Kapitel 5: Frau Brandl
Frau Brandl kam mit einem Teetablett in den Salon, obwohl ich keinen Tee gewollt hatte.
Sie kannte mich. Sie wusste, dass ich nichts gewollt hatte, weil ich nicht sicher war, ob ich es halten könnte. Sie stellte das Tablett auf den kleinen Tisch neben dem Fenster und schob eine Tasse leise zu mir herüber. Kamille. Sie wusste auch das.
„Trinken Sie einen Schluck.“
Ich trank einen Schluck.
Sie setzte sich nicht. Frau Brandl setzte sich nie, wenn nicht ein Gast im Raum war. Man hatte das jahrzehntelang versucht, ihr abzugewöhnen. Mein Vater hatte ihr den kleinen Sessel am Kamin gekauft, „Frau Brandl, das ist Ihrer.“ Sie hatte gedankt und sich nie darauf gesetzt.
Ich hatte es in den letzten Jahren aufgegeben.
Sie blieb also stehen. Sie hielt die Hände vor der Schürze verschränkt. Sie sah nicht auf mich, sondern auf die Tasse, als überlege sie, ob der Dampf die richtige Höhe habe.
„Seine Sachen sind weg, Frau Hartmann.“
„Seit wann?“
„Seit Montag. Er hat den jüngeren Johann geschickt. Nicht den alten. Der alte wäre nicht gekommen.“
Sie sagte es so sachlich, wie sie Butter aus der Kammer holte.
„Was hat er mitgenommen?“
„Die Anzüge. Die Hemden. Die Schuhe. Den Wein aus dem Keller, den aus dem dritten Regal. Die Uhr aus der Vitrine im Arbeitszimmer unten.“
„Welche Uhr?“
„Die kleine mit dem Anker.“
Ich schloss die Augen.
Die kleine Uhr mit dem Anker war von meinem Großvater gewesen. Mein Vater hatte sie in die Vitrine gelegt, als er sechzig wurde, und seitdem hatte sie niemand angerührt. Sie war nichts wert. Sie lief nicht einmal mehr. Mein Vater hatte einmal gesagt: „Manche Dinge sind nur wertvoll, wenn sie nicht verkauft werden.“
Mark hatte die Uhr mitgenommen, und ich wusste, dass er nicht wusste, was er mitgenommen hatte.
Sie war ihm nur aufgefallen, weil sie ordentlich aussah.
—
„Hat er etwas gesagt?“, fragte ich.
„Zum jüngeren Johann?“
„Zu Ihnen.“
Frau Brandl zögerte.
„Er hat mich nicht gesehen, Frau Hartmann. Ich war hinten im Wäschezimmer.“
„Und der jüngere Johann?“
„Der hat gesagt, es tue ihm leid.“
„Was tut ihm leid?“
„Das, was er eben gesagt hat. Er ist ein anständiger Bursche. Er weiß, wie Herr Hartmann mit dem alten Johann umgegangen ist.“
Ich nickte.
Ich sah in die Tasse.
Frau Brandl sagte eine Weile nichts.
Dann sagte sie den Satz, den ich nicht erwartet hatte, obwohl ich hätte wissen müssen, dass er kommen würde.
„Ihr Vater hätte das nicht zugelassen, Frau Hartmann.“
—
Ich sah auf.
Sie stand noch immer am Tisch, die Hände vor der Schürze. Aber ihre Hände zitterten. Nicht stark. Nur die Fingerspitzen.
Frau Brandl war achtundsechzig. Sie hatte in ihrem Leben viel gesehen. Sie war mit achtzehn aus Niederbayern in die Stadt gekommen, weil ihre Tante eine Stelle für sie hatte. Sie war geblieben. Sie hatte meinen Vater als jungen Mann erlebt. Sie hatte meine Mutter in der Küche gehabt, als die sterbend war, weil meine Mutter gesagt hatte, sie wolle nicht im Krankenhaus sterben, und Frau Brandl hatte meiner Mutter die Suppe gekocht, die sie in den letzten Tagen noch wollte.
Frau Brandl weinte nicht leicht.
Ihre Hände zitterten, wenn sie wütend war.
„Frau Brandl“, sagte ich.
„Ich sage das nicht oft, Frau Hartmann. Aber heute sage ich es.“
„Sagen Sie es.“
„Ihr Vater hätte Herrn Hartmann nicht im Haus gehabt.“
Ich schwieg.
„Schon vor vier Jahren nicht. Vor fünf Jahren auch nicht. Ich wusste, dass es nicht ging. Ihre Mutter hätte es auch nicht.“
„Warum haben Sie nie etwas gesagt?“
„Weil Sie ihn liebten.“
Sie sagte es ohne Vorwurf. Nur als Erklärung.
„Ich habe ihn geliebt.“
„Ich weiß.“
„Ich liebe ihn nicht mehr.“
„Das weiß ich auch.“
Sie nahm die Hände auseinander. Sie legte die linke leicht auf die Rückenlehne meines Sessels, so vorsichtig, als berühre sie ein Tier, das schlafen sollte.
Ich spürte sie dort, ohne hinzusehen.
—
Wir schwiegen eine Weile.
Irgendwo in der Küche tropfte ein Hahn. Sie hatte seit Wochen gesagt, sie werde den Installateur rufen. Mark hatte es nicht gemacht. Ich hatte es in dem Chaos der letzten Monate nicht gemerkt.
„Morgen rufe ich den Installateur“, sagte sie.
„Gut.“
„Und in der Diele brennt eine Birne nicht mehr.“
„Tauschen wir.“
„Ich habe sie bestellt. Sie kommt morgen.“
„Gut.“
Das war Frau Brandls Art, Trost zu spenden. Sie sprach über Installateure, Birnen, Flecken auf Holz. Sie wusste, dass ein Haus an kleinen Dingen zerbricht, wenn niemand sie tut, und dass ein Haus am Leben bleibt, wenn jemand sie tut.
Sie hatte die Villa am Leben gehalten, während Mark und ich ein Ehepaar spielten.
Das war mir nie so klar gewesen wie in diesem Moment.
—
„Frau Brandl.“
„Ja, Frau Hartmann.“
„Wenn Herr Hartmann noch einmal kommt.“
Sie sah mich an.
Sie wartete.
„Öffnen Sie ihm nicht.“
Sie nickte einmal.
„Wenn er klingelt und ruft, wenn er seinen Schlüssel versucht, wenn er sagt, er habe etwas vergessen.“
„Er hat keinen Schlüssel mehr“, sagte sie.
Ich sah sie an.
„Der jüngere Johann hat ihn am Montag mitgenommen, als er die Sachen geholt hat. Ich habe gesagt, Herr Hartmann habe gewünscht, dass alles sauber zurückgegeben werde.“
„Das hat Mark nicht gewünscht.“
„Nein.“
„Sie haben es gewünscht.“
„Ja.“
Ich lächelte. Klein. Unsichtbar, aber sie sah es.
„Dann haben wir dasselbe Geschäft.“
„Ich nehme es an, Frau Hartmann.“
—
Sie ging in die Küche.
Ich hörte, wie sie das Tablett noch einmal hob und absetzte. Das tat sie, wenn sie überlegte, wo sie es hinstellen sollte.
Dann kam sie zurück.
„Frau Hartmann.“
„Ja.“
„Darf ich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Das Arbeitszimmer Ihres Vaters.“
„Ja.“
„Wollen Sie hinein?“
Ich hatte die Frage erwartet.
Ich hatte sie mir selbst die ganze Fahrt im Taxi gestellt, obwohl ich sie nicht ausgesprochen hatte.
Das Arbeitszimmer meines Vaters lag im Obergeschoss, hinten, mit Blick auf den Garten. Es war seit seinem Tod geschlossen. Ich hatte es in den ersten Monaten nicht gekonnt. Mark hatte es nicht gedurft, obwohl er es versucht hatte, einmal, vier Monate nach der Beerdigung. Ich hatte ihn abgefangen, im Gang, und ihm den Schlüssel aus der Hand genommen, ohne etwas zu sagen. Er hatte mich komisch angesehen. Er hatte den Schlüssel nicht wiedergewollt.
Seitdem hatte ihn Frau Brandl. Sie ging einmal in der Woche hinein, um Staub zu wischen. Sie veränderte nichts. Sie wusste, wo jedes Ding lag.
„Nicht heute“, sagte ich. „Morgen.“
„Gut.“
„Frau Brandl.“
„Ja.“
„Haben Sie den Schlüssel hier?“
Sie griff in die Tasche ihrer Schürze.
Sie legte den Schlüssel auf den Tisch neben die Kamillentasse.
Er war alt. Messing. Schwer.
„Er ist Ihrer“, sagte sie.
„Er war meines Vaters.“
„Jetzt ist er Ihrer.“
—
Sie verließ den Salon.
Ich sah den Schlüssel an.
Ich nahm ihn in die Hand.
Er war wärmer, als er hätte sein sollen. Frau Brandl hatte ihn offenbar die ganze Zeit in der Schürzentasche gehabt, als sie auf mich gewartet hatte. Sie war ihn nicht holen gegangen. Sie hatte ihn bei sich getragen.
Ich legte ihn zurück auf den Tisch.
Ich trank den Tee aus.
Ich saß dort, bis das Licht im Garten anfing zu gehen. Der Nachmittag in München im Winter ist kurz. Er wird nicht dunkel, er wird einfach grau, und wenn man nicht aufpasst, sitzt man plötzlich in einer Dämmerung, die man nicht bestellt hat.
Ich stand auf.
Ich nahm den Schlüssel.
Ich ging nicht in das Arbeitszimmer.
Ich ging die Treppe hinauf in mein altes Mädchenzimmer, legte mich angezogen auf das frisch bezogene Bett und schlief eine Stunde lang, zum ersten Mal seit Wochen ohne Unterbrechung.
Als ich aufwachte, war es dunkel.
Frau Brandl hatte eine Decke über mich gelegt.
Ich hatte sie nicht hereinkommen gehört.