Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 48: Vor dem Sitzungssaal

Jan kam um Punkt acht.

Er hatte den Mantel über dem Arm und einen einzelnen kleinen Koffer dabei, den er in den Flur stellte, ohne ihn aufzumachen. Er war ungeschoren, was bei ihm nicht ungewöhnlich war, und er sah nicht müde aus, was ich erwartet hatte.

„Du.“

„Ja.“

Er sah mich kurz an.

„Du siehst aus wie sie.“

„Frau Brandl hat es gestern auch gesagt.“

„Es war nicht als Kompliment gemeint. Es war als Feststellung.“

„Ich nehme es so.“

Er zog den Mantel aus. Er roch nach dem Hamburger Hauptbahnhof, nach Nachtzug und nach kaltem Kaffee. Er hatte den Zug genommen, weil er Flugzeuge nicht mochte, und er hatte es an mir nicht erwähnt.

„Frühstück?“

„Ich habe schon im Hotel.“

„Kaffee.“

„Ja.“

Frau Brandl brachte ihn. Sie nickte Jan zu, als wäre er nicht ein Jahr lang weg gewesen, sondern gestern in den Garten gegangen.

„Herr Richter.“

„Frau Brandl.“

„Es freut mich, dass Sie da sind.“

„Mich auch.“

Sie ging.

Jan setzte sich. Er sah mich über die Tasse hinweg an.

„Wie geht es dir?“

„Gut genug.“

„Was heißt das?“

„Es heißt, ich werde heute hingehen.“

„Allein?“

„Mit Weber. Mit dir.“

„Mit mir.“

„Du kommst mit, oder nicht?“

„Ja. Aber ich frage, ob du es willst.“

„Ich will es.“

Er nickte.

„Dann komme ich mit.“

Weber kam um halb neun.

Er hatte heute keinen Aktenkoffer dabei. Er hatte eine schmale schwarze Mappe, in einer ledernen Hülle, die nicht neu aussah, sondern älter, als sähe sie schon seit Jahrzehnten Sitzungen. Er trug den dunkelgrauen Anzug, den er bei wichtigen Terminen trug, und die Krawatte, die seine Frau ihm einmal zum Geburtstag geschenkt hatte und die er nur an Tagen trug, an denen er konzentriert sein wollte, ohne sich darum kümmern zu müssen, wie er aussah.

„Frau Hartmann.“

„Weber.“

„Wir gehen um zehn.“

„Gut.“

Er sah Jan an.

„Herr Richter.“

„Herr Weber.“

„Es ist gut, dass Sie da sind.“

Sie kannten sich nicht gut. Aber sie hatten sich vor zwölf Jahren auf einem Empfang gesehen, im Bayerischen Hof, an einem Abend, an dem mein Vater ihn Jan vorgestellt hatte mit den Worten: *„Wenn ich tot bin, gehst du zu Weber.“* Mein Vater hatte solche Sätze gemocht. Er hatte sie nicht laut gesagt, aber er hatte sie ernst gemeint.

Wir saßen zu dritt im Wohnzimmer und sprachen nicht über die Sitzung.

Weber sprach über das Wetter, das jetzt klar geworden war, mit einem schwachen, hohen Blau über München, das auf ein paar warme Tage hindeutete. Jan sprach über ein Projekt in Hamburg, das ihn beschäftigte, einen alten Speicher an der Elbe, der saniert werden sollte. Ich hörte ihnen zu und sagte wenig.

Um zwanzig vor zehn stand ich auf.

„Ich ziehe mich um.“

Frau Brandl hatte den schwarzen Mantel aufgehängt, im Schlafzimmer, an der Innenseite der Schranktür. Sie hatte die Schuhe noch einmal mit einem Tuch nachgewischt. Sie hatte die Bluse, die ich ausgesucht hatte, gebügelt, leicht und ohne Falten.

Ich zog mich an.

Schwarze Hose. Weiße Bluse. Schwarze Schuhe. Der lange schwarze Mantel.

Ich sah einmal kurz in den Spiegel.

Die Frau, die mich ansah, war die Frau aus dem Friseurgeschäft. Sie war nicht jünger als gestern, nicht gesünder. Aber sie sah aus wie sie selbst.

Ich nahm den Brief meiner Mutter aus der Schublade.

Ich öffnete ihn nicht. Ich nahm ihn nur in die Hand. Ich legte ihn dann zurück. Ich ließ die Schublade einen Spalt offen.

Wir nahmen Webers Wagen.

Weber fuhr, was er sonst nicht tat. Sein Fahrer hatte heute frei. Weber sagte, er fahre selbst, wenn es darauf ankomme. Es war ein alter Mercedes, ein bisschen aus der Mode, dunkelgrün, mit beigem Leder, der Wagen von einem Mann, der den Wagen nicht ersetzte, weil es ihm gleich war, was die anderen über sein Auto dachten.

Jan saß hinten. Ich saß vorn.

Wir sprachen nicht viel.

Vor dem Hotel Vier Jahreszeiten standen heute zwei Limousinen mit Fahrern. Weber sagte:

„Vogt.“

„Ja.“

„Schmidt.“

„Aha.“

„Beide schon da.“

„Gut.“

Wir bogen in die Maximilianstraße ein.

An der Hausnummer 12 standen zwei Männer im Anzug am Eingang.

Einer von ihnen war Hilfssekretär eines Aufsichtsratsmitglieds, das ich noch aus Vorzeiten kannte. Er sah mich, er erkannte mich, er nickte einmal kurz, ohne den Eindruck zu erwecken, dass er mich erkannt hatte. Eine Münchner Geste. Er würde mich gleich anders begrüßen, wenn die richtige Person ihn ansah.

Der andere war ein junger Mann, Mitte dreißig, in einem Anzug, der nicht ganz saß. Er sah mich an, ohne mich zu erkennen, und sah Weber an, und nickte.

„Herr Doktor Weber.“

„Guten Tag.“

„Sie werden erwartet.“

Er sah Jan an. Er sah mich an. Er suchte einen Augenblick nach einem Namen.

Bevor er ihn falsch wählen konnte, sagte Weber:

„Frau Richter. Herr Richter.“

Der junge Mann nickte.

„Frau Richter. Bitte.“

Ich war zwölf Jahre lang in dieses Haus als Frau Hartmann gegangen.

Heute trat ich als Frau Richter ein.

Im Foyer erkannte mich die Empfangsdame nicht sofort.

Sie war neu. Sie war erst seit einem Jahr da, hatte mir Schmidt einmal erzählt. Sie hatte mich noch nie gesehen, höchstens auf einem Foto, das in irgendeiner internen Akte vergilbt war.

„Guten Tag, der Herr.“

Sie nickte Weber zu.

„Frau Stelzer hat angerufen“, sagte Weber. „Wir werden im großen Sitzungssaal erwartet, Aufsichtsrat, zehn Uhr.“

„Ja, der Herr.“

Sie sah mich an. Sie zögerte einen kleinen Augenblick. Sie versuchte zu entscheiden, wie sie mich anreden sollte.

Bevor sie es entscheiden musste, kam Schmidt aus dem Aufzug.

Schmidt war gestern Abend nicht mehr im Café Luitpold gewesen. Er hatte heute das graue Hemd an, das er trug, wenn er nicht wusste, ob der Tag gut oder schlecht ausgehen würde. Er sah uns. Sein Gesicht entspannte sich um eine Spur.

„Frau Richter.“

Er sagte es laut genug, dass die Empfangsdame es hörte.

„Herr Schmidt.“

„Doktor Weber. Herr Richter.“

„Schmidt.“

„Ich bringe Sie hoch. Vogt wartet. Er wollte Sie unter vier Augen sehen, kurz vor der Sitzung.“

„Gut.“

Wir fuhren in den dritten Stock.

Im Aufzug standen wir zu viert.

Schmidt sagte nichts. Er hielt die kleine Mappe, die er immer hielt, in der linken Hand. Er sah mich einmal kurz von der Seite an, in der Spiegelfläche der Aufzugswand, und er sah dann sofort wieder weg.

Ich wusste, was er dachte.

Er dachte, dass die Frau, die er hier sah, die Frau war, mit der er vor zwei Wochen im Café Luitpold gesprochen hatte, und nicht mehr ganz dieselbe war. Sie sah anders aus. Nicht stärker. Klarer.

Die Tür ging auf.

Vogt stand im Vorzimmer.

Er war ein Mann von siebenundsechzig Jahren, schmal, mit grauem Haar, das er nach hinten kämmte. Er sah aus wie ein Münchner Notar aus den siebziger Jahren, auch wenn er das nie gewesen war. Er hatte mich seit drei Jahren nicht gesehen und seit sechs Jahren nicht mehr in diesem Haus.

Er kam einen Schritt auf mich zu.

„Frau Richter.“

„Herr Doktor Vogt.“

Er sah mich an. Dann nickte er. Es war kein höflicher Nickel. Es war ein Nickel, der etwas anerkannte.

„Wir sprechen kurz.“

„Gerne.“

Er führte mich in ein kleines Zimmer neben dem Sitzungssaal, eine Art Vorraum, in dem nur ein hoher Schreibtisch und ein einzelner Sessel standen. Er ließ die Tür einen Spalt offen.

Er sprach mit mir drei Minuten.

Es war ein sachliches Gespräch. Er stellte zwei Fragen. Ich antwortete kurz auf die eine und ein wenig länger auf die andere. Er nickte.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Sie wissen, dass Ihr Mann heute hier sein wird.“

„Ich weiß.“

„Er weiß nicht, dass Sie hier sind.“

„Ich nehme das an.“

„Schmidt hat es ihm nicht gesagt. Ich habe es ihm nicht gesagt. Frau Walter hat es ihm nicht gesagt.“

„Auch Frau Walter.“

„Auch Frau Walter.“

Ich sagte nichts.

„Frau Richter.“

„Ja.“

„Ich sage Ihnen das nicht, um Ihnen einen Vorteil zu geben. Ich sage es, damit Sie wissen, was Sie sehen werden, wenn er hereinkommt.“

„Ich danke Ihnen.“

„Gehen wir.“

Der große Sitzungssaal war ein langer Raum mit hoher Decke.

Ein langer Tisch aus Nussbaum, an dem zwölf Stühle standen. Auf der einen Seite saßen die Aufsichtsratsmitglieder. Drei Männer und eine Frau. Sie waren bereits da. Auf der anderen Seite saß Schmidt, allein. An der Stirnseite, dem leeren Stuhl gegenüber, war der Platz für den Vorsitzenden, Vogt.

Der Stuhl, den der Vorstandsvorsitzende einnahm, stand an der Mitte der Tischseite, unbesetzt.

Weber führte mich an einen Stuhl an einer Nebenseite des Tisches, weiter unten, näher am Fenster. Er setzte sich neben mich. Jan setzte sich hinter uns, an einen kleinen Stuhl an der Wand.

Ich legte den Mantel nicht ab. Ich schob ihn nur auf der Lehne zurecht.

Vogt setzte sich an die Stirnseite.

Er sah auf die Uhr.

„Wir warten noch zwei Minuten.“

Ich saß mit dem Rücken halb zur Tür, leicht seitlich, so dass jemand, der eintrat, mich nicht zuerst sehen würde. Er würde Vogt sehen. Er würde Schmidt sehen. Er würde an den Sitzungssaal denken, den er kannte, und an die Sitzung, von der er glaubte, dass er heute den Bericht halten würde.

Dann würde sein Blick weiter wandern.

Und an einem bestimmten Moment, an einer Stelle des Tisches, würde sein Blick stehenbleiben.

Die Tür ging auf.

Mark trat ein.

Er hatte den dunkelblauen Anzug an. Er hatte die Krawatte, die ich ihm vor zwei Jahren in Mailand gekauft hatte. Er hatte das Telefon in der Hand. Er hatte den Schritt eines Mannes, der ein Sitzungssaal betritt, in dem ihm dreißig Mal vorher das Wort erteilt worden war.

Er sah Vogt.

Er sah Schmidt.

Er sah die Aufsichtsräte.

Sein Blick hielt einen Augenblick auf einer Frau, die er nicht kannte, in dem grauen Mantel, den niemand sonst im Raum trug, und er suchte einen Namen für sie, weil es zur Höflichkeit gehört, in einer Sitzung jeden im Raum zu kennen.

Dann erkannte er sie.

Sein Schritt blieb stehen.

Sein Mund öffnete sich um einen halben Millimeter.

Das Telefon in seiner Hand sackte ein wenig.

Er sagte nichts.

Er wusste nicht, dass ich kommen würde.

Ich sah ihn an. Ich sah nicht weg. Ich machte mein Gesicht nicht hart und nicht weich. Ich ließ ihn nur den Augenblick haben, in dem er entscheiden musste, wie er weiterging.

Es war ein kleiner Augenblick. Er dauerte vielleicht zwei Sekunden. Aber für einen Mann, der seit zwölf Jahren in jeden Raum als der getreten war, der den Raum kannte, war es ein langes Innehalten.

Vogt sah einmal kurz zu mir, ohne den Kopf zu drehen. Es war ein Blick aus dem Augenwinkel, der nichts versprach und nichts forderte. Er sah dann wieder auf die Tagesordnung. Er ließ Mark den nächsten Schritt allein machen.

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