Kapitel 105: Richter-Hartmann
Die Pressemitteilung ging am Mittwoch der folgenden Woche hinaus.
Sie war kurz. Sechs Sätze. Anne hatte sie in drei Versionen vorbereitet, ich hatte mich für die mittlere entschieden — knapper als die ausführliche, ausführlicher als die knappste. Heinrich hatte sie am Vortag gegengelesen. Er hatte einen einzigen Halbsatz gestrichen. „Zu viel“, hatte er gesagt. „Das Wort macht den Satz größer, als er ist. Lassen Sie ihn klein.“
Ich hatte den Halbsatz gestrichen.
So lautete die Mitteilung dann:
*Die Hartmann Gruppe wird umbenannt. Mit Wirkung vom 15. April firmiert das Unternehmen als Richter-Hartmann Gruppe. Die geschäftlichen Aktivitäten bleiben unverändert. Sitz und Belegschaft bleiben in München. Geschäftsführerin ist Emilia Richter-Hartmann. Eine Änderung der Markenführung wird in den kommenden Monaten umgesetzt.*
Sechs Sätze.
Keine Überschrift, die etwas ankündigte. Kein Ausrufungszeichen. Keine Erinnerung an die Geschichte, kein Verweis auf vergangene Wochen.
Die einzige Aussage stand im fünften Satz, und sie stand dort so leise, dass die meisten Leser sie auf den ersten Blick übersehen würden.
*Geschäftsführerin ist Emilia Richter-Hartmann.*
—
Anne brachte mir am Mittwochmorgen die Druckfahne.
Wir saßen einander am Schreibtisch gegenüber. Sie las den Text noch einmal vor, während ich ihn mit dem Auge mitlas. So machte ich es mit allem, was unterzeichnet werden musste — ich ließ es mir vorlesen, weil ich, wenn ich es nur las, dazu neigte, Fehler zu überlesen, die ich schon hineingedacht hatte.
„Geschäftsführerin ist Emilia Richter-Hartmann“, las Anne.
„Halt.“
Sie hielt an.
„Lesen Sie das noch einmal.“
„Geschäftsführerin ist Emilia Richter-Hartmann.“
Ich nickte.
„Weiter.“
Sie las weiter.
Am Ende sah sie mich an.
„In Ordnung?“
„In Ordnung.“
Sie stand auf.
An der Tür blieb sie stehen.
„Frau Richter.“
„Anne.“
„Es ist eine ruhige Mitteilung.“
„Ja.“
„Gut.“
Sie ging.
—
Ich blieb am Schreibtisch sitzen.
Ich legte die Mitteilung vor mich, als wäre sie ein Vertrag. In gewisser Weise war sie das auch — ein Vertrag mit mir selbst, geschrieben für die Welt, die ihn nicht nötig hatte.
Ich dachte an meinen Vater.
Mein Vater hatte das Unternehmen *Richter-Immobilien* genannt, weil er den Familiennamen für ausreichend gehalten hatte. Er hatte gesagt, ein Name müsse nicht erklären, was er sei. Er müsse nur klar sein. Als Mark eingeheiratet hatte und ich kurz nach der Hochzeit zustimmte, dass die Firma in *Hartmann Gruppe* umbenannt würde — weil es Mark damals darauf ankam, weil ich es für eine kleine Geste hielt, weil mein Vater zwei Jahre tot war und niemand mehr da war, der mir hätte raten können —, hatte ich nicht gewusst, wie eine Umbenennung sich anfühlt, wenn man sie zulässt, weil man sich noch nicht traut, sie abzulehnen.
Heute wusste ich es.
Heute war ich zwölf Jahre älter, einen Vater ärmer, eine Krankheit weiter, eine Ehe ärmer, und um eine Erkenntnis reicher.
—
Anne brachte mir um zehn die ersten Reaktionen.
Sie hatte die Mitteilung um halb neun an die Verteiler geschickt. Schon eine Stunde später hatte das Handelsblatt eine Meldung in seine Online-Ausgabe gestellt, hundertvierzig Zeichen lang, sachlich. Die Süddeutsche hatte einen kurzen Beitrag im Wirtschaftsteil angekündigt. Ein Anzeigenblatt aus Sendling hatte die Mitteilung ohne Änderung übernommen.
Niemand hatte versucht, eine Geschichte daraus zu machen.
Das war, was ich gewollt hatte.
Es war auch, was ich verdient hatte. Eine Stadt hat ein Gedächtnis. München hatte mein Gedächtnis, und es hatte Marks Gedächtnis. Es wusste, wann eine Umbenennung eine Korrektur war und keine Ankündigung.
—
Um halb elf rief Margot an.
„Emilia.“
„Margot.“
„Ich habe es gelesen.“
„Ja.“
„Es ist gut, dass es kurz ist.“
„Heinrich hat darauf gedrungen.“
„Heinrich hat oft recht.“
Sie machte eine Pause.
„Deine Mutter hätte einen Satz darüber gesagt.“
„Welchen?“
„Sie hätte gesagt: *Die Häuser merken sich, wer sie wirklich gehalten hat.*“
Ich lächelte am Telefon.
„Margot.“
„Ja?“
„Sie haben zwanzig Jahre Zeit gehabt, mir solche Sätze zu sagen.“
„Ich habe sie aufgespart.“
„Ich weiß.“
„Ich werde dich am Sonntag in zwei Wochen sehen.“
„Ja.“
„Bring jemanden mit.“
Ich war einen Moment still.
„Ich überlege es mir.“
„Überleg nicht zu lange. Es ist mein Geburtstag, kein Symposium.“
„Ich überlege es mir.“
Sie legte auf, ohne ein Adieu, wie sie es manchmal tat, wenn sie das letzte Wort behalten wollte.
—
Mittags ging ich kurz in die Maximilianstraße zwölf.
Das war das Hauptgebäude — der Sitz des Unternehmens, in dem ich seit der Übernahme der Geschäftsführung nicht häufig war, weil mir das Büro in der zwölf zu groß war, das in der älteren Adresse weiter oben mir genug. Heute aber wollte ich dort sein.
Frau Lehmann saß am Empfang.
„Frau Richter.“
„Frau Lehmann.“
Sie hatte mich heute zum ersten Mal mit *Frau Richter* angesprochen, ohne zu zögern.
In den ersten Wochen nach der Trennung hatte sie noch *Frau Hartmann* gesagt, dann eine Weile *Frau Doktor*, was kein Titel war, den ich trug, dann eine Weile gar nichts. Heute, eine Stunde nach der Pressemitteilung, hatte sie ohne Aufwand zu *Frau Richter* gefunden.
„Ich gehe in den dritten Stock.“
„Selbstverständlich.“
„Ist Schmidt da?“
„Er ist seit dem Vormittag da.“
„Lassen Sie ihn wissen, dass ich oben bin.“
„Verstanden.“
—
Im dritten Stock klopfte ich an Schmidts Tür.
Schmidt war seit Jahren CFO, einer der wenigen Männer aus Marks Zeit, denen ich noch traute, aus dem einfachen Grund, dass er in der schlimmsten Phase nicht zu Mark gehalten hatte und auch nicht zu mir. Er hatte zur Firma gehalten. Das war, was ich von ihm gebraucht hatte.
„Herr Schmidt.“
„Frau Richter.“
Er stand auf.
„Setzen Sie sich, Herr Schmidt.“
Er setzte sich wieder. Er sah aus dem Fenster, wo ein Kran über einem benachbarten Bauplatz stand und sich langsam drehte, sehr langsam, als überlegte er, in welche Richtung er sich heute drehen wolle.
„Sie haben die Mitteilung gesehen.“
„Ja.“
„Sie waren einverstanden mit der Formulierung.“
„Ich war einverstanden.“
„Aber?“
Er sah mich an.
„Ich habe nichts dagegen, Frau Richter. Ich finde es richtig.“
„Aber?“
Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als wische er einen Gedanken vom Tisch, den er gar nicht erst hinlegen wollte.
„Ich habe vor sechzehn Jahren die ersten Bilanzen für Ihren Vater gemacht. Ich habe vor zwölf Jahren die ersten Bilanzen unter dem neuen Namen gemacht. Ich werde dieses Jahr die Bilanzen unter dem dritten Namen machen. Es ist mein dritter Name an einer einzigen Adresse.“
„Stört Sie das?“
„Nein.“
Er lächelte einmal, kurz.
„Ich habe nur überlegt: vielleicht kennt mich diese Stadt am Ende besser, als ich sie kenne.“
Ich lächelte auch.
„Herr Schmidt.“
„Ja?“
„Es wird der letzte Namenswechsel sein.“
Er nickte.
„Ich nehme es an.“
—
Ich blieb noch eine halbe Stunde in der Maximilianstraße zwölf.
Ich ging in den ehemaligen Vorstandsraum, in dem Mark vier Jahre an der Stirnseite des Tisches gesessen hatte. Das Zimmer war jetzt anders eingerichtet — der Tisch war derselbe, aber der Stuhl an der Stirnseite war kein hoher Drehsessel mehr, sondern ein einfacher, dunkler Stuhl, den ich aus dem Lager hatte holen lassen, weil mir das alte Möbel zu pompös gewesen war.
Ich setzte mich nicht.
Ich blieb an der Tür stehen.
Es war ein Raum.
Es war nicht mehr Marks Raum.
Es war auch nicht meiner.
Es war ein Raum.
—
Auf dem Weg hinaus, im Treppenhaus, traf ich eine ältere Mitarbeiterin aus der Buchhaltung, die ich vom Sehen seit Jahren kannte und deren Namen ich erst seit drei Wochen wusste.
„Frau Richter.“
„Frau Heller.“
„Eine schöne Mitteilung.“
„Danke.“
„Mein Vater war Vorarbeiter beim Bau Ihres Vaters in Pasing. 1971. Er hat mir manchmal erzählt, wie höflich Ihr Vater zu den Arbeitern war.“
„Ich erinnere mich an die Pasinger Baustelle.“
Sie sah mich an.
„Das ist gut. Dann wird auch das Gedächtnis Ihres Vaters fortgeführt.“
Sie nickte einmal und ging weiter.
Ich blieb auf der Treppe stehen.
Mein Vater hatte mich als Achtjährige einmal nach Pasing mitgenommen. Es war ein Sommertag gewesen, ein heißer Tag, und ich hatte in einem geschlossenen Auto gewartet, weil er nur kurz hineinwollte, und er war länger als kurz geblieben. Auf der Rückfahrt hatte er nichts dazu gesagt. Er hatte nur an einer Eisdiele in der Bayerstraße gehalten und ein Eis für mich gekauft.
Ich hatte das Pasing-Eis seither vergessen gehabt.
Heute, auf dem Treppenabsatz, fiel es mir ein.
—
Auf dem Rückweg in die ältere Adresse machte ich einen kurzen Umweg über die Brienner Straße.
Ich tat das nicht aus einem konkreten Anlass. Ich tat es, weil ich das Gefühl gehabt hatte, das Pflaster an einem Tag wie diesem unter den eigenen Schuhen hören zu wollen. Die Stadt war hell, die Schaufenster waren ihre eigenen Geschichten. Vor einer Buchhandlung lag eine Auslage zur Münchner Wirtschaftsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, ein dünner Band, der ein Foto auf dem Umschlag hatte, das man auch in einem Heft meines Vaters hätte finden können. Ich blieb einen Augenblick stehen. Ich ging nicht hinein. Ich nahm mir vor, das Buch in einer ruhigen Stunde zu bestellen.
Auf dem letzten Stück sah ich Heinrich Altmann an der gegenüberliegenden Seite der Straße, in einem Gespräch mit einem mir unbekannten älteren Herrn. Er sah mich, er nickte mir zu. Er machte keinen Schritt auf mich zu. Heinrich verstand, dass ich in dieser Stunde nicht gegrüßt sein wollte, sondern bemerkt — und seine Bemerkung genügte.
Ich ging weiter.
—
Am Abend, in Bogenhausen, sah ich noch einmal die Pressemitteilung an.
Frau Brandl hatte sie aus dem Fax genommen — ein Gerät aus den späten Neunzigern, das wir nicht abgeschafft hatten, weil Frau Brandl mit ihm besser zurechtkam als mit dem Drucker — und sie auf den Tisch im Esszimmer gelegt.
„Frau Richter.“
„Frau Brandl.“
„Es ist eine kurze Mitteilung.“
„Ja.“
„Ich habe sie zweimal gelesen.“
„Warum zweimal?“
„Beim ersten Mal habe ich Ihren Namen nicht richtig gelesen.“
„Wie haben Sie ihn gelesen?“
„Hartmann.“
Sie sah mich an.
„Beim zweiten Mal habe ich ihn richtig gelesen.“
Sie ging in die Küche, ohne auf eine Antwort zu warten.
—
Ich nahm das Blatt in die Hand.
Ich las den fünften Satz.
*Geschäftsführerin ist Emilia Richter-Hartmann.*
Ich legte das Blatt in die Schublade des Sekretärs im Esszimmer, in eine Mappe, in der ich seit ein paar Wochen Dinge sammelte, von denen ich nicht wusste, ob ich sie aufheben würde, von denen ich aber auch wusste, dass ich sie heute nicht wegwerfen wollte.
Ich schloss den Sekretär.
Ich ging in den Garten.
Im Garten war es dämmrig.
Die Forsythie blühte voll. Der Flieder hatte zu blühen begonnen, an einem einzigen, frühen Trieb. Ein Vogel, vielleicht eine Amsel, sang in den oberen Ästen einer Kastanie auf der Straße.
Ich blieb stehen.
Ich war nicht aufgeregt.
Ich war nicht stolz.
Ich war ich.
In meinem Namen.
Auch in dem Doppelnamen war ich endlich ich, weil die zweite Hälfte des Namens nun zu Recht nur noch zur Hälfte mich verpflichtete.
Ich ging hinein.
Frau Brandl hatte das Licht in der Diele angemacht.
Es brannte gelb, wie immer.