Kapitel 55: Frau Lehmann an der Rezeption
Ich ging zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder durch die Glastür der Maximilianstraße 12.
Es war ein Mittwochmorgen. Halb zehn. Die Sonne stand schon über den Dächern der Innenstadt, das Licht fiel in einem schmalen, gelben Band auf den Bürgersteig vor dem Haus. Ich hatte die Strecke zu Fuß gemacht, vom Hotel Bayerischer Hof, wo ich im Cafè einen Espresso getrunken hatte, weil ich zehn Minuten zu früh gewesen war.
Ich war in einem Termin. Aufsichtsratsvorbesprechung. Heinrich hatte sich angekündigt, Weber kam direkt von einem anderen Mandanten, Schmidt erwartete uns in seinem Büro. Mark wusste, dass die Sitzung stattfand. Er wusste nicht, dass ich da sein würde. Das war keine Bösartigkeit, das war Vorsicht. Mark in Anwesenheit angekündigter Termine war Mark, der Inszenierungen probte.
Ich trug den schwarzen Mantel. Den hatte ich vor zwei Wochen aus dem Schrank meiner Mutter geholt. Er passte mir noch. Er passte mir jetzt sogar besser, weil ich dünner war als vor der Krankheit. Was zynisch klang, aber stimmte.
Die Glastür glitt auseinander.
Innen war alles wie früher.
Marmor. Heller Stein, kalt unter den Sohlen. Der Empfangstresen rechter Hand, Kirschholz, dezente Lampen. Hinter dem Tresen eine Frau, die ich kannte. Frau Lehmann. Sie war seit elf Jahren bei der Hartmann Gruppe. Sie war an dem Tag eingestellt worden, an dem ich Mark gesagt hatte, er solle eine zweite Person an den Empfang setzen, weil eine allein nicht reiche.
Frau Lehmann war Anfang fünfzig. Graue Bluse, dunkler Blazer, Brille an einer Kette um den Hals. Sie sah nicht auf, als ich eintrat. Sie tippte etwas in den Computer. Vor ihr stand eine Vase mit weißen Tulpen, die noch nicht ganz aufgegangen waren.
Ich blieb zwei Schritte vor dem Tresen stehen. Ich sagte nichts. Ich wartete.
Ich war mir nicht sicher, ob sie mich erkennen würde. Ich war zwei Jahre nicht im Haus gewesen. Ich war dünner. Mein Haar war kürzer, der Schnitt anders. Ich hatte die Frisur, die ich vor zwei Wochen beim Friseur in der Theatinerstraße bekommen hatte. Eine Frau, die ich seit zehn Jahren nicht gewesen war.
Sie sah auf.
Sie sah mich an.
Es war eine kurze Sekunde, in der ihr Gesicht nichts tat. Kein Lächeln, kein Erkennen, nichts. Es war die Sekunde, in der ein Empfangsgesicht überlegt, ob es eine Person, die es kennt, in einer Form anspricht, die für die Person passt, oder in einer Form, die für die Firma passt.
Dann.
„Frau Richter.“
Ich nickte.
„Herzlich willkommen.“
—
Es waren vier Wörter.
Vier Wörter und ein Name.
Der Name war das Wichtigste.
Sie hatte „Frau Hartmann“ sagen können. Ich war seit zwölf Jahren als Frau Hartmann auf den Visitenkarten der Firma vermerkt. Mein Reisepass hieß Frau Hartmann, mein Krankenversicherungsausweis, die Unterlagen meines Anwalts. Frau Hartmann war der Name, den die Firma zwölf Jahre lang gekannt hatte, jeden Donnerstag, wenn ich bei den Personalfeiern gegrüßt wurde, jeden ersten Mai, wenn die Karten kamen, jeden Dezember bei der Weihnachtsfeier, die ich zweimal abgesagt hatte.
Sie hatte „Frau Richter“ gesagt.
Sie hatte es gesagt, als wäre es selbstverständlich. Als wäre nicht zwölf Jahre lang etwas anderes gesagt worden. Als hätte es nie etwas anderes gegeben. Als hätte sie sich am Morgen, beim ersten Kaffee an ihrem Empfangstresen, vorgenommen: Wenn sie kommt, sage ich Frau Richter. Und alles andere folgt.
Es war ein Satz, der nicht laut sein wollte.
Ein Satz, den niemand außer mir gehört hatte.
Aber ich hörte ihn.
—
„Frau Lehmann.“
„Herr Schmidt erwartet Sie. Erster Stock, Konferenzraum drei. Ich habe schon Bescheid gegeben.“
„Danke.“
„Soll ich Ihnen den Mantel abnehmen?“
„Bitte.“
Sie kam um den Tresen herum, ging zur Garderobe, nahm den schwarzen Mantel aus meinen Händen. Sie legte ihn sorgfältig über einen Bügel, einen Holzbügel mit dem Schriftzug der Firma. Sie hängte ihn nicht zu den anderen, sondern an den ersten Haken, der am nächsten zur Tür war. Eine Geste, die ich nicht kommentierte.
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Möchten Sie einen Kaffee, bevor Sie hochgehen?“
„Nein, danke.“
„Wasser?“
„Auch nicht. Danke.“
„Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie es bitte. Ich bin den ganzen Vormittag hier.“
„Vielen Dank.“
Sie ging zurück hinter ihren Tresen. Sie setzte sich. Sie schaute in ihren Bildschirm, als hätte sie nichts getan, was sie nicht jeden Morgen tat.
—
Der Aufzug kam.
Eine Minute. Eine ganze Minute. Im ersten Stock. Im zweiten. Wieder im ersten. Marks Stockwerk war das dritte. Konferenzraum drei lag im ersten. Der Konferenzraum war kleiner. Er war für interne Sitzungen, nicht für Empfänge. Er hatte keine Aussicht, nur Tageslicht durch ein Oberlicht.
Schmidt hatte ihn ausgesucht.
Ich verstand, warum.
Im dritten Stock, in Marks Stockwerk, wäre ich an Marks Bürotür vorbeigegangen. Ich hätte Anne in ihrem Vorzimmer getroffen. Ich hätte den Kaffeegeschirrgeruch gerochen, den Mark seit zwölf Jahren an seinem Korridor hatte. Ich hätte alles wieder gesehen, was ich vor zwei Jahren zum letzten Mal gesehen hatte.
Im ersten Stock saß Schmidt.
Im ersten Stock saßen die Buchhaltung, die Personalabteilung, die Justitiare. Im ersten Stock waren die Räume, in denen eine Firma sich selbst kontrolliert.
Schmidt hatte mich genau dorthin gebeten.
Es war kein Zufall.
—
Im Aufzug war ich allein.
Ich sah mich im polierten Stahl der Tür. Ich sah eine Frau in einem dunklen Hosenanzug, ohne Mantel, mit kurzem Haar und einer Tasche aus weichem Leder, die aus den Beständen meiner Mutter stammte. Eine Frau, die ich seit Jahren nicht gewesen war.
Frau Richter.
Es war der erste Tag, an dem ich mit diesem Namen wieder in dieses Haus kam.
Mein Vater hatte einmal gesagt, ein Name sei das Letzte, was eine Frau verliere. Es klang damals wie eine Floskel. Es war keine.
—
Schmidt erwartete mich an der Tür von Konferenzraum drei.
Er sah erleichtert aus, als ich aus dem Aufzug stieg. Erleichtert, nicht freudig. Er gab mir die Hand. Sein Handschlag war wie immer trocken, fest, einen Moment zu lang.
„Frau Richter.“
„Markus.“
„Heinrich ist schon drin.“
„Weber?“
„Wartet noch zehn Minuten. Er kommt aus der Briennerstraße zu Fuß.“
„Gut.“
Schmidt öffnete die Tür. Heinrich stand am Fenster, das Portfolio in der Hand, und sah hinaus auf den Innenhof, wo zwei Linden im Frühjahrslicht standen. Er drehte sich um, als ich eintrat.
„Frau Richter.“
„Heinrich.“
„Sie sind pünktlich.“
„Ich war zehn Minuten zu früh.“
„Das gehört bei Ihnen offenbar dazu.“
Er sagte das, ohne mich anzusehen, mit einem leichten Lächeln im Mundwinkel. Mein Vater hatte sich nie verspätet. Ich hatte das von ihm gelernt, ohne dass er es mir je gesagt hätte.
—
Wir setzten uns. Schmidt holte Wasser. Heinrich legte das Portfolio neben sich auf den Tisch.
„Wo ist Mark.“
„Im dritten Stock“, sagte Schmidt. „Er weiß, dass eine Sitzung ist. Er weiß nicht, wer dabei ist.“
„Was hat er gesagt.“
„Er hat nicht gefragt.“
„Er hat nicht gefragt?“
„Er hat in der letzten Woche viele Dinge nicht gefragt, Frau Richter.“
Heinrich sah Schmidt einen Moment an, ohne ein Wort zu sagen. Dann nickte er.
Es gab Pausen zwischen den drei von uns, die sich nicht eilig anfühlten. Schmidt schenkte Wasser ein. Heinrich faltete die Hände auf dem grünen Portfolio. Ich legte meine Tasche auf den Stuhl neben mir.
„Frau Richter.“
„Ja, Markus.“
„Ich möchte etwas sagen, bevor Weber kommt.“
„Bitte.“
„Es gibt vier Personen im Haus, die seit der Sitzung vergangene Woche nur noch ‚Frau Richter‘ zu Ihnen sagen. Frau Lehmann am Empfang. Anne. Mein Sekretariat. Ich. Wir haben uns nicht abgesprochen. Es hat sich so ergeben.“
Ich sah ihn an.
Er war ein nüchterner Mann. Markus Schmidt sagte selten etwas, das nicht in einer Excel-Tabelle stand.
„Danke, Markus.“
„Es ist nicht ‚danke‘ wert. Es ist eine Beobachtung.“
„Sie ist es trotzdem.“
„Frau Richter.“
„Ja.“
„Es gibt im Haus auch Personen, die noch ‚Frau Hartmann‘ sagen. Sie tun das aus Gewohnheit, nicht aus Loyalität. Ich werde sie nicht korrigieren. Aber ich werde es nicht selbst tun.“
„Ich verstehe.“
—
Weber kam um Punkt zehn. Er klopfte zweimal, trat ein, gab Heinrich die Hand, mir die Hand, Schmidt zuletzt. Er setzte sich an den Kopf des Tisches. Er klappte seinen Aktenkoffer auf.
„Frau Hartmann.“
Ich sah auf.
Er schaute mich an, ein kurzer Blick, höflich, sachlich. Dann lächelte er ganz leicht.
„Verzeihen Sie. Frau Richter.“
„Bitte.“
„Ich werde mich umstellen müssen.“
„Wir haben Zeit.“
„Nicht so viel, wie wir hätten haben sollen.“
Er klappte eine Akte auf. Er begann zu lesen. Schmidt zog seinen Notizblock heran. Heinrich lehnte sich zurück.
Im ersten Stock der Maximilianstraße 12, in einem fensterlosen Konferenzraum mit Oberlicht, an einem Mittwochmorgen um zehn nach zehn, saßen vier Menschen an einem Tisch, und niemand sagte mehr „Frau Hartmann“.
—
Während Weber die zweite Akte aufschlug, dachte ich kurz an Frau Lehmann.
Frau Lehmann war eine Frau, mit der ich in zwölf Jahren vielleicht zwanzigmal gesprochen hatte. Kein langes Gespräch dabei, nur die Sätze, die zwischen einer Hausherrin und einer Empfangsdame fallen. Wir hatten uns einmal in einer Konditorei in der Sendlinger Straße getroffen, vor acht oder neun Jahren, am Samstag, beide mit Einkaufstüten in der Hand. Sie hatte gesagt: „Frau Hartmann, möchten Sie einen Tisch teilen?“, weil das Cafè voll gewesen war. Ich hatte ja gesagt. Wir hatten zusammen einen Streuselkuchen gegessen. Wir hatten über das Cafè gesprochen, über die Schauspielfreunde am Gärtnerplatz, über ihre Tochter, die damals Abitur machte.
Sie hatte mir am Ende gesagt: „Frau Hartmann, ich danke Ihnen, dass Sie hier sitzen. Das tun viele Frauen Ihres Mannes nicht.“
Ich hatte das damals als Höflichkeit verstanden.
Ich verstand es heute anders.
Frauen wie Frau Lehmann beobachten sehr lange. Sie sagen wenig. Sie speichern viel. Wenn sie an einem Mittwochmorgen einer Frau, die seit zwei Jahren verschwunden war, einen anderen Namen geben, ist das keine Improvisation. Das ist eine Entscheidung, die Wochen oder Monate im Hintergrund gereift ist. Sie hatte gewartet, bis sie sich sicher war.
Sie war sich sicher.
Sie war es vor mir gewesen.
—
„Frau Richter.“
Webers Stimme.
Ich sah auf.
„Verzeihung, Herr Doktor.“
„Ich habe gefragt, ob wir die Vereinbarung mit der Stadtsparkasse als unverbindlichen Memorandumsvorschlag oder als formellen Letter of Intent behandeln sollen.“
„Als Memorandumsvorschlag.“
„Begründung.“
„Ein Letter of Intent verpflichtet uns zu einer Art von Verhandlungsfortschritt, den wir intern noch nicht abgesichert haben. Ein Memorandumsvorschlag gibt uns die Tür offen, ohne uns festzulegen.“
Schmidt nickte. Heinrich nickte. Weber notierte.
„Genau, was ich gedacht habe“, sagte Weber. „Aber ich wollte es von Ihnen hören.“
„Sie wollten testen.“
„Frau Richter, ich teste keine Mandanten. Ich teste meine eigenen Annahmen, indem ich sie meinen Mandanten zur Bestätigung vorlege.“
„Ein feiner Unterschied.“
„Ein wichtiger.“
Heinrich räusperte sich kurz.
„Wenn ich darf.“
„Bitte, Heinrich.“
„Ich kenne den Direktor der Stadtsparkasse seit zwölf Jahren. Wenn Sie wollen, kann ich ihn anrufen, bevor das Memorandum geschrieben wird. Nicht offiziell. Nur ein kurzes Gespräch.“
Schmidt sah ihn an. Weber sah ihn an. Ich sah ihn an.
„Heinrich.“
„Ja.“
„Was würden Sie ihm sagen.“
„Ich würde ihm sagen, dass ich für die Familie Richter beratend tätig bin und dass die Familie Richter in nächster Zeit eine größere Rolle in der Hartmann Gruppe einnehmen wird. Mehr nicht.“
„Das ist viel.“
„Das ist alles, was er wissen muss. Den Rest schließt er sich selbst zusammen.“
Weber sagte langsam:
„Heinrich, das wäre hilfreich.“
Ich nickte.
„Bitte tun Sie es.“
Heinrich nickte.
Schmidt schrieb sich etwas auf seinen Block.
—
Im dritten Stock saß ein Mann an einem Schreibtisch, der davon nicht wusste.
Es würde noch eine Stunde dauern, bis er es erfuhr.