Kapitel 67: Die abgesagte Stimme
Donnerstag.
Frau Brandl war sehr früh wach. Sie hatte den Kamin im kleinen Salon angemacht, obwohl es draußen nicht kalt genug war. Ich hörte sie das Holz nachlegen, als ich in die Küche kam. Auf dem Tisch lag die Süddeutsche, aufgeschlagen wie immer auf dem Wirtschaftsteil.
„Sie sollten es lesen“, sagte Frau Brandl, ohne sich umzudrehen.
„Was?“
„Den unteren Bericht.“
Ich setzte mich. Ich nahm die Zeitung in die Hand.
Die Überschrift war klein. Sie stand über drei Spalten, nicht ganz unten, aber nicht oben.
*Pressekonferenz der Hartmann Gruppe abgesagt — Aufsichtsrat empfiehlt Schweigen*
Ich las langsam.
*Die für heute, Donnerstag, vorgesehene Pressekonferenz der Münchner Hartmann Immobilien Gruppe ist auf Empfehlung des Aufsichtsrats abgesagt worden. Geschäftsführer Mark Hartmann hatte die Konferenz im vergangenen Monat angekündigt, um, so hatte es geheißen, die strategische Neuausrichtung des Hauses zu erläutern. Aus Kreisen des Aufsichtsrats heißt es nunmehr, eine öffentliche Stellungnahme sei „zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zielführend“. Stattdessen werde die Geschäftsführung intern eine umfassende Prüfung der laufenden Projekte vornehmen lassen. Auf Anfrage erklärte ein Sprecher der Firma, Termine ab kommender Woche würden „regulär wahrgenommen“. Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Vogt war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Geschäftsführer Hartmann ebenso wenig.*
Darunter, kleiner gesetzt:
*Beobachter in der Münchner Wirtschaft sehen in der Absage ein Indiz für die anhaltenden Spannungen im Haus, die in den vergangenen Wochen wiederholt durch Personalfragen hervorgerufen worden waren.*
Der Bericht war von Florian Brückner gezeichnet.
Ich las ihn ein zweites Mal.
Frau Brandl stellte ein Ei vor mich hin.
„Drei Minuten?“
„Drei Minuten.“
Sie ging zur Spüle.
—
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Es steht nichts gegen Sie drin.“
„Ich weiß.“
„Es steht auch nichts gegen ihn drin.“
„Es steht nichts drin, was nicht jeder weiß.“
„Mhm.“
Sie wischte sich die Hände an einem Tuch ab.
„Mein Vater selig hat einmal gesagt, einer Zeitung müsse man nicht glauben, was sie schreibt. Sondern was sie nicht schreibt. Was sie nicht schreibt, hat sie weggelassen. Und was sie weggelassen hat, hat einen Grund.“
Ich faltete die Zeitung zusammen.
„Was hat sie weggelassen, Frau Brandl?“
„Sie hat weggelassen, dass die Pressekonferenz von ihm einberufen wurde. Sie hat weggelassen, dass der Aufsichtsrat sie nicht abgesagt hat, sondern ihm empfohlen hat, sie nicht abzuhalten. Sie hat weggelassen, dass eine Empfehlung des Aufsichtsrats so etwas wie ein Maulkorb ist. Es ist ein höflicher Maulkorb. Aber es ist einer.“
Sie nahm das Ei aus dem Topf.
„Mein Vater hätte gesagt: ein Mann, dem der Aufsichtsrat das Sprechen empfiehlt, ist ein Mann, dem das Sprechen verboten worden ist.“
Sie stellte das Ei in den Eierbecher.
„Das ist heute der Stand.“
—
Weber rief um Viertel nach neun an.
„Emilia.“
„Klaus.“
„Sie haben es gelesen.“
„Frau Brandl hat es mir vorgelegt.“
„Frau Brandl ist eine bemerkenswerte Person.“
„Ja.“
Er war einen Augenblick still.
„Emilia, ich werde heute um elf bei Ihnen sein. Ich bringe die Akten mit. Es ist gut, dass Sie zu Hause sind.“
„Gut.“
„Eine Frage. Haben Sie Marks Brief zurückgeschickt?“
„Frau Brandl hat ihn heute Morgen zur Post gebracht.“
„Gut.“
„Klaus.“
„Ja.“
„Was steht in dem Brief?“
„Ich habe ihn gelesen. Er bittet um ein Gespräch. Er begründet es nicht. Er schreibt, er habe gestern auch im Gerichtsvorzimmer ein Gespräch suchen wollen und sei gescheitert. Er bittet um eine zweite Gelegenheit.“
„Mhm.“
„Es ist nicht der Brief, den ein Mann schreibt, der sich zerknirscht. Es ist der Brief, den ein Mann schreibt, der eine Wohnung am Englischen Garten leer findet und sich erinnert, dass er zwölf Jahre eine Frau hatte.“
„Was haben Sie geantwortet?“
„Noch nichts. Ich werde nicht ich antworten. Ich werde an seinen Anwalt schreiben. Das ist die Form.“
„Gut.“
„Ich sehe Sie um elf, Emilia.“
—
Mark las den Bericht in der Süddeutschen vermutlich zur selben Zeit wie ich. Er las ihn vermutlich in der Wohnung am Englischen Garten, vielleicht aber auch in seinem Büro in der Maximilianstraße, in das er seit der Sitzung von Mitte Februar nur noch unregelmäßig kam. Ich wusste nicht, wo er ihn las. Ich versuchte, es mir nicht vorzustellen.
Frau Brandl sagte um halb zehn, ohne dass ich gefragt hätte: „Anne hat gerade angerufen. Sie hat es nur kurz gemacht. Sie wollte sagen, dass Herr Hartmann heute Morgen um halb neun in der Maximilianstraße war. Er ist ohne Worte ins Büro gegangen. Er hat den Aufsichtsrat in einer Schaltkonferenz dabei. Er ist seit dieser Konferenz im Büro geblieben. Frau Anne sagt, sie hört durch die Tür nichts. Sie sagt, sie wollte es uns trotzdem mitteilen.“
„Warum sagt sie es Ihnen?“
„Sie sagt es nicht mir. Sie sagt es Ihnen, durch mich.“
„Das ist nicht richtig.“
„Es ist nicht richtig. Es ist auch nicht falsch. Es ist nur das, was sie tut, weil sie nicht weiß, was sie sonst tun soll.“
Ich sah einen Moment aus dem Fenster.
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Sagen Sie ihr, sie soll keine Anrufe mehr machen, die Sie an mich weitergeben. Wenn sie etwas sagen will, soll sie es Dr. Weber sagen. Er weiß, wann er es mir weitergibt. Er weiß auch, wann er es nicht weitergibt. Es ist nicht meine Aufgabe.“
„Gut. Ich richte es ihr aus.“
„Bitte ohne Schärfe.“
„Ohne Schärfe.“
—
Um zehn Uhr klingelte das Telefon ein zweites Mal.
Ich nahm ab.
„Hartmann.“
Es war Mark.
Er sagte den Namen nicht. Er begann mit einem Atemzug. Ich erkannte ihn an dem Atemzug.
Ich legte sofort auf.
Ich legte den Hörer nicht heftig auf. Ich legte ihn nicht leise auf. Ich legte ihn mit der Bewegung auf, mit der man einen Hörer auflegt, wenn ein Verkäufer eine falsche Nummer gewählt hat.
Das Telefon klingelte ein zweites Mal.
Ich ließ es klingeln.
Es klingelte sieben Mal. Dann hörte es auf.
Es klingelte ein drittes Mal.
Ich ließ es ein drittes Mal klingeln.
Es klingelte zehn Mal. Dann hörte es auf.
Frau Brandl kam in die Tür.
„Soll ich es ausstecken?“
„Nein.“
„Soll ich abnehmen?“
„Nein.“
„Soll ich Ihnen den Hausschlüssel geben und Sie für eine Stunde wegfahren?“
Sie sagte es ernst. Sie meinte es ernst. Sie hätte es ernst gemacht.
„Nein, Frau Brandl. Es wird gleich aufhören.“
Es klingelte ein viertes Mal.
Es klingelte vier Mal. Dann hörte es auf.
Es klingelte ein fünftes Mal nicht mehr.
—
Weber kam pünktlich um elf.
Er hatte einen kleinen schwarzen Aktenkoffer dabei, einen Aktenkoffer, der um etwa zehn Jahre älter war als der italienische, den Mark sich vor zwei Jahren selbst geschenkt hatte. Webers Koffer war abgegriffen an den Ecken. Das Leder war an einer Stelle nachgenäht. Es war ein Koffer, der schon gegen mehrere Marks im Leben angetreten und in den meisten Fällen gewonnen hatte.
Er setzte sich an meinen Schreibtisch.
„Emilia.“
„Klaus.“
„Ich werde Ihnen gleich etwas zeigen, was Sie nicht erwartet haben. Bevor ich es tue, möchte ich, dass Sie mir versprechen, dass Sie heute keine Entscheidung treffen. Es ist Donnerstag. Wir haben Zeit bis Montag.“
„Was haben Sie gefunden?“
Er öffnete den Koffer.
Er nahm einen schmalen Aktenordner heraus. Er legte ihn auf den Schreibtisch.
Auf dem Rücken stand: *Hartmann Beteiligungsgesellschaft mbH — Gründungsakte 1996.*
Es war die Akte, die ich seit Jahren kannte und nie geöffnet hatte. Mein Vater hatte sie 1996 angelegt, als die Hartmann Gruppe in ihrer heutigen Form zum ersten Mal eingetragen worden war. Mark war damals nicht im Bild. Mark war damals zwölf Jahre vor seiner Hochzeit mit mir.
Weber legte seine Hand flach auf den Aktendeckel.
„Emilia.“
„Ja.“
„Es gibt einen Punkt, den ich mir bisher nie genauer angesehen habe. Ich habe ihn auch nicht ansehen müssen, weil keine Frage daranhängend war. In der vergangenen Woche habe ich aus einem anderen Grund die Gründungsunterlagen Ihres Vaters durchgesehen. Es hängt mit dem Fall einer anderen Mandantin zusammen, der bei mir in der Kanzlei anhängig ist. Ich habe dort einen Vergleichspunkt gesucht. Ich habe ihn in Ihrer Akte gefunden. Ich habe dabei etwas anderes gefunden.“
Er schlug die Akte auf.
„Bitte sehen Sie sich diese Seite an.“
Es war eine Notarsbestätigung. Eine alte. Aus dem Jahr 1996. Auf Papier, das vergilbt war.
„Sehen Sie hier das Datum der Beurkundung.“
„Sechzehnter November 1996.“
„Sehen Sie hier den Stempel des Notars.“
„Doktor Ferdinand Reisiger.“
„Sehen Sie hier die Unterschrift.“
„Mein Vater.“
„Sehen Sie hier in der zweiten Spalte die Bestätigung des Registergerichts.“
Ich sah hin.
„Vom dritten Februar 1997.“
„Drei Monate später.“
„Ja.“
„Üblich sind sechs Wochen. Drei Monate ist ungewöhnlich, aber nicht alarmierend.“
„Ja.“
„Sehen Sie sich das jetzt an.“
Er schlug die nächste Seite auf.
Es war die Eintragung im Handelsregister. Ich las sie. Ich las den Notar, ich las das Datum. Ich las die Unterschrift.
„Klaus.“
„Ja.“
„Hier steht ein anderer Notar.“
„Ja.“
„Ein Notar Doktor Hagen aus Augsburg.“
„Ja.“
„Der hat aber die Beurkundung nicht gemacht.“
„Genau.“
Er sah mich an.
Sein Blick hatte den ruhigen Ausdruck, den ich kannte und der ein bestimmtes Versprechen mit sich trug.
„Emilia. Die Eintragung im Handelsregister ist nicht durch den beurkundenden Notar erfolgt. Sie ist durch einen anderen Notar in Augsburg vorgenommen worden, mit einer Vollmacht, deren Original in dieser Akte nicht vorliegt. Es gibt eine Kopie. Aber sie ist unvollständig. Sie trägt nicht die Unterschrift Ihres Vaters auf der zweiten Seite, auf der die Beglaubigung der Vollmacht hätte stehen müssen.“
Ich sagte nichts.
„Das bedeutet zweierlei. Erstens: die Eintragung im Handelsregister ist anfechtbar. Sie ist nicht nichtig. Aber sie ist anfechtbar. Wenn man die Vollmacht nicht mit Original beibringen kann — und ich habe das Original heute morgen nicht in den Verzeichnissen des Notariats Hagen gefunden, weil es vor neun Jahren bei einem Brand beschädigt wurde —, dann liegt eine formelle Lücke vor, die rechtlich nutzbar ist.“
„Klaus.“
„Ich bin noch nicht fertig.“
„Ja.“
„Zweitens — und das ist das Wichtigere: der Anteilsschnitt, der in dieser fraglichen Eintragung festgehalten wurde, ist nicht der ursprüngliche. In dem ursprünglichen Beurkundungsvertrag, den Doktor Reisiger gefasst hatte, lag die Mehrheit Ihres Vaters bei sechzig Prozent. In der Eintragung, die durch Doktor Hagen erfolgt ist, lag sie bei vierzig Prozent. Die übrigen zwanzig Prozent gingen an einen Geschäftspartner, von dem ich heute weiß, dass er nicht existierte.“
Ich sah ihn an.
„Ein Strohmann?“
„Ein Strohmann.“
„Wer?“
„Ein gewisser Dr. Hartmann senior.“
„Marks Vater?“
„Marks Vater.“
Es war einen Moment still.
„Emilia, das ist bisher nie aufgefallen, weil Marks Vater seit dreiundzwanzig Jahren tot ist und sein Anteil bei seinem Tod auf seinen Sohn übergegangen ist. Auf dem Papier ist es in Ordnung. Aber wenn man in die Akte sieht, ist es nicht in Ordnung. Es ist niemals in Ordnung gewesen.“
Er legte die Akte vor mich hin.
„Ich will nichts davon heute entscheiden. Ich will nicht, dass Sie heute etwas entscheiden. Ich will, dass Sie wissen, was wir in der Hand haben. Wir haben ein Werkzeug. Wir entscheiden später, ob wir es benutzen.“
Im Flur klingelte das Telefon einmal, dann nichts mehr.