Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 40: Die Einladung

Der Kurier kam am Mittwochvormittag.

Frau Brandl öffnete die Tür. Ich hörte die kurze Zwiesprache im Vestibül, den höflichen bayerischen Tonfall des Fahrers, den höflicheren, leiseren Ton von Frau Brandl, die ihm auf einem kleinen Block unterschrieb und ihm einen Stempel aufdrückte. Dann die Tür, die ins Schloss fiel.

Sie kam ins Frühstückszimmer mit einem braunen Umschlag.

„Für Sie.“

„Danke.“

Sie legte ihn neben die Butterdose. Sie sagte nicht, was sie dachte. Sie räumte das Brot weg, die Honigschale, die beiden Tassen, die stehengeblieben waren. Sie gab mir Raum.

Ich nahm den Umschlag nicht sofort.

Ich trank meinen Kaffee fertig. Der Kaffee war noch heiß. Ich mag es nicht, Kaffee stehen zu lassen.

Dann, als Frau Brandl fertig war und in die Küche gegangen war, nahm ich das Briefmesser aus der Schublade und schnitt den Umschlag auf.

Papier. Dick. Gut. Das Papier der Hartmann Gruppe — cremefarben, leicht genarbt, mit dem kleinen geprägten Logo in der rechten oberen Ecke, das mein Mann vor sechs Jahren hatte entwerfen lassen. Ein stilisiertes H, das gleichzeitig ein Dach sein sollte. Es war nie wirklich schön gewesen.

Zwei Bögen.

Der erste:

>**EINLADUNG ZUR AUSSERORDENTLICHEN SITZUNG DES AUFSICHTSRATS DER HARTMANN GRUPPE GMBH** > >*Sehr geehrte Frau Hartmann,* > >*hiermit laden wir Sie zur außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrats der Hartmann Gruppe GmbH am Dienstag, dem 9. Mai, um 14.00 Uhr, im großen Sitzungssaal der Verwaltung, Maximilianstraße 12, ein.* > >*Die Sitzung dient der Klärung von Fragen zur Gesellschafterstruktur der Hartmann Gruppe. Sie werden in Ihrer Eigenschaft als Miteigentümerin der Gesellschaft gebeten, teilzunehmen.* > >*Tagesordnung:* >*1. Begrüßung, Feststellung der Beschlussfähigkeit* >*2. Bericht des Vorstands* >*3. Klärung der Gesellschafterstruktur* >*4. Verschiedenes* > >*Die Sitzung wird voraussichtlich zwei Stunden in Anspruch nehmen. Eine Rückmeldung bis zum 5. Mai wäre uns willkommen.* > >*Mit vorzüglicher Hochachtung* >*Dr. Friedrich Haller* >*Vorsitzender des Aufsichtsrats*

Ich las die Einladung ein zweites Mal.

Dann ein drittes.

Ich sah das Wort „Miteigentümerin“ an. Es war das erste Mal, dass ich dieses Wort in einem offiziellen Dokument der Hartmann Gruppe sah, das meinen Namen neben sich trug.

Der zweite Bogen war ein handschriftlicher Zusatz, in schmalerer, fester Schrift.

>*Verehrte Frau Richter,* > >*ich habe mich in den letzten Tagen mit Ihrem Anwalt Dr. Weber unterhalten. Er hat mich auf die Dringlichkeit hingewiesen. Ich möchte Ihnen persönlich versichern, dass der Aufsichtsrat diese Sitzung mit der nötigen Sorgfalt und Zurückhaltung vorbereiten wird. Ich würde mich freuen, Sie vor der Sitzung einmal persönlich zu sprechen. Mein Büro steht dafür jederzeit zur Verfügung.* > >*Mit freundlichen Grüßen* >*Friedrich Haller*

Ich legte den zweiten Bogen auf den ersten.

Ich hatte Friedrich Haller einmal gesehen. Vor drei Jahren, auf einem Empfang der Bayerischen Staatsoper. Er war ein schmaler Mann mit weißem Haar, älterer Juristentyp, Kind der frühen achtziger Jahre in der Kanzlei Altmann & Co, dann eine Vorstandskarriere, dann Aufsichtsratsmitglied in mehreren bayerischen Unternehmen. Er war einer der Männer, die auf Empfängen wenig redeten und an die sich niemand erinnerte, weil sie nicht beeindrucken wollten.

Er hatte sich einmal vorsichtig über Mark geäußert, ohne ihn direkt zu nennen. Ich hatte damals verstanden, was er meinte. Ich hatte nicht geantwortet.

Ich verstand es jetzt besser.

Ich rief Weber vor dem Mittagessen an.

„Dr. Haller hat Ihnen geschrieben?“

„Ja.“

„Handschriftlich?“

„Ja. Im zweiten Bogen.“

„Gut.“

„Wann haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Am Samstag. Ich habe ihn zu Hause angerufen. Er hat mir anderthalb Stunden zugehört. Er hat wenige Fragen gestellt. Er hat dann einen Satz gesagt, den ich Ihnen wörtlich wiedergeben möchte.“

„Bitte.“

„’Dr. Weber, ich bin in meinem Aufsichtsrat seit neun Jahren. Ich habe immer geahnt, dass die Firma nicht so aussieht, wie sie aussieht. Ich bin froh, dass mir jetzt endlich jemand sagt, was ich ahnte.'“

„Das ist ein Mann.“

„Ja. Das ist ein Mann.“

„Ich soll ihn vor der Sitzung sehen.“

„Er hat mir das auch vorgeschlagen. Ich würde es tun. Nicht in seinem Büro. Auch nicht in meiner Kanzlei. Geben Sie ihm ein ruhiges Café, eine Stunde, einen sauberen Tisch. Er soll sich Ihre Stimme merken, bevor er Sie in der Sitzung hört.“

„Ich lade ihn in die Villa ein.“

Weber schwieg einen Moment.

„Das ist gut gedacht. Er wird verstehen, was das bedeutet.“

„Ich lade ihn ein, weil ich in meinem eigenen Haus sitzen möchte, wenn ich den Mann treffe, der die Firma meines Vaters formal mitführt.“

„So war es gemeint.“

„Was machen wir mit Mark?“

„Das ist die schwierigere Frage. Rechtlich muss er natürlich an der Sitzung teilnehmen, als geschäftsführender Gesellschafter. Er wird die Einladung in derselben Post bekommen haben.“

„Dann weiß er es auch schon.“

„Vermutlich weiß er es seit heute Mittag.“

„Er wird anrufen.“

„Er wird anrufen.“

„Ich nehme nicht ab.“

„Sie müssen nicht abnehmen. Ich werde in einer Stunde eine kurze schriftliche Nachricht an seinen Anwalt schicken, in der ich bestätige, dass ich Ihre Interessen in dieser Angelegenheit vertrete und er seine Kommunikation über mich führen soll.“

„Gut.“

„Frau Richter, noch etwas. Ich möchte, dass Sie in den nächsten zwei Wochen wirklich still bleiben. Keine Empfänge. Keine Einladungen, die Sie noch rausbekommen könnten. Keine Interviews, obwohl Sie keine bekommen werden, aber ich sage es trotzdem.“

„Ich war auch vorher still.“

„Noch stiller.“

„Gut.“

„Und, Frau Richter — —“

„Ja?“

„Ich hatte lange nicht mehr das Gefühl, dass ich mich freue auf eine Sitzung.“

Ich lächelte am Telefon.

„Dr. Weber.“

„Ja.“

„Ich auch nicht.“

Am Nachmittag rief Dr. Haller selbst an.

Seine Stimme war leise, ruhig, ein bayerischer Akzent, den er im Lauf der Jahrzehnte beinahe abgeschliffen hatte. Er sprach ohne Umschweife.

„Frau Richter. Sie haben meinen Brief.“

„Ja, Herr Dr. Haller.“

„Ich würde mich freuen, wenn wir uns vor der Sitzung sehen könnten.“

„Ich freue mich auch darüber. Ich möchte Sie bitten, mich zu Hause zu besuchen. In der Villa meines Vaters. In Bogenhausen.“

Er schwieg einen kurzen Moment.

„Das ist eine sehr angenehme Einladung, Frau Richter.“

„Wann?“

„Nächsten Dienstag, wenn es Ihnen recht ist. Vormittags. Ich habe um vierzehn Uhr einen Termin in der Reitmorstraße.“

„Zehn Uhr?“

„Zehn ist gut.“

„Dann erwarte ich Sie um zehn.“

„Ich danke Ihnen, Frau Richter.“

„Herr Dr. Haller.“

„Ja.“

„Ich bin nicht eine laute Frau.“

„Das habe ich vermutet.“

„Ich wollte es nur sagen, damit Sie nicht die falschen Erwartungen mitbringen.“

„Ich bringe die Erwartungen mit, die sich aus unserem Gespräch mit Dr. Weber ergeben haben. Mehr nicht.“

„Gut.“

Er legte auf.

Ich blieb noch eine Weile im Frühstückszimmer.

Die Einladung lag noch auf dem Tisch, zwischen der Butterdose und der leeren Kaffeetasse. Dr. Hallers handschriftlicher Zusatz lag obenauf. Das Papier hatte diese schwache, kühle Eigenschaft, die gutes Bütten immer hat — es gibt nach, wenn man es drückt, und es behält die Erinnerung an den Druck für einen Moment.

Ich las die Einladung zweimal. Das hatte ich schon getan. Ich las sie ein drittes Mal.

Dann legte ich sie neben meinen Kaffee.

Die Mappe meines Vaters lag schon seit Wochen in derselben Schublade. Sie wartete. Ich auch.

Frau Brandl kam herein.

„Darf ich abräumen?“

„Noch nicht.“

„Gut.“

Sie ging wieder.

Ich nahm den Umschlag, den Brief, die handschriftliche Note. Ich steckte alles zurück in den Umschlag. Ich trug den Umschlag ins Arbeitszimmer meines Vaters.

Ich öffnete die Schublade.

Die Mappe war da, wie immer. Die Mappe hatte einen dunkelgrünen Leinenrücken und eine Prägung mit den Buchstaben „R — I — 1998″, die das Jahr bezeichneten, in dem mein Vater sie angelegt hatte.

Ich legte den Umschlag neben die Mappe.

Ich schloss die Schublade.

Dann blieb ich noch einen Moment im Arbeitszimmer stehen. Ich sah das Porträt meines Vaters an der Wand gegenüber vom Schreibtisch. Es war das einzige seiner Porträts, das er zugelassen hatte. Meine Mutter hatte es ihm zum sechzigsten Geburtstag aufgezwungen.

Er sah mir nicht in die Augen. Er sah leicht an mir vorbei, in Richtung Fenster. So hatte er immer gesessen, wenn er nachdachte.

Ich sagte nichts. Ich sah ihn nur an. Dann ging ich hinaus und zog die Tür leise hinter mir ins Schloss.

Am Nachmittag rief Clara an.

„Die Einladung ist da?“

„Ja.“

„Wie hat sie ausgesehen?“

„Wie eine Einladung. Gutes Papier. Zwei Bögen. Hallers Handschrift auf dem zweiten.“

„Hallers Handschrift ist immer Gold.“

„Ja. Er schreibt wie ein Mann aus einer anderen Zeit.“

„Er ist ein Mann aus einer anderen Zeit.“

„Er hat mir vorgeschlagen, dass wir uns vorher sehen.“

„Und?“

„Ich habe ihn in die Villa eingeladen. Nächsten Dienstag.“

Clara schwieg einen Moment.

„Em.“

„Ja.“

„Du lädst den Vorsitzenden des Aufsichtsrats deiner Firma — die ihm bis gestern noch nicht gehörte — in die Villa deines Vaters ein. Zum Kaffee.“

„Ja.“

„Das ist — klug.“

„Ich weiß.“

„Das ist sehr klug.“

„Ich habe es nicht gesagt, um klug zu sein. Ich habe es gesagt, weil ich nicht in sein Büro gehen wollte.“

„Manchmal ist die Klugheit das, was entsteht, wenn man nur sich selbst folgt.“

Ich lächelte.

„Clara.“

„Ja.“

„Du wirst am Tag der Sitzung nicht dabei sein.“

„Nein.“

„Aber du wirst in München sein.“

„Im Cafè Luitpold. Hinten, am Fenster.“

„Ich komme vorbei, wenn es vorbei ist.“

„Ich warte.“

Am Abend, vor dem Einschlafen, ging ich noch einmal ins Arbeitszimmer.

Ich öffnete die Schublade nicht. Ich drehte nur den kleinen Schlüssel zwischen den Fingern, den ich in der Tasche meines Hausmantels hatte. Es war der Schlüssel zur Schublade mit den Akten. Frau Brandl hatte ihn mir vor Monaten gebracht, in einer kleinen silbernen Dose, die sie fünfzehn Jahre aufbewahrt hatte. Er war aus Messing, dünn, leicht, und er fühlte sich warm an, wenn man ihn eine Weile in der Hand hielt.

Ich legte ihn auf das Sideboard.

Ich würde ihn am Dienstag mitnehmen. In die Sitzung. Nicht, weil ich ihn brauchte. Sondern weil er dort hineingehörte.

Das war ein Satz, den ich meinem Vater nicht mehr sagen würde.

Aber er hätte verstanden, was ich meinte.

Später, im Bett, las ich die Einladung noch einmal. Ich hatte sie in eine Buchtasche gesteckt und mit nach oben genommen. Ich las das Wort „Miteigentümerin“ ein fünftes Mal.

Ich hatte dieses Wort meinen Lebensweg lang nie offiziell getragen. Ich war Emilia Hartmann, geborene Richter, die Ehefrau des CEO. Ich war in den Einladungen zu Empfängen geführt worden als „Frau Hartmann“, im besten Fall. In den schlechteren Fällen als „Gattin“. Auf einer Einladung zur Benefizgala vor vier Jahren hatte irgendein Sekretariat mich versehentlich als „Frau Mark Hartmann“ geführt, mit seinem Vornamen statt meinem. Ich hatte den Brief damals gelesen und ihn weggelegt, ohne es Mark zu sagen. Er hätte sich gefreut.

Jetzt lag auf dem Sideboard neben meinem Bett ein Brief, in dem ich als „Miteigentümerin“ einer Firma angesprochen wurde, die seit mehr als zwanzig Jahren den Namen meines Vaters nicht mehr trug.

Ich legte den Brief ab. Ich löschte das Licht.

Es war dunkel im Raum, aber durch die offenen Vorhänge kam genug Licht von der Straße, dass ich die Decke sehen konnte.

Ich schlief nicht sofort.

Nächste Seite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert