Kapitel 57: Das eigene Büro
Was am Mittwochnachmittag in Marks Büro geschah, habe ich nicht gesehen.
Ich erfuhr es von Schmidt, am Donnerstagmorgen, als er um halb neun anrief. Er rief immer um halb neun an, wenn er etwas zu sagen hatte, das nicht ins Telefon mit Sekretariat gehörte. Er war dann allein in seinem Büro, die Tür geschlossen, der Kaffee von Frau Roth gerade abgestellt.
Ich gebe es so wieder, wie er es mir beschrieb. Was nicht heißt, dass ich dabei war.
—
Mark kam um halb zwei zurück.
Er kam aus dem Café Roma, wo er mit einem Mann namens Wagner einen Kaffee getrunken hatte, der nicht zum Termin geworden war. Wagner hatte sich vor zwei Wochen mit einem Vorschlag bei ihm angekündigt. Mark hatte die Termin angenommen. Wagner war nicht mehr aufgetreten, sondern hatte einen seiner Mitarbeiter geschickt. Der Mitarbeiter hatte einen Vertragsentwurf dabei. Der Vertragsentwurf war nicht der, den Mark erwartet hatte. Mark hatte ihn nicht unterschrieben.
Er kam ins Haus.
Frau Lehmann grüßte.
„Herr Hartmann.“
Sie sagte „Herr Hartmann“. Sie sagte es wie immer. Mark hörte „Herr Hartmann“. Mark hörte nicht, dass sie an demselben Vormittag eine andere Person mit einem anderen Namen begrüßt hatte.
Mark ging zum Aufzug.
Im Aufzug war eine Sekretärin aus dem zweiten Stock. Sie nickte ihm zu. Sie nickte ihm aus einer Höflichkeit, die er aus zwölf Jahren kannte, ohne dass er gemerkt hätte, dass die Höflichkeit in den letzten Tagen eine andere war.
Im dritten Stock öffnete sich die Tür.
Im Vorzimmer saß Anne. Sie sagte nichts. Sie sah ihn nicht an. Sie tippte etwas in den Computer. Ihre Tasse Tee war jetzt weg. Sie war auf einem Tablett im Sekretariat unten, in der Spüle.
„Anne.“
„Herr Hartmann.“
„War Schmidt da?“
„Schmidt war heute Vormittag im Konferenzraum. Im ersten Stock. Bis zwölf.“
„Mit wem?“
„Mit Dr. Weber. Mit Heinrich Altmann. Und mit Frau Richter.“
Mark blieb stehen.
„Mit wem?“
„Mit Frau Richter.“
Anne sah ihn jetzt an. Nicht lang. Nur eine Sekunde. Dann sah sie zurück in ihren Bildschirm.
Mark sagte nichts.
Er ging in sein Büro.
—
In seinem Büro war alles wie zwei Stunden vorher.
Das Hemd lag noch auf dem Boden. Das leere Wasserglas auf dem Aktenordner. Der Notizblock auf dem Schreibtisch. Der Anzug auf dem Sofa.
Niemand hatte aufgeräumt.
Das war nicht ungewöhnlich. Das war seit Wochen nicht mehr ungewöhnlich. Eine Reinigungskraft kam einmal die Woche, freitags. Anne kam nur, wenn er sie rief. Niemand sonst betrat das Büro.
Aber heute, an diesem Mittwochnachmittag, hatte ich es betreten. Schmidt wusste das. Schmidt nahm an, dass Mark es früher oder später bemerken würde.
Schmidt sagte mir am Telefon, das Auffälligste sei, was Mark nicht bemerkte.
—
Mark setzte sich an seinen Schreibtisch.
Er sah den nassen Ring auf dem Aktenordner. Er sah ihn nicht weg. Er stellte das Glas nicht um. Er ließ den Ordner so liegen.
Er nahm das Telefon. Er drückte auf eine Kurzwahl.
„Markus, kommen Sie kurz hoch.“
Er legte auf.
Schmidt kam zwei Minuten später. Er kam nicht zwei Minuten später, weil er nahe war. Er kam zwei Minuten später, weil er an seinem Schreibtisch saß und den Anruf erwartet hatte, seit Anne ihm vor einer Minute eine kurze Nachricht geschickt hatte: *Er ist da.*
Schmidt klopfte. Er trat ein. Er schloss die Tür hinter sich.
„Markus.“
„Mark.“
Schmidt setzte sich nicht.
Mark machte keine Geste, dass er sich setzen solle.
Mark legte die Hände auf den Schreibtisch.
„Sie hatten heute Vormittag eine Sitzung.“
„Ja.“
„Im Konferenzraum drei.“
„Ja.“
„Mit Weber und Altmann.“
„Ja.“
„Und mit meiner Frau.“
Schmidt sah ihn einen Moment an.
„Mit Frau Richter.“
„Mit meiner Frau.“
„Mark, sie hat ihren Mädchennamen wieder angenommen.“
„Sie hat ihn nicht angenommen.“
„Sie wird ihn annehmen. Sie unterschreibt am 15. Sie hat ihn auf den Visitenkarten. Sie hat ihn auf den Anwaltsschreiben. Sie hat ihn auf dem Vertrag mit Heinrich Altmann.“
„Welcher Vertrag mit Heinrich Altmann.“
„Beratungsvertrag. Drei Monate. Heinrich Altmann ist ab letzter Woche Berater von Frau Richter in Sachen Hartmann Gruppe.“
Mark starrte Schmidt an.
„Wer hat das genehmigt.“
„Niemand musste das genehmigen. Es ist ihr persönlicher Beratervertrag. Er bezieht sich nicht auf die Firma. Er bezieht sich auf sie.“
„Sie hat keine Position in der Firma.“
„Mark, sie sitzt seit der vergangenen Woche in den Sitzungen. Der Aufsichtsrat hat sie geladen. Vogt hat sie geladen.“
Mark legte die Hände flach auf den Tisch. Er sagte nichts.
—
Schmidt erzählte mir, wie es weiterging.
Er sagte, Mark habe zuerst nichts gesagt. Dann habe Mark gesagt: „Setzen Sie sich, Markus.“
Schmidt habe sich gesetzt. Auf den Stuhl gegenüber, den Stuhl, auf dem ich nie gesessen hatte, auf dem aber zwölf Jahre lang andere gesessen hatten, die etwas von Mark wollten oder ihm etwas gaben.
Mark habe gesagt: „Markus, ich brauche eine Übersicht über die Liquidität.“
Schmidt habe gesagt: „Die haben Sie heute Morgen bekommen. Per Mail. Sieben Uhr.“
Mark habe gesagt: „Eine neue Übersicht. Bis heute Nachmittag.“
Schmidt habe einen Moment innegehalten.
Dann habe er gesagt:
„Mark, ich werde sie Ihnen schicken. Sie unterscheidet sich nicht von der Mail. Wir reden hier über Beträge, die sich seit gestern nicht verändert haben.“
Mark habe ihn angesehen.
Mark habe gesagt: „Markus, ich brauche das von Ihnen, nicht eine Diskussion.“
Schmidt habe genickt.
Schmidt sei aufgestanden. Schmidt sei zur Tür gegangen.
An der Tür habe er sich umgedreht.
„Mark.“
„Ja.“
„Eine Sache.“
„Was.“
„Sie haben in der Firma niemanden, der heute Nachmittag aufsteht und etwas für Sie tut, was nicht in seinem Vertrag steht.“
Mark habe ihn angesehen.
„Was wollen Sie damit sagen, Markus.“
„Ich sage es Ihnen jetzt einmal. Ich werde es nicht ein zweites Mal sagen. Sie haben in den vergangenen Monaten jeden Menschen in diesem Haus enttäuscht, der bereit war, mehr zu tun, als verlangt wurde. Frau Lehmann am Empfang. Anne im Vorzimmer. Mich. Frau Roth in meinem Vorzimmer. Die Kollegen in der Buchhaltung. Wir tun alle, was unser Vertrag von uns verlangt. Wir tun nicht mehr. Sie haben es nicht gemerkt, weil Sie nicht darauf geachtet haben.“
„Markus.“
„Ich gehe jetzt zurück in mein Büro. Ich schicke Ihnen die Übersicht in einer Stunde. Sie ist die gleiche wie heute Morgen.“
Schmidt habe die Tür hinter sich geschlossen.
—
Schmidt sagte mir am Telefon, dass es ein Satz sei, den er sich seit Wochen vorgenommen habe, ohne ihn zu planen. Er habe nicht gewusst, dass er ihn an diesem Mittwoch sagen würde. Er habe ihn gesagt, weil Mark vor ihm gesessen habe, mit dem nassen Ring auf dem Aktenordner, mit dem Hemd auf dem Boden, und gesagt habe: „Setzen Sie sich, Markus“, als säße er noch in dem Büro, in dem er vor einem Jahr gesessen hatte.
Schmidt sagte: „Frau Richter, ich bin nicht der Mann für Konflikte. Ich bin Buchhalter. Aber ich konnte es heute nicht mehr.“
Ich sagte: „Markus, danke.“
Er sagte: „Sagen Sie das nicht. Ich tue meine Arbeit.“
Ich sagte: „Sie tun mehr.“
Er sagte: „Vielleicht. Aber das ist meine Sache.“
—
Am späten Mittwochnachmittag, gegen halb fünf, kam Anne zu Schmidt ins Büro.
Sie habe an der Tür geklopft. Sie habe gefragt, ob sie kurz stören dürfe.
Schmidt habe sie hereingebeten.
Anne habe gesagt: „Herr Schmidt, Mark ist seit zwei Stunden am Telefon. Er telefoniert mit Berlin.“
Schmidt habe gefragt: „Mit wem in Berlin.“
Anne habe gesagt: „Mit einem Herrn Korn.“
Schmidt habe einen Moment geschwiegen.
„Andreas Korn.“
„Ja.“
„Wie lange.“
„Sie sind seit halb drei dran. Mit einer Pause von zehn Minuten.“
Schmidt habe gefragt: „Anne, was wollen Sie mir damit sagen.“
Anne habe gesagt: „Ich weiß es nicht. Ich wollte, dass es jemand weiß.“
Schmidt habe sie angesehen.
„Anne.“
„Ja.“
„Sie sagen das jetzt mir. Sie sagen es niemandem sonst. Sie tun Ihre Arbeit, als hätten Sie es nicht gesagt. Verstanden.“
„Verstanden.“
„Und wenn Mark Sie nach etwas fragt, antworten Sie höflich. Ohne Initiative. Sie schreiben keinen Brief, den er Ihnen nicht diktiert. Sie machen keinen Anruf, den er Ihnen nicht aufgetragen hat. Sie räumen sein Büro nicht auf.“
„Räume ich es auf?“
„Sie haben es zwölf Jahre lang aufgeräumt.“
Anne habe genickt.
Sie habe die Tür hinter sich geschlossen. Sie sei in ihr Vorzimmer zurückgegangen. Sie habe sich an ihren Schreibtisch gesetzt. Sie habe ihre Mails durchgesehen. Sie habe nicht aufgeräumt.
—
Um halb sechs ging Mark.
Er ging früh. Sonst ging er um halb acht. Heute ging er um halb sechs.
Er kam im Mantel ins Vorzimmer. Er sagte zu Anne: „Bis morgen.“
Sie sagte: „Bis morgen, Herr Hartmann.“
Er ging.
Er ging die Treppe hinunter, nicht den Aufzug. Frau Lehmann grüßte ihn unten an der Tür. Er nickte.
Er ging die Maximilianstraße hinunter, zu Fuß.
Anne erzählte mir das später. Sie erzählte es nicht mit Schadenfreude. Sie erzählte es mit einer leisen, müden Genauigkeit, die mich anrührte.
„Frau Richter, er war heute nicht der Mittelpunkt seines Büros. Er hat es selbst gemerkt, ich glaube nicht, dass er weiß, dass er es gemerkt hat.“
Ich sagte: „Das werden wir sehen, Anne.“
Sie sagte: „Ja, Frau Richter.“
Sie sagte: Frau Richter.
Es war das zweite Mal, dass sie es sagte. Diesmal nicht zögernd.
—
Schmidt rief mich am Donnerstagnachmittag noch einmal an.
Es war kurz vor sechs. Er war noch im Büro, ich war seit einer Stunde wieder zu Hause. Frau Brandl hatte gerade Tee gebracht. Ich nahm den Anruf in der Bibliothek entgegen.
„Frau Richter.“
„Markus.“
„Ich wollte Ihnen kurz sagen, dass Mark heute zwei Termine bei den Banken wahrnehmen sollte. Er hat einen wahrgenommen. Den anderen nicht.“
„Welchen nicht.“
„Den bei der Sparkasse.“
„Mark.“
„Ja.“
„Hat er sich abgemeldet.“
„Er hat sich abgemeldet, ja. Eine Stunde vor Termin.“
„Begründung.“
„Krankheit.“
Ich schwieg.
„Markus, das ist nicht gut.“
„Es ist nicht gut, weil die Sparkasse den Termin seit drei Wochen festhielt. Wir haben dort ein Kreditgespräch laufen, das sich nicht beliebig verschieben lässt.“
„Wer übernimmt.“
„Niemand. Es wurde verschoben, nicht delegiert.“
„Wer hat ihn verschoben.“
„Anne. Auf Marks Anweisung.“
„Markus.“
„Ja.“
„Wenn der Termin nächste Woche stattfindet, sollten Sie hingehen. Allein. Ohne Mark.“
„Das wäre ein Bruch.“
„Es wäre eine Vorsichtsmaßnahme. Sie sind CFO. Sie sind in solchen Gesprächen ohnehin gefragt.“
„Wenn Mark erfährt, dass ich allein dort war.“
„Er wird es erfahren. Aber er wird Ihnen nichts vorwerfen können. Sie waren der CFO, der einen Sparkassen-Termin nicht hat platzen lassen.“
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Sie denken sehr genau.“
„Ich denke, wie ich gelernt habe zu denken, Markus.“
„Ich werde gehen.“
„Gut.“
Er legte auf.
Ich stellte das Telefon zurück. Mein Tee war kalt geworden.
—
Frau Brandl klopfte fünf Minuten später an die Tür der Bibliothek.
„Frau Emilia.“
„Ja.“
„Ein Bote war an der Tür. Aus der Briennerstraße.“
„Weber.“
„Ja.“
Sie reichte mir einen schmalen Umschlag. Drinnen ein einziges Blatt Papier, in Webers Schrift, drei Zeilen.
*Frau Hartmann, ich habe Schmidts Verhalten heute genau zur Kenntnis genommen. Er ist ein Mann von Format. Behalten Sie ihn. Er wird in den nächsten Wochen wichtiger werden, als er es selbst ahnt. — Weber.*
Ich legte das Blatt in die Schublade meines Schreibtischs.
Frau Brandl sah mich kurz an.
„Soll ich noch etwas richten.“
„Nein, danke.“
„Möchten Sie zu Abend essen.“
„Später.“
„Ich halte es warm.“
„Danke, Frau Brandl.“
Sie ging.
Im Halbdunkel der Bibliothek, mit dem grünen Licht der Schreibtischlampe und dem kalten Tee neben mir, dachte ich an Mark im Hotel in Schwabing. Ich wusste nicht, in welchem. Ich wusste nicht, wie das Zimmer aussah. Ich wusste nicht, ob er etwas gegessen hatte.
Ich räumte nicht mehr auf.
Es war ein Satz, den ich mir an diesem Abend zum dritten Mal sagte.
Er gewöhnte sich an.