Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 51: Das Treppenhaus

Die Sitzung dauerte noch eine halbe Stunde.

Es war eine Halbstunde, in der ich mich kaum bewegte. Ich stand am Fenster im Vorzimmer, mit dem schwarzen Mantel über dem Stuhl hinter mir, und sah hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen. Auf der Maximilianstraße ging das Leben so weiter, wie es immer weiter ging. Ein älterer Herr trat aus einem Antiquariat. Eine junge Frau zog ihrem Kind an der Hand die Mütze gerade. Ein Lieferwagen stand zwei Häuser weiter mit eingeschalteter Warnblinkanlage, ohne dass jemand ein- oder auslud.

Ich war nicht im Saal. Ich war nach der Pause nicht zurückgegangen, weil Vogt mir am Fenster, mit einer kleinen Bewegung des Kopfes, angedeutet hatte, dass meine Anwesenheit für den zweiten Teil nicht mehr nötig war. Es ging um interne Personalfragen. Es war für ein Aufsichtsratsmitglied unhöflich gewesen, eine Frau, die Beobachterin war, in die zweite Hälfte mitzunehmen.

Ich war im Vorzimmer geblieben, mit Weber und Jan.

Jan war einmal kurz hinausgegangen, um zu telefonieren. Weber hatte mit Frau Stelzer gesprochen, die kurz nach der Pause angerufen hatte. Ich hatte am Fenster gestanden und in die Maximilianstraße gesehen.

Um Viertel vor zwölf öffnete sich die Tür des Sitzungssaals.

Die Aufsichtsräte kamen zuerst heraus.

Sie kamen nicht in einer Gruppe. Sie kamen einzeln, mit kleinen Pausen zwischen den Personen, wie es bei langen Sitzungen üblich ist. Frau Doktor Lemmer war die letzte. Sie nickte mir noch einmal zu, ohne stehenzubleiben.

Vogt kam nach ihr.

Er ging an mir vorbei, ohne mir die Hand zu geben. Er sagte nur:

„Frau Richter, wir sehen uns nächste Woche.“

„Ja, Herr Doktor.“

Schmidt kam danach.

Er blieb einen Augenblick stehen.

„Frau Richter.“

„Schmidt.“

„Es war ein guter Vormittag.“

„Es war ein notwendiger Vormittag.“

„Das ist dasselbe.“

Er nickte einmal. Er ging.

Mark blieb im Saal.

Weber sah einmal hinein, durch den Spalt der halbgeöffneten Tür.

Er sah mich an.

„Er sitzt noch.“

„Allein?“

„Allein.“

„Anne Walter?“

„Sie hat ihre Mappe genommen und ist in ihr Vorzimmer gegangen.“

Ich nickte.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Wir können jetzt gehen.“

„Ja.“

„Ich nehme an, Sie möchten nicht durch das Treppenhaus.“

„Doch.“

Er sah mich an.

„Doch?“

„Doch. Ich gehe nicht mit dem Aufzug.“

Er nickte einmal.

„Ich gehe vorne.“

Jan verstand. Er hatte mit Weber leise gesprochen. Er ging mit Weber zum Aufzug. Sie würden im Erdgeschoss auf mich warten.

Ich blieb im Vorzimmer stehen, einen Moment.

Ich wollte das Treppenhaus heute hinuntergehen, weil meine Mutter mir vor langer Zeit gesagt hatte, dass es Tage gibt, an denen man die Stufen, auf denen man hinaufgegangen ist, einzeln wieder hinabsteigen muss, damit der Tag nicht in der Schwebe bleibt.

Ich ging zu der hohen, schweren Tür, die zum Treppenhaus führte.

Ich öffnete sie.

Das Treppenhaus war eines aus dem Jahr 1908.

Marmor in einem warmen, leicht gelblichen Ton. Ein schmiedeeisernes Geländer, das in der Mitte einen kleinen Knoten hatte, an dem die Hand sich beim Anfassen unwillkürlich festhielt. Ein hohes Fenster über dem ersten Treppenabsatz, an dem im Mittag immer ein Streifen Sonne lag, der auf die obere Stufe fiel und dann an der Wand wieder aufstieg.

Ich ging langsam.

Stufe für Stufe.

Mein Knie tat heute weh. Es tat seit zwei Tagen weh. Ich hatte es nicht erwähnt, weil ich es heute nicht erwähnen wollte. Es würde morgen besser sein.

Auf dem ersten Treppenabsatz blieb ich stehen.

Ich hörte hinter mir, oben, eine Tür.

Es war die Tür des Sitzungssaals.

Ich hörte, wie sie ins Schloss fiel.

Ich hörte einen Schritt.

Es war ein Schritt, den ich kannte. Ein bisschen schwerer als sonst. Ein bisschen langsamer. Ein bisschen unsicherer.

Mark.

Er kam die obere Treppe herunter.

Er sah mich, als er auf den Absatz trat. Er hielt inne.

Wir standen einander gegenüber, mit einer Treppe Abstand.

Er sagte nichts.

Ich sagte nichts.

Er sah anders aus, als er vor zwei Stunden ausgesehen hatte. Es war nicht eine große Veränderung. Es war keine, die ein Foto aufgenommen hätte. Aber sein Anzug saß einen halben Zentimeter anders. Seine Schultern standen nicht mehr ganz gerade. Sein Gesicht war müde.

Er sah aus, als hätte er heute Morgen vier Stunden geschlafen, was er vermutlich hatte.

Er stand am oberen Ende des Absatzes.

Ich stand am unteren.

Er sagte:

„Emilia.“

Es war ein Wort.

Ich antwortete nicht sofort.

Ich sah ihn an.

Ich dachte an einen Augenblick — vor zwölf Jahren, in einem anderen Treppenhaus, in einem Hotel in Salzburg, an einem Vormittag, an dem er mich auf einer Stufe gehalten hatte, weil er Angst gehabt hatte, ich würde stolpern. Er hatte damals die Hand auf meinen Ellbogen gelegt. Er hatte gesagt: *„Warte einen Moment. Schau.“* Wir hatten einen Augenblick auf einen Hof hinausgesehen, in dem zwei Kinder Federball gespielt hatten, und er hatte nichts weiter gesagt. Es war eine Sache, die er manchmal getan hatte. Er hatte mich für einen Augenblick aufgehalten, um etwas Schönes zu zeigen.

Ich hatte das vergessen gehabt.

Es war heute zurückgekommen, ungefragt, und ich ließ es zurückkommen, weil es keinen Grund gab, es zurückzudrängen.

„Mark.“

„Ja.“

„Geh.“

Ich sagte es nicht hart.

Ich sagte es so, wie man jemandem etwas Höfliches sagt, das man trotzdem nicht zurücknimmt.

„Ich wollte —“

„Mark.“

„Ja.“

„Geh.“

Er sah mich an.

Er machte eine kleine Bewegung, als wolle er die Hand heben. Er hielt sie an. Er ließ sie wieder am Körper hängen.

„Wir reden über meinen Anwalt“, sagte ich.

Er nickte einmal.

Er ging an mir vorbei.

Er ging die untere Treppe hinunter, langsamer als ich erwartet hatte, mit der einen Hand am Geländer, was er sonst nie tat. Er hörte sich nicht um. Er sah nicht zurück.

Auf dem unteren Absatz machte sein Schritt eine kleine Pause.

Er ging weiter.

Ich stand und sah ihm nach.

Er erreichte das Erdgeschoss.

Ich hörte, wie die Tür zur Lobby aufging. Ich hörte sie nicht ins Schloss fallen.

Ich blieb noch eine Weile auf dem ersten Treppenabsatz.

Das Licht aus dem hohen Fenster fiel jetzt schräger, weil sich die Mittagssonne langsam von der Maximilianstraße abwandte. Auf der oberen Stufe lag ein kleiner Streifen Licht. Auf dem Geländer lag mein Schatten, sehr lang, mit dem Mantel, der die Form einer Säule machte.

Ich legte die Hand für einen Augenblick auf den schmiedeeisernen Knoten in der Mitte des Geländers.

Er war kühl unter meinen Fingern.

Er war seit 1908 dort, und er hatte sich in zwölfhundert Händen abgegriffen. Er war für niemanden gemacht worden. Er war für jeden gemacht worden, der ihn brauchte.

Heute brauchte ich ihn.

Ich ging weiter.

Die Stufen waren nicht hoch. Sie waren in einem Maß gebaut, das man in München fast nirgendwo mehr fand, weil moderne Treppen flacher und länger sind. Diese hier waren etwas steiler. Aber sie waren der Frau, die sie 1908 hinaufgegangen war, vermutlich genau so vertraut, wie sie mir heute vertraut waren.

Im Erdgeschoss stand Weber.

Er sah mich. Er sagte nichts.

Jan stand zwei Schritte weiter, an der Tür zum Hof.

Mark war nicht da.

Er war durch den Haupteingang gegangen, die kurze Straße hinunter, in einen Wagen, der vermutlich draußen auf ihn gewartet hatte. Er war jetzt allein im Auto, in einem Anzug, der einen halben Zentimeter anders saß als heute morgen, in einer Stadt, die ihn heute zum ersten Mal anders ansah.

Ich ging zu Weber.

Er nahm mir den Mantel nicht ab. Er ließ ihn an. Er hielt mir nur die Tür.

„Wir fahren zurück“, sagte er.

„Ja.“

„In die Kanzlei.“

„Ja.“

„Sie sollten heute nichts mehr Großes tun.“

„Ich tue heute nichts mehr Großes.“

„Das ist gut.“

Wir gingen über den Hof, durch den schmalen Gang, der zur Sebastiansgasse führte. Webers Wagen stand am gegenüberliegenden Bordstein. Jan ging voraus.

Ich blieb einen Moment stehen.

Ich drehte mich noch einmal um.

Die Maximilianstraße 12 stand wie immer. Hellgelb in der Mittagssonne. Mit dem Messingschild HARTMANN GRUPPE neben der Tür. Mit dem Eckfenster im dritten Stock, an dem heute kein Licht mehr brannte.

In Marks Büro war niemand.

Das Büro stand leer.

Ich sah noch einen Augenblick hinauf, an die Fassade, an die schmalen schwarzen Fensterrahmen, an das alte Messing über der Tür. Mein Vater hatte vor zweiunddreißig Jahren auf einer Leiter gestanden und mit dem damaligen Schlossermeister an genau diesem Schild diskutiert, wo das *G* gesetzt werden solle, einen Millimeter weiter rechts oder einen Millimeter weiter links. Er hatte gewonnen. Das *G* stand seither dort, wo er es haben wollte.

Ich sah noch einmal auf das *G*.

Es stand, wo es stand.

Wir fuhren in die Briennerstraße.

Im Auto sagte ich nichts. Weber sagte nichts. Jan sagte nichts.

In der Kanzlei machte uns Frau Stelzer einen Tee.

Ich saß im Sessel am Fenster, in dem ich seit Wochen immer wieder gesessen hatte, und sah auf die kleine, ruhige Straße hinaus.

Mein Herz klopfte nicht schneller als sonst.

Ich war auch nicht erleichtert.

Ich war einfach hier.

Frau Stelzer brachte den Tee. Sie stellte ihn auf den kleinen Tisch. Sie sah mich kurz an.

Sie war eine Frau, die mit Worten sparsam war. Ich hatte sie in den letzten Wochen mehrmals erlebt, immer in einem dunklen, schmalen Kostüm, immer mit einer Notizmappe in der Hand, immer ohne ein Wort, das nicht nötig gewesen wäre. Heute aber legte sie die Hand für einen Moment leicht auf die Lehne des Sessels, in dem ich saß, und sie sah mich an, ohne mich anzusehen, in der Art einer Frau, die einen Satz sagen will, den sie sich seit Tagen überlegt hat.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Es ist mir eine Ehre.“

Sie sagte es einmal. Sie wartete keine Antwort ab. Sie ging hinaus.

Ich saß noch lange im Sessel.

Draußen ging der Mittag in den Nachmittag über.

Auf der anderen Straßenseite saß ein Mann auf einer Bank, der sich eine Zigarette anzündete, und ein Junge ging mit einem Schulranzen vorbei, der zu groß für ihn war, und in einem oberen Fenster eines anderen Hauses zog jemand einen Vorhang halb zu.

München lag im April-Licht, ruhig, ohne mich zu beachten.

Das war auch eine Form von Würde, dachte ich. Eine Stadt, die einen nicht beachtet, nimmt einen ernst. Sie tut nicht, als sei etwas geschehen, weil ihr nichts geschehen ist. Sie geht weiter. Sie lässt einen sich selbst zurechtfinden.

Ich hatte das in den letzten Wochen oft an München geliebt.

München hatte mir nicht viel Mitleid geschickt. München hatte mir Fenster geschickt, in die ich hinaussehen konnte, und Treppenhäuser, in die ich hineinhören konnte, und einen Friseur in einem Hinterhof, der mir die Spitzen geschnitten hatte und nichts dafür verlangt hatte.

Das war genug.

Auf meinem Schoß lag der Mantel, weil ich ihn in der Wärme der Kanzlei abgelegt hatte. Auf dem Tisch dampfte der Tee. In der Schreibtischschublade in Bogenhausen, die ich heute morgen einen Spalt offen gelassen hatte, lag ein Brief, den meine Mutter vor siebzehn Jahren an einem Märztag geschrieben hatte.

Mein Telefon vibrierte einmal kurz auf dem Tisch.

Eine Nachricht.

Ich nahm das Telefon nicht sofort.

Ich sah zuerst den Tee an, der dampfte.

Dann sah ich zum Fenster.

Erst dann griff ich nach dem Gerät.

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