Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 84: Möller und Partner

Fabian Möller kam an einem Mittwoch.

Er kam um elf, wie verabredet, und er kam allein. Anne hatte ihn am Empfang in Empfang genommen. Frau Lehmann hatte ihm den Mantel abgenommen und gefragt, ob er einen Kaffee wünsche, und er hatte gesagt: „Nein, danke. Ich habe gerade einen getrunken.“

Frau Lehmann hatte mir das später erzählt. Sie hatte hinzugefügt: „Er hat es so gesagt, dass es nicht abweisend klang. Nur ehrlich.“

Sie hatte das bemerkt.

Ich hatte zugehört, ohne zu kommentieren.

Er stand im Vorzimmer, als ich aus meinem Büro kam.

Er war ein hochgewachsener Mann, etwas größer als Jan, mit einer Haltung, die nicht militärisch war, aber gerade. Er trug einen dunkelgrauen Anzug ohne Krawatte. Sein Hemd war weiß. Sein Schuhwerk war einfach. Er hatte eine Mappe unter dem Arm und einen Stift in der Brusttasche, dessen Kappe leicht herausragte.

Er war einundvierzig.

Das hatte mir Jan gestern Abend gesagt.

Ich hatte das Alter nicht abgefragt. Jan hatte es erwähnt, weil er es erwähnen wollte.

„Frau Richter.“

„Herr Möller.“

Wir gaben uns die Hand.

Sein Händedruck war kurz, fest, ohne Druck. Es war ein Händedruck, der in ungefähr zwei Sekunden vorüber war und der nichts behauptete. Er sah mich nicht zu lange an. Er sah mich nicht zu kurz an.

Er sah einfach.

„Ihr Bruder hat mir das Grundstück gestern beschrieben. Ich habe es mir heute früh angesehen. Ich war zwei Stunden dort. Ich habe einige Notizen gemacht.“

„Setzen wir uns.“

„Gerne.“

Anne öffnete die Tür zum Besprechungsraum.

Wir saßen am langen Tisch.

Heinrich Altmann war schon da. Er hatte das Buch über das Maxvorstadt-Quartier vor sich liegen. Markus Schmidt saß ihm gegenüber, mit dem Bauakt der Hartmann Gruppe in einem Ordner mit grauem Einband. Jan saß neben Heinrich. Fabian Möller setzte sich ihm gegenüber, neben Markus Schmidt.

Ich saß am Kopfende.

Ich hatte vor mir nichts liegen außer einem leeren Block und einem Stift.

„Herr Möller“, begann ich. „Mein Bruder hat Sie empfohlen. Herr Altmann hat Sie gestern getroffen. Beide sind der Meinung, dass wir Ihr Büro für das Maxvorstadt-Projekt erwägen sollten. Ich habe ein paar Fragen.“

„Bitte.“

„Wie viele Münchner Projekte haben Sie bisher gemacht.“

„Zwei.“

„Welche.“

„Eine Wohnanlage in Pasing. Zwei Bürogebäude in Bogenhausen, gemeinsam mit einem Münchner Büro.“

„Wer war das Münchner Büro.“

„Reisinger und Söhne.“

Ich nickte einmal. Reisinger war ein altes Haus, das ich kannte. Mein Vater hatte mit Reisingers Vater zusammengearbeitet, vor vielen Jahren. Wenn Reisinger mit Möller gearbeitet hatte, dann hatte er Möller sich vorher angesehen.

„Wie viele Mitarbeiter haben Sie.“

„Fünfunddreißig in Hamburg. Sieben in Berlin.“

„Wie würden Sie ein Münchner Projekt führen.“

„Ich würde einmal in der Woche herkommen. Ich würde zwei meiner Architekten dauerhaft hier stationieren. Wir würden ein Büro mieten — entweder ein eigenes oder einen Schreibtisch in einem hiesigen Büro. Beides ist möglich.“

„Wer von Ihnen würde herkommen.“

„Ich.“

Er sagte das ohne Eile, ohne Betonung. Er sagte es so, als sei es die einzige Antwort, die er geben konnte.

Ich nickte ein zweites Mal.

Heinrich Altmann sprach nun. Er hatte das Buch aufgeschlagen, an einer Seite mit einer Karte aus dem Jahr neunzehnhundertelf.

„Herr Möller. Sie haben heute Vormittag das Grundstück besichtigt. Was haben Sie gesehen?“

„Eine schwierige Lage.“

„Worin schwierig.“

„Die Tiefe des Grundstücks ist ungleich. An der nördlichen Seite gibt es drei Meter mehr als an der südlichen. Das ist eine Folge der Bebauung von vor neunzehnhundertfünfzig — ein Anbau, der im Krieg beschädigt wurde und nie wieder vollständig hergestellt. Das zweite ist die Erhebung. Das Grundstück liegt etwa anderthalb Meter höher als die Theresienstraße. Das war vermutlich vor neunzehnhundert anders. Ich vermute, da ist im neunzehnten Jahrhundert aufgeschüttet worden.“

Heinrich sah ihn an.

„Woher wissen Sie, dass aufgeschüttet wurde?“

„Ich habe es nicht gewusst. Ich habe es vermutet, weil die Nachbarbauten eine andere Sockelhöhe haben. Wenn ich morgen ins Stadtarchiv gehe, kann ich es bestätigen.“

Heinrich klappte das Buch zu.

„Ich habe es vor zwanzig Jahren bestätigt. Es ist aufgeschüttet.“

Fabian Möller nickte einmal.

„Dann werde ich es nicht noch einmal bestätigen.“

Heinrich sah einen Augenblick zu mir hinüber.

Es war ein kurzer Blick. Er sagte: *Er hat den Test bestanden.*

Wir sprachen anderthalb Stunden.

Fabian Möller sprach wenig, aber wenn er sprach, sagte er etwas, das vorher nicht im Raum gewesen war. Er stellte zwei Fragen, die niemand erwartet hatte — eine an Markus Schmidt zur Finanzierungsstruktur, eine an mich zur erwarteten Mietspanne. Die erste Frage zwang Markus Schmidt, eine Zahl zu korrigieren. Die zweite Frage beantwortete ich nach kurzem Nachdenken mit einem niedrigeren Wert, als ich vorher gedacht hatte.

Möller hatte nicht widersprochen.

Er hatte nur die Frage gestellt.

Um halb eins schlossen wir.

Ich stand auf. Die Männer standen ebenfalls auf. Markus Schmidt nahm seinen Ordner. Heinrich Altmann legte das Buch unter den Arm. Jan sammelte seine Notizen ein. Fabian Möller schloss seine Mappe und stand einen Augenblick an seinem Stuhl, bevor er sich umdrehte.

„Frau Richter.“

„Herr Möller.“

„Ich werde mit meinen Partnern in Hamburg sprechen. Ich werde Ihnen bis Montag eine schriftliche Antwort senden, ob wir mitbieten oder nicht.“

„Gut.“

„Falls wir mitbieten, möchten wir dem Wettbewerb in seinem üblichen Verfahren begegnen. Ich erwarte keine Vorzugsbehandlung wegen der Empfehlung Ihres Bruders.“

„Ich erwarte keine.“

Er nickte.

Wir gaben uns die Hand. Wieder kurz, wieder fest, wieder ohne Druck.

Er ging.

Anne führte ihn zum Aufzug.

Ich blieb mit Heinrich Altmann im Besprechungsraum.

Heinrich zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, ohne zu fragen. Er war einer der wenigen Menschen in diesem Haus, der sich noch hinsetzen durfte, ohne zu fragen. Er trank den letzten Schluck Wasser aus seinem Glas.

„Emilia.“

„Heinrich.“

„Er ist gut.“

„Ich weiß.“

„Er ist auch sauber.“

„Was meinen Sie damit.“

„Ich habe ihn gestern Abend angerufen, um mich für das heutige Treffen zu bedanken. Er hat mir gesagt, sein Vater sei vor acht Jahren gestorben, und sein Großvater habe das Büro gegründet. Es ist die dritte Generation. Er ist nicht aus Eitelkeit Architekt. Er ist es, weil sein Vater es war.“

„Wie sein Vater.“

„Wie unser Vater.“

Heinrich hielt einen Augenblick inne.

„Ich wollte das nur erwähnen.“

„Ich verstehe.“

Er stand auf. Er nahm das Buch.

„Ich gehe zurück nach Hause. Wenn Möller bis Montag schreibt, sollten wir uns am Dienstag noch einmal treffen.“

„Eingetragen.“

Er ging.

Ich blieb noch einen Augenblick im Besprechungsraum.

Anne kam herein.

„Frau Richter.“

„Anne.“

„Herr Möller hat gerade unten gewartet, bis sein Wagen vorgefahren ist. Er hat keinen Wagen vorbestellt. Er ist mit dem Taxi gekommen. Er ist mit dem Taxi gegangen. Er hat Frau Lehmann nicht gefragt, ob wir ihm einen Wagen rufen können. Er hat selbst eines herangewinkt.“

„Anne. Warum erzählen Sie mir das.“

„Weil es ungewöhnlich ist.“

Sie sah einen Augenblick auf den Tisch.

„Bei Herrn Hartmann hat einmal ein Architekt aus Frankfurt einen Termin gehabt. Der Architekt hatte kein Auto bestellt. Herr Hartmann hat sich darüber beschwert, weil er glaubte, das zeige Mangel an Vorbereitung. Ich habe es nicht vergessen. Ich erwähne es.“

„Sie erwähnen viele Dinge in letzter Zeit, Anne.“

„Ich weiß.“

„Das ist gut so.“

„Verstanden.“

Sie ging.

Ich blieb sitzen.

Ich sah aus dem Fenster.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte ein Lieferwagen. Auf dem Lieferwagen stand der Name eines Blumenhändlers, dem Frau Brandl seit dreißig Jahren die Begräbnisblumen abnahm. Der Fahrer trug zwei Sträuße in das Restaurant gegenüber. Sie waren weiß und gelb.

Ich nahm meinen Stift.

Auf dem Block, vor mir, stand nur der Termin für Möllers Antwort: *Montag.*

Ich schrieb darunter, in einer kleineren Schrift: *Ein ruhiger Mann.*

Dann schloss ich den Block.

Ich legte ihn in die obere Schublade meines Schreibtisches.

Ich öffnete sie nicht wieder, in den nächsten Tagen.

Am Abend in der Villa erzählte ich Jan, dass das Treffen gut gewesen war. Ich erwähnte Möllers Bemerkung über die Aufschüttung. Ich erwähnte den fehlenden Wagen nicht.

Jan nickte.

„Heinrich hat ihn bestanden?“

„Ja.“

„Dann wird Fabian mitbieten.“

„Du nennst ihn beim Vornamen?“

„Wir haben in Hamburg drei Jahre zusammengearbeitet. Wir nennen uns beim Vornamen.“

„Ah.“

„Du wirst ihn bei Sitzungen weiter Möller nennen.“

„Ja.“

„Gut.“

Wir aßen die Suppe, die Frau Brandl uns gemacht hatte.

Frau Brandl saß heute zum ersten Mal mit am Tisch, weil Jan sie gefragt hatte und sie gesagt hatte: „Das gehört sich nicht.“ Jan hatte gesagt: „Es gehört sich, wenn ich Sie frage.“ Frau Brandl hatte einen Augenblick still gestanden, dann sich an den Tisch gesetzt, ihre Schürze nicht abgenommen und gegessen.

Sie hatte wenig gesagt.

Sie hatte zugehört.

Als sie gegangen war, hatte Jan zu mir gesagt: „Sie wird das nie wieder tun.“ Und ich hatte gesagt: „Doch. Wenn du sie wieder fragst.“

Im Bett, später am Abend, dachte ich an den Block in der Schublade.

*Ein ruhiger Mann.*

Ich dachte daran, dass ich es nicht aufgeschrieben hatte, weil ich es behalten wollte. Ich hatte es aufgeschrieben, weil ich es vergessen wollte — wie eine Notiz, die man macht, um nicht ständig daran denken zu müssen.

Ob das gelang, war eine andere Frage.

Ich schloss die Augen.

Im Garten unten rief eine Eule.

Ich schlief.

Am nächsten Morgen rief Heinrich an.

Er rief um halb acht an, was für Heinrich früh war. Er rief von zu Hause an, wie immer.

„Emilia.“

„Heinrich.“

„Eine Sache noch zu Möller.“

„Bitte.“

„Ich habe heute Nacht nicht gut geschlafen, weil mir etwas eingefallen ist, was ich gestern nicht gesagt habe. Ich erwähne es heute Morgen, damit ich es loswerde.“

„Bitte.“

„Möller hat einen Bruder.“

„Wie alt.“

„Acht Jahre jünger. Achtunddreißig. Er ist Anwalt in Frankfurt. Er war in den achtziger Jahren mit einer Frau verlobt, die ich entfernt kannte. Die Verlobung wurde gelöst. Er hat dann eine andere Frau geheiratet. Sie haben zwei Kinder.“

„Heinrich.“

„Ja.“

„Warum erzählen Sie mir das.“

„Weil ich gestern, als ich Möller getroffen habe, kurz daran gedacht habe, dass die Familie keine schlechte Familie ist. Ich erwähne das.“

„Heinrich.“

„Ja.“

„Sie sagen heute Morgen Dinge, die Sie gestern Nachmittag nicht gesagt haben.“

„Ich weiß.“

„Warum.“

Er war einen Augenblick still.

„Weil ich, als ich nach Hause kam, an Ihre Mutter gedacht habe.“

Ich legte den Stift hin.

„Heinrich.“

„Ja, ich weiß. Ich höre auf. Ich bin alt und werde sentimental. Es ist nicht meine Art.“

„Es ist nicht Ihre Art, aber es ist nicht falsch.“

„Gut.“

„Heinrich.“

„Ja.“

„Danke.“

„Bitte.“

Er legte auf.

Ich saß noch einen Augenblick am Frühstückstisch.

Frau Brandl brachte einen Kaffee.

„Heinrich war früh dran.“

„Ja.“

„Hat er etwas Besorgniserregendes gesagt.“

„Nein.“

„Gut.“

Sie ging zurück in die Küche.

Ich nahm einen Schluck Kaffee.

Zwei Tage später erhielt Anne den schriftlichen Vorschlag von Möller und Partner.

Sie legte ihn mir am Donnerstagvormittag auf den Tisch, in einer ungeöffneten Mappe, die Möller persönlich am Empfang abgegeben hatte. Frau Lehmann hatte ihn in der Diele angenommen, ohne dass er um einen Termin gebeten hatte. Sie hatte mir später gesagt, er habe gefragt, ob er der Geschäftsführerin selbst etwas hochbringen dürfe, und sie habe gesagt, das sei nicht nötig — die Mappe gehe an Anne, und Anne kümmere sich.

Möller hatte genickt und war gegangen.

Frau Lehmann hatte hinzugefügt: „Er hatte Schuhe an, die nass waren. Es hatte heute Morgen geregnet. Er ist also zu Fuß gekommen.“

Ich hatte zugehört, ohne zu kommentieren.

Ich öffnete die Mappe.

Innen lag ein achtseitiger Vorschlag, in einer einfachen Bindung, ohne Glanz, ohne Logo auf jeder Seite. Auf der ersten Seite stand: *Stadtquartier Maxvorstadt. Vorschlag der Möller und Partner Architekten GbR. — Hamburg, München.*

Möller hatte München mitgeschrieben. Er hatte das Büro in Hamburg, aber er hatte beschlossen, München bereits in den Briefkopf aufzunehmen. Es war eine kleine Geste, aber sie war bewusst gewählt.

Ich las den Vorschlag in einer halben Stunde.

Er war nüchtern. Er machte keine Versprechungen, die er nicht halten konnte. Er nannte zwei Risiken, die andere Büros vermutlich verschwiegen hätten. Er machte einen Honorarvorschlag, der unter dem üblichen Satz lag.

Ich legte den Vorschlag zur Seite.

Ich rief Anne herein.

„Anne. Lassen Sie Heinrich Altmann den Vorschlag morgen Vormittag bekommen. Er soll ihn lesen und mir am Freitagnachmittag eine Einschätzung geben.“

„Verstanden.“

„Anne.“

„Ja.“

„Möller ist heute Morgen ohne Termin gekommen.“

„Frau Lehmann hat es mir gesagt.“

„Was halten Sie davon.“

„Es ist nicht ganz üblich.“

„Ist es respektlos.“

„Nein.“

„Was ist es dann.“

„Ich denke, es ist die Vorgehensweise eines Mannes, der seine Sache wichtig nimmt und sich selbst nicht.“

„Anne.“

„Ja.“

„Sie machen Beobachtungen.“

„Ja.“

„Sie haben das in den letzten zwölf Jahren nicht getan.“

„Doch. Ich habe sie nur nicht ausgesprochen.“

Ich sah sie an.

„Sprechen Sie sie weiter aus.“

„Verstanden.“

Sie ging.

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