Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 88: Mark in Schwabing

Frau Brandl erfuhr es zuerst.

Sie erfuhr es im Lebensmittelladen an der Möhlstraße, am Samstagvormittag, von einer Frau namens Frau Lechner, die sie seit zwölf Jahren kannte und mit der sie an den Samstagvormittagen über die Preise des Käses sprach. Frau Lechner wohnte in Schwabing, in einer Wohnung in der Hohenzollernstraße, und sie hatte einen Schwager, der Hausmeister in einem benachbarten Haus war.

Frau Lechner hatte gehört, dass in dem benachbarten Haus seit drei Wochen ein neuer Mieter wohnte.

Frau Lechner hatte den Namen gehört.

Sie hatte ihn am Samstagvormittag im Lebensmittelladen erwähnt, während sie und Frau Brandl die Preise des Käses verglichen.

Frau Brandl erzählte es mir am Sonntagabend.

Sie tat es, wie sie alles tat — beiläufig, zwischen zwei anderen Sätzen, in der Küche, während sie Brot schnitt.

„Frau Richter.“

„Frau Brandl.“

„Herr Hartmann ist in Schwabing.“

„Ja.“

„In einer Zweizimmerwohnung in der Hohenzollernstraße.“

„Wer hat es gesagt.“

„Frau Lechner aus dem Laden. Sie hat einen Schwager. Der Schwager arbeitet im Haus nebenan.“

„Ich verstehe.“

„Soll ich nichts mehr darüber sagen?“

„Sagen Sie es mir, wenn Sie etwas erfahren. Aber nicht öfter, als Sie es selbst hören.“

„Verstanden.“

Sie legte das Brot in den Korb.

„Es ist eine kleine Wohnung.“

„Wie klein.“

„Frau Lechner sagt, vierundsechzig Quadratmeter.“

„Vierundsechzig.“

„Im zweiten Stock. Hinterhof.“

„Hinterhof.“

„Ja.“

Ich sagte nichts.

Sie legte ein Tuch über den Korb.

Mark hatte in der Villa achthundertzwanzig Quadratmeter gehabt.

Er hatte einen Garten gehabt, ein Arbeitszimmer im ersten Stock, ein Schlafzimmer mit Blick auf die Isar, eine Küche, in der Frau Brandl ihm jeden Morgen das Frühstück gemacht hatte.

Vierundsechzig Quadratmeter waren der Anteil eines Menschen, der nicht mehr nach Größe ausgesucht hatte.

Sie waren der Anteil eines Menschen, der genommen hatte, was es gerade gab.

Der Hinterhof war noch eine zweite Botschaft.

Hinterhöfe in Schwabing waren günstig.

Mark hatte nie etwas Günstiges bewohnt.

Ich sagte nichts dazu.

Ich aß die Suppe, die Frau Brandl mir brachte.

Jan war seit Donnerstagabend wieder in der Villa. Er hatte aus Salzburg mehrere Bücher mitgebracht, von denen er mir eines auf den Frühstückstisch gelegt hatte — eine Biographie eines österreichischen Architekten aus den dreißiger Jahren, die ich vermutlich nicht lesen würde, die ich aber aus Höflichkeit annahm.

Jan saß heute Abend im Esszimmer, weil er dort einen Plan ausgebreitet hatte, den er sich für ein Hamburger Projekt ansah. Er war nicht mit am Tisch in der Küche. Er aß später.

Frau Brandl trug ihm das Essen ins Esszimmer.

Sie tat das gerne.

Sie tat das, was eine Frau ihres Berufs vor dreißig Jahren noch oft getan hatte und was sie in den letzten zwölf Jahren kaum noch hatte tun dürfen, weil Mark gefunden hatte, das Essen werde am Esstisch eingenommen.

Eine Woche später erfuhr Frau Brandl etwas Zweites.

Sie erfuhr es von der Frau ihrer Cousine, die in einer Anwaltskanzlei in der Brienner Straße arbeitete. Diese Kanzlei war nicht Webers Kanzlei. Sie war eine andere Kanzlei, die zufällig vier Häuser weiter lag und in der ein Anwalt arbeitete, der Mark in den letzten Wochen zweimal getroffen hatte.

Mark hatte den Anwalt um Rat gebeten.

Er hatte um Rat gebeten in einer Frage, die nicht juristisch war, sondern persönlich.

Er hatte gefragt, ob der Anwalt einen Bekannten habe, der in Frankfurt eine Beraterposition zu besetzen habe.

Der Anwalt hatte einen Bekannten in Frankfurt.

Der Bekannte hieß Reinhardt.

Reinhardt war ein Mann, mit dem Mark vor sechs Jahren auf einer Konferenz gewesen war. Reinhardt hatte damals Marks Telefonnummer in seinem Handy gespeichert, weil Mark ihm das gesagt hatte.

Mark hatte Reinhardt eine Woche später angerufen.

Reinhardt hatte den Anruf entgegengenommen.

Reinhardt hatte gesagt, er werde sich melden.

Reinhardt hatte sich nicht gemeldet.

Mark hatte zwei Wochen später noch einmal angerufen.

Reinhardts Sekretärin war am Telefon.

Sie hatte gesagt, Herr Reinhardt sei in einer Sitzung.

Sie hatte nicht versprochen, dass er zurückrufen werde.

Frau Brandl erzählte mir das auf dieselbe Weise, in der sie das erste erzählt hatte.

„Frau Richter.“

„Frau Brandl.“

„Herr Hartmann hat einen Anwalt um Rat gefragt.“

„Welchen Anwalt.“

„Doktor Wiegand. Brienner Straße zweiundvierzig.“

„Wieso erzählen Sie mir das.“

„Weil meine Cousine dort als Sekretärin arbeitet. Ich habe es nicht erfragt. Sie hat es mir gestern Abend beim Telefonieren erzählt.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Ihre Cousine darf so etwas nicht erzählen.“

„Sie weiß das.“

„Sie hat es trotzdem getan.“

„Sie hat es getan, weil sie meinte, es würde Sie freuen.“

Ich sah einen Augenblick auf den Tisch.

„Es freut mich nicht.“

„Verstanden.“

„Sagen Sie es Ihrer Cousine.“

„Ich werde es ihr sagen.“

Sie ging.

Aber sie blieb noch einen Augenblick stehen, in der Küchentür.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Es freut mich auch nicht.“

„Was meinen Sie.“

„Es freut mich nicht, dass Herr Hartmann jemanden in Frankfurt anruft, der nicht zurückruft. Es freut mich nicht, dass er in einer Wohnung wohnt, die kleiner ist, als ihm zusteht. Es freut mich nicht, dass er in einer Stadt wohnt, in der niemand mit ihm anbandelt.“

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sie haben ihn zwölf Jahre lang ertragen.“

„Das ist der Grund, warum es mich nicht freut.“

Sie sah einen Augenblick auf den Boden.

„Wer einen Mann ertragen hat, der dann fällt, hat ihn nicht ertragen wegen des Falls. Er hat ihn ertragen, weil er den Fall vermeiden wollte. Wenn der Fall trotzdem kommt, dann hat man ihn umsonst ertragen.“

Ich sah sie an.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sie haben ihn nicht umsonst ertragen.“

„Wieso nicht.“

„Weil ich sonst nicht mehr wäre, wer ich heute bin.“

Sie sah mich einen Augenblick an.

Sie nickte.

Sie ging.

Ich blieb in der Küche.

Ich saß am Tisch, vor mir die Suppe, die ich nicht gegessen hatte. Ich nahm den Löffel. Ich aß. Die Suppe war kalt. Ich aß sie trotzdem auf, weil Frau Brandl sonst gefragt hätte, ob sie nicht gut gewesen sei.

Sie war gut gewesen. Sie war nur kalt geworden, weil ich zu lange überlegt hatte.

Eine Woche später — es war Mitte Mai — sah ich Mark zum ersten Mal aus der Distanz.

Es war zufällig.

Ich war auf dem Weg vom Schumann’s, wo ich mit Margot Lenz zu Mittag gegessen hatte. Es war ihre Initiative gewesen. Sie hatte mich vor zwei Wochen angerufen und gesagt: „Wir sehen uns am Mittwoch. Du wählst das Restaurant. Ich rede.“ Wir hatten uns gesehen, ich hatte das Restaurant gewählt, sie hatte geredet. Es war ein gutes Mittagessen.

Auf dem Rückweg zur Maximilianstraße ging ich zu Fuß. Es waren nur fünfhundert Meter.

Ich kam an einem Café vorbei, das einen Außenbereich an der Ecke hatte.

An einem der Tische saß Mark.

Er saß allein.

Er trug einen grauen Anzug, den ich nicht kannte. Er war billiger als seine alten Anzüge. Er trug keinen Schlips. Er hatte vor sich auf dem Tisch einen Kaffee, eine Zeitung und ein Handy. Er sah auf das Handy.

Ich blieb nicht stehen.

Ich verlangsamte den Schritt nicht.

Ich sah ihn nur einen Augenblick.

Er war dünner geworden.

Er war nicht erkennbar gealtert, in dem Sinn, dass er jetzt ältere Falten gehabt hätte. Er war auf eine andere Weise gealtert — die Schultern waren weniger gerade, der Hals saß etwas tiefer im Hemd, die Hand, die das Handy hielt, war nicht mehr die Hand eines Mannes, der das Handy als Werkzeug nutzte. Sie war die Hand eines Mannes, der das Handy als Geste hielt, weil er sonst nichts hatte, was er hielt.

Er sah nicht auf.

Er sah mich nicht.

Ich ging vorbei.

Ich erreichte die Maximilianstraße zehn Minuten später.

Anne nahm mir den Mantel ab.

„Frau Richter. Wie war das Mittagessen.“

„Gut.“

„Frau Lenz lässt grüßen, oder.“

„Sie lässt grüßen.“

„Habe ich mir gedacht.“

Ich ging in mein Büro.

Ich setzte mich an den Schreibtisch.

Ich nahm einen Stift.

Ich legte ihn hin.

Ich öffnete die mittlere Schublade.

In der Schublade lagen die Briefe. Der Brief Webers. Die Karte aus Berlin. Der Block mit der Notiz *Ein ruhiger Mann.*

Ich nahm den Block heraus.

Ich öffnete ihn an der Seite mit der Notiz.

Ich schrieb darunter, in derselben kleineren Schrift:

*Schwabing. Außenbereich. Ein Café. Er sah nicht auf.*

Ich klappte den Block zu.

Ich legte ihn zurück in die Schublade.

Ich schloss sie.

Anne klopfte.

„Frau Richter. Markus Schmidt ist da.“

„Bitten Sie ihn herein.“

Markus Schmidt kam herein. Wir besprachen anderthalb Stunden eine Vorlage zur Berliner Geschäftsentwicklung.

Ich war zugewandt.

Ich war aufmerksam.

Ich war bei der Sache.

Am Abend in der Villa erzählte ich Jan, was ich gesehen hatte.

Ich erzählte es ohne Einleitung.

„Ich habe Mark heute auf der Straße gesehen.“

Jan sah von seinem Plan auf.

„Wo.“

„An einer Ecke an der Ottostraße. Er saß in einem Café.“

„Hat er dich gesehen.“

„Nein.“

„Was hast du gemacht.“

„Ich bin vorbeigegangen.“

Jan nickte.

Er sagte nichts.

Wir aßen.

Nach einer Weile, als die Suppe gegessen war, sagte er:

„Wie ging es dir damit.“

„Gut.“

„Wirklich gut.“

„Ich war ruhig.“

„Aber.“

„Aber.“

Ich sah einen Augenblick auf das Brot.

„Ich war auch traurig.“

„Ja.“

„Nicht für mich.“

„Für ihn.“

„Ja.“

Jan sah einen Augenblick zur Wand.

„Das ist normal.“

„Ich weiß.“

„Es heißt nicht, dass du ihn zurückwillst.“

„Ich weiß.“

„Es heißt nur, dass du nicht aufhörst, zu sehen.“

„Ich weiß.“

Wir aßen weiter.

Frau Brandl kam herein, räumte ab, ging.

Ich saß noch einen Augenblick allein am Tisch.

Auf der Wand hing das Foto unserer Mutter, das mein Vater dort vor dreißig Jahren aufgehängt hatte.

Sie sah auf den Tisch, an dem ihr Sohn und ihre Tochter saßen, und an dem ihre Schwiegertochter zum ersten Mal seit zwölf Jahren nicht mehr saß.

Sie hatte nichts dagegen.

Sie sah einfach auf den Tisch, weil das die Aufgabe eines Fotos ist.

Eine Woche später kam Frau Brandl mit einer dritten Nachricht.

Sie kam diesmal von Frau Lechner direkt, nicht über die Cousine in der Anwaltskanzlei. Frau Lechner hatte am Donnerstagabend ihren Schwager besucht und mit ihm einen Wein getrunken. Der Schwager hatte erzählt, dass im benachbarten Haus, in dem Mark wohnte, ein Streit stattgefunden hatte.

Der Streit war nicht laut gewesen.

Er war im Treppenhaus gewesen, am späten Abend, zwischen Mark und einem Mann, den der Schwager nicht kannte. Der Mann war Mark mit einem Aktenkoffer entgegengekommen. Der Schwager hatte nur die letzten drei Sätze mitbekommen, von hinter seiner Wohnungstür.

Die letzten drei Sätze waren:

„Ich habe es Ihnen geschickt.“

„Es ist nicht angekommen.“

„Es ist Ihre Sache, wenn es nicht angekommen ist.“

Dann hatte der Mann das Treppenhaus verlassen.

Mark war in seine Wohnung zurückgegangen und hatte die Tür geschlossen, lauter als sonst.

Frau Brandl erzählte mir das beim Frühstück.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Wer war der Mann.“

„Frau Lechners Schwager weiß es nicht.“

„Wann war es.“

„Vorgestern Abend.“

Ich nickte einmal.

„Frau Brandl.“

„Ja.“

„Sagen Sie Frau Lechner, sie soll mir das nicht mehr erzählen.“

„Verstanden.“

„Sagen Sie es ihr höflich.“

„Wie immer.“

„Höflich genug, dass sie versteht, dass ich es nicht aus Härte sage.“

„Verstanden.“

Sie ging.

Aber sie blieb noch einmal am Türrahmen stehen.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Sie haben recht. Es muss aufhören.“

„Auch für mich.“

Ich sah sie an.

„Auch für Sie.“

„Ja.“

Sie ging.

Nächste Seite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert