich hatte ihn lange nicht getragen, weil mein Körper in den letzten Monaten nicht mehr in eine zweite Wirbelsäule gehört hatte.

Heute schien er es vielleicht wieder zu tun.

Clara klingelte um Viertel vor acht.

Sie sah anders aus, als sie sonst aussah, wenn sie kam. Sie hatte sich nicht geschminkt. Sie hatte ihren grauen Wollmantel an, den sie nur zu Beerdigungen trug. Sie sah mich kurz an, von oben bis unten, und sagte nichts.

„Du bist auch in Schwarz“, sagte sie dann.

„Das ist ein Zufall.“

„Das ist kein Zufall.“

Wir gingen zum Auto.

Hausmann war ein Friseur in der Theatinerstraße, in einem Hinterhof, den nur Frauen kannten, die seit Jahrzehnten zu ihm kamen. Meine Mutter war zu ihm gegangen. Margot ging zu ihm. Eine Reihe Münchner Frauen, deren Namen man nicht im Telefonbuch fand, ging zu ihm.

Das Geschäft hatte kein Schild an der Straße. Es hatte ein kleines Messingschild im Hof, an einer Tür hinter zwei Mülltonnen, auf dem nur „Hausmann — Damen“ stand, in einer Schrift, die seit den fünfziger Jahren nicht erneuert worden war. Wer den Hof nicht kannte, fand das Geschäft nicht. Wer es einmal gefunden hatte, ging dort, bis er nicht mehr konnte.

Ich war seit dreizehn Monaten nicht mehr dort gewesen.

Frau Hausmann erkannte mich, bevor ich den Mantel ausgezogen hatte.

„Frau Richter.“

Sie sagte den alten Namen. Sie hatte ihn seit dreizehn Monaten nicht gesagt. Sie sagte ihn so, als wäre er nie weg gewesen.

„Guten Morgen, Frau Hausmann.“

„Sie sind blasser geworden.“

„Ja.“

„Setzen Sie sich.“

Sie führte mich an den Stuhl am Fenster, an den hohen Spiegel, vor dem meine Mutter gesessen hatte und Margot saß. Sie deckte mir das schwarze Tuch um. Sie sah mich im Spiegel an.

„Was machen wir?“

„Schneiden Sie mir die Spitzen weg. Mehr nicht.“

„Mehr nicht?“

„Mehr nicht.“

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich sehe an Ihren Haaren, dass Sie krank gewesen sind.“

„Ich bin krank.“

„Verzeihen Sie. Sind.“

„Es ist nicht schlimm. Ich werde nichts färben. Ich will mich nur erkennen, wenn ich aus der Tür gehe.“

Sie nickte.

Sie ging an die Schublade. Sie holte die Schere, die sie seit dreißig Jahren benutzte, deren Griff abgegriffen war und an einer Stelle eine kleine Kerbe hatte, die ich seit meiner Jugend kannte.

Sie begann.

Clara saß auf dem kleinen Sofa an der Wand und sah aus dem Fenster.

Sie hatte einen Kaffee, den sie nicht trank. Sie hatte mich seit fünf Minuten nicht angesehen. Sie wusste, dass ich heute nicht angesehen werden wollte, während mir jemand die Haare schnitt.

Im Spiegel sah ich, wie das Haar fiel. Ein paar Zentimeter. Es war nicht viel. Aber es war genug, dass die Spitzen, die in den letzten Monaten dünn und uneben geworden waren, weg waren.

Frau Hausmann arbeitete still.

Als sie fertig war, drehte sie den Stuhl ein wenig.

„Sehen Sie.“

Ich sah.

Ich sah eine Frau im Spiegel, die ich seit dreizehn Monaten nicht gesehen hatte.

Sie war nicht jünger. Sie war nicht gesünder. Sie war auch nicht stärker.

Aber sie sah aus wie sie selbst.

Hinter dieser Frau, im Spiegel, einen Augenblick lang, sah ich noch ein anderes Gesicht. Das meiner Mutter. Nicht so, wie ich sie zuletzt gekannt hatte, im Krankenhaus, mit dem dünnen, fast durchsichtigen Hals. Sondern so, wie sie an einem Vormittag bei Hausmann ausgesehen hatte, vor langer Zeit, als sie noch klein zu mir gesagt hatte: *„Halt still, Emilia, gleich sind wir fertig.“*

Ich blieb einen Moment so sitzen.

Frau Hausmann sah mich nicht an. Sie ordnete die Schere zurück.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich habe Ihre Mutter zum letzten Mal vier Wochen vor ihrem Tod hier gehabt. Sie hat damals nicht mehr viel sagen können. Sie hat aber gesagt: *Frau Hausmann, wenn Emilia einmal kommt und nicht wie sie selbst aussieht, dann machen Sie ihr ihr Gesicht zurück.*“

Ich sah sie im Spiegel an.

„Heute habe ich es getan“, sagte sie.

Sie hielt einen Augenblick inne, mit dem Tuch noch in der Hand. Dann sah sie mich im Spiegel direkt an, mit einem Blick, in dem keine Sentimentalität war, sondern nur die Sicherheit einer Frau, die ihren Beruf seit dreißig Jahren ernst nimmt.

„Ihre Mutter wäre stolz.“

Ich nickte.

Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht.

Sie nahm das Tuch ab. Sie strich mir einmal über die Schulter, sehr kurz, in der Art, wie es Frauen ihrer Generation tun.

„Ich gebe Ihnen heute keine Rechnung.“

„Frau Hausmann.“

„Heute nicht.“

Ich nickte.

Clara wartete am Auto.

Wir fuhren schweigend bis zur Maximilianstraße. Sie fragte nicht, warum ich an die Maximilianstraße wollte. Sie fuhr nur dorthin. Sie hielt vor der Hausnummer 12.

Ich stieg nicht aus.

Ich sah das Gebäude an. Den hellen Jugendstilbau, die schmalen, schwarzen Fenster im obersten Stockwerk, die Eingangstür mit der Messingleiste, an der seit zweiunddreißig Jahren der Schriftzug HARTMANN GRUPPE stand.

Mein Vater hatte den Schriftzug damals selbst entworfen.

Mark hatte ihn nie ändern lassen.

„Möchtest du aussteigen?“, fragte Clara.

„Nein.“

„Warum sind wir dann hier?“

„Weil ich morgen hier bin.“

Sie sah mich kurz von der Seite an.

„Du übst.“

„Ich gewöhne mich.“

„Das ist dasselbe.“

„Vielleicht.“

Wir saßen einen Moment.

Eine Frau verließ das Gebäude, die ich nicht kannte. Sie war Mitte vierzig, in einem grauen Mantel, mit einer Aktentasche aus weichem Leder. Sie sah die Straße entlang und wartete auf jemanden. Sie wirkte nicht nervös.

Eine Frau, die wartet, ohne nervös zu sein, ist eine Frau, die sich entschieden hat. Sie weiß, dass die Person, auf die sie wartet, kommt. Wenn sie nicht kommt, bleibt die wartende Frau trotzdem stehen.

Ich hatte das von Margot gelernt, in einem Wartezimmer in der Possartstraße, an einem Vormittag, an dem sie auf einen Termin gewartet hatte und ich sie zufällig getroffen hatte. Ich war sechzehn gewesen. Sie war neunundvierzig gewesen. Sie hatte nicht auf die Uhr geschaut. Sie hatte mir gesagt: *„Wer auf die Uhr schaut, beunruhigt seine eigene Hand.“* Ich hatte das damals für komisch gehalten.

Heute, zwanzig Jahre später, sah ich diese Frau in der Maximilianstraße, die mit ihrer Aktentasche in einem grauen Mantel stand und nicht auf die Uhr schaute, und ich verstand Margot zum dritten Mal an diesem Tag.

Ich sah ihr zu, wie sie wartete.

Dann sah ich an dem Gebäude hoch, in den dritten Stock, in das Eckfenster, das Mark gehörte. Das Licht war an. Mark war oben. Er saß an seinem Schreibtisch, vermutlich am Telefon, vermutlich gestresst, vermutlich ohne zu wissen, dass ich auf der anderen Straßenseite in einem Auto saß und ihn nicht sah, sondern nur das Fenster.

Er konnte mich nicht sehen.

Er rechnete nicht mit mir.

„Fahr weiter“, sagte ich.

Clara fuhr weiter.

Wir tranken einen Kaffee im Luitpold.

Es war ein anderer Tisch als vor zwei Wochen, der Tisch, an dem ich mit Schmidt gesessen hatte. Wir saßen weiter hinten, am Pfeiler. Clara hatte den Tisch ohne abzusprechen gewählt, weil sie wusste, dass ich heute nicht in die Mitte des Raumes gehörte.

Wir sprachen über andere Dinge. Über ihren Sohn, der in der Schule plötzlich anfing, gut zu sein. Über ein Buch, das sie las und das ihr zu pathetisch war. Über das Wetter, das sich in dieser Woche immer noch nicht entschieden hatte.

Sie stellte mir keine Fragen.

Erst als sie zahlte, sagte sie:

„Emilia.“

„Ja.“

„Ich rufe dich morgen früh um sieben an. Nicht damit du redest. Damit du weißt, dass ich da bin.“

„Danke.“

„Du musst nicht danken.“

„Ich danke dir trotzdem.“

Frau Brandl hatte den schwarzen Mantel auf dem Bett ausgebreitet, als ich nach Hause kam.

Sie hatte ihn ausgebürstet. Sie hatte den Faden, der am Saum locker hing, festgenäht. Sie hatte die Knöpfe geprüft.

„Er hängt“, sagte sie. „Ich habe ihn am Fenster aufgehängt, einmal über Nacht.“

„Danke.“

„Möchten Sie ihn anprobieren?“

Ich zögerte.

„Ja.“

Ich zog ihn an, vor dem hohen Spiegel im Schlafzimmer.

Er saß. Er war ein wenig weiter als früher, an den Schultern. Aber er saß.

Frau Brandl stand hinter mir.

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Sie sehen heute aus wie Ihre Mutter.“

Ich sah sie im Spiegel an.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sagen Sie mir das nicht heute. Ich brauche es morgen.“

Sie nickte.

„Morgen sage ich es Ihnen wieder.“

„Danke.“

Sie ging. Ich stand noch einen Moment im Mantel im Spiegel.

Ich sah die Frau an, die mich ansah. Ich sah, dass sie an den Schultern schmaler war als vor einem Jahr, dass sie um die Augen herum dunkler war, dass sie an den Händen, die aus den Ärmeln kamen, Adern hatte, die in einem gesunden Körper nicht so deutlich wären.

Aber sie hatte den Mantel an.

Sie hielt ihn nicht mehr nur in der Hand.

Sie trug ihn.

Ich zog den Mantel langsam wieder aus.

Ich legte ihn über den Stuhl, sorgfältig, wie etwas, das man am nächsten Tag wieder anziehen wird.

Dann ging ich in das Bad.

Ich wusch mir das Gesicht. Ich sah in den Spiegel. Ich sagte nichts. Ich machte das Licht aus.

Auf dem Nachttisch begann das Telefon zu vibrieren.

Eine Nummer, die ich nicht erwartet hatte.

Ich sah auf das Display.

Ich kannte die Nummer.

Ich legte die Hand für einen Moment auf das Gerät, ohne es aufzuheben. Es vibrierte zweimal, dreimal. Dann nahm ich an.

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