Kapitel 27: Empfang
Die Einladung lag seit vier Wochen auf dem Schreibtisch.
Eine Wohltätigkeitsgala der Stiftung, die mein Vater zu Lebzeiten gegründet hatte. Seit fünfzehn Jahren führte sie ein kleiner Vorstand aus Freunden meines Vaters weiter, darunter ein Arzt aus Gräfelfing und ein Notar aus der Altstadt. Jedes Jahr im Frühjahr hielten sie einen Empfang in einem Saal, der mal an diesem, mal an jenem Ort war. Dieses Jahr im Bayerischen Hof.
Ich hatte zuerst nein sagen wollen. Ich hatte den Brief an die Wand gelehnt, sodass die goldene Schrift nicht sichtbar war, und dann zwei Wochen nicht mehr angesehen.
Margot hatte es bemerkt.
„Sie sollten kommen“, hatte sie am Samstag gesagt, ohne dass ich die Einladung erwähnt hatte. „Es muss ja nicht lange sein. Eine halbe Stunde genügt. Manche Abende sind wichtig, weil man gesehen wird, und manche, weil man gesehen hat. Dieser ist beides.“
Ich hatte nichts gesagt. Ich war nach Hause gegangen, hatte die Einladung umgedreht, die goldene Schrift gelesen, und am nächsten Morgen hatte ich die Zusage in den Briefkasten geworfen.
—
Clara half mir beim Kleid.
Das war ihr Ausdruck, nicht meiner. Sie hatte angerufen und gesagt: „Ich helfe dir beim Kleid.“ Das hieß: Sie kam mit zwei Gläsern in die Hand und sah sich an, was ich aus dem Schrank holte, und sagte dann: „Nicht das grüne.“
Ich nahm ein dunkelblaues. Einfach, an den Schultern bedeckt, nicht neu. Ich hatte es seit zwei Jahren nicht mehr getragen. Es saß lockerer, als ich erinnert hatte.
„Du bist dünn.“
„Ich weiß.“
„Nicht schlecht dünn. Nur dünn.“
„Gut.“
Clara trank ihren Wein. Sie sah mich im Spiegel an. Sie trug selbst nichts Besonderes, aber sie hatte die Eigenschaft, in Alltagsdingen so auszusehen, als seien sie abends geplant gewesen.
„Du wirst ihn sehen.“
„Ich weiß.“
„Er wird da sein.“
„Ich weiß.“
„Er wird versuchen, dich anzusprechen.“
„Ich werde es ihm nicht leicht machen.“
„Das weiß ich.“
Sie half mir beim Verschluss am Rücken.
„Emilia.“
„Ja.“
„Wenn er dich ansieht, stehe nicht so, als würdest du auf etwas warten. Steh, als wärst du schon woanders.“
„Dafür ist es zu spät. Ich stehe schon so, seit ich ins Klinikum gekommen bin.“
Sie lachte, mit dem Weinglas fast am Mund.
—
Wir kamen um halb acht im Bayerischen Hof an.
Der Portier öffnete mir den Wagen, den Clara gefahren hatte. Sie hatte gesagt, sie bringe mich hin und hole mich ab, und wenn ich vor ihr fertig sei, solle ich sie anrufen. Ich hatte zugestimmt, weil ich wusste, dass sie es ohnehin so machen würde, ob ich zustimmte oder nicht.
Im Foyer war Betrieb.
Ich kannte manche Gesichter. Einen Bankdirektor, der mich durch einen kurzen Blick grüßte. Eine Witwe eines Bauunternehmers, die mir zulächelte, wie sie immer zulächelte, ein wenig ratlos, ein wenig warm. Den Vorstand der Stiftung, Dr. Mayrhofer, der auf mich zuging, als er mich sah, und beide Hände nahm.
„Frau Richter. Wir haben gehofft.“
Er sagte „Richter“. Ich hatte in der Zusage „Hartmann“ geschrieben. Dass er Richter sagte, war eine Entscheidung. Ich sah es ihm an.
„Danke, dass Sie mich eingeladen haben.“
„Wir laden Sie immer ein. Sie sind uns fast nie gekommen.“
„Das werde ich nachholen.“
„Das würde Ihr Vater gern hören.“
Er ließ meine Hände los. Er winkte einem Kellner. Ein Glas mit etwas kamelfarbenem Sekt wurde mir in die Hand gegeben, das ich nicht bestellt hatte, aber das nahm ich, weil Menschen mit einem Glas in der Hand weniger angesprochen werden.
—
Ich sah Mark zuerst in der Mitte des Saals.
Er stand am Rand einer kleinen Gruppe, nicht in der Mitte, sondern seitlich, was für ihn ungewöhnlich war. Er trug einen dunkelblauen Anzug, der teuer war, wie alle seine Anzüge, aber dieser saß an der Schulter anders, als ich ihn in Erinnerung hatte. Entweder hatte er abgenommen, oder der Anzug war für einen Menschen geschnitten gewesen, der er vor Monaten noch gewesen war.
Er sah mich nicht sofort.
Er sprach mit einem Mann, den ich nicht kannte. Er lachte zu laut. Ich kannte dieses Lachen. Er lachte dieses Lachen, wenn er sich unsicher fühlte und es nicht zulassen wollte.
Sophia war nicht bei ihm.
Das war das Erste, was mir auffiel.
Das Zweite war: Ein Mann, der früher zu ihm herübergegangen wäre, stand drei Meter entfernt am Fenster und drehte sich nicht um, obwohl er Mark gesehen haben musste. Das war Senfter, ein Investor aus Nymphenburg. Mark hatte vor zwei Jahren noch mit ihm telefoniert, als säßen sie im selben Haus. Heute hielt Senfter ein Glas in der Hand und sprach mit einer Dame über etwas, das mit der Börse nicht viel zu tun haben konnte.
Das Dritte: Mark wusste, dass Senfter dort stand. Ich sah es an der Art, wie er den Kopf nicht drehte.
—
Ich ging nicht auf Mark zu.
Ich ging zu Dr. Mayrhofer zurück, der nun mit zwei anderen Männern sprach. Er stellte mich vor. Einer war ein Kinderarzt, der mit der Stiftung zusammenarbeitete. Der andere war ein Journalist der SZ, den ich vom Namen kannte. Er hörte, dass mein Name fiel, und drehte den Kopf schneller, als es höflich gewesen wäre.
„Frau Richter. Ich habe Ihren Vater ein einziges Mal interviewt. Es war das kürzeste Interview meines Lebens. Er hat auf jede Frage in einem Satz geantwortet. Ich habe nie so viel Material gehabt, aus so wenigen Worten.“
„Das klingt nach ihm.“
„Wir schreiben manchmal über die Hartmann Gruppe. Ich würde Sie zu gegebener Zeit gern einmal fragen, wann es Ihnen recht wäre.“
Ich sah ihn ruhig an.
„Ich spreche nicht über Unternehmen, in denen ich keine offizielle Funktion habe.“
„Das ist eine klare Auskunft.“
„Sie ist wahr.“
„Sie ist beides.“
Er lächelte, hob sein Glas einen Zentimeter, und ging weiter. Das war alles. Mehr war nicht nötig. Ich wusste jetzt, dass es ihn gab und dass er auf eine Gelegenheit wartete, bei der er ohnehin schon unterwegs war. Ich würde mich an seinen Namen erinnern.
—
Mark sah mich irgendwann doch.
Wir standen vielleicht acht Meter auseinander. Er hielt ein Glas in der Hand. Er sah mich, erschrak kurz, verbarg das Erschrecken. Dann setzte er eine Miene auf, die ich früher „geschäftlich“ genannt hatte: das leichte Lächeln, das nicht gemeint war, das eine Wange einen Millimeter höher als die andere hob.
Er kam nicht sofort herüber.
Er wartete, dass ich näher kam. Das war eine alte Gewohnheit von ihm. Früher hatte ich sie respektiert. Heute hielt ich einfach den Abstand.
Dr. Mayrhofer sprach etwas zu mir. Ich antwortete. Aus dem Augenwinkel sah ich Mark zögern, zwei Schritte machen, stehenbleiben. Ein anderer Gast sprach ihn an, ein Mann, den ich nicht sofort erkannte, älter, grauer Anzug. Mark drehte sich dem Mann zu, sagte etwas, lachte, und der Mann lachte nicht zurück. Der Mann nickte nur kurz und ging weiter.
Ich sah Mark nicht böse an.
Ich sah ihn gar nicht an.
Das war der Punkt.
Ich hatte in den ersten Wochen nach dem Klinikum manchmal geübt, Menschen nicht zu sehen. Das war anders als Ignorieren. Ignorieren war eine Handlung. Nicht-Sehen war eine Haltung. Mein Vater hatte das bei Empfängen gekonnt. Er hatte Menschen, mit denen er nicht sprechen wollte, durchgelassen, indem er den Blick nicht auf sie richtete, und der Raum hatte sich um die Unsichtbaren geteilt.
Ich schaffte es.
Mark stand drei Meter entfernt. Ich hörte seine Stimme mit einem anderen. Sie klang zu hoch, zu bemüht. Dann entfernte er sich wieder. Er ging in Richtung Garderobe.
Er war früher gegangen, als es passend war.
—
Ich sprach noch mit einer alten Dame, die meine Mutter gekannt hatte. Ich sprach mit einem Architekten, dessen Namen ich im Moment nicht einordnete, und der mir versicherte, er habe einmal im Büro meines Vaters ein Projekt besprochen, von dem er nie mehr gehört habe. Er lachte, als sei das Jahre her und lustig, und eigentlich war es das auch.
Ich war nicht lange da.
Nach einer guten Stunde suchte ich Dr. Mayrhofer auf, bedankte mich und sagte, ich sei noch nicht wieder ganz zu langen Abenden fähig, das verstehe er. Er verstand. Er hatte ein ernstes Gesicht, das ich immer gern gesehen hatte.
„Kommen Sie zur nächsten Sitzung?“
„Welche Sitzung?“
„Der Stiftung. Ihr Vater hat in seiner Verfügung für den Fall seiner Abwesenheit einen Sitz für seine Tochter vorgesehen. Sie haben ihn bisher nie eingenommen.“
Ich sah ihn an.
„Ich wusste das nicht.“
„Nicht vollständig. Sie haben damals die Unterlagen überflogen und nicht unterschrieben. Sie haben es weder ausgeschlagen noch angenommen. Es ist noch möglich.“
„Darf ich darüber nachdenken?“
„So lange Sie wollen, Frau Richter. Ihr Vater ging nicht davon aus, dass Sie sofort antworten. Er ging davon aus, dass Sie es irgendwann tun, und dass dann, wenn Sie es tun, es zum richtigen Zeitpunkt sein wird.“
„Das klingt nach ihm.“
„Das war er.“
—
An der Garderobe stand Mark.
Er hatte auf seinen Mantel gewartet. Er sah mich kommen. Ich sah ihn sehen. Wir standen beide noch jeweils zwei Meter vor der Theke. Ein Kellner kam mit meinem Mantel, den ich schon vor einer Viertelstunde abgegeben hatte. Mark wartete noch.
Unsere Augen trafen sich kurz.
Er machte einen Schritt auf mich zu. Er hob eine Hand, als wolle er etwas sagen.
„Frau Hartmann?“, sagte der Kellner. Er hielt meinen Mantel bereit.
„Richter“, sagte ich, ohne den Kellner anzusehen. Ich sagte es ruhig, nicht scharf. „Richter, bitte.“
Der Kellner nickte. Er notierte es sofort auf einem kleinen Zettel an seiner Theke. Ich zog den Mantel an.
Mark stand noch immer da, die Hand halb gehoben.
Ich sah ihn an.
Es war der längste Blick, den ich ihm seit vielen Monaten gab. Er dauerte keine zwei Sekunden. Ich sah einen Mann, der schmaler geworden war. Einen Mann, der noch immer einen teuren Anzug trug, aber der nicht mehr derselbe Mann war. Einen Mann, der einen Schritt auf mich zumachen wollte und einen halben ausgeführt hatte, weil er nicht mehr ganz wusste, wohin er sollte.
Ich fühlte in diesem Moment keine Wut.
Ich fühlte etwas anderes, das ich nicht erwartet hätte. Eine kurze, dünne, fast ärgerliche Schicht Mitleid. Nicht viel. Nicht genug, um etwas daraus zu machen. Gerade genug, um zu merken, dass sie da war.
Ich drehte mich um. Ich ging zum Ausgang.
Ich rief Clara nicht an. Ich ging fünf Minuten zu Fuß durch die kalte Luft des Promenadeplatzes, bis mein Atem ruhig war. Erst dann rief ich an.
„Ich hole dich“, sagte sie. „Gleich.“
—
Im Wagen, auf dem Heimweg, sah Clara mich an der Ampel von der Seite an.
„Na?“
„Es war gut, dass ich gegangen bin.“
„Zum Empfang oder weg vom Empfang?“
„Beides.“
Sie lachte kurz.
„Und Mark?“
Ich sah aus dem Fenster.
„Er wird kleiner.“
„Das ist keine Beobachtung. Das ist eine Diagnose.“
„Nein. Das ist eine Kleidergröße.“
Clara schwieg einen Moment. Sie hatte mich seit der Studienzeit nicht oft aus dem Augenwinkel beobachten gemusst, ohne dass ich es merkte. Sie tat es trotzdem.
„Emilia.“
„Ja.“
„Heute Abend hast du etwas getan, das du noch nie getan hast.“
„Was?“
„Du hast bei einem Empfang nicht für ihn gearbeitet.“
Ich sah sie kurz an. Sie sah wieder auf die Straße.
Ich sagte nichts mehr bis Bogenhausen.
Zu Hause, in der Eingangshalle, zog ich den Mantel aus. Ich ging ins Arbeitszimmer, ohne Licht zu machen. Ich öffnete das Heft.
Datum. Drei Worte.
„Senfter. Journalist. Stiftungssitz.“
Dann schloss ich die Schublade.