Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 80: Das Treppenhaus

Am Dienstagnachmittag um Viertel vor vier ging ich die Briennerstraße hinunter.

Es war ein heller Tag. Die Kastanien standen in einem dunkleren Grün als am Tag der Verhandlung, vor zwei Wochen. Ein leichter Wind kam aus Westen. Eine Frau mit einem Kinderwagen kam mir entgegen, lächelte einen Augenblick, ohne mich zu kennen, und ging vorbei.

Ich war zehn Minuten zu früh.

Ich blieb deshalb am Eingang des Hofgartens stehen, bei den Linden, in deren Schatten ich am Tag der Verhandlung gestanden hatte. Ich sah eine Weile auf den Brunnen.

Mein Vater hatte mir an diesem Brunnen einmal gesagt: *Eine Bedingung ist nur stark, wenn man sie nicht durchsetzen muss.*

Ich hatte den Satz inzwischen verstanden.

Heute kam ein anderer Satz dazu.

Mein Vater hatte ihn vor vielen Jahren auf einer langen Autofahrt zu mir gesagt, und ich hatte ihn damals in einer Notiz festgehalten, die ich später vergessen hatte. *Emilia, das letzte Gespräch ist nicht das, in dem man recht behält. Es ist das, in dem man fertig wird.*

Um Punkt vier kam ich zum alten Eingang in der Briennerstraße.

Mark stand schon dort.

Er trug einen Mantel. Es war ein Mantel, den ich nicht kannte. Er war einfacher als seine alten Mäntel. Er war nicht aus Wolle. Er war aus einem dunklen Trenchcoatstoff, leicht gebraucht, mit einem Gürtel, dessen Ende ein wenig herausragte. Er hatte ihn vermutlich selbst gekauft, in einer Geschäftsstraße, in einem Geschäft, das er vor einem Jahr nicht betreten hätte.

Er sah mich kommen.

Er nickte mir zu.

Ich nickte zurück.

Wir gingen zu zweit das halbe Treppenhaus hinauf, ohne ein Wort.

Es war ein leeres Treppenhaus. Marmor, eine schmiedeeiserne Balustrade, ein Lichtschacht oben. Niemand sonst war hier. Webers Kanzlei lag im zweiten Stock, das Treppenhaus diente nur zum Hinaufgehen. Es war ein Ort für Begegnungen, die nicht im Konferenzraum stattfanden.

Auf halber Höhe blieb ich stehen.

Mark blieb auch stehen, eine Stufe unter mir.

Er sah einen Augenblick auf seine Hand auf dem Geländer. Dann sah er mich an.

„Emilia.“

„Mark.“

Es war kein Vorwurf in seiner Stimme. Es war auch keine Bitte. Es war eine Anrede.

Er hatte heute keine Akten. Er hatte heute keinen Anwalt. Er hatte heute auch keine Strategie.

Er hatte heute nur sich selbst.

„Ich danke dir, dass du gekommen bist.“

„Ich bin gekommen, weil du es gefragt hast.“

„Ich weiß.“

Er sah einen Augenblick an mir vorbei, in das Treppenhaus hinauf.

„Ich habe heute Vormittag den letzten Karton aus der Wohnung am Englischen Garten geholt.“

Ich antwortete nicht.

„Ich wollte dir das nicht erzählen, um dich zu rühren. Ich erzähle es dir, weil es das Letzte ist, was ich dir noch zu erzählen hatte.“

„Gut.“

Er sah wieder mich an.

„Emilia. Ich werde dir nichts sagen, was wie eine Entschuldigung klingt.“

„Bitte tu es nicht.“

„Ich werde dir auch nichts sagen, was wie eine Bitte klingt.“

„Bitte tu auch das nicht.“

Er nickte.

Er suchte einen Augenblick nach Worten.

„Ich habe gestern Abend gesessen und auf die Wohnung in der Hans-Sachs-Straße geschaut. Auf die Wand. Auf den Fußboden. Auf das Fenster, das auf den Hinterhof geht.“

„Ja?“

„Ich habe gedacht: Was hat sie eigentlich getan?“

Ich sagte nichts.

„Ich habe es nicht gedacht, weil ich dir etwas vorwerfen wollte. Ich habe es gedacht, weil ich es ehrlich nicht wusste.“

„Mark.“

„Bitte. Lass mich noch einen Augenblick.“

Ich nickte.

„Und dann habe ich verstanden: Du hast nichts getan. Du hast nur aufgehört, mir zu helfen. Du hast mich gehen lassen, in die Richtung, in die ich von selbst gegangen bin. Du hast die Tür nicht zugehalten und du hast sie nicht aufgehalten. Du hast sie nur losgelassen.“

„Mark.“

„Ja?“

„Du wirst es nicht für mich sagen.“

„Was?“

„Den Satz, den du gerade fast gesagt hättest. *Du bist großzügig.* Oder: *Du bist gerecht.* Sag ihn nicht.“

Er sah mich an.

„Ich hatte ihn nicht vorgehabt.“

„Doch. Du hattest ihn vorgehabt.“

Er senkte einen Augenblick den Blick.

„Vielleicht.“

Er sah wieder auf.

„Ich frage dich nichts. Aber ich sage dir eines.“

„Bitte.“

„Du bist unbarmherzig.“

Er sagte es leise. Er sagte es nicht als Vorwurf. Er sagte es als Befund. Er sagte es, weil er es heute Vormittag, in einer leeren Wohnung in der Hans-Sachs-Straße, formuliert hatte und weil er den Satz mitgebracht hatte, um ihn auszusprechen.

Ich sah ihn an.

Ich überlegte einen Augenblick.

Ich überlegte, ob ich antworten sollte. Ich überlegte, ob es notwendig war. Ich überlegte, ob es ausreichte, zu schweigen.

Es reichte nicht aus.

Ich schuldete ihm keine Antwort. Aber ich schuldete mir selbst eine.

Ich sagte:

„Nein.“

Ich sagte es ohne Härte. Ich sagte es ohne Wärme. Ich sagte es, wie man eine Tatsache feststellt.

„Nur fertig.“

Mark sah mich an.

Er nickte einmal, langsam.

Es war nicht Zustimmung. Es war auch nicht Verständnis. Es war ein Nicken, mit dem er das Wort entgegennahm.

Er hielt das Geländer noch immer mit der linken Hand.

Sein Kopf war einen Augenblick gesenkt.

Dann hob er ihn.

„Gut“, sagte er.

Mehr sagte er nicht.

Wir standen einen Augenblick still.

Im Treppenhaus war das Geräusch der Briennerstraße zu hören, sehr leise, durch das halb offene Fenster oben. Ein Auto, das anfuhr. Eine Frau, die jemanden rief. Eine Glocke, die im Hintergrund vier schlug.

Mark sah einen Augenblick auf seine Schuhe.

Es waren neue Schuhe. Nicht von dem Schuhmacher in der Theatinerstraße, der seit Jahren seine Schuhe gemacht hatte. Es waren Schuhe aus einem Geschäft, das ich nicht kannte.

Er hob den Blick wieder.

„Emilia.“

„Ja?“

„Ich werde dich nicht mehr ansprechen.“

„Ich weiß.“

„Wenn wir uns noch einmal sehen — auf der Straße, in einem Geschäft, im Foyer einer Veranstaltung —, werde ich nicken. Du musst nicht zurücknicken.“

„Ich werde zurücknicken, wenn ich es will.“

„Das ist gerecht.“

Er sah einen Augenblick zur Seite, dann zurück.

„Adieu, Emilia.“

Er sagte es nicht auf Französisch, wie damals, an dem Vormittag im Klinikum, mit der Aktentasche aus italienischem Leder und dem weißen Umschlag in der Hand.

Er sagte es auf Deutsch.

„Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Mark.“

Er ging an mir vorbei.

Er ging die Stufen hinunter, drei, vier, dann die letzte Drehung, dann die Tür zur Briennerstraße. Ich hörte die Tür schließen.

Ich blieb auf der halben Treppe stehen.

Ich hörte Marks Schritte auf dem Asphalt der Briennerstraße. Ich hörte sie eine Weile. Sie wurden leiser. Sie verschwanden in einem Geräusch der anderen Schritte, die in der Briennerstraße um diese Uhrzeit gingen.

Ich ging die Stufen langsam wieder hinunter.

Ich öffnete die Tür zur Straße.

Ich trat hinaus.

Ich sah nicht in die Richtung, in die er gegangen war.

Ich ging in die andere Richtung.

Im Hofgarten setzte ich mich auf eine Bank.

Es war eine andere Bank als die, an der ich am Tag der Verhandlung gestanden hatte. Sie stand auf der Westseite, mit Blick auf das Brunnenrund.

Ich saß lange.

Ich dachte nicht an Mark.

Ich dachte an den Satz, den ich gesagt hatte. *Nein. Nur fertig.*

Es war ein einfacher Satz.

Es war auch ein klarer Satz.

Ich war fertig.

Es war eine Aussage, die nicht eine Krankheit beschrieb. Es war eine Aussage, die einen Zustand beschrieb, in den man durch Arbeit kommt, nicht durch Vergehen.

Ich war fertig mit dem Vermögen, das aufzuteilen war.

Ich war fertig mit den Anteilen, die zu übertragen waren.

Ich war fertig mit den Mappen, die zu unterschreiben waren.

Ich war fertig mit dem Mann, der sie gebracht hatte.

Ich war auch fertig mit der Frau, die ich vor siebzehn Monaten gewesen war, in einem Klinikbett, mit einem Stick unter dem Kissen.

Ich stand nach einer halben Stunde auf.

Ich ging die Allee entlang, durch die Linden, am Brunnen vorbei.

Auf dem Weg zur Maximilianstraße kam ich an einem kleinen Geschäft vorbei, in dessen Schaufenster Tulpen standen. Ein Strauß war besonders schön. Helle, weiße Tulpen mit einem leichten Stich ins Cremefarbene.

Ich ging hinein. Ich kaufte den Strauß.

Die Verkäuferin wickelte ihn in Papier.

„Soll ich eine Karte dazu schreiben?“, fragte sie.

„Nein.“

„Eine Schleife?“

„Nein. Nichts.“

Ich nahm den Strauß. Ich ging zurück zur Maximilianstraße.

In meinem Büro stellte Anne den Strauß in eine Vase.

Sie sagte nichts.

Sie wusste, dass die Tulpen heute, an diesem Nachmittag, an diesem Schreibtisch, keine Erklärung brauchten.

Sie stellte die Vase auf den Tisch.

Sie ging hinaus.

Ich setzte mich an den Schreibtisch.

Ich öffnete die obere Schublade.

Auf dem Boden lag der Brief, den ich gestern dort hingelegt hatte. Der Brief, den meine Mutter an meinen Vater geschrieben hatte, *zu lesen, wenn Du den Schreibtisch räumst.*

Ich öffnete ihn nicht.

Ich legte ihn auf den Tisch, neben die Vase.

Ich sah ihn eine Weile an.

Ich saß bis zum Abend.

Vor dem Fenster wurde das Licht weicher. Auf der Maximilianstraße gingen Menschen, die ich nicht kannte.

Auf dem Tisch lagen ein ungeöffneter Brief und ein Strauß heller Tulpen.

Es war keiner dieser beiden Gegenstände, der mir das Wichtigste sagte.

Es war der Lederrand des Schreibtischs unter meiner rechten Hand.

Anne kam um halb sechs herein.

„Frau Richter. Soll ich heute noch etwas tun?“

„Nein, Anne.“

„Soll ich die Vase mit den Tulpen heute Abend aus Ihrem Büro nehmen?“

„Lassen Sie sie hier. Bitte stellen Sie sie nur in die Mitte des Tisches. Ich möchte sie morgen früh sehen, wenn ich hereinkomme.“

„Verstanden.“

Sie stellte die Vase um. Sie strich kurz mit dem Zeigefinger an der Glaskante entlang, vielleicht aus Versehen, vielleicht aus einer Geste, die sie sich selbst nicht erklären konnte.

„Frau Richter.“

„Ja, Anne?“

„Ich habe heute eine Karte bekommen. Sie liegt in meinem Schreibtisch. Es ist die zweite, die ich seit Mittwoch bekommen habe.“

„Von ihm?“

„Ja.“

„Was steht darauf?“

„Nichts. Nur ein Datum. Das Datum heute.“

Ich sah sie an.

„Anne.“

„Ja?“

„Sie müssen mir nicht jede Karte zeigen.“

„Ich zeige sie Ihnen nicht. Ich erzähle nur, dass es eine gibt.“

„Gut.“

Sie nickte.

Sie wollte gehen.

„Anne.“

„Ja, Frau Richter?“

„Wie geht es Ihnen mit den Karten?“

Sie überlegte einen Augenblick.

„Sie sind nicht an mich, Frau Richter. Sie sind an die Person, die ich für ihn war. Diese Person bin ich nicht mehr.“

„Gut.“

Sie ging.

Ich blieb sitzen.

Ich sah auf die Tulpen.

Ich saß bis es draußen ganz dunkel war.

Im Vorzimmer hörte ich Anne ihren Mantel anlegen.

Sie klopfte einmal kurz an meine Tür.

„Frau Richter. Ich gehe.“

„Gute Nacht, Anne.“

„Gute Nacht.“

Ich hörte ihre Schritte sich entfernen, die Treppe hinunter, durch das Foyer, durch die schwere Eingangstür der Maximilianstraße zwölf, die sich hinter ihr schloss.

Es war jetzt ganz still im Haus.

Ich stand auf.

Ich nahm den ungeöffneten Brief vom Tisch.

Ich legte ihn zurück in die obere Schublade.

Ich legte die Hand noch einmal auf den Lederrand. Das Holz war heute wärmer als gestern. Vielleicht weil ich länger daran gesessen hatte. Vielleicht weil die Sonne am Nachmittag durch das Fenster gefallen war.

Ich nahm die Tulpen aus der Vase nicht heraus.

Ich nahm meinen Mantel.

Ich machte das Licht aus.

Auf der Maximilianstraße ging ich zu Fuß.

Es war nicht weit zur Bogenhausen. Eine halbe Stunde mit den Brücken, eine halbe Stunde, in der ich keine Worte mit jemandem wechselte. Ich ging an dem alten Eingang in der Briennerstraße nicht vorbei. Ich nahm den anderen Weg, durch die Theresienstraße, dann an der Pinakothek vorbei, dann durch den Hofgarten, dann am Bayerischen Hof vorbei, dann über die Maximiliansbrücke.

Auf der Maximiliansbrücke blieb ich einen Augenblick stehen.

Die Isar floss schwer. Es hatte in den letzten Tagen geregnet. Das Wasser hatte eine bräunliche Farbe. Auf der gegenüberliegenden Uferseite, vor der Maximilianeum, brannten schon die Lichter.

Ich sah eine Weile auf das Wasser.

Ich dachte nicht an Mark.

Ich dachte an einen Vormittag im Herbst, vor zwölf Jahren, als ich auf dieser Brücke gestanden hatte, mit einem jungen Mann, dem ich gesagt hatte, dass ich ihn heiraten würde. Es war ein anderer Vormittag gewesen. Es war auch ein anderer junger Mann.

Heute war ich allein auf der Brücke.

Heute war es Abend.

Ich ging weiter.

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