Kapitel 79: Das neue Büro
Am Montagmorgen kam ich um halb neun in die Maximilianstraße.
Frau Lehmann erwartete mich im Foyer. Sie war um eine Stunde früher gekommen als gewöhnlich. Ich sah es an ihrem Mantel, der nicht ganz trocken war.
„Frau Richter.“
„Frau Lehmann.“
„Frau Anne Hoffmann hat um acht Uhr ihren Dienst angetreten. Sie hat den Schreibtisch im Vorzimmer schon eingeräumt.“
„Danke.“
„Soll ich Ihnen einen Kaffee oder einen Tee bringen?“
„Tee.“
„Earl Grey?“
„Ja.“
Sie nickte. Sie ging.
—
Ich nahm die Treppe.
Auf der ersten Etage stand Anne im Vorzimmer. Sie trug heute einen anderen Anzug als am Mittwoch. Schlichter. Dunkler. Ihre Haare hatte sie nicht zurückgebunden. Es war eine kleine Veränderung, die ich registrierte und nicht ansprach.
„Frau Richter.“
„Anne.“
„Ich habe die Termine für die nächsten zwei Wochen so notiert, wie Frau Lehmann sie mir übergeben hat. Ich habe drei zusätzliche Anfragen markiert. Sie liegen auf Ihrem Schreibtisch.“
„Gut.“
„Soll ich Sie hineinbegleiten?“
„Nein, Anne.“
Sie nickte.
Sie öffnete mir die Tür.
Ich trat ein.
—
Das Büro war seit Freitagabend leer geräumt.
Ich hatte am Freitag noch Schmidt gebeten, alles, was zu Mark privat gehörte, in einen Karton zu legen und zu Frau Lehmann ins Foyer zu stellen, von wo Vogel es am Samstag abgeholt hatte. Schmidt hatte das gemacht. Frau Lehmann hatte mir am Sonntagabend mitgeteilt, dass der Karton in der Hans-Sachs-Straße angekommen sei.
Was im Büro übrig geblieben war, war das, was zur Firma gehörte.
Ich blieb in der Tür stehen.
—
Es war ein großes Zimmer, mit zwei Fenstern zur Maximilianstraße. Ein dunkler Teppichboden. Eine Wandvitrine mit Aktenordnern aus den letzten zehn Jahren. An der einen Wand ein Druck — ein älterer Münchener Stadtplan, den Mark vor Jahren gekauft hatte, weil er gut zu seinem Anzug passte.
In der Mitte des Raums stand der Schreibtisch.
Der Schreibtisch war ein modernes Stück, dunkles Furnier, Glasplatte, schmale Stahlbeine. Mark hatte ihn vor sechs Jahren bestellt, in einer Zeit, in der er sich für minimalistisches Design erwärmt hatte. Er hatte das Erbstück meines Vaters, das vorher dort gestanden hatte, in den Keller bringen lassen.
Ich hatte das damals gewusst.
Ich hatte nichts gesagt.
—
Ich trat näher.
Auf dem Schreibtisch stand nichts mehr. Keine Visitenkarten. Keine Stifte. Kein Telefon. Nur die saubere Glasplatte. Schmidt hatte gründlich gearbeitet.
Ich sah einen Augenblick auf die Glasplatte.
Ich sah meine Hand darin gespiegelt.
Ich sah meinen Anzug.
Ich sah hinter mir die Tür.
Ich sah nicht das Bild, das ich eigentlich sah.
Ich sah mein Spiegelbild und ich sah, dass meine Schultern gerade waren, dass mein Blick nicht hektisch war, dass meine Hände ruhig auf dem Glas lagen.
Ich sah die Frau, die ich nicht mehr als die Frau Marks war.
—
Ich nahm das Telefon aus meiner Tasche.
Ich rief Schmidt an.
„Frau Richter.“
„Herr Schmidt. Eine Bitte.“
„Bitte.“
„Im Keller des Hauses steht ein älterer Schreibtisch. Eichenholz. Drei Schubladen rechts, drei links. Ein Lederrand auf der Platte.“
Schmidt schwieg einen Augenblick.
„Ich kenne ihn.“
„Sie kennen ihn?“
„Ich war hier, als Herr Hartmann ihn herunterbringen ließ. Vor sechs Jahren. Ich war damals der Nachfolger des kaufmännischen Leiters, der gerade gegangen war.“
„Können Sie ihn heraufbringen lassen?“
„Heute?“
„Heute.“
„Heute Vormittag oder heute Nachmittag?“
„Heute Vormittag, wenn es geht.“
„Es geht.“
„Und der Tisch, der jetzt hier steht, soll runter.“
„Verstanden.“
„Schmidt.“
„Ja, Frau Richter?“
„Den runtergebrachten Schreibtisch behalten Sie. Wenn ihn jemand braucht, soll er ihn nehmen. Wenn ihn niemand braucht, kann er entsorgt werden.“
„Verstanden, Frau Richter.“
—
Ich ging aus dem Büro.
Ich saß im Vorzimmer. Anne brachte mir den Tee, den Frau Lehmann inzwischen heraufgeschickt hatte. Sie stellte die Tasse auf einen kleinen Tisch neben einem Sessel, in dem ich Platz nahm.
Ich öffnete die erste Mappe.
Sie enthielt die Terminanfragen, die Anne markiert hatte. Drei Stück.
Die erste war eine Anfrage von der Süddeutschen Zeitung. Ein neuer Wirtschaftsredakteur, der ein Hintergrundgespräch wollte. Ich schrieb darunter: *Höflich abgelehnt. Stattdessen schriftliche Antwort auf konkrete Fragen, falls vorhanden.*
Die zweite war eine Anfrage von einem Fonds in Frankfurt, der Interesse an einer Beteiligung anmeldete. Ich schrieb darunter: *Nicht jetzt. In sechs Monaten erneut prüfen.*
Die dritte war eine handgeschriebene Karte. Sie war an Anne gerichtet, nicht an mich, und Anne hatte sie trotzdem markiert, weil sie wusste, dass ich sie sehen sollte.
Die Karte war von Mark.
—
Ich nahm sie in die Hand.
Sie war kurz.
*Anne. Ich danke Ihnen für die Jahre. M.H.*
Mehr stand nicht darauf.
Ich legte die Karte vor mich auf den Tisch.
Anne kam in den Raum, sah die Karte, sah mich an.
„Anne.“
„Ja, Frau Richter?“
„Wann ist sie gekommen?“
„Heute Morgen mit der ersten Post. Ich habe sie noch nicht aufgemacht. Ich habe sie nur durchgesehen. Frau Lehmann hat sie unten in den Stapel gelegt, und ich habe sie heraufgebracht.“
„Gut. Sie ist an Sie.“
„Ja.“
„Ich gebe sie Ihnen zurück.“
Ich schob die Karte auf ihre Seite des Tisches. Sie nahm sie. Sie legte sie in eine Mappe, die sie für persönliche Post bei sich hatte. Sie sagte nichts. Es war eine Sache zwischen ihr und ihm. Sie würde damit umgehen, wie sie wollte.
Ich nahm die Tasse. Ich trank langsam.
Anne ging zurück in das Vorzimmer.
—
Um elf Uhr brachten zwei Männer aus dem Hausdienst den Schreibtisch herauf.
Sie trugen ihn behutsam, weil sie verstanden hatten, dass es kein Möbelstück wie ein anderes war. Schmidt begleitete sie. Er hatte den Schreibtisch im Keller mit einem feuchten Tuch abgewischt, bevor er heraufgebracht wurde.
Sie trugen den modernen Tisch zuerst hinaus.
Sie räumten den Teppich an einer Stelle leicht gerade.
Sie trugen den alten Tisch hinein.
Sie stellten ihn dorthin, wo der andere gestanden hatte.
Ich stand in der Tür und sah zu.
—
Der Schreibtisch meines Vaters.
Eichenholz, dunkel gebeizt, mit einer leichten Patina an den Kanten. Drei Schubladen rechts, drei links. Auf der Platte ein Lederrand, der sich an einer Stelle leicht aufgewellt hatte, weil mein Vater dort jahrelang seine rechte Hand abgelegt hatte, wenn er telefonierte.
Ich hatte ihn vor sechs Jahren zum letzten Mal gesehen.
Damals war er nach unten getragen worden.
Jetzt kam er zurück.
Schmidt sah mich an.
„Frau Richter, soll ich noch etwas tun?“
„Nein.“
„Soll ich die Männer hierbehalten, falls ein Stuhl noch heraufgebracht werden soll?“
„Nein, Schmidt.“
„Verstanden.“
Er nickte den Männern zu. Sie gingen.
Schmidt blieb noch einen Augenblick.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Es ist ein guter Tag.“
„Es ist ein Montag, Schmidt.“
Er lächelte kurz.
„Verstanden.“
Er ging.
—
Ich blieb allein im Raum.
Ich ging einmal um den Schreibtisch herum.
Ich legte die Hand auf die Platte. Das Holz war kühl. Ich zog sie wieder zurück.
Ich öffnete die obere rechte Schublade.
Sie war leer.
Ich öffnete die obere linke Schublade.
Sie war leer.
Ich öffnete die mittlere rechte Schublade.
Auf dem Boden lag ein einzelner Briefumschlag.
Ich nahm ihn heraus.
Der Umschlag war vergilbt. Er war seit vielen Jahren nicht mehr berührt worden. Er war an meinen Vater adressiert, in der ordentlichen, leicht nach hinten geneigten Schrift meiner Mutter.
Auf der Vorderseite stand: *Hermann. Zu lesen, wenn Du den Schreibtisch räumst.*
—
Mein Vater hatte diesen Schreibtisch nie geräumt.
Er war zu seinen Lebzeiten an ihm gestorben. Nicht buchstäblich — er war an einer Krankheit gestorben, im Klinikum Großhadern, mit zweiundsechzig Jahren — aber er hatte den Schreibtisch nie aus den Schubladen geleert. Er hatte sie meiner Mutter überlassen, und sie hatte den Schreibtisch nach seinem Tod weiter benutzt, zwei Jahre lang, bis sie ihn dann an mich übergab.
Ich hatte ihn übernommen.
Ich hatte die Schubladen damals durchgesehen.
Diesen Brief hatte ich nicht gefunden.
—
Ich saß einen Augenblick still.
Dann verstand ich.
Mark hatte den Schreibtisch vor sechs Jahren in den Keller bringen lassen. Vorher hatte er ihn aufgeräumt. Er hatte alle Schubladen leer gemacht. Er hatte die Inhalte in einen Karton gelegt, und der Karton hatte irgendwo gestanden. Aber den Brief hatte er nicht gefunden.
Vielleicht war er hinten in einer Schublade hängen geblieben.
Vielleicht hatte mein Vater ihn dort vor langer Zeit verschoben, hinter ein Holzstück, das die Hinterwand der Schublade bildete, und vergessen.
Vielleicht hatte meine Mutter ihn nicht weggelegt, weil sie geglaubt hatte, mein Vater hätte ihn schon gelesen.
Ich nahm den Brief in die Hand.
Ich öffnete ihn nicht.
—
Ich legte ihn in die obere Schublade meines neuen — meines alten — Schreibtisches.
Auf den Brief legte ich die Mappe mit den Berichten der operativen Bereiche.
Auf die Mappe legte ich den Notizzettel mit Annes Namen.
Auf den Notizzettel legte ich nichts mehr.
Dann setzte ich mich an den Schreibtisch.
Ich legte die rechte Hand auf den Lederrand, an die Stelle, an der mein Vater seine rechte Hand abgelegt hatte. Die Welle des Leders passte unter meine Handfläche.
Ich saß so eine Weile.
—
Anne klopfte.
„Frau Richter.“
„Ja, Anne?“
„Es ist Doktor Weber am Telefon. Er bittet um zwei Minuten.“
„Bitte.“
Sie schloss die Tür wieder.
Ich nahm den Hörer.
„Klaus.“
„Emilia.“
„Ja?“
„Ich habe vorhin mit Vogel telefoniert. Er hat mich um eine Mitteilung an Sie gebeten.“
„Welche?“
„Mark Hartmann möchte um ein letztes Gespräch bitten.“
Ich sagte nichts.
„Er bittet um zehn Minuten. Er bittet um keine Verhandlung. Er bittet nicht in der Maximilianstraße. Er bittet, dass es im Treppenhaus stattfindet, neben dem alten Eingang in der Briennerstraße. Er sagt, er werde nicht hineinkommen wollen. Er möchte nur einen kurzen Moment, an dem keine Akten zwischen Ihnen stehen.“
Ich sah aus dem Fenster.
Auf der Maximilianstraße ging eine Frau mit einem Hund vorbei.
„Klaus.“
„Ja?“
„Wann?“
„Er schlägt morgen Nachmittag um sechzehn Uhr vor.“
„Sagen Sie ihm zu.“
„Sind Sie sicher, Emilia?“
„Ja.“
Ich legte auf.
Ich saß noch lange am Schreibtisch.
Auf dem Lederrand lag meine Hand still.
—
Anne kam herein.
„Frau Richter. Frau Lenz hat gerade angerufen.“
„Margot?“
„Ja. Sie sagte, sie würde Sie heute Abend kurz aufsuchen, wenn es Ihnen recht sei. Sie würde nicht lange bleiben. Sie wisse, dass morgen ein langer Tag werde.“
„Sagen Sie ihr, ich erwarte sie um sieben.“
„Eingetragen.“
Sie wollte schon gehen.
„Anne.“
„Ja?“
„Eine Bitte.“
„Bitte.“
„Wenn morgen Vogel anruft, um den Zeitpunkt des Treffens zu bestätigen, leiten Sie den Anruf an mich durch. Auch wenn ich in einer Sitzung bin.“
„Verstanden.“
„Wenn er anruft, um es abzusagen, leiten Sie ihn ebenfalls durch.“
„Verstanden.“
Sie nickte. Sie ging.
Ich saß noch eine Weile.
Auf dem Schreibtisch lag jetzt der Brief meiner Mutter an meinen Vater. Daneben die Mappe der operativen Berichte. Daneben der Notizzettel mit Annes Namen. Daneben, ganz am Rand, der kleine Stapel, den Anne mir am Vormittag gebracht hatte.
Ich schob alles ein wenig zur Seite.
In der Mitte des Tisches blieb eine freie Fläche.
Ich legte meine Hände auf die Fläche.
Es war ein Schreibtisch, an dem mein Vater einmal eine Unterschrift gesetzt hatte, die er bis zum Morgen bereut hatte. Mein Vater hatte sie nicht zurückgenommen. Frau Brandl hatte mir das vor einigen Tagen erklärt, in der Küche, mit einem halb abgespülten Geschirrtuch in der Hand.
Ich nahm die Hände wieder weg.
Ich stand auf.
Ich ging zum Fenster.
Auf der Maximilianstraße fuhr ein Wagen langsam vorbei. Es war nicht Marks Wagen. Es war kein Wagen, den ich kannte. Es war einfach ein Wagen.
Auf dem Bürgersteig ging eine Frau, die einen kleinen Hund führte. Der Hund blieb an einer Laterne stehen. Die Frau wartete.
Es war ein Vorgang, der nichts mit mir zu tun hatte.
Es war auch ein Vorgang, der mich daran erinnerte, dass es Vorgänge gab, die nichts mit mir zu tun hatten.
Ich kam an den Schreibtisch zurück.
Ich setzte mich.