Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 93: Margot

Donnerstagabend, halb acht, Prinzregentenstraße.

Ich kam zu Fuß. Der Abend war warm, die Linden an der Straße hatten den schweren Duft, den sie in der ersten Juniwoche immer hatten, und ich brauchte zwölf Minuten von der Stelle, an der mich der Wagen abgesetzt hatte, bis zur Haustür von Margots Altbau. Ich ging langsam. Ich hatte mich vor Margot nie verspätet, und ich wollte heute auch nicht zu früh kommen.

Ich klingelte um halb acht und eine Minute.

Margots Hausmädchen, eine junge Polin namens Aleksandra, die seit zwei Jahren bei ihr war, öffnete mir die Tür.

„Frau Hartmann.“

„Aleksandra.“

„Frau Lenz wartet im Salon.“

Sie nahm meinen Mantel.

Margot saß in dem hellen Sessel am Fenster.

Sie hatte das Haar an diesem Abend hochgesteckt, in einer Weise, die sie sonst nur bei Empfängen wählte. Sie trug ein dunkles Hauskleid mit schmalem Kragen. Auf dem niedrigen Tisch vor ihr standen zwei Gläser und eine Karaffe mit Eiswasser. Daneben eine kleine Schale mit gerösteten Mandeln.

„Emilia.“

„Margot.“

Ich beugte mich zu ihr herunter, sie legte die Hand kurz auf meine Wange. Es war eine Geste, die sie nur bei wenigen Menschen hatte, und ich hatte aufgehört, mir einzubilden, sie sei selbstverständlich.

Ich setzte mich in den Sessel ihr gegenüber.

Aleksandra brachte ein Glas Wein. Sie zog sich zurück.

Wir sprachen zuerst über das Übliche.

Über die Stadt, die in dieser Woche zu warm war für Anfang Juni. Über eine Wohnung in der Maximilianstraße, in die ein junges Paar eingezogen war, von dem Margot etwas hielt. Über eine Ausstellung im Lenbachhaus, die sie noch nicht gesehen hatte und die ich auch noch nicht gesehen hatte. Über ein Konzert, das wir vor zwei Jahren gemeinsam gehört hatten.

Es war ein Vorspiel.

Bei Margot war fast jedes Gespräch ein Vorspiel.

Aleksandra brachte das Essen herein. Eine klare Bouillon zuerst, dann Lachs mit Spargel, dazu junge Kartoffeln. Margot aß langsam. Sie nahm kleine Bissen. Sie hatte mir einmal gesagt, dass sie seit dem Tod ihres Mannes vor zwölf Jahren eine Stunde brauche, um eine Mahlzeit zu beenden, weil sie ihre Mahlzeiten als Form von Gesellschaft verstehe.

„Emilia.“

„Ja?“

„Ich war heute Vormittag bei der Stelzer.“

„Bei Frau Doktor Stelzer?“

„Ja. Sie lässt grüßen. Sie sagt, Weber denkt darüber nach, im Herbst etwas zu reduzieren.“

„Das sagt er seit zehn Jahren.“

„Diesmal macht er es“, sagte Margot. „Sie hat ihn beim Diktat eingeschlafen sehen.“

Sie sagte es ohne Spott.

Margot nahm einen Schluck Wein.

„Es macht mich nicht traurig“, sagte sie. „Es macht mich wachsam.“

Wir aßen still weiter.

Über uns hing der schwere Kronleuchter, den Margot vor vierzig Jahren von ihrem Schwiegervater übernommen hatte. Im Spiegel an der Wand sah ich uns: zwei Frauen, eine alt, eine in den Achtunddreißig, beide aufrecht, beide mit den Händen in einer Haltung, die eine andere Frau ihnen vor langer Zeit beigebracht hatte.

„Emilia.“

„Ja?“

„Ich möchte über deine Mutter sprechen.“

Ich legte das Besteck ab.

Margot sprach selten von meiner Mutter. Sie sprach von ihr nur, wenn sie etwas zu sagen hatte, und sie sagte es nur, wenn sie sicher war, dass ich es hören konnte. Ich war es seit langer Zeit nicht mehr gewohnt. Ich hörte zu.

„Deine Mutter hatte einen sehr genauen Blick“, sagte Margot. „Sie sah in den Männern, die sie kennenlernte, etwas, das die Männer selbst meistens nicht von sich sahen. Sie hat das nie ausgesprochen. Sie hat nur eine Art gehabt, einen Mann nach einem Abend zu sortieren — ohne ein Wort, ohne ein Urteil. Sie hat ihn entweder am nächsten Morgen erwähnt, oder sie hat ihn nicht erwähnt. Wenn sie ihn nicht erwähnt hat, dann lag er für sie in einer Schublade, aus der sie ihn nicht mehr hervorholte.“

„Hat sie Mark damals erwähnt?“

Margot sah mich an.

„Nein.“

Sie sagte es ruhig, ohne Schärfe.

„Sie hatte ihn nur einmal getroffen, kurz vor ihrem Tod. Sie hat ihn an dem Abend nicht erwähnt. Sie hat ihn an keinem Morgen erwähnt. Sie hat ihn dir nie ausreden wollen, weil sie dachte, du würdest selbst sehen. Ich wusste das. Ich habe es dir nicht gesagt.“

Ich schwieg.

„Ich hätte es dir sagen können“, sagte Margot. „Ich habe es nicht getan.“

„Du wärst die Falsche gewesen“, sagte ich. „Es hätte mich gegen dich aufgebracht, nicht gegen ihn.“

Margot nickte.

„Ich weiß.“

Aleksandra räumte ab.

Sie brachte das Dessert herein, eine kleine Schale mit Erdbeeren, dazu einen Klecks von der Vanillesoße, die Margots Köchin seit drei Jahrzehnten in derselben Form ansetzte. Aleksandra zog sich zurück und schloss die Tür hinter sich.

Margot nahm den Löffel.

Sie sah mich an, lange.

„Emilia.“

„Ja?“

„Über deinen Architekten.“

Ich nahm einen Schluck Wein.

„Ja, Margot.“

„Ich habe ihn beobachtet. Im Mai, beim Empfang im Bayerischen Hof. Ich habe ihn auf der Eröffnung im Maxquartier gesehen, im Winter, von hinten. Ich habe ihn Mittwoch im Aufzug der Briennerstraße gesehen, fünf Sekunden lang. Es reicht.“

Sie machte eine Pause.

„Er hat den ruhigen Blick, den dein Vater hatte.“

Ich legte den Löffel ab.

„Ich meine das ohne Sentimentalität“, sagte Margot. „Ich meine es als Beobachtung. Er hat dieselbe Art, einen Raum zu betreten, ohne ihn zu beanspruchen. Er hat dieselbe Art, jemandem die Hand zu geben, ohne dass die Geste ankündigend wirkt. Er hat dieselbe Art, etwas zu wissen, ohne es auszustellen. Es ist selten.“

Ich spürte, wie mir die Haut über den Wangenknochen warm wurde.

Ich spürte es, wie man eine Veränderung in einem fremden Zimmer spürt: leise, nachweisbar, ohne dass man sie hätte verhindern können. Ich hatte seit vielen Monaten nicht mehr gerötet. Ich hatte fast vergessen, dass mein Körper diesen Gang noch kannte.

Ich nahm einen Schluck Wasser.

Margot sah es.

Sie sagte nichts dazu.

„Deine Mutter“, sagte sie nach einer Pause, „hätte ihn gemocht.“

„Margot.“

„Ja?“

„Sag das nicht, um mich zu erleichtern.“

„Ich sage es nicht, um dich zu erleichtern. Ich sage es, weil es stimmt.“

Ich schwieg.

Margot nahm einen Löffel Erdbeeren.

„Emilia.“

„Ja?“

„Du musst mit ihm nichts machen. Du musst ihn nicht heiraten. Du musst nicht mit ihm essen gehen. Du musst nicht mit ihm reden, außer in den Sitzungen, in denen du sowieso mit ihm redest. Ich gebe dir keinen Rat. Ich gebe dir nur eine Bestätigung, die du vielleicht brauchst und vielleicht nicht.“

Sie sah aus dem Fenster.

„Ich gebe dir die Bestätigung deiner Mutter, weil sie dir nicht selbst zur Verfügung steht.“

Wir aßen die Erdbeeren auf.

Aleksandra brachte den Kaffee herein, in den kleinen Tassen mit dem schmalen Goldrand. Sie stellte ihn ab, sie zog sich zurück. Margot rührte langsam um. Sie hatte den Kaffee immer ohne Zucker getrunken, aber sie rührte ihn trotzdem, weil sie sich vor langer Zeit angewöhnt hatte, dass das Rühren ein Teil des Trinkens war.

„Emilia.“

„Ja?“

„Ich werde dir noch etwas sagen, dann sprechen wir nicht mehr darüber.“

„Gut.“

„Ich habe in meinem Leben drei Männer gemocht. Den ersten habe ich geheiratet. Den zweiten habe ich abgelehnt, weil er mich erschreckt hat. Den dritten habe ich nicht erkannt. Ich habe ihn vorbeiziehen lassen, weil ich glaubte, ich hätte schon einen, und einer reiche.“

Sie sah mich an.

„Du hast keinen mehr. Das ist kein Verlust. Das ist ein Zustand. Ein Zustand, der erlaubt, dass jemand vorbeizieht und nicht vorbeizieht. Ich sage dir: lass nicht aus Stolz vorbeiziehen. Das ist mein einziger Rat.“

Ich nickte.

Ich konnte nichts sagen.

Margot sah es. Sie sagte für eine Weile nichts mehr.

Wir tranken den Kaffee aus.

Margot stand auf, sie ging mit mir zur Diele. Aleksandra reichte mir den Mantel. Margot nahm meine Hand, kurz, mit einer Festigkeit, die sie selten zeigte.

„Emilia.“

„Ja?“

„Komm wieder.“

„Ich komme wieder.“

„Bald.“

„Ja.“

Sie nickte.

Sie ließ meine Hand los.

Ich ging.

Auf der Prinzregentenstraße war die Luft milder geworden.

Ich ging zu Fuß zurück, am Englischen Garten entlang, an dem ich seit Wochen nicht mehr gewesen war. Hinter den Bäumen hörte ich die Eisbachwelle, an der ein paar junge Männer surften. Ich blieb einen Moment stehen. Ich sah einem zu, der zweimal stürzte und das dritte Mal stand. Er stand lange. Dann verlor er das Gleichgewicht und kam wieder hoch.

Ich ging weiter.

Ich dachte an Margots Worte. Ich dachte an ihr Gesicht, als sie das mit den drei Männern gesagt hatte. Ich dachte daran, dass Margot mir noch nie etwas anvertraut hatte, was sie nicht zuvor in sich geprüft hatte, und dass sie die drei Sätze über die drei Männer in den letzten zwölf Jahren mindestens hundert Mal in sich gesagt haben musste, bis sie sie heute Abend in der Mitte eines Kaffees zu mir gesagt hatte.

Sie hatte sie für diesen Abend aufgehoben.

Sie hatte sie aufgehoben, weil sie heute Abend gepasst hatten.

Zu Hause war Frau Brandl noch im Erdgeschoss.

Sie sah mich an, sie sagte nichts. Ich sagte ihr gute Nacht. Ich ging die Treppe hinauf.

Im Schlafzimmer öffnete ich das Fenster ganz.

Ich legte mich noch nicht hin. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes. Ich legte die Hände auf die Knie. Ich saß ein paar Minuten so, die Luft auf meiner Haut, der Garten dunkel hinter dem Fenster, das Haus still um mich herum.

Ich dachte an Mittwoch, an die nächste Sitzung. Ich dachte daran, dass Fabian nicht wissen würde, was Margot gesagt hatte. Er würde nichts merken. Er würde mit seinen Karten kommen, mit seinen zwei Vorschlägen, mit seiner ruhigen Stimme. Er würde mir die Hand geben, ohne dass die Geste ankündigend wirkte. Er würde sich setzen. Er würde reden, dann würde er schweigen, dann würden wir entscheiden.

Es würde sein wie immer.

Es würde anders sein.

Ich legte mich hin.

Ich machte das Licht aus.

Vor dem Einschlafen dachte ich noch einen Augenblick an Margots zweiten Mann.

Ich hatte ihn nie kennengelernt. Margot hatte ihn nie erwähnt. Sie hatte ihn heute zum ersten Mal in einer Andeutung gestreift — *den ich abgelehnt habe, weil er mich erschreckt hat* —, und ich hatte sie nicht gefragt. Es waren ihre drei Männer. Es war ihr Satz. Sie hatte ihn mir gesagt, weil er mir helfen sollte, nicht weil sie sich selbst hatte erinnern wollen.

Ich dachte an die Würde, die in einer solchen Form lag.

Ich dachte daran, dass ich diese Würde, wenn ich Margots Alter erreichte, vielleicht selbst entwickeln würde.

Ich dachte daran, dass meine Mutter sie schon mit fünfundvierzig gehabt hatte.

Es gab Frauen, die Würde mit den Jahren erwarben. Es gab Frauen, die sie früh hatten und an die Spät erinnerten. Meine Mutter war von der zweiten Sorte gewesen. Margot war, in einer anderen Linie, von derselben Sorte. Ich gehörte vermutlich zu denen, die sie sich erarbeiten mussten — über lange Wochen, über Sitzungen, über Briefe in Schubladen, über ein Klinikzimmer, in das ein Mann eingetreten war und aus dem er gegangen war, ohne dass eine Hand zur Tür gehoben worden wäre.

Ich war heute näher an Margots Würde als vor einem Jahr.

Ich war noch nicht angekommen.

Aber ich war nicht mehr weit weg.

Ich schlief schneller ein, als ich gedacht hatte.

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