Kapitel 101: Ein Monat danach
Ein Monat verging, und das Licht über München wurde anders.
Es wurde nicht heller, nicht klarer. Es wurde nur ein wenig länger. An den Abenden, wenn ich aus der Maximilianstraße zurück nach Bogenhausen fuhr, lag die Sonne noch über den Häuserkanten, und der Fluss trug einen Streifen, der nicht mehr nur grau war, sondern manchmal auch silbern.
Frau Brandl bemerkte es zuerst.
„Frau Richter“, sagte sie an einem Mittwoch, als ich nach Hause kam. „Es wird Frühling.“
„Es ist schon eine Weile Frühling, Frau Brandl.“
„Es wird jetzt aber Frühling, der bleibt.“
Ich sah sie an. Sie meinte es nicht meteorologisch.
—
Der neue Auftrag war über Heinrich Altmann gekommen.
Ein Stiftungsbau am Maxmonument, die Sanierung eines alten Bürohauses aus der Wilhelminischen Zeit, das in den siebziger Jahren halb abgeräumt und in den neunziger Jahren halb wieder ergänzt worden war. Es war eines jener Häuser, die in München auf zweite Blicke warteten — auffällig genug, um auf Postkarten zu erscheinen, dezent genug, um die meisten Leute es nicht zu nennen, wenn man sie nach den schönsten Bauten der Stadt fragte.
Heinrich hatte mir gesagt, das Haus brauche eine Hand, die hochmütig genug sei, ihm nicht das eigene Gesicht aufzuzwingen, und bescheiden genug, ihm sein altes wieder zu geben.
„Ich kenne nur zwei Architekten, die das könnten“, hatte er gesagt. „Einer ist tot. Der andere heißt Möller.“
Ich hatte gelächelt.
Ich hatte ihm nicht gesagt, dass ich das ohnehin schon gewusst hatte.
—
Wir trafen uns am Donnerstagvormittag im Architekturbüro in der Briennerstraße.
Möller & Partner hatten eine Etage in einem Altbau bezogen, der beinahe gegenüber von Webers Kanzlei lag. Das war praktisch und symbolisch zugleich — meine zwei wichtigen Münchner Adressen, dreißig Schritte voneinander entfernt, getrennt nur durch ein Café, in dem ich noch nie gewesen war.
Fabian holte mich am Empfang ab.
Er trug ein graues Sakko, eine Hose, die nicht ganz so dunkel war, wie ein Anwalt sie getragen hätte, und keine Krawatte. Mark hatte immer Krawatte getragen. Es war einer der Unterschiede, die ich erst mit der Zeit zu zählen aufhörte.
„Frau Hartmann.“
„Herr Möller.“
„Bitte, hier entlang.“
Wir gingen einen Flur hinunter. Auf den Wänden hingen Aufrisse, Schwarzweißbilder von Häusern, die ich teilweise aus Hamburg kannte. Eines der Bilder zeigte ein Speicherhaus an einem Kanal, das ich vor zwei Wochen aus dem Auto heraus gesehen hatte, als ich Jan besucht hatte. Ich sagte nichts dazu.
Wir setzten uns an einen langen Tisch.
Auf dem Tisch lagen Pläne. Auf den Plänen lagen kleine Steine — Kiesel, wie man sie in einem Bach findet — die die Ecken der Bögen niederhielten.
„Diese Steine“, sagte ich, „sind kein Standardprodukt.“
„Nein“, sagte Fabian. „Mein Vater hat sie aus dem Inn gefischt, als ich zwölf war. Er hat behauptet, eine Architektur, die keine Beschwerung halte, sei ohnehin keine.“
„Und er hatte recht?“
„Er hatte oft recht.“
Er sah einen Moment auf den Tisch. Dann auf mich.
„Manchmal hatte er auch unrecht.“
—
Wir arbeiteten zwei Stunden.
Wir arbeiteten an Maßstäben, an Fluchtlinien, an einem Innenhof, der einmal überdacht gewesen war und es wieder werden sollte, ohne dass man die Überdachung sähe. Fabian zeichnete mit einem Bleistift, der eine Stumpfheit hatte, die nur lange Benutzung erklären konnte. Ich machte Anmerkungen am Rand.
Es war ein Treffen, das ein Treffen war.
Aber es war nicht nur ein Treffen.
Wir waren uns in den letzten Wochen häufiger begegnet, als es das Projekt streng genommen erforderte. Eine Sitzung in der Maxvorstadt, ein Termin mit dem Statiker, ein Telefonat über eine Frage, die ein Telefonat von zwei Minuten gewesen wäre und ein Telefonat von fünfundzwanzig wurde. Beim letzten Mal hatten wir am Ende noch eine Weile über die Donau geredet, ohne dass die Donau in irgendeiner Weise in unserem Auftrag vorkam.
Ich hatte das festgestellt. Ich hatte es nicht eingeordnet.
Es genügte mir, es festzustellen.
—
Um zwölf brachte eine junge Mitarbeiterin Kaffee.
Sie war vielleicht fünfundzwanzig, mit einem Pferdeschwanz, der sie nicht jünger machte. Sie stellte die Tassen hin, Fabian dankte ihr beim Vornamen — Lena —, und sie verließ das Zimmer, ohne mich anzusehen.
„Sie ist gut“, sagte Fabian, als sie weg war. „Sie wird einmal eine eigene Praxis haben.“
„Sie ist Ihre Schülerin.“
„Sie ist meine Kollegin. Ich versuche nur, sie nicht zu sehr in meinem Bild zu formen.“
„Ein erfolgreicher Versuch?“
„Ein bemühter.“
Ich nahm den Kaffee.
Er war stark. Er war nicht italienisch, sondern ein einfacher, dunkler Kaffee, wie ihn Häuser in München servieren, wenn sie keinen Aufwand machen wollen.
„Ich mag ihn“, sagte ich.
„Er ist nichts Besonderes.“
„Genau das mag ich.“
Er sah mich an.
Es war das erste Mal in dieser Sitzung, dass er den Bleistift hingelegt hatte und nichts in der Hand hielt.
—
Wir kamen auf Heinrich zu sprechen.
Heinrich Altmann war zu alt, um den Stiftungsbau zu betreuen, und zu klug, um es nicht zu wissen. Er hatte sich aus der aktiven Beratung zurückgezogen, behielt aber seinen Stuhl im Aufsichtsrat. Fabian hatte ihn vor zwei Wochen das erste Mal getroffen, in einem Restaurant in der Altstadt, das er nicht gekannt hatte und das ihm gefallen hatte.
„Er hat mir gesagt“, sagte Fabian, „ich solle nicht versuchen, Ihnen zu imponieren.“
„Das ist ein gutes Lob.“
„Es ist eine gute Warnung.“
„Hat sie funktioniert?“
„Bis jetzt habe ich nicht versucht, Sie zu beeindrucken.“
„Bis jetzt nicht?“
Er lächelte, halb.
„Bis jetzt nicht.“
Ich trank meinen Kaffee aus.
—
Gegen halb zwei verließ ich das Architekturbüro.
Auf der Treppe begegnete mir ein älterer Herr mit einer Mappe unter dem Arm, der mich grüßte, als hätten wir uns schon einmal gesehen. Ich grüßte zurück, ohne mich an ihn zu erinnern. Manchmal kannte München mich besser, als ich München kannte.
Auf der Straße blieb ich kurz stehen.
Die Briennerstraße war ruhig. Eine Frau mit einem Hund. Ein Lieferwagen, der auf einen Parkplatz wartete. Ein älteres Paar, das mit einem Stadtplan am Café gegenüber stand, in das ich noch immer nie gegangen war.
Ich ging nicht hinein.
Ich ging zurück zur Maximilianstraße.
—
Am Nachmittag rief Anne.
„Frau Richter.“
„Anne.“
„Herr Möller hat heute Vormittag angerufen, nachdem Sie weg waren. Er sagt, er habe vergessen, Ihnen einen Plan mitzugeben. Er werde ihn morgen nachreichen.“
„Schicken Sie ihn elektronisch?“
„Er hat es vorgeschlagen. Ich sagte, ich frage Sie.“
„Auf Papier wäre besser. Lassen Sie ihn ihn vorbeibringen.“
„Verstanden.“
Anne machte eine kleine Pause.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Soll er ihn am Empfang abgeben oder direkt zu Ihnen?“
Ich sah aus dem Fenster.
Der Himmel über der Maximilianstraße war hoch und klar, und auf dem Pflaster zog ein Kind hinter seiner Mutter her, mit einem roten Luftballon, der ihm zu groß war.
„Direkt“, sagte ich.
„Verstanden.“
Sie legte auf.
Ich blieb am Fenster stehen.
Ich dachte an Fabians Bleistift, der zu stumpf gewesen war, und daran, dass er ihn heute, als wir gegangen waren, einfach in das Lederetui zurückgelegt hatte, ohne ihn anzuspitzen. Ich dachte an die Steine, die er mir gezeigt hatte. Ich dachte daran, dass er mich, als er sagte, er habe nicht versucht zu beeindrucken, dabei kurz angesehen hatte, als hätte er die Aussage erst beim Aussprechen geprüft.
Ich dachte daran, dass die berufliche Vorlage, die uns die Wochen zuvor in dieselben Räume gebracht hatte, dünner zu werden begann.
Sie war nicht weg.
Sie reichte noch.
Aber sie hielt nicht ewig.
—
Am Abend war ich wieder in Bogenhausen.
Frau Brandl hatte gekocht. Sie kochte in den letzten Wochen einfacher als früher — eine klare Suppe, ein gekochtes Ei, eine Scheibe Brot mit Käse und einer Prise Salz —, weil sie wusste, dass ich nicht mehr hungrig nach Hause kam, sondern müde.
Sie deckte für eine Person.
Sie tat es nicht mehr für zwei. Sie tat es auch nicht mehr für eine, die früher zwei gewesen war. Sie deckte einfach für eine.
Das war einer der Übergänge, die niemand bemerkte, weil niemand sie aussprach.
—
Nach dem Essen ging ich ins Arbeitszimmer.
Ich hatte mir vorgenommen, einige Akten durchzugehen — eine Vorlage Schmidts zur Berliner Tochter, ein Gutachten zur Sanierung in der Maxvorstadt —, aber ich öffnete die Mappen nicht. Stattdessen saß ich am Schreibtisch und sah die Lupe an, die ich vor einem Monat aus dem Karton genommen hatte und seither nicht weggelegt hatte.
Sie lag neben dem Tintenfass, an genau der Stelle, an der mein Vater sie immer gelegt hatte.
Ich wusste das nicht aus Erinnerung. Ich wusste es aus einer Spur, die das Leder der Schreibtischauflage über die Jahre angenommen hatte — eine kleine, leicht hellere Stelle, die nun wieder bedeckt war.
Ich nahm die Lupe nicht in die Hand.
Ich betrachtete sie nur.
—
Mein Telefon lag auf dem Schreibtisch.
Es vibrierte einmal, kurz, dann wieder. Eine Nachricht von Clara.
*Wann bist du wieder in Bogenhausen?*
Ich antwortete: *Bin zu Hause.*
Sie schrieb zurück: *Gut. Hast du gegessen?*
*Ja.*
*Hast du heute mit Möller geredet?*
Ich sah auf das Wort.
Clara wusste, dass wir heute einen Termin gehabt hatten. Sie wusste auch, dass die Termine in den letzten Wochen häufiger geworden waren. Sie hatte mich vor zwei Wochen einmal direkt darauf angesprochen — *Emilia, du solltest aufpassen* —, ohne genauer zu sagen, worauf.
Ich hatte sie gefragt, worauf.
„Auf das, was du nicht aussprichst“, hatte sie gesagt.
Sie hatte das in einem Ton gesagt, der nicht warnend war. Eher wie eine Beobachtung, die sie meinerseits abwartete.
Ich hatte nicht geantwortet.
Jetzt schrieb ich: *Heute Vormittag. Es war beruflich.*
Sie schrieb: *War es das?*
Ich legte das Handy hin.
Ich sah noch einmal die Lupe an.
Ich nahm das Handy wieder hoch.
*Es war beruflich. Aber es war auch freundlich.*
Sie schrieb sofort zurück:
*Gut. Mehr nicht. Aber gut.*
Ich legte das Handy beiseite.
—
Frau Brandl kam herein.
Sie brachte eine Tasse Tee, die ich nicht bestellt hatte und über die ich froh war.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Es ist morgen Donnerstag. Ich werde am Vormittag in die Stadt fahren. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“
„Nein, danke.“
Sie zögerte.
„Frau Richter.“
„Ja?“
„Sie haben heute ein wenig anders ausgesehen, als Sie nach Hause kamen.“
Ich sah sie an.
„Wie anders?“
„Ein wenig wacher.“
Sie sagte das nicht mit einem Lächeln. Sie sagte es nur fest, wie sie alles sagte, was sie für Tatsachen hielt.
Dann ging sie.
—
Ich saß noch eine Weile am Schreibtisch.
Ich nahm die Lupe in die Hand. Sie war kühl. Der Messinggriff hatte eine feine Patina, an der die Daumenstelle eine Spur heller geblieben war.
Ich sah durch die Lupe auf den Schreibtisch.
Das Holz wurde groß. Eine kleine Maserung wurde zu einem Tal. Eine winzige Tintenspritze, die ich nie bemerkt hatte, wurde sichtbar — und gleich darauf, weil das Auge auf den nächsten Punkt sprang, ein anderer kleiner Fleck, kaum größer als ein Komma, fast unter der Schreibtischauflage versteckt.
Ich legte die Lupe wieder hin.
Ich machte das Licht aus.
In der Diele tickte die Uhr, die meine Mutter aus Wien mitgebracht hatte und die in keinem Sommer jemals nachging.
Ich ging die Treppe hinauf.
Auf halber Höhe blieb ich stehen.
Ich wusste, dass Fabian Möller mir morgen einen Plan in die Maximilianstraße bringen würde, und ich wusste, dass der Plan nicht das Wesentliche an dem Termin sein würde. Ich wusste auch, dass weder er noch ich das Wesentliche an dem Termin aussprechen würden.
Es war ein Donnerstag, an dem etwas anfing, das ich noch nicht zu nennen wusste.
Ich ging weiter.
Ich machte die Tür hinter mir zu.