Kapitel 94: Manager Magazin
Anne legte mir die Zeitschrift am Dienstagvormittag auf den Schreibtisch.
Sie tat es ohne ein Wort. Sie hatte gelernt, wann ich Worte mochte und wann ich keine mochte. An diesem Vormittag mochte ich keine. Ich hatte um sieben Uhr eine Telefonkonferenz mit der Bank gehabt, gegen neun einen kurzen Termin mit Heinrich Altmann, gegen halb elf eine E-Mail an die Steuerkanzlei. Anne wusste das. Sie legte die Zeitschrift ohne Erklärung auf die Mappe, die ich bereits vor mir hatte, und ging.
Auf dem Cover des Manager Magazins stand in schwerer Antiqua: *Wer noch in Münchens Immobilien zählt. Eine Bestandsaufnahme.*
Darunter, kleiner: *Wer fehlt.*
—
Ich ließ die Zeitschrift einen Moment liegen.
Ich beendete die E-Mail, die ich gerade geschrieben hatte. Ich rief Anne, bat um einen Kaffee. Ich öffnete eine Mappe, die nichts mit der Zeitschrift zu tun hatte, las eine halbe Seite, schloss die Mappe. Ich tat das alles ohne Eile, weil ich gelernt hatte, dass die Dinge, die einen interessierten, nicht unter Druck gelesen werden sollten. Sie verloren sonst ihre Form.
Anne brachte den Kaffee.
Sie ging.
Ich nahm die Zeitschrift in die Hand.
Ich blätterte durch das Heft. Achtzehn Seiten zum Schwerpunkt. Eine Karte von München mit den großen Bauträgern, ein Säulendiagramm mit Umsatzzahlen, ein Foto vom Maxquartier — unser Maxquartier, halb fertig, mit den Kränen über den Dächern und der ersten Rohbauwand zur Theresienstraße hin. Mein eigener Name in der Bildunterschrift: *Emilia Hartmann, Geschäftsführerin der Hartmann Gruppe.*
Ich blätterte weiter.
Auf Seite vierzehn fand ich, was ich gesucht hatte.
—
Es war ein Interview.
Vier Spalten, anderthalb Seiten, über und unter dem Text ein Foto eines Mannes, den ich kannte. Christoph Berning, fünfundfünfzig, ehemaliger Aufsichtsrat einer Bank, jahrelang Marks Trinkkollege im Verein der Münchner Immobilienwirtschaft, einmal Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit eines gemeinsamen Bekannten. Er saß in einem ledernen Sessel, in einem Büro in der Brienner Straße, das nicht seines war, weil er seit vergangenem Herbst keines mehr hatte. Er hatte sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Er hatte in den letzten Monaten Interviews gegeben, in denen er den Münchner Markt beurteilte, und es war ihm gelungen, dabei den Eindruck zu erwecken, er habe ihn nicht verlassen, sondern überschaut.
Die Überschrift des Interviews lautete:
*„Der Markt sortiert sich neu — und manche werden in dieser Sortierung nicht mehr vorkommen.“*
Ich las langsam.
Berning sprach zuerst über Strukturen. Über Renditen, über das Zinsumfeld, über die Dynamik in der Maxvorstadt. Er sprach in Sätzen, die ich schon hundert Mal gehört hatte, von Männern, die ich seit zwanzig Jahren kannte. Es war routiniertes Material.
Auf der zweiten Seite kam die Frage, auf die das Interview hingearbeitet hatte.
*Manager Magazin: Es gibt Namen, die in den letzten zwei Jahren in München leiser geworden sind. Mark Hartmann gehört dazu. Wie erklären Sie das?*
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Ich las weiter.
—
*Berning: Mark hat lange in dieser Stadt etwas bedeutet. Das ist nicht zu bestreiten. Aber etwas zu bedeuten und etwas zu sein, ist nicht dasselbe. Er hat in den vergangenen Jahren Entscheidungen getroffen, die die Stadt registriert hat. Es gibt eine Form von Vertrauen, das sich in dieser Branche nicht öffentlich, sondern privat sortiert — bei Abendessen, bei Telefonaten, in den Cafés. Dieses Vertrauen ist bei ihm verloren gegangen.*
*Manager Magazin: Können Sie das konkretisieren?*
*Berning: Konkret heißt: Wenn ein Mann wie Heinrich Altmann ihn nicht mehr empfängt, dann nimmt es die Branche zur Kenntnis. Wenn ein Vorstand wie Vogt ihn freitags nicht mehr anruft, dann auch. Es ist nicht eine Sache. Es ist eine Reihe von Sachen. Mark Hartmann hat das Vertrauen seiner eigenen Welt verloren.*
*Manager Magazin: Ein hartes Wort.*
*Berning: Es ist kein hartes Wort. Es ist eine Beschreibung. Härte hätte ein Urteil. Ich urteile nicht. Ich beobachte.*
—
Ich legte die Zeitschrift hin.
Ich saß einen Moment still.
Ich hatte mir vorgestellt, etwas zu fühlen, wenn ich diesen Satz gedruckt sähe. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich erleichtert wäre. Vielleicht gerechtfertigt. Vielleicht so etwas wie befriedigt — nicht im großen Sinne, sondern im kleinen, im stillen, im Eckenwinkel der Brust, wo solche Bewegungen sich abspielen, ohne dass sie nach außen sichtbar werden.
Ich war es nicht.
Ich war ruhig.
Ich war so ruhig, dass mich die eigene Ruhe einen Moment befremdete, als wäre sie ein Zustand, den ich noch nicht ganz kannte. Es war kein Triumph. Es war keine Schadenfreude. Es war auch keine Trauer, kein letztes Bedauern, kein Rest. Es war eine Beobachtung, präzise wie die Beobachtung eines Bauingenieurs, der einen Riss in einer Wand misst und feststellt: ja, der Riss ist genau dort, wo wir vermutet haben.
Mark hatte das Vertrauen seiner Welt verloren.
Es war zutreffend.
Es war nicht meines.
—
Ich nahm das Telefon.
„Anne.“
„Frau Hartmann.“
„Bitte legen Sie das Manager Magazin bei den Akten ab. Heutiger Tag.“
„Verstanden.“
„Und schicken Sie ein Exemplar an Frau Lenz, mit einem kurzen Gruß.“
„Eine Karte dabei?“
Ich überlegte einen Augenblick.
„Nein. Nur das Heft.“
„Gut.“
Sie legte auf.
—
Ich arbeitete weiter.
Mittags kam Frau Dr. Bauer aus Berlin, wir aßen kurz im Café gegenüber, sprachen über drei Fragen, die wir am Dienstagabend nicht hatten klären können, einigten uns auf zwei. Sie verließ das Café um halb drei. Ich ging zu Fuß zurück in die Maximilianstraße.
Auf dem Weg, am Geländer der Marienbrücke, blieb ich kurz stehen.
Die Isar lag an diesem Tag fast bewegungslos in ihrem Bett. Eine Frau führte einen kleinen Hund. Ein Mann mit einem Klemmbrett notierte etwas. Hinter mir fuhr ein Lastwagen vorbei, dann eine Straßenbahn.
Ich dachte an die Zeile, die Berning gesagt hatte.
Ich dachte daran, dass sie vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Damals hatten Männer in München sich gegenseitig getragen, auch wenn sie sich heimlich nicht ausstehen konnten. Sie hätten einen Mann wie Mark nie öffentlich beschnitten. Sie hätten ihn auf Dinnerlisten weiter mitgeführt, sie hätten in den Sitzungen freundlich genickt, sie hätten ihn in Briefen mit „Lieber Mark“ angeredet, und zwischen den Zeilen hätten sie ihn schon längst aufgegeben gehabt. Damals.
Heute war es anders.
Heute schrieb das Manager Magazin den Satz hin, den Berning vor drei Jahren noch nicht gesagt hätte.
Etwas hatte sich in der Stadt verändert.
Es war nicht nur Mark, der sich verändert hatte.
Es war auch die Stadt.
—
Ich ging weiter.
Im Büro saß Heinrich Altmann in dem kleinen Wartebereich vor meinem Zimmer. Er hatte den Mantel über dem Arm und sah auf seine Uhr, als ich kam. Ich hatte ihn nicht erwartet. Anne stand auf und sah mich kurz an. Sie sagte:
„Herr Altmann ist vor zehn Minuten gekommen.“
„Herr Altmann.“
„Frau Hartmann.“
„Bitte.“
Wir gingen in mein Zimmer. Ich schloss die Tür.
Heinrich setzte sich.
„Sie haben das Heft gelesen“, sagte er.
„Ja.“
„Berning hat mich heute Morgen angerufen.“
„Warum?“
„Er wollte sich versichern, dass ich es richtig fand.“
Ich sah ihn an.
„Was haben Sie gesagt?“
„Ich habe ihm gesagt, dass er sich nicht zu versichern braucht. Was er gesagt hat, ist eine Tatsache. Tatsachen brauchen keine Bestätigung.“
Heinrich nahm die Brille ab. Er polierte ein Glas.
„Ich wollte Sie nur darüber unterrichten, weil ich vermute, dass Sie in den nächsten Tagen Anrufe bekommen werden. Manche werden Sie bemerken wollen, wie Sie reagiert haben. Es wird Ihnen nichts ausmachen — ich kenne Sie inzwischen —, aber ich wollte, dass Sie wissen, woher der Anruf kommt.“
„Danke, Heinrich.“
Er setzte die Brille wieder auf.
„Emilia.“
Er nannte mich selten beim Vornamen. Er hatte sich angewöhnt, mich „Frau Hartmann“ zu nennen, seit ich Geschäftsführerin war, weil er mich damit als Geschäftsführerin behandelte. Wenn er „Emilia“ sagte, war es kein versehen.
„Ja?“
„Es gibt etwas, was Sie nicht wissen.“
„Was?“
„Ihr Vater hat Berning vor sechzehn Jahren einmal sehr stark zur Seite gestellt. Ich werde Ihnen die Details erspare, weil sie unwichtig sind. Aber ich will Ihnen sagen, dass Berning das nicht vergessen hat. Er hat heute mit Ihnen gesprochen, ohne Sie zu erwähnen. Das war seine Form, mit Ihnen zu sprechen, ohne Sie hereinzuziehen.“
Ich sah Heinrich an.
„Er hat Mark angegriffen, ohne mich zu loben.“
„Ja.“
„Das ist die feinste Form, die er finden konnte.“
„Ja.“
Wir schwiegen einen Moment.
Dann sagte Heinrich:
„Ihr Vater hatte Freunde, die wissen, dass sie ihm noch etwas schulden. Sie werden in den nächsten Jahren auf Sie zukommen. Sie kommen nicht alle, und sie kommen nicht zur gleichen Zeit. Aber sie kommen.“
Er stand auf.
„Ich wollte das nur gesagt haben.“
Er ging.
—
Ich blieb sitzen.
Ich sah aus dem Fenster, auf die Maximilianstraße, auf die Häuserzeile gegenüber, die seit hundert Jahren unverändert dort stand. Ich dachte an meinen Vater, der in einem Sommer in den achtziger Jahren in einem Aufsichtsrat eine bestimmte Stimme gegeben hatte, die eine Karriere gerettet hatte, von der ich nichts wusste. Ich dachte daran, dass Männer in München lange Gedächtnisse hatten, dass sie über Jahrzehnte Schulden trugen, dass sie sie nicht zurückzahlten, sondern abstanden, manchmal in Form eines Interviews in einer Zeitschrift, manchmal in Form eines Anrufs, manchmal in Form eines Termins, der einer Tochter zuteilwurde, an einem Vormittag, an dem die Tochter selbst nicht wusste, warum die Tür sich gerade ihr öffnete.
Ich dachte daran, dass ich bisher geglaubt hatte, ich hätte alles allein gemacht.
Ich hatte vieles allein gemacht.
Aber ich hatte es in einem Raum gemacht, der bereitstand. Mein Vater hatte ihn vor mir vorbereitet. Er hatte den Raum nicht gebaut, weil er gewusst hätte, dass ich ihn brauchen würde. Er hatte den Raum gebaut, weil es seine Art war zu leben.
Ich kam an.
Ich begann nicht.
Ich erinnerte mich an den Brief meiner Mutter. Ich saß einen Augenblick still.
—
Anne klopfte.
„Frau Hartmann.“
„Ja?“
„Frau Lenz hat das Heft erhalten. Sie lässt sagen: ‚Schließen Sie das ab und arbeiten Sie weiter.'“
Ich lächelte einen Moment.
„Verstanden“, sagte ich. „Schließen wir es ab.“
Anne nickte.
Sie ging.
Ich legte das Manager Magazin in die untere Schublade, zwischen zwei Aktendeckel, ohne weitere Notiz. Ich schloss die Schublade. Ich wandte mich der Mappe zu, die noch auf dem Tisch lag.
Ich arbeitete bis halb sechs.
—
Am Abend rief Clara an.
„Du hast es gesehen?“, fragte sie.
„Ja.“
„Und?“
„Es ist gedruckt.“
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“
Clara schwieg einen Augenblick.
„Emi. Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, dem das Manager Magazin gleich ist.“
„Es ist mir nicht gleich. Es ist mir nicht entscheidend.“
„Das ist auch was.“
Wir lachten beide einmal kurz.
Wir legten auf.
Ich ging zum Fenster, sah einen Moment auf die Maximilianstraße. Im gegenüberliegenden Haus brannten zwei Fenster. Ein Mann stand am einen, eine Frau am anderen, zwei Stockwerke über ihm. Sie sahen nicht zu mir, sie sahen nicht zueinander, sie sahen jeder in seinen eigenen Abend.
Ich zog die Vorhänge nicht zu.
Ich nahm meinen Mantel.
Ich ging.