Kapitel 111: Claras Hochzeit
Clara heiratete an einem Samstag Mitte November.
Es war ein heller, kühler Tag, und die Sonne stand niedrig über München, in der Art, in der sie nur im Spätherbst über München steht — bleiche Gold an den Fassaden, lange Schatten in den Straßen, ein Licht, das alles deutlicher macht und nichts wärmer.
Die Trauung fand im Standesamt am Pacellistraße statt.
Ich kam zwanzig Minuten zu früh.
Ich war Trauzeugin.
—
Im Vorraum stand Clara in einem kurzen weißen Mantel über einem hellgrauen Kleid. Sie hatte sich gegen ein langes Hochzeitskleid entschieden, und ich verstand, warum. Clara war fünfunddreißig, ihre Beine waren lang, sie wollte nicht aussehen, als spielte sie eine Rolle. Sie wollte aussehen wie sie selbst.
Sie sah mich.
Sie sagte: „Du bist da.“
Ich sagte: „Natürlich.“
Sie nahm meine Hand.
Ihre Hand war warm.
„Tobias ist nervös“, sagte sie. „Er hat heute Morgen die falschen Schuhe angezogen.“
„Welche?“
„Die braunen.“
Ich nickte.
Tobias war Werber. Ein Mann mit hellem Haar, einer leichten Brille, einem ruhigen Gesicht. Er war fünf Jahre älter als Clara und hatte das geduldige Lächeln, das nur Männer haben, die einmal in ihrem Leben eine schwierige Frau geliebt haben und sie nicht halten konnten.
Clara hatte ihn zwei Jahre vor dem Klinikum kennengelernt.
Sie hatte ihn zwei Jahre nach dem Klinikum genommen.
Sie hatte sich Zeit gelassen.
Wie ich.
—
Fabian kam um Punkt elf.
Er trug einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd ohne Krawatte, Schuhe, die er gestern hatte putzen lassen. Ich hatte ihn an der Tür meiner Garderobe sehen können, als er heute Morgen zu mir gekommen war, um mich abzuholen. Er hatte keine Krawatte gewählt, weil ich keine Krawatte gewählt hatte. Wir hatten nicht darüber gesprochen. Wir hatten es gewusst.
Er sah mich kurz an.
Er sagte: „Du siehst gut aus.“
Ich sagte: „Danke.“
Mehr nicht.
Er ging zum Stuhl neben meinem.
Es war das erste Mal, dass wir gemeinsam in der Öffentlichkeit auftraten — ohne Erklärung, ohne Ankündigung, ohne dass irgendjemand von uns ein Wort darüber hatte verlieren müssen. Niemand fragte, was Fabian Möller bei dieser Hochzeit zu suchen hatte. Niemand fragte, warum er sich neben mich setzte. Niemand fragte, weshalb wir gleichzeitig gekommen waren.
In München fragt man so etwas nicht.
In München sieht man.
—
Die Standesbeamtin war eine Frau Mitte fünfzig, mit einem schwarzen Blazer und einem klaren, ruhigen Sprechen. Sie las die Texte ohne Pathos. Sie las sie wie ein Vertrag, mit der Sorgfalt eines Menschen, der weiß, dass diese Worte später viel wiegen können.
Tobias sagte sein Ja deutlich.
Clara sagte ihres leiser, aber nicht schwächer. Es war ein Ja, das sich nicht verstecken wollte und das sich auch nicht zur Schau stellte. Es war einfach ein Ja.
Ich legte die Trauzeugen-Unterschrift auf die zweite Linie.
Der Stift war ein Kugelschreiber des Standesamts. Schwarz, billig, mit dem Logo der Stadt München. Ich schrieb meinen Namen ohne Zögern: *Emilia Richter*.
Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine offizielle Urkunde mit diesem Namen unterschrieb, ohne dass mich davor jemand korrigiert hatte. Ich hatte den Namen Hartmann zwölf Jahre lang getragen. Er hing nicht mehr an mir.
Ich legte den Stift ab.
Ich sah Clara an.
Sie sah mich an.
Sie verstand.
—
Nach der Trauung gingen wir zu Fuß die zwei Straßen zum Restaurant.
Es war ein bayerisches Restaurant in einer ruhigen Seitenstraße — kein Bayerischer Hof, kein großes Haus, kein langes Menü. Clara hatte ein Essen für sechzehn Personen bestellt. Familie, drei Freundinnen aus dem Studium, zwei Kollegen aus der Agentur, Tobias‘ Bruder. Margot war auch eingeladen, aber sie hatte heute Morgen abgesagt — sie hatte einen Husten, und Margot ging nicht zu einer Hochzeit, wenn sie nicht so aussah, wie sie aussehen wollte.
Wir saßen am langen Tisch.
Fabian saß neben mir.
Er sprach mit Tobias‘ Bruder, einem Mann aus Passau, der etwas mit Ingenieurwesen zu tun hatte. Sie sprachen über Brücken. Es war ein Gespräch, das ich nicht verfolgte. Ich hörte nur das Heben und Senken der beiden Stimmen. Fabians Stimme war ruhig. Die andere war lauter, in der Art, in der Männer aus Niederbayern manchmal lauter sind, ohne dass sie es selbst bemerken.
Ich sah Clara am Kopfende.
Sie sprach mit Tobias.
Sie hielten Hände unter dem Tisch.
Ich hatte das nicht gesehen. Ich hatte es nur gewusst.
—
Während des Essens stand ich auf und sagte ein paar Worte.
Ich hatte nichts vorbereitet.
Ich hatte mir gestern Abend überlegt, etwas vorzubereiten, und es dann gelassen, weil Clara mir vor einem Jahr gesagt hatte: *Wenn ich heirate, halt keine Rede. Ich kann sie nicht ertragen.*
Ich stand also auf, und ich hielt keine Rede.
Ich sagte: „Ich möchte auf Clara trinken. Sie ist die Frau, die mir vor zwei Jahren gesagt hat: ‚Ich bleibe, bis es vorbei ist.‘ Sie ist geblieben. Sie ist immer noch da. Heute geht sie weiter, mit Tobias. Auf Clara.“
Sechzehn Gläser hoben sich.
Clara sah mich von der Seite an.
Sie hatte feuchte Augen, aber sie weinte nicht.
Sie nickte mir zu.
Ich setzte mich.
Fabian legte für einen sehr kurzen Moment seine Hand über meine, unter der Tischkante. Er ließ sie nicht lange dort. Es war eine Geste, die niemand am Tisch sah. Es war eine Geste, die ich verstand.
—
Beim Kaffee ging Tobias‘ Bruder hinaus.
Fabian und ich blieben einen Augenblick allein an unserem Ende des Tisches.
Er sagte nichts.
Ich sagte nichts.
Wir tranken den Kaffee.
Dann sagte er: „Sie hat eine kluge Trauzeugin gewählt.“
Ich sagte: „Sie hat keine andere gehabt.“
Er lachte kurz, leise, in der Art, die er seit dem ersten Treffen im Architekturbüro hatte — ein Lachen, das nicht weiter ging als sein Gesicht und das niemandem auffiel außer dem, der direkt daneben saß.
Ich sah ihn an.
Er sah ein wenig müde aus. Er war heute Morgen aus Hamburg gekommen, hatte die Bahn um sieben genommen, hatte den Anzug erst in der Wohnung in der Maxvorstadt angezogen. Er war wegen Claras Hochzeit gereist. Er war wegen mir gereist.
Ich sagte das nicht.
Ich sagte: „Nimmst du noch einen Kaffee?“
Er sagte: „Ja.“
Ich winkte der Bedienung.
—
Spät am Nachmittag verabschiedete sich Clara.
Sie und Tobias fuhren nicht in die Flitterwochen. Sie fuhren nach Hause. Sie hatten beschlossen, in den nächsten Tagen einfach zu Hause zu sein, und in den Wochen danach, wenn das Wetter wärmer wurde, irgendwohin nach Italien zu fahren — *vielleicht*, hatte Clara gesagt, *vielleicht aber auch nicht*. Clara hatte sich seit dem Klinikum daran gewöhnt, Pläne, die sich nicht festgelegt hatten, einfach offen zu lassen. Sie hatte das von mir gelernt, sagte sie. Ich glaubte ihr nicht ganz, aber es war ein nettes Argument.
Sie umarmte mich am Eingang des Restaurants.
Sie sagte: „Danke.“
Ich sagte: „Wofür?“
Sie sagte: „Dass du da warst. Heute. Und in den anderen Tagen.“
Ich nickte.
Sie umarmte mich noch einmal, kürzer.
Dann ging sie mit Tobias zum Taxi.
Sie drehten sich nicht mehr um. Es war kein Film. Sie waren zwei Erwachsene, die nach Hause gingen.
—
Fabian und ich blieben noch eine Weile vor dem Restaurant stehen.
Es war früher Abend.
Die Luft war kalt geworden.
Er hatte die Hände in den Manteltaschen.
Ich hatte den Schal höher gezogen.
Er sagte: „Sollen wir laufen?“
Ich sagte: „Ja.“
Wir gingen langsam Richtung Marienplatz. Wir sprachen nicht viel. An einer Ecke blieb er stehen, sah die Christbaumbeleuchtung an, die seit gestern an den Laternen hing, und sagte:
„München fängt schon an.“
Ich sagte: „Ja. Es fängt jedes Jahr früher an.“
Er nickte.
Wir gingen weiter.
—
Vor der Frauenkirche standen Touristen, die den Turm fotografierten.
Wir blieben einen Moment stehen.
Fabian sagte, ohne mich anzusehen:
„Es war ein schöner Tag.“
Ich sagte: „Ja.“
Er sagte: „Ich war gern dein Begleiter.“
Ich sagte: „Ich war froh, dass du mit warst.“
Mehr sagten wir nicht.
Eine Gruppe Schüler ging an uns vorbei, mit Rucksäcken, in einem leichten Gedränge, das die Münchner Innenstadt am späten Samstagnachmittag manchmal hat. Eine ältere Frau verließ die Kirche, in einem schwarzen Mantel, mit einem kleinen Beutel, vermutlich aus dem Brunnenladen. Sie sah uns nicht an. Sie ging an uns vorbei und um die Ecke. Ein Stadtbus fuhr in der Ferne. Ein Polizeiwagen hielt für einen Moment an einer Ampel, ließ die Sirene nicht angehen, fuhr weiter.
Ich dachte an Clara, die jetzt vermutlich zu Hause war, vielleicht den Mantel auszog, vielleicht die Schuhe wechselte, vielleicht sich auf das Sofa setzte und einen Augenblick still war, bevor sie wieder etwas sagen würde. Ich dachte an Tobias, der vermutlich still neben ihr saß, in der Form von Ruhe, die er seit zwei Jahren mit ihr eingeübt hatte. Ich dachte daran, dass eine Hochzeit der Schluss eines Tages war, der schon lange vorher angefangen hatte, und dass ein Tag, an dem zwei Menschen heirateten, weniger ein Anfang war als ein Strich, der unter eine schon lang geführte Rechnung gezogen wurde.
Wir gingen weiter, an der Kirche vorbei, durch die Schrammergasse, hinüber zum Hofgarten, wo der Brunnen schon seit Wochen abgestellt war, weil der Frost gekommen war. Der Brunnen, an dem ich vor anderthalb Jahren gesessen und in das leere Becken gesehen hatte, an einem Vormittag, an dem ich nicht mehr gewusst hatte, ob ich überhaupt noch ein Leben führen würde.
Heute ging ich an dem Brunnen vorbei.
Ich blieb nicht stehen.
Ich sah ihn nur kurz von der Seite an.
Fabian sah es.
Er sagte nichts.
Ich war ihm dankbar dafür.
—
Vor meiner Haustür blieben wir stehen.
Er sagte: „Ich nehme die Bahn um halb zehn.“
Ich sagte: „Magst du noch hereinkommen?“
Er sagte: „Eine halbe Stunde, gern.“
Ich öffnete die Tür.
Frau Brandl war heute in Tegernsee, bei ihrer Schwester. Das Haus war still. Im Esszimmer brannte nur das kleine Licht, das ich morgens vergessen hatte auszuschalten. Im Flur lag der Brief von Margot, den die Post heute Morgen gebracht hatte.
Wir gingen ins Wohnzimmer.
Ich machte zwei Tassen Tee.
Er saß auf dem Sofa und sah die Bilder an der Wand an. Er hatte sie schon kennengelernt, vor zwei Wochen, als er das erste Mal in der Villa gewesen war. Aber er sah sie noch einmal an, als sei jedes Mal etwas Neues an ihnen.
Ich brachte den Tee.
Wir saßen.
Wir tranken.
Wir sprachen wenig.
Um halb zehn rief er ein Taxi zum Hauptbahnhof.
Er stand auf.
Er nahm den Mantel.
An der Tür drehte er sich um.
Er sagte: „Bis nächste Woche?“
Ich sagte: „Bis nächste Woche.“
Er nickte.
Er ging.
Ich schloss die Tür.
—
Ich blieb noch einen Moment im Flur stehen.
Ich hörte sein Taxi anfahren.
Ich hörte die Tür eines anderen Autos, weiter unten in der Straße, das wegfuhr.
Dann hörte ich nichts mehr.
Ich ging in das Wohnzimmer zurück, nahm die zwei leeren Tassen, brachte sie in die Küche, spülte sie, stellte sie ab.
Ich machte das Licht aus.
Ich ging die Treppe hinauf.
Auf halber Höhe blieb ich stehen.
Ich hörte das Haus, das sich abkühlte.
Heute hatte Clara geheiratet.
Heute hatte ich neben Fabian gesessen, vor anderen Menschen, ohne dass irgendjemand etwas gefragt hatte, und ohne dass ich etwas hatte erklären müssen.
Heute war es das erste Mal gewesen.
Und es war, in einer Weise, die ich nicht in Worte fasste, einfach gewesen.
Ich legte mich nicht sofort hin.
Ich saß noch einen Augenblick auf dem Bettrand und sah in die dunkle Schräge an der Wand, die der Lampenpfosten von der Straße aus dem Schlafzimmer machte, an derselben Stelle wie immer. Ich dachte daran, dass es Tage gab, deren Größe man erst Jahre später verstand, und dass dieser Tag wahrscheinlich einer von ihnen war. Es würde später eine Karte geben — Clara hatte mir vor zwei Wochen gesagt, dass sie und Tobias eine kleine Karte machen lassen würden, mit einem Foto aus dem Standesamt, und dass sie sie mir schicken würden. Ich würde sie in eine Schublade legen, zu den anderen Karten. Ich würde sie nicht an die Wand hängen.
Und doch wusste ich, schon heute Abend, dass ich an diesem Tag gewesen war.
Das war genug.
Es musste nichts an die Wand.