Kapitel 112: Ein Rückblick
Der erste Schnee kam an einem Mittwoch.
Es war kein richtiger Schnee. Es war eher ein Anflug, eine dünne Schicht, die sich auf den Wagen, den Hecken und dem Teil der Straße legte, der nicht von der Sonne erreicht wurde. Bis zum Mittag war alles wieder weg. Aber für eine Stunde hatte die Stadt die Farbe gehabt, die sie nur im November hat — diese matt gewordene Helligkeit, die nicht von der Sonne kommt, sondern davon, dass alles ein wenig ausweicht.
Ich rief Clara nicht an.
Sie war erst seit elf Tagen verheiratet, und ich hatte gelernt, dass frisch verheiratete Frauen auch dann ihre Ruhe wollen, wenn sie es einem nicht sagen.
Ich rief Margot nicht an.
Sie war noch im Husten.
Ich rief Fabian nicht an.
Er war in Hamburg, an einem Projekt, das nicht mit mir zu tun hatte, und das war richtig so. Wir hatten beide eine Woche zuvor entschieden, dass wir nicht jeden Tag miteinander sprechen würden. Wir waren zwei Erwachsene, die mit ihrer eigenen Stille umgehen konnten. Ich hatte keine Lust, das zu ändern.
Statt zu telefonieren, zog ich den Mantel an.
—
Ich ging zu Fuß zum Englischen Garten.
Es war kurz nach zwei. Die Stadt war leer, in der Art, in der München zwischen zwei und drei manchmal leer ist — die Leute waren entweder noch beim Mittagessen oder schon wieder in den Büros. Auf der Prinzregentenstraße fuhren nur wenige Wagen. Im Friedensengel klemmte etwas am Geländer, ein loser Faden eines Plastikbandes von einer Baustelle. Ich sah es im Vorbeigehen und sah dann nicht mehr hin.
Ich ging über die Brücke.
Die Isar führte wenig Wasser. In den letzten Wochen hatte es kaum geregnet, und die Steine im Flussbett lagen frei. Zwei Krähen saßen auf einem der Steine. Eine flog auf, als ich vorbeiging, die andere blieb sitzen.
Ich ging in den Park.
—
Ich nahm den Weg, den ich seit zwanzig Jahren nahm.
Es war ein Weg, der vom Friedensengel aus in den Park führt, am Eisbach entlang, dann nach links, an dem kleinen See vorbei, dann wieder zurück. Es war kein langer Weg. Eine knappe Stunde, wenn man langsam ging.
Heute ging ich langsam.
Ich hatte Zeit.
—
An der Stelle, an der der Eisbach unter der Brücke verschwindet, blieb ich stehen.
Vor zehn Jahren hatte Mark mich an dieser Stelle das erste Mal gefragt, ob ich mit ihm in die Hartmann Villa ziehen würde. Es war ein Sonntagvormittag gewesen, nach einem Spaziergang. Wir waren beide warm gewesen vom Gehen, und er hatte etwas gesagt, das ich damals für eine Geste der Liebe gehalten hatte: *Du sollst nicht zur Miete wohnen, wenn ich ein Haus habe.*
Ich war drei Wochen später eingezogen.
Es war mein eigenes Haus gewesen. Nicht seines. Aber ich hatte ihn nicht korrigiert, weil ich gedacht hatte, das Detail wäre nicht wichtig. Dreizehn Jahre später hatte ich gelernt, dass solche Details immer wichtig sind, und dass Männer, die nicht zwischen *meinem* und *deinem* Haus unterscheiden, später auch nicht zwischen *meinem* und *deinem* Leben unterscheiden würden.
Ich sah heute das Wasser an, das unter der Brücke verschwand.
Ich dachte an den Mark von vor zehn Jahren.
Er war nicht der gleiche Mann gewesen wie der, der vor anderthalb Jahren neben meinem Klinikbett gestanden hatte. Der Mark von vor zehn Jahren hatte mich noch ansehen können, ohne dass es ihn gestört hätte. Der Mark von vor zwei Jahren hatte mich nicht mehr ansehen können. Irgendwann zwischen diesen beiden Männern hatte er aufgehört, mich zu sehen.
Ich konnte nicht sagen, wann genau.
Ich konnte auch nicht sagen, ob es einen Punkt gegeben hatte, an dem ich es hätte verhindern können.
Ich glaubte nicht.
Manche Dinge geschehen langsam, und wenn man sie bemerkt, sind sie schon weg.
—
Ich ging weiter.
Auf einer der Bänke saß eine alte Frau in einem grünen Mantel. Sie hatte einen kleinen Hund neben sich, der auf der Bank lag und die Augen geschlossen hatte. Die Frau las eine Zeitung. Sie sah nicht auf, als ich vorbeiging.
Es war eine Szene aus einer Stadt, die sich seit fünfzig Jahren nicht verändert hatte — eine Frau auf einer Bank, ein Hund, eine Zeitung, ein Park.
Ich war dankbar für diese Szene.
In den letzten zwei Jahren hatte ich gelernt, Szenen zu sammeln, die *nicht* sich verändert hatten. Sie waren das Gerüst, an dem ich mich festhielt, wenn alles andere sich bewegte.
—
Am Kleinen See blieb ich stehen.
Das Wasser stand still. Die Enten waren zu einer kleinen Gruppe zusammengeschwommen, vielleicht acht oder neun, sie putzten sich. Über dem Wasser lag ein dünner Dunst, der nicht ganz Nebel war.
Ich setzte mich auf eine Bank.
Mein Mantel war warm. Meine Hände waren in den Taschen. Ich saß einfach.
Ich rechnete nach.
Vor genau anderthalb Jahren hatte mein Vater mir zum ersten Mal in einem Brief, den ich in einer Schublade gefunden hatte, gesagt, dass er Mark nicht vertraute.
Vor einem Jahr und acht Monaten hatte Mark die Scheidungspapiere im Klinikum auf meine Bettdecke gelegt.
Vor einem Jahr und sieben Monaten war ich aus dem Klinikum entlassen worden.
Vor einem Jahr und vier Monaten war Mark zurückgetreten.
Vor einem Jahr und drei Monaten war ich in seine Funktion eingerückt.
Vor sieben Monaten war die Scheidung rechtskräftig geworden.
Vor vier Monaten hatte Fabian mich zum ersten Mal eingeladen.
Vor zwei Wochen hatte Clara geheiratet.
Es waren viele Daten, und sie passten alle in eine Zeitspanne, die kürzer war als ein einziger Wechsel der Jahreszeiten von Sommer zu Sommer.
Trotzdem fühlte sich die Zeit nicht kurz an.
Sie fühlte sich an, als sei sie ein eigenes Leben gewesen.
—
Eine junge Frau ging vorbei.
Sie schob einen Kinderwagen, in dem ein kleines Kind saß, das eine rote Mütze trug und mit einem Holztier in den Händen spielte. Die Frau ging schnell. Sie ging in der Art, in der junge Mütter manchmal gehen, wenn sie eine knappe halbe Stunde haben, bevor das Kind wieder schläft oder weint.
Ich sah ihnen nach.
Mark und ich hatten keine Kinder gehabt.
Wir hatten in den ersten Jahren über Kinder gesprochen, dann hatte er weniger darüber gesprochen, dann gar nicht mehr. Ich hatte irgendwann verstanden, dass ich nicht mit einem Mann ein Kind haben wollte, der mich nicht mehr ansah. Ich hatte das Mark nie gesagt. Ich hatte ihn das nur entscheiden lassen.
Es war, in vielen Dingen, wie es gewesen war.
Mark hatte entschieden.
Ich hatte gelassen.
Das war auch eine Form von Entscheidung gewesen.
Es hatte nur länger gedauert, das zu verstehen.
—
Es begann zu nieseln.
Kein richtiger Regen — nur dieser sehr feine, fast unsichtbare Niederschlag, der im November manchmal in München fällt und der die Mäntel langsam dunkler werden lässt, ohne dass man sich nass fühlt.
Ich blieb sitzen.
Ich hatte einen guten Mantel. Frau Brandl hatte ihn mir vor drei Wochen aus der Reinigung mitgebracht. Ich hatte gestern noch nicht gewusst, dass ich heute spazieren gehen würde. Aber er war da gewesen, im Schrank, gewachst, sauber, einsatzbereit.
So war es jetzt mit den Dingen.
Sie waren da, im Voraus, ohne dass ich daran hatte denken müssen.
Es war, in einer kleinen, alltäglichen Form, ein Luxus, der nicht mit Geld zu tun hatte. Es war der Luxus eines Lebens, das jemand für mich vorbereitet hatte — meine Mutter mit ihren Briefen, mein Vater mit seinen Akten, Frau Brandl mit den Mänteln aus der Reinigung, Anne mit den Terminen, Weber mit den Verträgen, Margot mit den Einladungen, Clara mit den Anrufen, Jan mit den Besuchen, Fabian mit den langsamen, geduldigen Schritten.
Sie hatten alle etwas vorbereitet.
Ich hatte nur ankommen müssen.
Vergiss das nicht. Du beginnst nichts. Du kommst nur an.
—
Die Enten flogen plötzlich auf.
Etwas hatte sie gestört — ein Kind, ein Hund, ein Wind. Ich sah es nicht. Sie flogen nur kurz, eine Runde über den See, und ließen sich am anderen Ufer wieder nieder.
Ich stand auf.
Ich ging zurück.
—
Auf dem Rückweg, an der Brücke über die Isar, blieb ich noch einmal stehen.
Ich sah Richtung Süden.
Dort, weit entfernt, an klaren Tagen, sah man die Berge.
Heute sah man nichts.
Der Dunst lag über der Stadt, und die Berge waren irgendwo dahinter, an einer Stelle, an der ich sie mir nur vorstellen konnte. Aber sie waren da. Sie waren immer da. Es war eine der Eigenschaften der Berge, dass sie da waren, ob man sie sah oder nicht.
Ich dachte an Fabian.
Ich dachte an ihn nicht in der Art, in der eine junge Frau an einen jungen Mann denkt — fiebrig, ungeduldig, voller Bildern. Ich dachte an ihn in der Art, in der eine Frau Mitte dreißig an einen Mann denkt, mit dem sie wahrscheinlich, vielleicht, irgendwann ihr restliches Leben verbringen würde, ohne dass es eine Schlagzeile sein müsste.
Ich dachte an seinen Anzug, den er sich heute nicht ausziehen würde.
Ich dachte an seinen Kaffee, den er heute Mittag in Hamburg getrunken haben würde.
Ich dachte an die Zugbahnverbindung, die er kennen würde.
Ich dachte an sein Telefon, das er heute Abend nicht klingeln lassen würde, wenn er müde war.
Mehr nicht.
Es war genug.
—
Ich kam vor halb fünf zu Hause an.
Frau Brandl war in der Küche.
Sie sagte: „Frau Richter.“
Ich sagte: „Frau Brandl.“
Sie sagte: „Es hat geregnet?“
Ich sagte: „Ein wenig.“
„Tee?“
„Bitte.“
Ich ging in mein Arbeitszimmer und legte den Mantel ab.
Auf dem Schreibtisch lag der Brief, den die Post heute Morgen gebracht hatte. Eine Karte aus Hamburg. Fabians Handschrift.
Sie lag mit dem Adress-Aufkleber nach oben.
Ich öffnete sie nicht sofort.
Ich setzte mich.
Frau Brandl brachte den Tee.
Sie ging.
Ich sah eine Weile aus dem Fenster.
Dann nahm ich die Karte.
Auf der Rückseite stand, in seiner geraden, etwas zu kleinen Schrift: *Bin gut angekommen. Bis Freitag. F.*
Ich lächelte kurz.
Ich legte die Karte auf den Schreibtisch.
Ich trank den Tee.
Draußen wurde es früh dunkel.
Im Garten brannten noch keine Lampen. Aber im Haus der Nachbarn hatten sie schon Licht gemacht. Es schimmerte gelb durch die Hecke.
Es war ein gewöhnlicher Mittwoch.
Es war einer der ersten gewöhnlichen Mittwoche meines Lebens.
—
Später, als ich wieder im Wohnzimmer saß, dachte ich noch einmal an den Park.
Ich dachte daran, wie oft ich dort gewesen war, in den vergangenen zwanzig Jahren, und wie unterschiedlich ich an jenen Tagen gewesen war. Ich war als Studentin dort gewesen, mit einem Stapel Bücher, an warmen Maitagen, an einer Wiese, die ich seitdem nie mehr gesucht hatte. Ich war als junge Berufstätige dort gewesen, in einem grauen Hosenanzug, mit dem schnellen, etwas abgehackten Gang, den ich damals gehabt hatte. Ich war als junge Ehefrau dort gewesen, neben Mark, der jeden Spaziergang als Verzögerung der Arbeit empfunden hatte und der nach zwanzig Minuten gewöhnlich auf seine Uhr gesehen hatte. Ich war als kranke Frau dort gewesen, an einem Vormittag im Frühherbst, in einem Mantel, der mir zu groß gewesen war, in einer Schwäche, die ich vor allen außer Clara verborgen hatte.
Heute war ich als ich gegangen.
Ich hatte keinen Hosenanzug.
Ich hatte keinen Mark.
Ich hatte nur eine Stunde Zeit, einen warmen Mantel und kein Anliegen.
Es war eine bessere Form, einen Park zu betreten, als ich sie früher gehabt hatte.
Es war auch eine bessere Form, sich selbst zu betreten.