Kapitel 47: Anne
Ich kannte die Nummer.
Ich hatte sie nie selbst gewählt. Aber ich hatte sie hundertmal gesehen, in Marks Telefon, an Abenden, an denen sein Telefon auf dem Esstisch lag und vibrierte, während er sich zum dritten Mal Wein nachschenkte. *Anne — Sekretariat.*
Es war jetzt halb zehn.
Anne Walter rief um halb zehn an. Das war eine Tageszeit, die sie sich überlegt hatte. Sie hatte gewartet, bis ihre eigene Familie zu Bett gegangen war, und sie hatte gewartet, bis ihre Tochter, von der ich nur indirekt wusste, dass sie eine Tochter hatte, im oberen Stockwerk das Licht ausgemacht hatte.
Ich nahm an.
„Frau Hartmann?“
Eine Frauenstimme. Leise. Vorsichtig.
„Ja.“
„Hier ist Anne Walter. Aus dem Sekretariat Ihres Mannes.“
„Guten Abend, Frau Walter.“
„Ich bitte um Entschuldigung, dass ich anrufe. Ich rufe nicht aus dem Büro an. Ich bin zu Hause.“
„Das hatte ich vermutet.“
„Ich rufe von einem privaten Telefon.“
„Ja.“
Sie atmete einmal aus. Ich hörte, wie sie das tat. Sie hatte den Anruf nicht zum ersten Mal in dieser Stunde versucht. Wahrscheinlich hatte sie zweimal aufgelegt, bevor sie es bei der dritten Wahl bis zum Klingeln durchgehalten hatte.
„Frau Hartmann, ich weiß nicht, ob ich das tun darf.“
„Was tun darf?“
„Sie anrufen.“
„Sie tun es.“
„Ja.“
„Dann sagen Sie.“
—
Sie war seit elf Jahren bei der Hartmann Gruppe. Sie hatte unter Marks Vorgänger angefangen, einem älteren Herrn aus der zweiten Reihe der Geschäftsführung, den niemand mehr erwähnte, weil er in einer Sitzung am Vormittag eine schwere Lungenentzündung bekommen und drei Wochen später nicht mehr gelebt hatte. Sie hatte Mark übernommen, als er den Posten antrat. Sie hatte ihn an seine Termine erinnert. Sie hatte seine Reisen gebucht. Sie hatte gewusst, wer Sophia war, sehr früh, bevor jemand anders es wusste, weil eine Sekretärin so etwas an Hotelrechnungen und Restaurantbelegen sieht.
Ich wusste das alles, und sie wusste, dass ich es wusste, und keiner von uns sprach es aus.
Es gab einen alten, ungeschriebenen Vertrag zwischen Sekretärinnen und Frauen wie mir. Sie sahen mehr als wir. Sie sagten weniger als wir. Sie hatten immer eine kleine Reserve im Gedächtnis, eine Schublade mit Datum und Uhrzeit, in der die Wahrheit lag, die niemand abrufen würde, bis es nötig wäre.
Heute war Anne Walter im Begriff, eine Schublade zu öffnen, die sie elf Jahre geschlossen gehalten hatte. Sie tat es nicht aus Bosheit. Sie tat es, weil sie der Meinung war, der Schlüssel gehöre nicht mehr ihr.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Ich rufe an, weil ich ein paar Dinge gesehen habe, die mich beunruhigen.“
„Welche?“
„Ich kann sie nicht im Detail nennen. Ich darf es nicht. Aber ich kann Ihnen sagen, dass Ihr Mann seit drei Wochen eine Reihe von Telefonaten führt, die ich nicht in den Kalender eintrage. Er trifft sich mit Leuten, die er bei mir nicht anmeldet. Er bittet mich, einige Unterlagen aus dem Archiv zu holen, die ich nicht aus dem Archiv holen würde, wenn ich in der Lage wäre, sie nicht zu holen.“
„Aber Sie holen sie.“
„Ja.“
„Frau Walter.“
„Ja.“
„Ich kann Ihnen nicht helfen.“
Sie atmete wieder aus.
„Das hatte ich vermutet.“
„Aber Sie können sich helfen.“
„Wie?“
„Indem Sie nichts tun, was Sie nicht selbst verantworten können. Indem Sie ein Notizbuch führen. Indem Sie sich nicht zum Werkzeug machen lassen für Dinge, deren Verantwortung Ihr Vorgesetzter trägt, aber bei einer Frage Ihnen zuschiebt.“
Sie schwieg einen Moment.
„Frau Hartmann, ich weiß nicht, ob ich noch die Richtige für diese Stelle bin.“
„Das müssen Sie selbst entscheiden.“
„Ich frage Sie nicht, ob ich gehen soll.“
„Ich weiß.“
„Ich frage Sie, ob es einen Moment gibt, an dem ich gehen darf, ohne andere Menschen zu verraten, die in der Firma nichts dafür können.“
Ich sah aus dem Fenster, in das dunkler werdende München, in das fahle Licht der Straßenlaternen, in die Hecke, die seit drei Tagen ein wenig grüner war als die Hecke davor.
„Frau Walter.“
„Ja.“
„Es gibt diesen Moment. Aber er kommt nicht durch ein Telefonat. Er kommt durch eine Sitzung.“
Sie schwieg.
„Sie wissen, welche Sitzung ich meine.“
„Ich weiß.“
„Sie wissen auch, dass ich nicht mehr sage.“
„Ich weiß.“
—
Sie machte eine längere Pause. Dann sagte sie etwas, das ich nicht erwartet hatte.
„Frau Hartmann. Wenn ich Ihnen sage, dass ein Brief auf dem Schreibtisch Ihres Mannes liegt, der die Berliner Bank betrifft, und der heute nachmittag gekommen ist, und den er ungeöffnet liegen lassen hat, weil er seit zwei Stunden in der Wohnung am Englischen Garten ist — dann sage ich Ihnen das nicht, damit Sie etwas tun. Ich sage es, weil Sie es vielleicht morgen brauchen werden, ohne es zu wissen.“
Ich antwortete nicht sofort.
„Frau Walter.“
„Ja.“
„Ich frage Sie etwas, und Sie müssen nicht antworten.“
„Fragen Sie.“
„Wer hat Sie ermutigt, mich anzurufen?“
Sie schwieg.
„Frau Walter?“
„Niemand direkt.“
„Indirekt?“
„Frau Stelzer.“
Frau Stelzer. Webers Sekretärin. Ich hatte sie zweimal gesehen, in der Kanzlei in der Briennerstraße, zwei kurze, sachliche Begegnungen, die nichts angedeutet hatten.
Aber Frau Stelzer kannte Anne Walter aus alten Jahren, aus einem Sekretärinnenkreis, der sich dreimal im Jahr in einem Café an der Sendlinger Straße traf, und solche Frauen sprachen miteinander, mit einer Diskretion, die in München länger hielt als manche Verträge.
„Verstehe.“
„Ich hoffe, ich habe nichts Falsches getan.“
„Sie haben nichts Falsches getan, Frau Walter.“
„Es fühlt sich nicht so an.“
„Das ist auch ein Zeichen.“
—
Sie schwieg lange.
Dann sagte sie noch eine Sache.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Ich habe seit elf Jahren in dieser Firma gearbeitet. Ich habe in den ersten Jahren manchmal Dinge gemacht, die ich nicht wieder machen würde. Nicht große Dinge. Kleine. Eine Hotelbuchung, die ich auf einen anderen Namen abrechnen ließ. Eine Sekretärin in einer anderen Firma, die ich nicht zurückgerufen habe, weil mein Chef es nicht wollte. Eine Frau aus der Buchhaltung, die mich gefragt hat, was sie mit einer bestimmten Rechnung tun soll, und der ich gesagt habe, sie solle sie unter einer anderen Position verbuchen.“
„Frau Walter.“
„Ja.“
„Sie müssen mir das nicht erzählen.“
„Ich erzähle es nicht aus Beichte. Ich erzähle es, damit Sie wissen, dass ich nicht aus Tugend anrufe. Ich rufe an, weil ich seit elf Jahren langsam jemand geworden bin, den ich nicht im Spiegel ansehen möchte. Und ich möchte, bevor diese Sitzung kommt, eine Sache richtig machen.“
„Sie haben sie richtig gemacht.“
„Ich habe nichts gemacht. Ich habe angerufen.“
„Heute reicht das.“
Sie atmete aus, das dritte Mal an diesem Telefonat.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Darf ich morgen früh, wenn Ihr Mann ins Büro kommt, eine bestimmte Sache tun, ohne sie Ihnen zu sagen?“
„Frau Walter, das müssen Sie nicht von mir abhängig machen.“
„Das ist mir wichtig.“
„Tun Sie, was Sie tun, weil Sie es richtig finden. Nicht, weil ich es weiß.“
„Verstehe.“
„Aber wenn Sie es heute Nacht entscheiden müssen, dann entscheiden Sie es jetzt, nicht morgen früh um sieben in einem Aufzug.“
Sie machte ein leises Geräusch, halb Lachen, halb nicht.
„Sie haben vermutlich recht.“
„Gute Nacht, Frau Walter.“
„Gute Nacht, Frau Hartmann.“
—
Ich legte das Telefon auf den Nachttisch.
Ich stand auf. Ich ging zum Fenster.
München lag jetzt im vollen Abendlicht, in diesem April-Blau, das eine Stunde nach Sonnenuntergang noch lange nicht schwarz wird, sondern erst tiefer und tiefer, bis es ganz spät dunkel ist.
Ich dachte an Anne Walter, die ich nie persönlich kennengelernt hatte. Eine Frau Mitte fünfzig, vermutlich, mit grauem Haar, mit einer Brille an einem dünnen Band, die sie um den Hals trug. Eine Frau, die seit elf Jahren auf einem Drehstuhl saß, den jemand anderes gewählt hatte, in einem Vorzimmer, dessen Wandfarbe Mark genehmigt hatte, mit einem Schreibtisch, der zu einer anderen Frau hätte gehören können, wenn Mark sich vor elf Jahren anders entschieden hätte.
Sie war heute Abend nicht zu mir gewechselt.
Sie hatte nur aufgehört, ohne zu fragen das zu tun, was Mark wollte.
Das war etwas anderes. Es war kleiner. Aber es war auch klarer.
—
Ich saß noch eine Weile am Fenster.
Ich dachte daran, wie viele Frauen wie Anne Walter es in der Hartmann Gruppe gab, in den Vorzimmern, in der Buchhaltung, an den Empfängen, in den kleinen, fensterlosen Räumen mit dem grünen Aktenstaub. Sie waren keine Heldinnen. Sie waren keine Verschwörerinnen. Sie waren Frauen, die seit Jahren ihren Posten kannten und seit Monaten merkten, dass der Posten anders war als früher.
Sie waren der eigentliche Boden der Firma. Das war mir vor zehn Jahren klar gewesen, als ich noch ab und zu in das Haus gekommen war, mit einem inoffiziellen Mandat, ohne mich vorzustellen. Damals hatte mich Frau Walter, die mich nicht kannte, an einer bestimmten Stelle des Korridors mit einem Glas Wasser gerettet, weil ich blass geworden war. Sie hatte das nicht ihrem Vorgesetzten gemeldet. Sie hatte es nur getan und mich danach in einen kleinen Sitzraum gebracht und mir nichts gesagt.
Mark hatte das nie erfahren.
Ich hatte es nie vergessen.
—
Ich rief Weber an.
Er nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Emilia.“
„Anne Walter hat angerufen.“
„Ach.“
„Sie wussten es.“
„Ich vermutete es. Frau Stelzer hat heute nachmittag ein längeres Telefonat geführt.“
„Verstehe.“
„Hat sie etwas gesagt?“
„Sie hat einen Brief erwähnt. Berliner Bank. Auf Marks Schreibtisch.“
„Aha.“
„Ich habe ihr nichts versprochen.“
„Das war richtig.“
„Weber.“
„Ja.“
„Kommen Sie morgen früh um halb acht her.“
„Ich komme um halb acht.“
„Mit Jan?“
„Jan ist seit heute Abend in München. Er ist im Hotel an der Theresienwiese. Er ist morgen um acht hier.“
„Gut.“
„Emilia.“
„Ja.“
„Schlafen Sie, wenn Sie können.“
„Ich versuche es.“
„Versuchen Sie nicht zu lange. Sonst gelingt es nicht.“
Ich legte auf.
Ich blieb noch eine Weile am Fenster stehen.
Drüben, in einer der oberen Wohnungen des Hauses an der Ecke, ging ein Licht aus. Eine Frau hatte sich entschieden, ins Bett zu gehen, vielleicht mit einem Buch, vielleicht ohne. München war voll von solchen kleinen Entscheidungen, die niemand sah.
Ich drehte mich um.
Auf dem Stuhl lag der schwarze Mantel.
Daneben, sorgfältig, die schwarzen Schuhe, die Frau Brandl heute aufgestellt hatte.
Ich legte mich ins Bett.
Ich machte das Licht aus.
Ich dachte an die Sitzung.
Ich dachte daran, dass irgendwo in einer Wohnung in Sendling eine Frau namens Anne Walter heute Nacht entschied, ob sie morgen früh, in einem Aufzug, einen ungeöffneten Brief auf einem Schreibtisch liegen lassen würde — oder ob sie ihn dem Aufsichtsratsvorsitzenden zeigen würde, bevor Mark um neun ins Haus kam.
Ich schloss die Augen.
Ich schlief schneller ein, als ich erwartet hatte.
Im Halbschlaf hörte ich draußen ein Auto, das an der Hecke entlangfuhr und nicht stehenblieb. Ich hörte, wie eine Türe in der Etage über mir leise geöffnet und wieder geschlossen wurde. Ich hörte das ferne, kaum hörbare Klopfen einer Münchner Aprilnacht, in der die Stadt ihre Atemzüge machte, ohne mich zu kennen.
Ich dachte an meine Mutter.
Ich dachte daran, dass sie heute irgendwo, in einer Form, die ich nicht erklären konnte, an meiner Seite war. Nicht als Geist. Nicht als Trost. Nur als ein Wort, das in der Schublade lag und morgen ein zweites Mal gelesen werden würde, wenn ich es brauchte.
Ich schlief tiefer.
Ich träumte nicht.