Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 85: Stadtquartier Maxvorstadt

Möller und Partner gewann den Wettbewerb am Ende des Monats.

Sie gewannen ihn nicht knapp. Sie gewannen ihn deutlich, gegen zwei Münchner Büros und ein drittes aus Düsseldorf. Die Jury — drei Architekten, ein Stadtplaner aus dem Baureferat, Markus Schmidt, Heinrich Altmann und ich — hatte am Ende einstimmig entschieden. Heinrich hatte mir später erzählt, der Stadtplaner habe gesagt: „Es ist die einzige Arbeit, die das Grundstück nicht wegerklären will.“

Ich hatte den Satz aufgeschrieben.

Ich hatte ihn in dieselbe Schublade gelegt, in der schon der Block lag.

Die erste gemeinsame Sitzung fand drei Wochen später statt.

Sie fand nicht in der Maximilianstraße statt, sondern in einem kleinen Büro, das Möller und Partner in der Theresienstraße angemietet hatten — zwei Räume im zweiten Stock eines Altbaus, ein Vorzimmer, ein Besprechungsraum mit einem langen Holztisch und drei Fenstern, die auf einen Innenhof hinausgingen.

Eine junge Frau führte mich hinein. Sie hieß Frau Steiner. Sie war eine der Architektinnen, die Möller dauerhaft nach München versetzt hatte. Sie war Mitte dreißig, sachlich, nicht gesprächig.

„Herr Möller wird gleich da sein. Er kommt vom Bauamt.“

„Ich warte.“

„Möchten Sie einen Kaffee?“

„Ja.“

Sie ging.

Ich saß am Tisch.

Auf dem Tisch lag eine große Mappe mit den Plänen, die Möller und Partner in den letzten Wochen ausgearbeitet hatten. Daneben lag ein kleines Modell aus weißem Karton, dessen Maßstab ich auf eins zu zweihundert schätzte. Es zeigte das Quartier in seiner geplanten Form — sechs Gebäude um einen begrünten Innenhof, eine Tiefgarage, ein Durchgang zur Theresienstraße, eine zweite Verbindung zur Augustenstraße.

Frau Steiner brachte den Kaffee.

Sie stellte die Tasse ab, ohne dass die Untertasse klirrte.

„Bitte.“

„Danke.“

Sie ging zurück in das Vorzimmer. Ich hörte die Tür einrasten.

Ich saß allein im Besprechungsraum.

Fabian Möller kam zwei Minuten später herein.

Er war außer Atem, was er nicht zu verbergen versuchte. Er nahm seine Mappe vom Vorzimmer-Tisch im Vorbeigehen mit, betrat den Raum, schloss die Tür hinter sich.

„Frau Richter. Entschuldigen Sie. Das Bauamt war länger.“

„Bitte.“

„Ich war pünktlich dort. Sie haben mich warten lassen. Es lag nicht an mir.“

Er sagte es ohne Verlegenheit. Er sagte es, wie man eine sachliche Information weitergibt.

„Setzen Sie sich.“

„Danke.“

Er setzte sich an die schmale Seite des Tisches, einen Platz von mir entfernt. Nicht direkt gegenüber. Nicht direkt neben mir. Ein Winkel.

Er öffnete die Mappe.

„Ich werde Ihnen heute drei Dinge zeigen.“

Ich nickte.

„Das erste ist die Lage der Tiefgarage. Wir haben sie vor zwei Wochen weiter nach Süden gerückt, als ursprünglich geplant. Das hat zwei Gründe. Erstens die Aufschüttung im neunzehnten Jahrhundert — sie verläuft anders, als wir zunächst angenommen hatten. Wir mussten die Bohrungen anpassen. Zweitens die Linde an der Theresienstraße. Sie ist hundertzwanzig Jahre alt. Sie steht unter Schutz. Wir wollen sie nicht verlieren.“

„Sie haben sie nicht im Lageplan eingezeichnet?“

„Sie ist eingezeichnet. Aber in dem Lageplan, den wir beim Wettbewerb eingereicht haben, lag die Tiefgaragen-Einfahrt drei Meter neben ihr. Die Wurzeln reichen weiter, als wir damals gewusst haben. Wir haben das überprüft. Wir verschieben.“

„Was kostet uns das.“

„Nichts. Es kostet uns Zeit. Aber kein Geld.“

„Wie viel Zeit.“

„Drei Wochen.“

Ich überlegte.

„Akzeptiert.“

„Danke.“

Er blätterte um.

„Das zweite ist die Fassade an der Augustenstraße. Wir hatten ursprünglich ein helles Putzwerk geplant. Wir haben uns das nun in der Sonne angesehen, an drei verschiedenen Tagen. Es funktioniert nicht. Die Sonne fällt um diese Jahreszeit anders, als ein Modell zeigt. Der Putz wird zu hell. Das Quartier soll nicht blenden.“

„Vorschlag.“

„Ein gebrochenes Beige. Ein Halbton zwischen dem Putz der zwanziger Jahre, den die Nachbarbauten noch teilweise haben, und einem zeitgenössischen Ton. Wir haben drei Muster anfertigen lassen.“

Er zog drei kleine Putzplatten aus der Mappe. Er legte sie nebeneinander auf den Tisch. Sie waren handflächengroß, mit Datum und Lieferanten beschriftet, in einer Handschrift, die ich nicht kannte — vermutlich Frau Steiners.

Ich sah sie eine Weile an.

„Die mittlere.“

„Ich auch.“

„Aus welchem Grund die mittlere.“

„Sie ist am wenigsten höflich.“

Er sah mich einen Augenblick an.

Dann hielt er inne, als bedauerte er die Wortwahl. Aber er korrigierte sie nicht.

Ich legte die Hand auf die mittlere Platte.

„Ich verstehe, was Sie meinen. Die mittlere.“

„Das dritte.“

Er blätterte ein zweites Mal um.

„Der Innenhof. Wir hatten einen Brunnen vorgesehen. Ich habe das gestrichen.“

„Warum.“

„Weil er für ein Stadtquartier dieser Größe pittoresk wirkt. Ein Brunnen gehört auf einen kleineren Hof. Hier gehört eine Pflanzung. Wir haben mit einem Landschaftsarchitekten gesprochen. Es wird eine Reihe von Hainbuchen geben. Sie wachsen langsam, aber sie wachsen lange. In zehn Jahren werden sie das Quartier tragen.“

„Wer ist der Landschaftsarchitekt.“

„Heinz Pfaller. Er sitzt in München.“

„Pfaller hat mit meinem Vater gearbeitet.“

„Das wusste ich nicht.“

„Es ist nicht wichtig.“

Aber es war.

Es war wichtig, weil Möller jemanden empfohlen hatte, den mein Vater empfohlen hätte. Es war wichtig, weil mein Vater Pfaller einmal in einem Brief erwähnt hatte als „den einzigen, der Pflanzen ernst nimmt“.

Möller wusste das nicht.

Aber er hatte es ohne mein Wissen getroffen.

Wir saßen anderthalb Stunden.

Wir gingen die Pläne durch, eine Seite nach der anderen. Möller sprach zu jeder Seite einen Satz. Ich stellte zu jeder zweiten Seite eine Frage. Frau Steiner kam einmal herein, um eine Frage Möllers zu beantworten, die er ihr vorher gestellt hatte. Sie blieb nicht.

Am Ende klappte er die Mappe zu.

„Wir sehen uns in zwei Wochen.“

„Ja.“

„Falls bis dahin Fragen aufkommen — Frau Steiner ist täglich hier.“

„Verstanden.“

Er nahm die Mappe.

Er sah einen Augenblick auf den Tisch, als überlege er etwas, was er noch sagen wolle.

Dann sagte er es nicht.

Er stand auf.

„Frau Richter.“

„Herr Möller.“

Wir gaben uns die Hand. Wieder kurz. Wieder fest.

Er begleitete mich zur Tür.

An der Tür blieb er stehen.

„Ihr Bruder hat mir erzählt, dass das Haus, in dem Sie wohnen, von Ihrem Großvater gebaut wurde.“

„Mein Großvater hat es nicht gebaut. Er hat es gekauft, als es schon dreißig Jahre stand.“

„Aha.“

„Es ist von neunzehnhundertzehn.“

„Bogenhausen?“

„Ja.“

„Ich kenne die Gegend. Ich war zwei Mal in der Maria-Theresia-Straße. Bei einem Architekten aus Berlin, der dort renoviert hat.“

„Es ist eine Straße weiter.“

„Verstehe.“

Er sagte das einfach. Es war keine Andeutung darin, kein Versuch, das Gespräch zu verlängern. Er sagte es, weil das Bemerken einer Straße in München eine sachliche Tatsache war und sachliche Tatsachen ihn zu interessieren schienen.

„Auf Wiedersehen, Herr Möller.“

„Auf Wiedersehen, Frau Richter.“

Frau Steiner brachte mich zur Treppe.

„Wenn Sie das nächste Mal kommen, geben wir Ihnen einen Schlüssel für unten. Dann müssen Sie nicht klingeln.“

„Das ist nicht nötig.“

„Es ist üblich bei größeren Bauherren.“

„Trotzdem nicht nötig.“

Sie nickte.

„Verstanden.“

Ich ging die Treppe hinunter.

Auf der Theresienstraße war Verkehr.

Ein Stadtbus stand an der Ampel. Eine Frau ging vorbei, mit einer Tüte vom Bäcker. Der Wind trug einen Geruch von Linden — die Linde, die Möller heute erwähnt hatte und die ich mir auf dem Weg hierher nicht angesehen hatte.

Ich ging zum Grundstück.

Es war fünfhundert Meter weiter, östlich. Ich war in zehn Minuten dort.

Die Linde stand an der Ecke.

Sie war hundertzwanzig Jahre alt, hatte Möller gesagt. Sie hatte einen Stamm, der breiter war als drei Männer nebeneinander. Sie hatte eine Krone, die sich über die halbe Breite des Gehwegs spannte.

Ich legte die Hand kurz an die Rinde.

Sie war kühl.

Ich blieb noch eine Weile dort.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Grundstücks stand ein Bauzaun. Hinter dem Bauzaun war das Grundstück selbst — uneben, leicht erhoben, mit einem alten Erdfundament in der südlichen Hälfte, das ich aus den Plänen wiedererkannte. In drei Wochen würde der Bagger kommen. In sechs Monaten würde das erste Geschoss stehen. In zwei Jahren würde das Quartier hier sein, mit einer Reihe von Hainbuchen im Hof, mit einem gebrochenen Beige an der Augustenstraße, mit einer Tiefgarage, die nicht in die Wurzeln der Linde griff.

Es würde bleiben, was meine Familie nicht angefangen hatte.

Es würde da sein, wo wir nur ankamen.

Ich ging zur Maximilianstraße zurück.

Auf dem Weg telefonierte ich kurz mit Anne.

„Anne.“

„Frau Richter.“

„Die Sitzung war gut.“

„Das freut mich.“

„Tragen Sie den nächsten Termin in zwei Wochen ein. Mittwoch, elf Uhr. Theresienstraße.“

„Eingetragen.“

„Anne.“

„Ja?“

„Bestellen Sie keinen Wagen. Ich gehe zu Fuß.“

„Verstanden.“

Ich legte auf.

Am Abend, in der Villa, fragte Jan, wie es gelaufen war.

„Gut.“

„Was hat er erzählt.“

„Drei Dinge. Die Tiefgarage, die Fassade, der Innenhof.“

„Was hat er beim Innenhof gemacht.“

„Er hat den Brunnen gestrichen.“

Jan sah einen Augenblick auf seinen Teller.

„Das ist mutig.“

„Warum mutig.“

„Weil er weiß, dass Bauherren Brunnen mögen. Er hat ihn trotzdem gestrichen.“

„Er hat es begründet.“

„Was hat er begründet.“

„Pittoresk.“

Jan lachte einmal kurz.

„Das ist ein Möller-Wort. Sein Vater hat das Wort auch oft benutzt.“

„Du hast seinen Vater gekannt?“

„Einmal getroffen, vor vielen Jahren. Auf einer Architektenkonferenz in Hamburg. Er hat mir erklärt, warum er nie Brunnen baut.“

„Und?“

„Pittoresk.“

Wir aßen weiter.

Frau Brandl räumte später ab.

Sie sagte nichts. Sie hatte heute Vormittag den Karton mit dem zweiten Brief meiner Mutter aus dem Wäscheschrank in mein Arbeitszimmer gestellt, wie ich es ihr aufgetragen hatte, und sie wartete vermutlich auf eine Bemerkung dazu, die ich nicht machte.

Sie würde noch warten.

Ich war müde.

Ich ging früh ins Bett.

Im Schlaf träumte ich von der Linde.

Am nächsten Vormittag, in der Maximilianstraße, kam Anne mit einem Briefumschlag in mein Büro.

„Frau Richter.“

„Anne.“

„Ein Bote von Möller und Partner. Sie haben einen Vertragsentwurf gebracht.“

„Auf den Tisch, bitte.“

„Auf den Tisch.“

Sie legte ihn ab. Sie blieb nicht stehen.

„Anne.“

„Ja.“

„Bestellen Sie für die nächsten zwei Wochen jeden Mittwoch zwei Stunden Sitzung mit Möller. Theresienstraße. Auch wenn wir die Zeit nicht brauchen, halten wir sie frei.“

„Verstanden.“

„Wenn er einen Mittwoch nicht kann, verschieben wir auf den Donnerstag. Nicht auf die folgende Woche.“

„Verstanden.“

Sie ging.

Ich öffnete den Vertragsentwurf. Er war sauber. Er enthielt eine Klausel, die ich vorher nicht gesehen hatte — eine Klausel zur „Vereinbarkeit kleinerer Anpassungen“ während der Bauphase. Sie räumte Möller und Partner einen kleinen Spielraum ein, ohne mich rückzufragen, sofern sich die Anpassung im Rahmen einer bestimmten Summe bewegte. Die Summe war niedrig angesetzt — niedriger, als ich es erwartet hätte.

Ich hatte erwartet, dass Möller einen größeren Spielraum verlangen würde.

Er hatte ihn nicht verlangt.

Ich legte den Entwurf zur Seite.

Ich rief Anne kurz herein.

„Anne. Schicken Sie den Entwurf an Doktor Weber. Er soll ihn rechtlich prüfen, bevor wir unterschreiben. Wir haben dafür drei Tage Zeit.“

„Verstanden.“

Sie nahm den Entwurf.

Sie ging.

Am Donnerstagvormittag rief Weber selbst an.

„Frau Richter.“

„Doktor Weber.“

„Der Vertragsentwurf ist sauber.“

„Gut.“

„Ich habe drei Anmerkungen. Eine ist redaktionell. Die anderen beiden sind unterschriftsreif, sobald Möller zustimmt.“

„Lassen Sie sie ihm zukommen.“

„Ich werde sie ihm heute Nachmittag senden.“

„Doktor Weber.“

„Ja.“

„Eine Frage.“

„Bitte.“

„Hat Möller in den letzten zwei Wochen mit Ihnen Kontakt gehabt.“

„Nein.“

„Hat er jemandem in der Kanzlei einen Brief geschrieben.“

„Nein.“

„Hat er Sie einmal um eine Auskunft gebeten.“

„Nein.“

„Gut.“

Weber war einen Augenblick still.

„Frau Richter, warum fragen Sie.“

„Weil sein Vorschlag enger gefasst ist, als ich erwartet hätte. Ich wollte ausschließen, dass er sich vorher über mich erkundigt hat und seine Zahlen auf eine Erwartung abgestimmt hat.“

„Er hat sich nicht erkundigt.“

„Dann hat er die Zahlen aus eigenem Ermessen gesetzt.“

„Ja.“

Ich legte einen Augenblick nach.

„Doktor Weber.“

„Ja.“

„Danke.“

„Bitte.“

Er legte auf.

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