Kapitel 90: Ein Brief von Mark
Der Brief kam an einem Mittwochnachmittag.
Er kam nicht mit der Post. Er kam mit einem Boten — einem jungen Mann mit einer Kuriertasche und einem Helm in der Hand, der in der Auffahrt der Villa stand und auf jemanden wartete, der den Brief in Empfang nahm.
Frau Brandl öffnete die Tür.
Sie sah den jungen Mann an.
Sie sah den Brief an.
Sie sah den Absender.
Auf dem Brief stand in Druckbuchstaben: *Mark Hartmann, Hohenzollernstraße 117, 80796 München.*
Die Handschrift auf dem Umschlag selbst war Marks. Sie war seine alte Handschrift — die Handschrift eines Mannes, der seine Briefe selten von Hand geschrieben hatte und dessen Buchstaben, wenn er es doch tat, leicht nach rechts kippten.
Frau Brandl nahm den Brief entgegen.
Sie unterschrieb auf dem kleinen Bildschirm, den der Junge ihr hinhielt.
Sie schloss die Tür.
—
Sie legte den Brief nicht auf die Garderobenkonsole.
Sie ging mit dem Brief in die Küche.
Sie legte ihn auf den Küchentisch.
Sie sah ihn einen Augenblick an.
Sie deckte ein Geschirrtuch darüber.
Dann machte sie sich an das Mittagessen, das sie vor der Klingel vorbereitet hatte. Sie schälte zwei Karotten. Sie würfelte eine Zwiebel. Sie deckte die Pfanne mit einem Deckel zu.
Erst eine Stunde später, als ich nach Hause kam, hob sie das Geschirrtuch wieder hoch.
—
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Ein Brief ist gekommen.“
„Von wem.“
„Von Herrn Hartmann.“
Ich hängte meinen Mantel auf.
„Wo ist er.“
„In der Küche. Auf dem Tisch.“
Ich ging in die Küche.
Frau Brandl war hinter mir hereingekommen. Sie lehnte am Türrahmen, die Hände in der Schürze. Sie hatte den Brief noch immer mit dem Geschirrtuch zugedeckt. Sie hob das Tuch jetzt nicht mehr. Sie hatte mir den Anblick überlassen.
Ich ging zum Tisch.
Ich hob das Geschirrtuch hoch.
Der Brief lag auf dem Tisch.
—
Es war ein Geschäftsumschlag.
Er war länglich, weiß, leicht angegraut an den Kanten — vermutlich einer der letzten Briefumschläge aus Marks früherer Sekretariatsausstattung, die er bei seinem Auszug aus der Maximilianstraße mitgenommen hatte.
Der Umschlag war ungeöffnet.
Auf der Rückseite hatte Mark seine neue Adresse aufgeschrieben.
Auf der Vorderseite hatte er, in der oberen Zeile, in einer ungewohnt sorgfältigen Schrift, *Frau Emilia Richter* geschrieben.
Er hatte nicht *Hartmann* geschrieben.
Er hatte mich auch nicht *Liebe Emilia* genannt, obwohl der Umschlag noch keine Anrede enthielt. Er hatte den Namen geschrieben, der heute mein Name war, und nicht den Namen, der zwölf Jahre mein Name gewesen war.
Das war Marks Art, höflich zu sein.
Es war auch Marks Art zu signalisieren, dass er etwas wollte.
—
Ich nahm den Brief in die Hand.
Er war leicht.
Eine Seite, höchstens zwei. Mark war nicht der Mann, der lange Briefe schrieb. Er hatte vermutlich an seinem Küchentisch in Schwabing gesessen, mit einem Glas Wasser oder einem Glas Whisky, und hatte zwei Absätze geschrieben, die er für ausreichend hielt, das mitzuteilen, was er mitteilen wollte.
Was er mitteilen wollte, wusste ich nicht.
Ich wusste nur, dass es zwei Möglichkeiten gab.
Die erste Möglichkeit war eine Bitte. Geld, eine Empfehlung, eine Nachsicht in einer Frage, die ich nicht kannte. Mark hatte in den letzten Wochen mehrere Anwälte aufgesucht, hatte Frau Brandl mir indirekt erzählt. Vielleicht hatte einer der Anwälte ihm geraten, mich noch einmal anzuschreiben.
Die zweite Möglichkeit war eine Wiederannäherung. Ein Versuch, das Gespräch wieder aufzunehmen — nicht unbedingt mit dem Ziel einer Wiederheirat, aber mit dem Ziel, die kategorische Distanz zwischen uns zu überwinden, die er, Mark, vermutlich für eine Reaktion auf seinen Sturz hielt und die er, sobald er sie überwunden glaubte, in eine alte Form von Vertraulichkeit zurückführen wollte.
Beide Möglichkeiten waren möglich.
Beide Möglichkeiten waren mir gleichgültig.
—
Ich legte den Brief auf den Tisch zurück.
Ich sah ihn einen Augenblick an.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Bringen Sie mir bitte ein größeres Kuvert.“
„Ein größeres Kuvert.“
„Ja. Eines, in das dieser Brief hineinpasst, ohne dass er gefaltet werden muss.“
„Wir haben welche im Sekretär.“
„Bitte.“
Sie ging in den Salon. Sie kam mit einem Kuvert zurück. Es war eines aus dem Sekretär meines Vaters, mit einer geprägten Innenseite, das mein Vater für vertrauliche Dokumente verwendet hatte.
Sie legte es vor mich auf den Tisch.
Ich nahm den Brief Marks. Ich legte ihn in das größere Kuvert. Ich klappte das größere Kuvert zu. Ich nahm einen Stift aus der Schürze Frau Brandls — sie hatte einen, den sie morgens für die Einkaufsliste benutzte — und schrieb auf das Kuvert:
*Doktor Klaus Weber. Persönlich.*
Ich legte das Kuvert auf den Tisch.
—
Frau Brandl sah mich an.
„Sie öffnen ihn nicht.“
„Nein.“
„Gut.“
Sie sagte nicht „warum nicht“. Sie sagte „gut“. Es war ihre Art, zu billigen, was ich tat, ohne dass sie in eine Position gekommen wäre, in der sie es hätte rechtfertigen müssen.
Sie nahm das Geschirrtuch vom Tisch.
Sie hängte es zurück an den Haken neben der Spüle.
Sie ging an den Herd.
—
Ich rief in der Briennerstraße an.
Frau Dr. Stelzer war am Telefon.
„Frau Richter.“
„Frau Stelzer.“
„Womit kann ich helfen.“
„Ich möchte Doktor Weber morgen Vormittag einen Brief schicken. Es ist nicht eilig. Aber es soll persönlich an ihn übergeben werden.“
„Verstanden. Soll ich einen Kurier schicken?“
„Bitte.“
„Heute oder morgen früh.“
„Morgen früh.“
„Verstanden. Was steht in dem Brief, falls Doktor Weber fragt.“
„Es ist ein Brief, den mein geschiedener Mann mir geschrieben hat. Ich habe ihn nicht geöffnet. Ich gebe ihn an Doktor Weber, weil ich ihn nicht in meinem Haus haben möchte. Doktor Weber soll entscheiden, was damit geschieht.“
Frau Dr. Stelzer war einen Augenblick still.
„Verstanden. Ich werde es ihm so sagen.“
„Danke, Frau Stelzer.“
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Es ist nicht das erste Mal.“
„Was meinen Sie.“
„In dieser Kanzlei. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Mandantin uns einen Brief gibt, ohne ihn zu öffnen. Doktor Weber wird genau wissen, was zu tun ist.“
„Ich habe es vermutet.“
„Bis morgen.“
Sie legte auf.
—
Frau Brandl stellte mir ein Glas Wasser hin.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Sie haben heute Abend etwas vor.“
„Ich habe heute Abend nichts vor.“
„Ihr Bruder ist in Hamburg.“
„Ich weiß.“
„Soll ich Ihnen ein einfaches Abendessen machen.“
„Ein einfaches Abendessen wäre gut.“
„Verstanden.“
Sie ging an den Herd.
Ich ging in mein Arbeitszimmer.
—
Im Arbeitszimmer setzte ich mich an den Schreibtisch.
Ich öffnete die mittlere Schublade.
In der Schublade lagen die Briefe — der Block, der Brief Webers, die Karte aus Berlin, die zwei Kuverts meiner Mutter.
Ich nahm den Block heraus.
Ich öffnete ihn an der Seite, auf der ich vor zwei Wochen *Schwabing* eingetragen hatte.
Ich schrieb darunter, in derselben kleineren Schrift:
*Brief von Mark. Nicht geöffnet. An Weber.*
Ich legte den Block zurück in die Schublade.
Ich schloss sie.
—
Ich saß einen Augenblick am Schreibtisch.
Ich hatte nicht den Wunsch, den Brief zu öffnen.
Ich war nicht stolz darauf, dass ich den Wunsch nicht hatte. Es war keine Tugend, ihn nicht zu haben. Es war eine Folge — die Folge von zwölf Jahren Ehe, in denen ich gelernt hatte, was Marks Briefe enthielten, bevor ich sie öffnete.
Es gab nichts, was Mark mir hätte schreiben können, das ich heute hätte lesen wollen.
Wenn der Brief eine Entschuldigung war, hätte ich sie nicht annehmen können — wie ich die Entschuldigung Sophias nicht hätte annehmen können, falls sie eine geschickt hätte.
Wenn der Brief eine Bitte war, hätte ich sie nicht erfüllen können, weil ich Mark nichts mehr schuldete.
Wenn der Brief eine Drohung war, hätte sie keine Wirkung, weil Weber alles wusste, was Mark wissen konnte, und Mark nichts wusste, was Weber nicht wusste.
Wenn der Brief eine Wiederannäherung war, hätte ich sie nicht beantwortet.
In jedem Fall war der Brief unbeantwortet.
Es war vernünftiger, ihn nicht zu öffnen.
—
Frau Brandl klopfte an die Tür.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Das Abendessen ist fertig.“
„Ich komme.“
Ich ging in die Küche.
Sie hatte mir ein Brot geschnitten, ein Stück Käse, ein Schälchen mit Salat. Sie hatte mir einen Tee gemacht, weil sie gemerkt hatte, dass ich heute keinen Wein wollte.
Sie setzte sich heute mit an den Tisch, ohne dass ich sie fragte.
Sie aß ein kleines Stück Brot.
Sie sagte nichts.
—
Nach einer Weile sagte sie:
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Mein Mann hat mir auch einmal einen Brief geschrieben.“
„Wann.“
„Vor zweiundvierzig Jahren. Wir waren ein Jahr verheiratet. Er hatte sich verliebt in eine Frau aus seinem Büro. Er hat sich nicht getraut, es zu sagen. Er hat es geschrieben. In dem Brief stand alles.“
„Sie haben den Brief gelesen.“
„Ja.“
„Was haben Sie gemacht.“
„Ich habe den Brief gelesen, dann habe ich ihn zerrissen, dann habe ich ihn meinem Mann auf den Frühstückstisch gelegt. Mein Mann hat ihn nicht zusammengesetzt. Er hat die Schnipsel in den Mülleimer geworfen. Er hat sich an dem Abend von der Frau aus dem Büro getrennt. Wir sind noch zwanzig Jahre verheiratet geblieben, bis er gestorben ist.“
Sie sah einen Augenblick auf den Tisch.
„Aber das ist eine andere Geschichte.“
„Wieso eine andere.“
„Weil mein Mann noch jung war. Er war fünfundzwanzig. Er hatte noch Zeit, seinen Brief zu bereuen. Herr Hartmann hat keine Zeit mehr.“
„Wie meinen Sie das.“
„Ich meine, dass Herr Hartmann zweiundvierzig ist. In dem Alter bereut man Briefe nicht mehr. Man schreibt sie, weil man hofft, dass sie etwas auslösen. Wenn sie nichts auslösen, schreibt man den nächsten.“
„Sie meinen, er wird wieder schreiben.“
„Ich meine, er wird wieder schreiben.“
Sie sah mich an.
„Aber das ist nicht Ihr Problem. Doktor Weber wird wissen, was zu tun ist.“
Ich nickte.
Wir aßen weiter, schweigend.
—
Am nächsten Vormittag kam Frau Dr. Stelzers Kurier.
Frau Brandl übergab ihm das Kuvert.
Sie unterschrieb auf dem Bildschirm.
Sie schloss die Tür.
Eine Stunde später rief Doktor Weber an.
„Frau Richter.“
„Doktor Weber.“
„Ich habe Ihren Brief erhalten. Frau Stelzer hat mir gesagt, was darin liegt.“
„Ja.“
„Ich werde den Brief Ihres ehemaligen Mannes nicht öffnen. Ich werde ihn in einer versiegelten Mappe aufbewahren, in meinem Tresor in der Briennerstraße, bis Sie etwas anderes verfügen.“
„Danke.“
„Falls Herr Hartmann weitere Briefe schickt, werden Sie mir diese ungeöffnet weiterleiten.“
„Ja.“
„Ich werde dann denselben Vorgang anwenden.“
„Danke, Doktor Weber.“
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Ich nehme an, Sie haben den Brief nicht geöffnet, weil Sie nicht wissen wollen, was darin steht.“
„Ja.“
„Es gibt eine zweite Möglichkeit.“
„Welche.“
„Sie wissen schon, was darin steht.“
Ich war einen Augenblick still.
„Vielleicht beides.“
„Verstehe. Auf Wiederhören, Frau Richter.“
„Auf Wiederhören, Doktor Weber.“
Ich legte auf.
—
Im Garten ging der Dackel des Nachbarkindes wieder durch das Loch in der Hecke.
Er sah einmal zum Haus.
Ich sah ihn an.
Er ging weiter.
—
Am späten Nachmittag kam Anne in mein Büro.
Sie hatte eine Papiermappe in der Hand, in der ein einzelner Bogen lag.
„Frau Richter.“
„Anne.“
„Doktor Weber hat mir eben gefaxt.“
„Was.“
„Eine Bestätigung. Er schreibt, der Brief liege jetzt in seinem Tresor. Er erwartet keine Antwort. Er bittet nur, dass Sie wissen, dass das Verfahren begonnen hat — falls weitere Briefe kommen.“
„Lassen Sie es mir hier.“
Sie legte den Bogen auf den Tisch.
„Anne.“
„Ja.“
„Sie wissen, was passiert ist.“
„Ich weiß, dass Doktor Weber heute eine Sendung bekommen hat. Mehr weiß ich nicht.“
„Sie wissen mehr.“
„Ich vermute mehr.“
„Sie vermuten richtig.“
Sie sah einen Augenblick auf den Tisch.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Soll ich morgen einen Termin mit Doktor Weber eintragen, in der Briennerstraße, am Vormittag, falls Sie etwas besprechen möchten.“
„Nicht nötig.“
„Ich kann ihn jederzeit absagen, falls er nicht nötig wird.“
„Anne.“
„Ja.“
„Ich habe heute keine Sorge.“
„Ich weiß.“
„Sie tragen ihn ein, weil Sie selbst eine Sorge haben.“
„Ja.“
„Welche.“
„Dass Herr Hartmann das nicht akzeptieren wird.“
„Doktor Weber wird es regeln.“
„Ich weiß.“
„Aber tragen Sie den Termin ein.“
„Verstanden.“
Sie ging.
Ich sah dem Bogen einen Augenblick nach.
Dann faltete ich ihn in der Mitte. Ich legte ihn in die mittlere Schublade, neben den Block, neben die Karte aus Berlin, neben die anderen Briefe.
Ich schloss die Schublade.