Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 73: Mark akzeptiert

Die Unterlagen kamen am Mittwochmorgen.

Frau Dr. Stelzer hatte sie persönlich am Vormittag in der Briennerstraße abholen lassen, nachdem Webers Kanzlei bis spät am Vorabend an dem Wortlaut gearbeitet hatte. Ich saß im Arbeitszimmer meines Vaters, als der Bote sie brachte. Er war ein junger Mann mit einer ledernen Mappe, die zu groß für seine Hände war.

Ich nahm die Mappe entgegen, dankte ihm und schloss die Tür.

Ich legte die Mappe auf den Schreibtisch und öffnete sie nicht sofort.

Ich machte mir Tee.

Frau Brandl hatte ihn schon vorbereitet. Sie wusste seit einigen Wochen, dass ich am Vormittag Tee nahm und nicht Kaffee. Sie hatte ihn auf das Tablett gestellt, neben einen kleinen Teller mit zwei Scheiben Zwieback. Sie war gegangen, ohne zu fragen.

Ich trug das Tablett ins Arbeitszimmer und stellte es neben die Mappe.

Ich setzte mich.

Dann öffnete ich die Mappe.

Drei Dokumente.

Das erste war das Protokoll der Verhandlung. Vier Seiten, mit Webers diskreter Sachlichkeit gefasst, jede Klausel nummeriert, jeder Absatz exakt. Er hatte die Bedingungen hineingeschrieben, die wir am Montag mündlich vereinbart hatten. Er hatte nichts hinzugefügt, was nicht besprochen war. Er hatte nichts weggelassen, was hineingehörte.

Das zweite Dokument war die Vereinbarung zur Anteilsneustrukturierung. Sechzig Prozent an Frau Richter. Vierzig Prozent an Herrn Hartmann. Notarielle Beurkundung am Freitagnachmittag, sechzehn Uhr, in der Kanzlei.

Das dritte Dokument war der Wortlaut der Erklärung, die Weber am Donnerstag der nächsten Woche in der außerordentlichen Hauptversammlung verlesen würde.

Ich las die Erklärung zuerst.

Sie war kurz. Eine Seite. Vier Absätze.

„Aus persönlichen und strategischen Gründen legt Herr Hartmann mit sofortiger Wirkung das Amt des Vorstandsvorsitzenden nieder. Die Anteile an der Gesellschaft werden neu strukturiert.“

Es folgten die Zahlen. Es folgten die Namen der neuen Geschäftsführung. Es folgte die übliche Formulierung über Dank an den scheidenden Vorstand, die Weber so zurückhaltend gehalten hatte, dass sie nicht höhnisch klang, aber auch nicht warm.

Ich las die Erklärung zweimal.

Dann legte ich sie zur Seite.

Ich wartete auf den Anruf.

Vogel würde am Vormittag mit Mark sprechen. Vogel würde ihm die Dokumente zeigen, die wir ihm parallel zugestellt hatten. Vogel würde ihn bitten, sie zu unterschreiben. Mark würde unterschreiben oder nicht unterschreiben.

Wenn er nicht unterschrieb, würde Weber den nächsten Schritt einleiten. Wir hatten ihn schon vorbereitet. Es war kein Schritt, den ich wollte. Es war ein Schritt, der notwendig wäre.

Mark wusste das.

Er hatte am Montag genug verstanden, um zu wissen, dass es keine Verhandlungsmasse mehr gab.

Ich saß am Schreibtisch und wartete.

Um halb elf rief Weber an.

„Emilia.“

„Klaus.“

„Vogel war eben hier. Mark hat unterschrieben.“

Ich schwieg.

„Alle drei Dokumente?“

„Alle drei.“

„Ohne Modifikationen?“

„Ohne Modifikationen.“

Ich legte die Hand auf das Holz des Schreibtischs. Es war ein Schreibtisch, an dem mein Vater einmal eine Unterschrift gesetzt hatte, die er bis zum Morgen bereut hatte. Er hatte mir das nie gesagt. Ich hatte es aus den alten Akten gelesen.

„Hat er etwas gesagt?“, fragte ich.

Weber zögerte.

„Vogel hat es mir kurz erzählt.“

„Was hat er gesagt?“

„Mark hat die Dokumente gelesen. Er hat einen Stift genommen. Er hat unterschrieben. Er hat den Stift hingelegt. Er hat Vogel angesehen.“

„Ja?“

„Er hat gefragt, ob er noch eine Frage stellen darf.“

„Und Vogel hat gesagt: bitte.“

„Vogel hat gesagt: bitte.“

„Und Marks Frage war?“

Weber atmete einmal.

„Mark hat gefragt: ‚Wird sie kommen?‘ Vogel hat geantwortet: ‚Frau Richter wird in der Hauptversammlung anwesend sein.‘ Mark hat genickt. Er hat sonst nichts gesagt.“

Ich saß einen Moment still.

„Klaus.“

„Ja?“

„War es korrekt? Was Vogel ihm gesagt hat?“

„Es war korrekt.“

„Gut.“

„Emilia.“

„Ja?“

„Sie haben es jetzt.“

„Was habe ich?“

„Was Sie wollten.“

Ich sah aus dem Fenster.

Im Garten begann der Flieder, sich zu öffnen. Frau Brandl hatte gestern eine Schere in die Hand genommen und unten am Stamm zwei Triebe abgeschnitten, die sich gegen die Mauer gedrückt hatten. Sie tat das jedes Frühjahr. Es war ein Vorgang, der nichts mit mir zu tun hatte und der trotzdem das Haus jedes Jahr in derselben Weise ordnete.

„Ich habe nichts gewollt, Klaus.“

„Ich weiß.“

„Ich habe nur aufgehört, ihm zu helfen.“

„Auch das weiß ich.“

Wir schwiegen einen Moment.

„Donnerstag“, sagte er dann.

„Donnerstag.“

„Sechzehn Uhr Notar, am Freitag.“

„Sechzehn Uhr.“

„Bis dahin ruhen Sie sich aus.“

Ich legte auf.

Ich blieb am Schreibtisch sitzen.

Ich nahm die Erklärung noch einmal in die Hand. Ich las den ersten Satz noch einmal.

*Aus persönlichen und strategischen Gründen legt Herr Hartmann mit sofortiger Wirkung das Amt des Vorstandsvorsitzenden nieder.*

Es war ein Satz, den eine Versammlung von zwanzig oder dreißig Menschen am Donnerstag hören würde. Es war ein Satz, der in der Süddeutschen Zeitung am Freitagmorgen stehen würde, in einer Form, die der Wirtschaftsteil sich zurechtformulieren würde.

Es war ein Satz, der zwölf Jahre Ehe und zwanzig Jahre Hartmann Gruppe in vierundzwanzig Wörter zusammenfasste.

Mark hatte ihn unterschrieben.

Er hatte den Stift genommen, er hatte die Linie gezeichnet, er hatte den Stift hingelegt. Er hatte gefragt, ob ich kommen würde. Er hatte sonst nichts gesagt.

Ich hatte erwartet, dass er es nicht unterschreiben würde.

Ich hatte erwartet, dass er Vogel bitten würde, einen letzten Anruf bei Weber zu versuchen, eine letzte Nachverhandlung, einen letzten Versuch, die Hauptversammlung zu verschieben oder zu verkleinern oder die Erklärung umzuformulieren.

Er hatte nichts versucht.

Er hatte unterschrieben.

Ich ging in die Küche.

Frau Brandl stand am Spülbecken. Sie spülte die Tassen vom Frühstück. Sie sah mich nicht an, als ich hereinkam, aber sie hörte mich.

„Frau Brandl.“

„Frau Richter.“

„Mark hat heute Vormittag die Dokumente unterschrieben.“

Sie hielt einen Augenblick inne. Sie hielt eine Tasse in der Hand, halb abgespült. Sie stellte sie nicht ab. Sie sah mich nicht an. Sie nickte.

„Gut.“

Sie spülte die Tasse zu Ende. Sie stellte sie auf das Abtropfgitter. Sie nahm die nächste.

Ich blieb in der Tür stehen.

„Frau Brandl.“

„Ja?“

„Wussten Sie, dass mein Vater einmal an dem Schreibtisch dort drüben eine Unterschrift gesetzt hat, die er bereut hat?“

Sie hielt wieder inne.

Sie sah jetzt auf, kurz, und sah mich an.

„Ihr Vater hat viele Unterschriften gesetzt, Frau Richter. Er hat ein paar bereut. Er hat sie nicht zurückgenommen.“

„Warum nicht?“

„Weil eine Unterschrift, die man zurücknimmt, keine Unterschrift mehr ist. Sondern nur eine Geste.“

Ich nickte.

Sie sah mich an, einen Augenblick länger als nötig.

„Herr Hartmann hat heute eine Unterschrift gesetzt“, sagte sie. „Auch er wird sie nicht zurücknehmen.“

„Glauben Sie nicht?“

„Ich glaube nicht. Er hat keinen Stift mehr.“

Ich verstand erst eine Sekunde später, was sie meinte.

Dann nickte ich.

Am Nachmittag ging ich an die Isar.

Ich nahm den Mantel, ich nahm den Schal, ich nahm den schmalen Spazierstock, den Margot mir vor zwei Wochen geliehen hatte, und ich ging die Stufen vom Bogenhausener Hochufer hinunter zum Wasser.

Es war kühl. Es war noch nicht Frühling, aber es war auch nicht mehr Winter. Das Licht stand schräg über dem Wasser, und auf dem gegenüberliegenden Ufer sah ich die Glasfassade des Müllerschen Volksbads, die das Licht in einer Weise zurückwarf, die für einen Moment so wirkte, als sei dahinter ein Feuer.

Ich ging langsam.

Ich dachte nicht an Mark.

Ich dachte an die Frau, die ich gewesen war, vor siebzehn Monaten, in einem Klinikbett, mit einem Umschlag auf der Decke und einem Stick unter dem Kissen.

Diese Frau hatte sich nicht gewehrt. Diese Frau hatte gewartet. Diese Frau hatte einen Satz ihres Vaters im Ohr, den sie damals noch nicht ganz verstanden hatte. *Niemand ist so teuer wie der Mann, der dich nicht schätzt.*

Sie hatte den Satz inzwischen verstanden.

Sie hatte ihm auch nicht widersprochen.

Ich kam zurück, als es bereits zu dämmern begann.

Frau Brandl hatte das Licht im Arbeitszimmer angemacht. Sie hatte eine zweite Mappe auf den Schreibtisch gelegt, neben die erste.

Ich öffnete sie.

Es war ein Dokument von Heinrich Altmann. Ein Vorschlag für die strukturelle Reform der Hartmann Gruppe in den ersten sechs Monaten unter neuer Führung. Vierzehn Seiten. Sehr detailliert. Sehr ruhig.

Ich las die erste Seite.

Auf der ersten Seite stand der Satz: *Eine Firma, die durch eine Krise gegangen ist, braucht keine Erneuerung. Sie braucht eine Wiederholung dessen, was sie immer war, durchgeführt von jemandem, der weiß, was sie war.*

Ich legte das Dokument zur Seite.

Ich würde es morgen lesen.

Heute hatte ich genug gelesen.

Ich setzte mich an den Schreibtisch.

Ich nahm den Hörer.

Ich rief Margot nicht an. Ich rief Clara nicht an. Ich rief auch Jan nicht an.

Ich rief nur Weber an.

„Klaus.“

„Emilia.“

„Ich habe eine Frage.“

„Ja?“

„Wenn er am Donnerstag in der ersten Reihe sitzt und ich in der ersten Reihe sitze. Wo wird er sitzen?“

„Er wird nicht in der ersten Reihe sitzen, Emilia. Er wird in der dritten Reihe sitzen, am Rand, neben Vogel. Es ist so vereinbart.“

„Wer hat das vereinbart?“

„Vogel und ich. Mark hat es akzeptiert.“

„Gut.“

„Sie haben sonst keine Frage?“

„Nein. Das war alles.“

„Schlafen Sie gut, Emilia.“

„Sie auch, Klaus.“

Ich legte auf.

Ich saß noch eine Weile am Schreibtisch.

Ich sah auf die Mappe, die Vogel heute Vormittag aus Marks Hand entgegengenommen hatte. Sie lag jetzt vor mir, und ich wusste, dass auf der vorletzten Seite eine Unterschrift stand, die zwölf Jahre und dreißig Tage und einen Vormittag in einem Klinikzimmer in eine Linie zusammenfasste.

Ich öffnete die Mappe nicht noch einmal.

Ich machte das Licht aus.

In der Diele blieb ich einen Augenblick stehen. Frau Brandl war oben in ihrer Wohnung, ich hörte den schwachen Ton eines Radios durch die geschlossene Tür.

Ich ging die Treppe hoch.

Auf halber Höhe blieb ich stehen.

Ich sah hinunter in die dunkle Diele und dachte für einen Moment, ich hätte einen Schritt gehört.

Es war kein Schritt.

Es war das Haus, das sich abkühlte.

Ich schlief nicht sofort ein.

Ich lag im Bett und ich sah an die Decke. Die Vorhänge waren halb offen. Ein Streifen Laternenlicht fiel von der Straße hereing, schwach, gelblich, und blieb an der Wand neben der Tür stehen, in einer Linie, die jede Nacht dieselbe war.

Ich dachte an Vogel.

Vogel war ein Mann, der in seinem ganzen Berufsleben Mandanten begleitet hatte, die in einer Position standen, in der nichts mehr zu gewinnen war. Er hatte gelernt, die Würde dieser Mandanten gegen einen Verlust einzutauschen, der unvermeidlich war. Er hatte heute Vormittag seinen Mandanten gefragt: *Sie können noch eine Frage stellen.* Und der Mandant hatte gefragt: *Wird sie kommen?*

Es war keine Frage, die ein Anwalt erwartete.

Es war auch keine Frage, die ein Mann wie Mark vor zwei Jahren gestellt hätte. Vor zwei Jahren hätte Mark nicht gefragt, ob ich kommen würde. Vor zwei Jahren wäre er davon ausgegangen, dass ich nicht käme, oder dass es ihm gleichgültig wäre, ob ich käme.

Heute war es ihm nicht gleichgültig.

Es war keine Wende. Es war eine Information.

Eine Information, die ich nicht weiter ausbaute.

Ich drehte mich auf die Seite.

Ich schlief.

Ich träumte von dem Garten, in dem der Flieder zu blühen begann, und ich träumte von einer Frau, die am Brunnen vor dem Hofgarten stand und mir den Rücken zukehrte, und ich wusste im Traum, dass die Frau meine Mutter war, ohne dass ich ihr Gesicht sah.

Sie sagte nichts.

Sie ging weiter.

Ich folgte ihr nicht.

Als ich erwachte, war es schon hell.

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