Die letzten Monate meiner Ehe

Kapitel 53: Süddeutsche, Wirtschaftsteil

Frau Brandl legte die Zeitung am Donnerstag wie immer auf den Frühstückstisch.

Sie tat es ohne Worte. Sie stellte das Brot dazu, die Butter, die Marmelade meiner Mutter, die sie immer noch jedes Jahr selbst einkochte. Sie schenkte den Kaffee ein. Sie zog sich zurück, wie sie sich zurückzog, wenn sie dachte, dass ich besser allein las.

Ich nahm zuerst das Hauptblatt. Ich las es nicht ganz. Politik, Innenstadt, ein Bericht über einen Streit im Stadtrat um eine Trambahnverlängerung. Ich überflog es. Ich blätterte zur Seite vier, las den kurzen Kommentar. Ich blätterte weiter.

Im Wirtschaftsteil, auf der zweiten Seite, unten links.

Ein kleiner Artikel. Dreispaltig. Etwa zweihundert Wörter. Keine Schlagzeile auf der Titelseite des Bundes, kein Porträtfoto, kein Aufmacher. Eine jener Notizen, die im Wirtschaftsteil zwischen den Quartalszahlen einer mittelgroßen Brauerei und einer Ankündigung über ein Rechenzentrum in Garching stehen.

> **Personalbewegung bei Münchner Immobiliengruppe** > > *München.* Bei der Hartmann Immobilien Gruppe, einem etablierten Akteur am Münchner Markt mit Sitz in der Maximilianstraße, soll es nach Informationen aus dem Umfeld zu einer Neubesetzung im Bereich der strategischen Beratung gekommen sein. Wie aus Aufsichtsratskreisen verlautet, wurde in der vergangenen Woche eine außerordentliche Sitzung anberaumt, in deren Verlauf ein bislang nicht im Tagesgeschäft tätiges Familienmitglied zu offenen Fragen Stellung genommen habe. Die Gruppe geht ursprünglich auf das Architekturbüro Richter zurück, das 2003 mit dem damaligen Konkurrenzunternehmen Hartmann fusionierte. Eine offizielle Mitteilung der Gruppe lag bei Redaktionsschluss nicht vor.

Ich las den Absatz zweimal.

Beim ersten Mal überflog ich ihn, wie man eine Notiz überfliegt, die einen nicht direkt betrifft. Beim zweiten Mal las ich ihn langsam, Satz für Satz, Wort für Wort, und ich verstand jeden Halbsatz.

*Aufsichtsratskreisen.*

*Bislang nicht im Tagesgeschäft tätiges Familienmitglied.*

*Offenen Fragen Stellung genommen habe.*

*Geht ursprünglich auf das Architekturbüro Richter zurück.*

Es war ein Artikel, den nur Eingeweihte ganz lesen konnten. Wer in der Münchner Geschäftswelt nicht zuhause war, würde ihn überblättern. Wer aber den Aufsichtsrat der Hartmann Gruppe kannte, würde ihn dreimal lesen und beim zweiten Mal verstehen, dass *„nicht im Tagesgeschäft tätig“* die höfliche Form für *„offiziell nicht in der Firma“* war, dass *„Familienmitglied“* hier nur eine Person bedeuten konnte und dass das Wort *„Richter“* kein Zufall war.

Es war ein Artikel, der niemanden anklagte und nichts behauptete.

Er stellte nur etwas richtig.

Ich legte die Zeitung weg.

Ich aß mein Brot fertig. Ich trank den Kaffee. Ich schenkte mir einen zweiten ein, was ich selten tue.

Frau Brandl kam zurück, räumte den Honig ab und sah die aufgeschlagene Zeitung.

„Steht etwas drin?“

„Ja.“

„Über Sie?“

„Über mich nicht direkt. Über die Firma.“

„Und über Sie indirekt?“

„Ja.“

„Soll ich es lesen?“

„Wenn Sie möchten.“

Sie zog die Brille aus der Schürzentasche. Sie las.

Sie las langsam, lautlos, mit den Lippen leicht in Bewegung. Sie las den Absatz einmal, dann ein zweites Mal. Dann nahm sie die Brille ab.

„Dann ist es jetzt also offiziell.“

„Es ist nicht offiziell. Aber es ist gedruckt.“

„Das ist in München manchmal dasselbe.“

Ich lächelte kurz.

Frau Brandl klappte die Zeitung zu, faltete sie ordentlich, legte sie auf das andere Ende des Tisches.

„Ihr Vater hätte das gefallen.“

„Glauben Sie?“

„Er hat den Wirtschaftsteil immer zuerst gelesen.“

„Ich weiß.“

„Er hat auch nie viel zu so etwas gesagt. Er hat es nur gelesen und genickt.“

„So machte er das.“

„Genau.“

Sie nahm die Tassen weg.

Um halb zehn rief Weber an.

„Frau Hartmann.“

„Dr. Weber.“

„Sie haben es gesehen?“

„Heute Morgen.“

„Dann wissen Sie, was es bedeutet.“

„Ich habe eine Vermutung.“

Er räusperte sich, kurz, höflich, in seiner Art.

„Es bedeutet, dass die Münchner Geschäftswelt jetzt weiß, was sie vorher geahnt hat. Dass es Klärungsbedarf gibt. Dass ein Name, der lange nicht genannt wurde, wieder genannt wird. Solche Artikel werden nicht gelesen, um etwas zu erfahren. Sie werden gelesen, um sich daran zu erinnern, was man immer schon wusste.“

„Wer hat ihn lanciert?“

„Niemand mit Vornamen. Niemand, mit dem wir je sprechen werden. Diese Notizen entstehen aus drei oder vier Telefonaten, die jemand in der Wirtschaftsredaktion mit alten Bekannten führt. Eine Empfangsdame, ein Kellner, ein Aufsichtsrat, ein Banker. Keiner für sich genommen sagt etwas. Zusammen ergeben sie zweihundert Wörter.“

„Aha.“

„Mark wird heute drei oder vier Anrufe bekommen, die er nicht möchte. Sein Vorstandskollege wird ihn nach der Sitzung beiseite nehmen. Sein Anwalt wird ihn fragen, wie er gedenkt, darauf zu reagieren. Er wird etwas sagen, das nicht gut ankommt. Das wird in zwei, drei Wochen wieder aufgegriffen werden, in einem zweiten Artikel.“

„Sie kennen das.“

„Ich habe das oft genug gesehen.“

„Was tun wir?“

„Nichts. Sie tun gar nichts. Sie kommentieren nicht. Wenn ein Journalist anruft, hebt Frau Brandl ab und sagt, dass Sie nicht zu sprechen sind. Wenn er eine Email sendet, antworten wir nicht. Wenn er Ihnen begegnet, lächeln Sie höflich und gehen weiter.“

„Verstanden.“

„Frau Hartmann.“

„Ja.“

„Genau das ist Ihre Stärke.“

„Welche.“

„Dass Sie nichts erklären.“

Ich lächelte.

„Auf Wiederhören.“

„Auf Wiederhören.“

Margot rief gegen elf an.

„Mein Kind.“

„Margot.“

„Ich habe heute Morgen die Zeitung gelesen.“

„Ich auch.“

„Ein guter Absatz.“

„Ja.“

„Sie wissen, wer ihn gemacht hat?“

„Dr. Weber sagt, niemand.“

„Dr. Weber sagt das immer. Er hat recht. Aber drei Frauen in der Stadt haben in den letzten Tagen mit der Wirtschaftsredaktion telefoniert. Ich gehöre zu zweien davon.“

„Margot.“

„Was.“

„Soll ich Sie fragen, was Sie genau gesagt haben?“

„Sie sollten es nicht. Es würde Ihnen nicht gefallen. Ich habe nichts Falsches gesagt. Aber ich habe Sätze formuliert, die vielleicht nicht in Ihrem Mund liegen würden.“

„Margot.“

„Ja.“

„Danke.“

„Mein Kind.“

„Ja.“

„Sagen Sie das nicht. Ihre Mutter würde es ohnehin tun, wenn sie könnte. Ich tue es für sie.“

Ich sagte nichts.

„Frau Brandl macht heute Mittag Kalbsbraten?“

„Wie wissen Sie das?“

„Frau Brandl macht donnerstags immer Kalbsbraten.“

„Das stimmt.“

„Essen Sie ihn.“

„Ich werde.“

Sie legte auf.

Am Nachmittag fuhr ich mit der Tram in die Stadt.

Ich hatte nichts zu erledigen. Ich wollte einfach in die Stadt. Ich stieg am Odeonsplatz aus, ging die Theatinerstraße hinunter, blieb vor dem Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts stehen, in dem ein kleines Aquarell von Slevogt hing, das ich seit Jahren immer ansah und nie kaufte.

Eine Bekannte meiner Mutter ging vorbei. Sie war früher oft bei uns gewesen, vor zwanzig Jahren, eine Frau Dr. Lindemann, die eine Galerie geführt hatte, die seit etwa zehn Jahren nicht mehr existierte.

Sie blieb stehen.

„Emilia.“

„Frau Lindemann.“

„Wie lange haben wir uns nicht gesehen.“

„Lange.“

Sie sah mich an, einen Moment länger, als zwei Bekannte einander auf der Theatinerstraße ansehen. In ihrem Blick war etwas, das ich nicht definieren konnte und nicht definieren musste.

„Ich habe heute Morgen die Süddeutsche gelesen.“

„Ah.“

„Ich habe an Ihre Mutter gedacht.“

„Das ist freundlich.“

Sie nickte. Sie nahm ihre Tasche fester in die Hand. Sie ging weiter, ohne mehr zu sagen.

Es war alles, was sie sagen wollte.

Es war alles, was ich hören musste.

Ich ging noch eine halbe Stunde durch die Innenstadt.

Eine ältere Dame mit grauem Hut nickte mir an der Salvatorstraße zu — ich erkannte sie nicht, sie erkannte mich offenbar. Ein Mann mittleren Alters, der mit zwei Aktenordnern aus einem Hauseingang trat, sah mir lange nach. Vielleicht war er irgendjemand, vielleicht war er niemand. Es war egal.

In der Münchner Innenstadt geht eine Geschichte am Donnerstagmorgen los. Bis Donnerstagnachmittag haben dreitausend Menschen sie gehört. Bis Freitagabend hatten zehntausend sie gehört. Bis Sonntag ist sie das, was die Stadt am Montag in der Lobby ihrer Bürotürme nicht mehr besprechen muss, weil sie sie schon kennt.

Ich ging zum Marienplatz. Ich nahm die Tram zurück.

In meinem Mantel fühlte ich den Schlüssel meines Vaters, den ich in den letzten Tagen oft mitgenommen hatte. Ich hatte mich an sein Gewicht gewöhnt.

Am Abend rief Mark zum dritten Mal in dieser Woche an.

Ich nahm wieder nicht ab.

Aber diesmal hörte ich es länger klingeln, als sonst, und als das Telefon endlich verstummte, blieb in der Stille, die folgte, etwas, das vorher nicht da gewesen war.

Eine Tür, hatte Margot vor Wochen einmal gesagt, weiß irgendwann von selbst, ob sie offen oder geschlossen ist.

Diese Tür war geschlossen.

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